Mannheim
Compact Memory

Die Stimme · 1958-09-01 · Heft 107-108 (September 1958) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Stimme
Volume
1958
Issue
Heft 107-108 (September 1958)
Date
1958-09-01
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/2431292-2431380-2431383--0802-2432455
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

Seite 4 Dil STIMME Nr. 107 Brei Slii. lii im lillili Israels Im rn \vi\ Was diese Stadt von den anderen Städten Israels unterscheidet, ist das geradezu amerikanische Tempo des Lehens und des Wachstums. Als vor genau 40 Jahren Meir Dizenqoff mit einigen jüdischen Familien aus Jaffa in die benachbarten Sanddünen hinauszog und eine Siedlung gründete, die aus einer Reihe primitiver Holz- und Lehmhütten bestand, da ahnte er kaum, daß auf diesen Sanddünen die erste rein jüdische Stadt entstehen wird mit dem stolzen Narnen der Herzlschen Vision: ,,Tel Aviv" (Hügel des Frühlings). Ein Weck- und Mahnruf für eine ferne, ferne Zukunft. Dieses Wachstum ist auch aus trockenen Zahlen ersichtlich: im Jahre 1000 waren es kaum 50 Dunam, im .fahre 1048 waren es 25,000 Dunam, die diese Stadt umfaßte, heute sind es 51.000; im Jahre 1032 waren es 40.000 Einwohner, im Jahre 1043 200.000 und heute reicht die Einwohnerschaft an die halbe Million Menschen heran. In derselben Zeitspanne wuchs das Jahresbudget der Stadtverwaltung von 25.000 Pfund über 5 Millionen im Jahre 1032 bis zu 47 Millionen des des letzten Jahres. Im Gegensatz zu Jerusalem spiegelt sich der Alltag dieser Stadt vornehmlich im Straßenleben wider. Die prachtvollen Wohn- und Geschäftshäuser und der eben im Bau begriffene Wolkenkratzer weisen keinen eigenen Baustil auf. Abseits von Geschichte und Tradition ist es lediglich der brodelnde Atem der Menschenmasse, die dieser Stadt den spezifischen Charakter verleiht. Tag und Nacht wälzt sich durch die Hauptstraße eine aus aller Herren Ländern hergespülte Menge. Diese füllt alle Geschäfte, Kioske, Kaffeehäuser mit dem heißen Odem eines sprudelnden, beinahe überstürzenden Tempo aus. — Die Ben-Yehuda-, Ällenby-, Dizengoff- und Herzlstraße mit den prachtvollen Boulevards, luxuriös ausgestatteten Geschäften, Hotels und Kaffeehäusern kennzeichnen die Meilensteine einer dynamischen Entwicklung. An allen Ecken und Enden wird noch immer weiter gebaut. An der Nordseite von Tel Aviv entstand vor kaum 3 Jahren eine neue weit ausgebreitete Bahnhofshalle, von der Geleise nach allen Richtungen des Landes führen. In der Nähe dieses Bahnhofes entstehen ganze Straßenzüge von Neubauten, unter denen das rötliche Massiv des Histadruth-Cebäudes, das als ,, Kreml" bezeichnet wird, besonders hervorragt. Ober 20 Kinos mit Kühlamagen und modernstem Luxus ausgestattet, 3 erstklassige hebräische Theater und 6 kleinere Bühnen, ein Philharmonisches Orchester, Museen und Kulturinstitute zeugen auch von Wissensdrang und künstlerischem Interesse dieser Stadt des Frohsinns und ewigen Hastens. Das im letzten Jahre eröffnete Mann-Auditorium mit 3000 Sitzplätzen sowie die erst in den letzten Monaten eröffneten Presse-und Schriftsteberheime vervollständigen das Bild, 24 hebräische und fremdsprachige Tagbläiter und eine Anzahl von Wochen- und Monatsschriften widerspie min und formen die öffentliche Meinung ganz Israels, Schließlich sind es die Hochschule für Ökonomie und die im Entstehen begriffene Universität, die in stolzem Wetteifer mit der Alma-Mater Jerusalems Wissen und Lehre auch in der Stadt der Sanddünen vermitteln wo.len, Ist es Wirklichkeit oder Fata- Morgana, die das geradezu unheimliche Wachstum und Tempo Tei Avivs charakterisieren? Vor kaum 10 Jahren wurde hier in der Museumshalle am Rothschild - Boulevard nach dem Abzug der Engländer der Judenstaat proklamiert, Vor kaum 10 Jahren tagte in einem Kinosaal am Gestade des Meeres die erste jüdische Volksvertretung, die Knesseth — und hier hielt seinen triumphalen Einzug der erste Präsident des neugeschaffenen Judenstaates, Chaim Weizmann, Wie längst verklungene Zeiten muten uns diese Ereignisse an. ,,Tempo!" — Nur ein rastloses Streben einer ungeduldigen und unbändigen Generation konnte dieses Wunder vollbringen. HAIFA Strotzt Tel Aviv von einem erstaunlichen Tempo eines imaginären oder wirklichen Großstadtlebens, so ward die Hafenstadt Haifa zur wichtigsten Ein- und Ausgangspforte des jungen Staates. Eine typische Stadt der jüdischen Arbeiterschaft die ihr Leben, Tempo und eigenartige Vehemenz des schöpferischen Willens verleiht. Eine Stadt, in der sich die Schwerindustrie des Landes, sowie Schiffahrt und Fremdenverkehr des jungen Staates konzentrieren, Von den 3 Teilen Haifas, das sich terrassenförmig vom Hafen über die Mittelschichte des Hadar bis zum gewaltig ausgedehnten Massiv des Karmelberges auftürmt, ist wohl der Halen und die ihn mit einem Kranz großer Industriekonzerne umgebende Haila-Bay von entscheidender Bedeutung. Al em voran sind es die Schiffahrtsgesellschaften, die mit ihrem Weltverkehr dem Hafen das eigentliche Gepräge verleihen, Haifa, das a s erste Stadt Israels bereits am 22. April des Jahres 1948 sich im heroischen Kampfe befreite, vermochte ali die durch den Befreiungskrieg lahmgelegten Betriebe in erstaun ich kurzer Zeit in Gang zu setzen. Bald nach Staatsgründung erstanden an S'el e der bisherigen Fischkutter die ersten Israeli - Schilfe, auf denen von Haifa aus die ersten blau-weißen Fahnen des jüngsten Staates der Welt hinausflattern. Heute sind es bereits 36 Schi Ile mittleren und größeren Ka i’ e.rs mit einer ansehnlichen Tonnage von 200.000 t, die außer der K ie >sflottiile einen Machtfaktor Israels bedeuten. Ein ähnliches Wachstum ist auch in den anderen 2 Stadtteilen Haifas ersichtlich. Auf Schritt und Tritt sind es neue Bauteil, die das Antlitz der Stadt verändern, insbesondere ist es der Karmelberg, ftuf dessen Rücken seit Staatsgründung eine von Feldern und Wäldern umgebene neue Stadt erstand mit Hotels, Vi len, luxuriösen Geschäften und Vergnügungsstätten. — Haifa, die klassische Arbeiterstadt Israels mit 50 Vororten und 175.000 Einwohnern, verfügt über die unglaubliche Anzahl von 255 Bildungsstätten, 68 Sportplätzen, die in al.en Stadttei en eine BUicke schlagen zwischen mühevoller Arbeit zu kultureller Entfaltung. Diesem synthetischen Streben entspricht auch das rapide Wachsen des noch im Jahre 1912 gegründeten Haifaer Technions, das nunmehr durch Verlegung in ein neu aufgebautes Stadtviertel ungeahnte Perspektiven des Wissens und Schaffens für Israel eröffnet, — So wandelt sich zuhends das Antlitz Haifas. Schon ist es ein unterirdischer Tunnel, der den Gebirgsriikken überwinden soll, und bald wird es eine Bahn geben, die den Höhenweg von der Hafenstadt bis zum Karmelgebirge erk immen wird. Doch all dies erstaunliche Aufslreben überstrahlt die berückende Schönheit dieses aufblühenden Erdenflecks. Eine unend iche Meeresfläche schmiegt sich harmonisch an eine weit ausholende Gebirgskette. Hüben und drüben erstrahlen an späten Abenden Tausende von Lichtern. Vom Karmelberg eröffnet sich um diese Nachtstunde ein berauschender Ausblick. Die Hafenstadt scheint in einem Feuermeer der hehbe.euch’etan, am Anker stehenden Schiffen aufzuleuchten. Bis in die entfernten Gebiete der Haila-Bay blinzeln Tausende elektrische Laternen, und nur die zuckenden Signalstrah en des Kosters Stella-Mare dringen vom Karmelgebirge ins unendliche Meer hinaus und weisen den Weg zum jüdischen Hafen. JERUSALEM In dieser Stadt stoßen Orient und Okzident hart aneinander. Jetusalem, die uralte Metropo.e König Davids, wurde nach dem Befreiungskriege zur Hauptstadt eines modernen Staates. Während ganze Stadtteile der a teingesessenen Einwohnerschaft in ,,Mea Shearim", ..Sichron Moshe" oder ,,Nahlath Shewa" kaum vom Umsturz und den neuesten Einwanderungswel en erfaßt wurden, vervielfachte sich al’ein die Baufläche und Einwohnerschaft der Bezirke ,,Rehaviah", ,,Talbieh" und „Katamon". Von Rehaviah, dem Sitz derSochnuth, des Staatspräsidenten und der obersten Staatslenker, wurde im letzten Jahrzehnt durch die grandios angelegte Gebirgsstraße eine Brücke geschlagen zu den Vi.lenvierteln am Rande Jerusa ems. Hiedurch weitete sich das Stadtgebiet bis zu den judäischen Bergen, die nunmehr eine Ein- und Ausgangspforte bilden einer neu erstehenden Hauotstadt Jerusalem. Fiele Wunden schlugen Befreiungskrieg und Belagerung dieser Stadt des ewigen Kriegsgetümmels. Noch ragt hier hart an der Grenze der Altstadt das Gerippe des hart umkämpf'en ,,Notre Dame"-Klosters und des bereits sagenhaften ,,Mandelbaumtores", und allmählich vermodert die einst mit Stolz und Erwartung aufgerichtete Universität und die ,,Hadassah" am Skopusberg. So mußte der machtvolle Lebenswille einer siegreichen Generation nach der Westflanke der Stadt kehren. Hier ersteht eine Universitätsstadt, deren 21 hochragende Lehrhäuser, Forschungsinstitute und Studentenheime buchstäblich aus den Gebirgsfelsen herausgehauen wurden, Nur die in den Felsenschluchten eines Universitätsgebäudes verborgenen sieben Pergamentsrollen aus dem Toten Meere verbinden das Heutige mit dem Uralten. Mit dem prachtvoll hochragenden Herzlberg und dem Heldenfriedhof in der Mitte, dem Regierungsviertel der ,,Kirya" an der Ostseite und den im Bau begriffenen monumentalen Spitälern der ,,Hadassah" an der Westseite er* s'eht bereits in unseren Tagen ein neues Jerusalem. Dieser moderne Einschlag an der Eingangspforte der Stadt steht in sichtlichem Gegensatz zum Stadtbild rund um die Jaffagasse, die zentrale Hauptverkehrsader Jerusalems, die sich bis zum abgesperrten Jaffator hmzieht, II er schlendern vom frühen Morgen an weiße und dunkle Menschemypen, und hie und da huschen die Frommen und Eiferer mit ihrem langen schwarzen Kaftan und breiten Filzhüten vorüber. In dieser Straße staut sich eine buntscheckige Menge um die unzähligen Kioske und Gaststätten. Lästig sich vordränoende Bettler und Straßenverkäufer gemahnen an den Orient und die Exotik verschiedenartigster Typen, die hastige Jagd von Autos modernster Art kunterbunt vermischt mit primitiven Pferde-, Esel- und Handwäue eben ergeben die Folie eines Schmeiztiegeis jüdischer Wanderung aus aller Welt. Eine neue Akademie der Musik, eine neue Akademie für hebräische Sprach- und Bibelforschung, der Verlag der vielbändigen hebräischen Enzyklopädie, die größten Bibliotheken, Archive und Druckereien europäischen Formats verleihen dieser S'adt Weltgeltung. — Eine Art Washington en miniature und eine Kleinstadt, die trotz vielfacher Industrien, Fabriken und Handels an den Abenden in eine Art Schlummci verfällt und dj.e menschenleeren Straßen in ihrer trägen, uralten Mystik verdämmern. Jerusalem b eibt wohl eine Stadt verhör'euer Schönheit, die nur langsam die Last vergam euer Jahrtausende abzuschütteln beginnt. Ausgeblutet und vor kaum 10 Jahren enlzweigerissen, löst sie sich erst allmählich aus der Umklammerung um in den judäischen Bergen den Weg ins Freie zu suchen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.