Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1960
- Issue
- Heft 114 (März 1960)
- Date
- 1960-03-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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4 DIE STIMME selben cinzufreffen ist. Der Kiddusch, die brennenden Kerzen und nicht» zuletzt die Verabreichung von Fischen und Barches schaffen die Atmosphäre eines richtigen „Freitagabend". Im weheren Verlaufe seiner Ansprache befaßte sich Herr Oberrabbiner Dr. Eisenberg mit der Auslegung des Wochenabschniftes und erntete bei seinen Zuhörern reichen Beifall. Beim nächsten Oneg Sabbath am 4. Dezember konnten wir den Präsidenten der Israelitischen Kultusgemeinden, Herrn Dr. Emil Maurer, begrüßen. In seinen Ausführungen gab der Präsident' seiner Freude darüber Ausdruck, daß es in jüngster Zeit gelungen sei, unter den jüdischen Parteien Wiens Frieden zu schaffen. Er sei der sicheren Meinung, daß sich dies zum Wohie der Gemeinde und vor allem der Gemeindemikgiieder auswirken werde. Immer wieder bettonte Präsident Maurer seine Verbundenheit mit Israel und wie sehr ihm das Schicksal des Landes am Herzen liege. Dem Zionistischen Landesverband sprach Dr. Maurer für die Einladung, der er gerne gefolgt» war, seinen besten Dank aus. Seinerseits dankte Präsident T'ischenkel für die interessanten Ausführungen. Bei einen besondersgut besuchten Oneg Sabbath sprach Regierungsrat» Wilhelm Krell, Amtsdirektor der Israelitischen Kultusgemeinde zu einem sehr aktuellen Thema. In einer eineinhalbstündigen außerordentlich interessanten Rede schilderte er die Hintergründe des neu aufflammenden Antisemitismus und der Nazi-Schmierakt'ion und konnte nachweisen, daß alle diese Handlungen nicht» von ungefähr kämen. Der Redner verwies auf die Interventionen, die die Kultusgemeinde bei den Regierungsstellen unternommen hatte, so die Vorsparche bei Innenminister Afritsch, bei welcher Gelegenheit die Delegation ein Verbot aller getarnten neonazistischen Vereine forderte. Auch über eine Besprechung zu der Regierungsrat Krell vom Polizeipräsidenten Holaubek eingeladen worden war, berichtete unser Gast. Sehr aufschlußreich war sein Bericht über die Vorgänge bei der zuerst unterbliebenen Sendung eines Interviews, das wenn auch verspätet, doch im Radio Wien gebracht wurde. Nach der Ansprache gewann man den Eindruck, daß unsere Gemeinde alles Notwendige veranlaßt hatte, um die Wiederholung der Exzesse zu verhindern. Der Vizepräsident der Israelitischen Kultusgemeinde Wien, Herr Dr. Ernst Feldsberg war bei Oneg Sabbath am 15. Jänner unser Gast» und wählte als Thema seines Vortrages den Bericht über die Tätigkeit der Kultusgemeinde auf den Sektor „Kultus", insbesondere was die Pflege der Friedhöfe in Wien und in den österreichischen Bundesländern betrifft. Aufschlußreich waren die Ausführungen des Redners über die Auflassung der Friedhöfe während der Naziherrschaff und die Überführung der Toten auf den Wiener Zentralfriedhof. Präsident Tischenkel dankte Herrn Dr. Feldsberg für die instruktiven Darlegungen. Alle unsere Veranstaltungen erfreuten sich eines regen Besuches und fanden bei unseren Gästen ein lebhaftes Echo. Der Zionistische Landesverband wird demnächst einen Oneg Sabbath veranstalten und seine Freunde rechtzeitig einlciden. Leset und verbreitet „DIE STIMME" WACHSAM SEIN! (Fortsetzung von Seite 2) Was nützt es, wenn man die kleinen Leute verdammt und gegen große Verbrecher das Gesetz der Volksverhetzung nicht anwendet? Hätten die Schule und das Elternhaus die Jugend belehrt, daß das eigene Volk der Schande verfällt, wenn es den Massenmord nicht verdammt, wären Knaben zur Schmieraktion nicht ausgerückt und sie ließen sich nicht mißbrauchen. Ruft doch der Jugend die Worte Goethes zu: „Wir bekennen uns zu dem Geschlecht, das aus dem Dunkeln ins Helle strebt." Schuld und Sühne Unter dem Zeichen des Nazismus wurde ein Dollfuß gemordet' und viele, viele aufrechte Menschen traten den Weg in die Mordlager an, darunter derzeitige österreichische Minister und Nationalräte. Unverständlich, daß man an Letztere appellieren und sie mahnen muß, die Gefahr, die Nazis wieder heraufbeschwören, zu erkennen und rasch Maßnahmen zu ergreifen, um Österreich und die Welt vor den gefährlichen Dämonen der Unterwelt, die Raum für ihre Untaten suchen, zu schützen. Selbst ein Schirach, der ehemalige Nazi-Gauleiter von Wien, sagte vor dem Nürnberger Tribunal: „Es ist der größte und satanischte Massenmord der Weltgeschichte, den wir (die Nazi, Anm. d. Red.) begangen haben". Glühende Kohlen häuft man auf die Häupter der Juden, durch die Haltung der österreichischen Regierung in Hinsicht auf die Wiedergutmachung. Die sozialistische Bundesrätin, Frau Muhr, stellte, anläßlich einer Debatte im Bundesrat, fest, daß Österreich, was die pekuniäre Wiedergutmachung an den Opfern des Nazismus betrifft, an letzter Stelle stehe! Im Budget für das Jahr 1960 scheint kein Betrag für eine Wiedergutmachung auf. In langem, mühevollem und schwerem Ringen, hat sich der Finanzausschuß des Nationalrates entschlossen, in der Herbstsession zu den wichtigsten Fragen der Wiedergutmachung Stellung zu nehmen. Während man es seinerzeit sehr eilig hatte, einer gewissen Gruppe von Menschen, der kein Anspruch auf Zuwendungen aus der Staatskasse zustand, gegen den Einspruch der Alliierten Kommission in Österreich, hohe Wiedergutmachungsbeträge unter einem obskuren Titel auszuzahlen, ließ man die absolut berechtigten Forderungen der Juden und der anderen Nazigeschäigten außer Betracht. Für die eine Gruppe, die den Nazismus bejahte, gab es Geld, das in aller Stille flüssig gemach wurde, für die zweite Gruppe, die der Nazismus bis au! die Haut ausgeplündert hat, gab es Worte — der Ablehnung! Bedarf es da der Bemerkung, daß Unrech! kein Recht schafft? Es heißt, daß erst im Abstand vom Unglück, ermesser wir die ganze Tragweite. Österreich hat nun Abstand vom Unglück und müßte sich endlich besinnen, Recht zu setzen gegenüber der Opfern des Nazismus und Maßnahmen zu ergreifen, um die Zivilisation nicht verderben zu lassen. Wir schreiben eingangs, daß wir Juden im Verhältnis zu unserer Volkszahl, die größten Opfer an Menschenleben im Nazikrieg gebracht haben. Mit Beklemmung erwähnen wir das, weil wir völlig unschuldig sind, weil wir der Besessenheit, der rohen Exaltation, der nazistischen Freude am Mord, dem Naziterror und der unbarmherzigen Lüge, zum Opfer gefallen sind.