Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1958
- Issue
- Heft 107-108 (September 1958)
- Date
- 1958-09-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 107 DIE STIMME Seite 7 Martin Buber Versöhnung wirkt Versöhnung (Aus einem in Menaasse-Verlag erschienenen Buch „Hinweise") „Die Menschheit ist heute, wie nie zuvor, in zwei Lager aufgespalten, von denen jedes das andere als die leibhafte Falschheit und sich selber ais die leibhafte Wahrheit versteht. Zwar haben oft in der Geschichte Völkergruppen und Religionsverbände einander so radikal gegenübergestanden, daß die eine Seite die andere in derefn innerster Existenz verneinte und verdammte. Jetzt aber ist es die menschliche Bevölkerung des Planeten Erde überhaupt, die si h so aufgeteilt hat, und mit einigen Ausnahmen wird allerorten diese Aufteilung als die Notwendigkeit des Daseins in dieser Weltstunde angesehen. Wer sich ausnimmt, wird von beiden Seiten verdächtigt oder verlacht. Jede Seite hat das Sonnenlicht in Besitz genommen und die Gegenseite in Nacht getaucht, und jede Seite fordert vcii dir, dich zwischen Tag und Nacht zu entscheiden. — — —" In solchem Stand der Dinge ist der Mensch mehr als je geneigt, sein eigenes Prinzip in dessen ursprünglicher Reinheit zu sehen, zumal wenn die Gewalten der Propaganda seine Instinkte bekräftigen. Der Mensch begnügt sich nicht mehr, wie in früheren Epochen, das eigene Prinzip für das allein wahre und das ihm gegenüherstehende für durchaus falsch zu halten; er ist überzeugt, daß es auf seiner Seite mit rechten Dingen zugehe, auf der Gegenseite mit Unrechten, daß es ihm um die Erkenntnis und Verwirklichung des Richtigen zu tun sei, dem Gegner um die Maskierung seiner selbstsüchtigen Interessen; in der modernen Terminologie ausgedrückt: daß bei ihm die Ideen, bei den anderen nur Ideologien seien. Von dieser Quelle wird das Mißtrauen gespeist, das zwischen den beiden Lagern herrscht. Während des ersten Weltkrieges ist mir offenbar geworden, daß sich ein Prozeß vollzieht, den ich bis dahin nur geahnt hatte :die zunehmende Erschwerung des echten Gesprächs, und besonders des echten Gesprächs zwischen Menschen verschiedener Art und Gesinnung. Der unmittelbare, rückhaltlose Dialog wird immer schwerer und seltener; immer unbarmherziger drohen die Abgründe zwischen Mensch und Mensch unüberbrückbar zu werden. Dies, so ging mir damals, vor 35 Jahren, auf, ist die eigentliche Schicksalsfrage der Menschheit. Seither habe ich unablässig darauf hingewiesen, daß die Zukunft des Menschen von der Wiedergeburt des Dialogs abhängt. — Es gilt, das massive Mißtrauen im andern zu überwinden, aber auch das in uns selbst. Ich meine damit nicht das angestammte Urmißtraüen, etwa das gegen den Artfremden, den Unsteten, den Traditionslosen, das Mißtrauen des Bauern im abgelegenen Gehöft gegen den plötzlich vor ihm auftauchenden Landstreicher. Ich meine das universale Mißtrauen unseres Zeitalters. Nichts steht dem Aufstieg einer Kultur des Dialogs so sehr im Wege wie die dämonische Macht, die unsere Welt regiert, die Dämonie des grundsätzlichen Mißtrauens. Was hilft es den anderen zum Reden zu bewegen, wenn man grundsätzlich im Sinne hat, dem, was er sagen wird, keinen Glauben zu schenken? Schon die Begegnung mit ihm vollzieht sich unter der Perspektive seiner Unzuverlässigkeit. Und diese Perspektive ist nicht unberechtigt; denn unter der entsprechenden Perspektive vollzieht sich ja seine Begegnung mit mir. Das grundsätzliche Mißtrauen, in die Erscheinung tretend, erzeugt Grund zu Mißtrauen und so fort und fort. — Die Hoffnung für diese Stunde geht auf eine Erneuerung der dialogischen Unmittelbarkeit zwischen den Menschen. Aber laßt uns über die drängende Not, die Angst und Sorge dieser Stunde hinausgehen, laßt uns diese Not in dem Zusammenhang des großen Menschenwe- ^es sehen, und wir werden erkennen: nicht zwischen Mensch und Mensch allein, sondern zwischen dem Wesen Mensch und dem Urgrund des Seins ist die Unmittelbarkeit verletzt worden. Im Innersten des Widerstreits von Mißtrauen und Vertrauen zum Menschen birgt sich der Widerstreit zwischen Mißtrauen und Vertrauen zur Ewigkeit. Gerät es unserem Munde, wahrhaft Du zu sagen, dann haben wir, nach langem Schweigen und Stammeln, unser ewiges Du von neuem angesprochen. Versöhnung wirkt Versöhnung. James de Rothschilds Vermächtnis lür Israel Der Verstorbene hat für die Errichtung eines neuen Knesseth-Gebäudes in Jerusalem, das ein Wahrzeichen der Ewigen Stadt werden Soll, einen Betrag von 6 Mill. Pfund gestiftet. James de Rothschild überläßt ferner seinen ganzen Besitz in Jerusalem, der durch die von seinem Vater, Baron Edmond de Rothschild, gegründete ,Pica' verwaltet wird, den nationalen jüdischen Institutionen, die nunmehr die Kolonien der Pica selbst verwalten. Von Alexander Czarski Bronek war ein Antisemit Ich traf ihn zum ersten Male im Herbst 1956. Wir waren von Polen nach Schweden gekommen und wohnten in einem Hotel in Stockholm. Er vertrat eine polnische Schiffsbau-Gesellschaft, ich eine Bergwerksgesellschaft. Während der nächsten zwei Monate trafen wir uns häufig bei Sitzungen der verschiedenen Komitees und zu privaten Gesprächen. Wir sprachen von hunderttausend Dingen, aber es kam mir nie in den Sinn, daß er, Kazimir R., ein Jude ist. Ich war irgendwie sicher, daß der blonde Mann mit dem gepflegten Äußeren, der ein kultiviertes Polnisch sprach, ein liberal denkender Christ sei. Alte Erinnerungen Eines Abends saß ich in meinem Zimmer und hörte Radio-Nachrichten. Es war ein ilericht über den Sinai-Feldzug, unmitteibar gefolgt von einem Gottesdienst in der Stockholmer Synagoge. Ich war nahezu 17 Jahre nicht in einer Synagoge gewesen, aber an diesem Abend beschloß ich, den jüdischen Gottesdienst zu besuchen. Ich saß auf einem der Stühle, mein Gesicht glühte — vor Scham, und eine Menge Erinnerungen wurden in mir wach. Als der Gottesdienst vorüber war, ging ich langsam zum Ausgang. Ich hatte das deutliche Gefühl, daß jemand mich intensiv ansah. Als ich mich umdrehte, sah ich, daß Kazimir R. mir folgte. Wir gingen zusammen in das Hotel zurück, und dort nahm er die Maske von seinem Gesicht. Er enthüllte mir verschiedene Einzelheiten seiner Lebensgeschichte und u. a. auch die Geschichte seines zehnjährigen Sohnes Bronek. Bronek hatte nichts von seiner jüdischen Abstammung gewußt. 1945 hatten seine Eltern den Weg der Assimilation gewäh't, wie viele Juden, die die Nazihölle überlebt haben, und ihr Kind wuchs in Polen als aktiver Antisemit auf. Er schlägt jüdische Kinder Etwa zwei Wochen vor seiner Reise nach Schweden hatte sein Sohn ihm einen Brief gebracht, mit dem er gebeten wurde, in die Schule zu kommen. Als er mit der Lehrerin sprach, konnte Kazimir Zeichen von Verwirrung auf ihrem Gesicht sehen. Zu jener Zeit waren Angriffe auf jüdische Kinder an der Tagesordnung und Kazimir war sicher, daß die Mitschüler seines Sohnes erfahren hatten, er sei ein Jude, und daß er einem antisemitischen Streich zum Opfer gefaben war. Aber bevor er noch etwas sagen konnte, begann die Lehrerin: ,,Sie müssen meine mißliche Lage verstehen, daß ich diese delikate Frage mit Ihnen besprechen muß. Ich bin für die Dinge, die sich in meiner Klasse ereignen, verantwortlich. Bronek ist ein guter Schüler, den ich sehr gern habe. Aber in meiner Klasse sind auch drei jüdische Schüler und Bronek schlägt sie oft sinnlos. Diese Sache verursacht mir viel Ärger, sowohl von Seiten ihrer Eltern als auch von meiner Partei. Sie müssen ihm die Dinge erklären. Sein Benehmen auf der Straße geht mich nichts an, aber in der Schule", sagte sie mit einem Lächeln, „bereitet es mir Unannehmlichkeiten." Kazimir fuhr fort: „Stellen Sie sich vor, was ich in diesem Moment gelitten habe. Mein Sohn schlägt jüdische Kinder, nur weil sie Juden sind . . . Ich kehrte nach Hause zurück, mein Herz schlug stürmisch. Ich bin zu tadeln, sagte ich, da ich ihm eine Maske vor sein Gesicht zog. Ich wollte ihn vor den Schrecken beschützen, die seine Mutter und ich zu erdulden hatten. Ich hatte in aller Unschuld geglaubt, das Richtige zu tun. Ich wollte die Vergangenheit auslöschen, mein Jude-Sein begraben und das Kind aufziehen frei von.,. Erschütternde Reaktion An diesem Abend hatte ich eine Unterhaltung mit Bronek. Ich saß an seinem Bett und enthüllte ihm die ganze Wahrheit. Meines Sohnes Reaktion wer erschütternd. Er sprang von seinem Bett herunter und schrie: ,,Es ist nicht wahr, ich bin kein Jude! Ich will kein Jude sein! Es ist nicht wahr!" Das war der schrecklichste Augenblick in Kazimirs Leben seit Beendigung des Nazi-Krieges. Bronek hat sein Herz verhärtet und sich in sich selbst zurückgezogen. Als sein Vafer sich von ihm verabschiedete, bevor er nach Schweden fuhr, bat er ihn nicht einmal, ihm ein Spielzeug mitzubringen. Kazimir war mit seiner Geschichte zu Ende. Er verfiel in Schweigen. Wir blieben noch einen Monat in Schweden zusammen, und dann reisten wir ab; er nach Gdansk und ich nach Schlesien. An einem warmen Nachmittag im März dieses Jahres stieg ich an Bord des Dampfers „Aliyah", der im Hafen tfon Haifa vor Anker lae, um verschiedene meiner Freunde zu treffen, die aus Polen gekommen waren. Ich plauderte mit ihnen auf Deck, als ich plötzlich eine Hand auf meiner Schulter fühlte. Ich wandte meinen Kopf und sah Kazimir mir gegenüber. Wir tauschten herzliche Begrüßungsworte und verabredeten uns für einen Tag in der kommenden Woche. Kazimir rief nach einem Kind, das auf dem Deck herumsprang. Es war sein Sohn Bronek. Er gab mir seine Hand und ich fragte ihn, ob er froh war, nach Haifa zu kommen. Seine Antwort war kurz und bitter: „Nein." Vor einigen Tagen besuchte ich Kazimirs Familie. Sie leben in Bat Yam nahe Tel Aviv. Kazimir beendet in wenigen Wochen seinen Kurs im hebräischen Ulpan. f(Dies ist meine Heimat" Später nahm ich Bronek auf einen Spazierganp durch die Straßen Bat Yams mit. Wir gingen die schöne Allee entlang, die zum Meer herunterführte. Dann setzten wir uns auf einen Felsen und sprachen über den Sand an der Küste, über das Meer, über die Schiffe am fernen Horizont und über das Flugzeug von EL-AL, das über unseren Köpfen flog. Bronek schrieb etwas mit seinem Stock, den er in seiner Hand hatte, in den Sand. „Was hast Du da geschrieben?" fragte ich ihn, da ich es nicht entziffern konnte. Bronek hob seinen Kopf und sah mir gerade in die Augen. „Wissen Sie," sagte er, ,,ich dachte, altes sei ganz anders. Ich glaubte, die Juden wären so, wie meine Kameraden mir gesagt hatten. Aber das al.es war Lüge. Ai'es ist hier so schön und angenehm . . . und wir sind garnicht schlechter als sie . . ." „Und was hast Du in den Sand geschrieben?" Bronek errö'ete leicht und antwortete flüsternd: „Dies ist meine Heimat". Wir kamen nach Hau=e zurück. „Und was wil st Du werde”, wenn Du groß bist?" fragte ich ihn, als wir die Stiegen hinunter gingen. „Ein israelischer Pi ot", antwortete er ohne Zögern.