Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1959
- Issue
- Heft 112 (April 1959)
- Date
- 1959-04-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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lim m e Ottyan cUc AUfyemeUred HohcsUh cV» ÖdetzcLcU z'^zr, zo^r, r-nxrH Preis 2 Schilling April 1959 Zionistischer Landesverband Wien Nr. 112 Josef Gabriel und die Gnade Wieder einmal sind wir einem Prozeß gefolgt, in welchem einer von jenen vor Gericht stand, die stets nur ein purer Zufall auf die Anklagebank gebracht hat. Als der dichte Schleier des verschworenen Schweigens gehoben wurde und das Sterten unserer Brüder und Schwestern unter dem Geknatter der Maschinenpistole des Josef Gabriel uns erzittern machte, haben unsere Herzen geblutet. Auf jeden von uns hat noch vor nicht langer Zeit ein Gabriel gewartet und ein Gefühl verzweifelter Ohnmacht und tiefster Trauer erfüllte uns bei der öffentlichen Erörterung der Todesqualen von Menschen, die nichts verschuldet hatten. Der gerechte Zorn, der in uns aufwallte, der zu schreiender Klage hinausdrängte, mußte angesichts der herrschenden Indolenz und Gleichgültigkeit verstummen. Wir, die auserwähllen Opfer der Gabriels, kennen die Ursachen dieser Lethargie im Fühlen und Denken unserer Mitmenschen. Fahren doch die Gabriels mit uns in der Straßenbahn, stehen mit uns vor den Schaufenstern, sitzen in Restaurants vielleicht an unseren Tischen, geben hinter Schaltern Antwort auf unsere Fragen und verkaufen uns Waren in ihren Geschäften. Vor dem aufgetürmten leid, das die Opler erlitten haben, schließt die Mitwelt die Ohren und verhärtet ihre Herzen. Uns aber, den iiberlel.enden Oplern und Schicksalsgefährten der Gemordeten, ist ein Vermächtnis hinterlassen worden als stets blutende Wunde in unseren Herzen. Ein Prozeß wie der gegen den Judenreferenten Josef Gabriel vor dem Wiener Schwurgericht zerreißt vor der Öffentlichkeit den gern gesenkten Vorhang vor der Vergangenheit. Ein Bruchteil der Greuel, die an unserem Volk verübt worden sind, wird offenbar. Gewiß, man schreibt darüber, die Leute sprechen von den Genickschüssen des Gabriel, von der Tötung von Kleinkindern durch seine Hand, von seiner blutbefleckten Unitorin, von den Gräbern, die die Opfer vor ihrer Hinmordung ausheben mußten. Kaum aber gibt man sich darüber Rechenschaft, daß dieser oder jener Gabriel unter uns ungeschoren lebte, vielleicht mit uns sprach und vor seiner zufälligen Verhaftung scherzte und lachte. Wir aber klagen an, weil das Recht seit Jahr und Tag mit Füßen getreten wird, weil wir er-; kennen müssen, daß Mördern von Juden nicht mit jener Strenge begegnet wird, die gegenüber den aus der Tageschronik hervortretenden Blutverbrechern angewendet wird. Es wird nicht mi<t gleichem Maße gemessen. Dem Zufall bleibt es überlassen, ob ein Mörder wie Gabriel verhaftet und angeklagt wird. Es liegt offenbar nicht im Inte.esse der Staatsraison, daß allzuviele Gabriels verhaftet und angeklagt werden, Der weitreichenden Verflechtungen zu verschiedenen Bevölkerungskreisen sind zu viele. Es hat sich eine Mentalität herausgebiidet, die die Tötung von Juden für um so weniger strafwürdig hält, je mehr von ihnen umgebracht wurden. Es fehlt in unserer Gesellschaft der mit dem echten Erbarmen für jede menschliche Kreatur gej paarte Zorn gegen die nicht weit zurückliegende Unmenschlich'keit. Man hat sich an sie gewöhnt und diese Gewöhnung hat sich wie eine Lepra in die Herzen und Beelen unserer Mitmenschen eingefressen. Prozesse, wie die gegen Gabriel, sind peinlich und unangenehm geworden. Viele, allzu viele, möchten sie am liebsten nicht stattfinden lassen, den Schleier der Vergessenheit darüber breiten und in ihrer geschäftigen Indolenz weiterleben. Viel zu viele Erwägungen und Späherblicke auf die vermutlichen Folgen lassen jedes Erbarmen erstarren und verstummen. Uns aber blutet das Herz, da die Klagen unserer Toten uns mahnen und wir uns unserer Ohnmacht bewußt, werden. Es ist aber trotz allem unsere heiligste Pflicht, die Mahnrufe der Gemordeten zu Gehör zu bringen. die Verschwörung des Schweigens zu brechen. Deshalb erheben wir hier unsere Stimme zur Anklage gegen die Gleichgültigkeit, die Gewohnheit, die Versteinerung des Gefühls, durch welche unsere Toten immer wieder neu gemordet und geschändet werden.