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Die Stimme · 1958-09-01 · Heft 107-108 (September 1958) · page 1

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Journal
Die Stimme
Volume
1958
Issue
Heft 107-108 (September 1958)
Date
1958-09-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Preis 2 Schilling P. b. b, Zionistischer Landesverband Wien C’JV'XH nnnKm lim m e 6ctyan dei AU^imeinen imusien in ÖstecceicU Redaktion u. Administration! Wien IX, Universitätsstr. 4 4 Telefon 33 75 84 Postscheck-Konto Nr. 134.292 September 1958 Nr. 107/108 ROSCH HASCHANA 5719 Hoffnung auf Gerechtigkeit und Frieden Du Dcäsidenb der Medinath Israel Ben Zwi übermittelt anläßlich des Rosch- Haschana 5719 allen Juden in der Welt, allen Freunden Israels und allen Menschen die guten Willens sind, die innigsten Wünsche für Gesundheit, Frieden und Wohlstand. Möge die Menschheit Einkehr halten und sich auf Eintracht und Wohlergehen besinnen. Im Bewußtsein des jüdischen Volkes ist der Anfang seines neuen Jahres der Höhepunkt der seelischen, ethischen, gesellschaftlichen und religiösen Einkehr. Rosch Haschanah gilt der Selbstkritik und führt zur Besinnung auf all das, was erreicht und was außer acht gelassen wurde. Uns Juden ist es aufgetragen, Selbstkritik zu üben, unser Gewissen zu schärfen, die unbeeinflußte Beurteilung von Gut und Böse zu vollziehen, den Gedanken darüber wachzuhalten, was bereits erreicht und was noch zu erstreben ist und Ausschau zu halten auf die Zukunft, die das neue Jahr bringen wird. Wir hegen die Hoffnung auf unbeugsame Gerechtigkeit im Leben, auf Menschen liebe, auf gesichertes Dasein in dieser Welt und auf dauernden Frieden. Das Fest der Erinnerung ,,Jom Sikaron“ weist eine eigentümliche Aktualität auf, in derZeit in der wir leben; sie ist die Zeit, die Marlin Buber die Gottesfinsternis genannt hat, sie ist die Zeit, in der es nazistische Todesfabriken gab und unschuldige Menschen, Kinder, Frauen und Greise dahingemordet wurden. Der wahre Mensch wird nicht gleichgültig werden gegen Leid und Tod, vielmehr wird er solange er über Lebensfülle verfügt gegen Not, Haß und Bosheit kämpfen und alles aufbieten, um solche abscheuliche Erscheinungen zu besiegen. Unsere Reaktion auf Leid, Bedrängnis, Verfolgung und Tod ist das Entscheidende, ist das Schicksal! In diesem Sinne richten wir während der ,,Jamim Noraim" unser Gebet z.u Gott, Verhängnisse abzuwenden, uns in die große Völkerfamilie als Nation einzugliedern, dem jüdischen Staat Israel zu helfen, eine geschlossene jüdische Lebenswelt zu bauen, vor Unbilden geschützt zu sein und der Menschheit, wie einst, die geistigen und moralischen Werte, die die Propheten uns überliefert haben, zu tradieren. Der jüdische Historiker Prof. Graetz bringt in seinem Geschichtswerk die Verkündung eines namenlosen Propheten, den man notbehelfiich den zweiten Jesaia nennt. Vereint finden sich in seinen Reden Gedankenfülle mit Formvollendung, hinreißende Kraft, Ebenmaß, Einheit und Manigfaltigkeit, dichterischer Schwung mit Einfachheit und dies alles in einer so edlen Sprache der Alten, daß sie, obwohl nur für die damalige Zeit berechnet, zu al en Zeiten verstanden werden und ergreifend wirken. Der babylonische Jesaia hat seinen leidenden Zeitgenossen tröstend, erhebend und auf ein hohes Ziel hinweisen wo'len und hat damit in dem leidenden israelitischen Stamme vor den Augen aller mit Sinn und Herz Begabten, welchem Volke und welcher Zunge sie auch angehören, die Lösung eines Rätsels naheyelegt, deren Richtigkeit die nachfolgenden Jahrtausende bewahrt haben: Wie ein Volk zugleich klein und groß, zugleich elend und zu Tode gehetzt und doch unsterblich, zugleich verachteter Knecht und erhabenes Musterbild sein kann. Keiner verstand es so gut wie dieser Prophet die Schmerzensreiche Gemeinschaft der Juden so gemütvoll zu trösten, so ermutigend zu erheben. Seine Worte lauten: ,.Tröstet, tröstet, mein Volk, spricht euer Gott, redet Jerusalem zu Herzen und rufet ihm zu, daß die Juden aus der Hand Gottes doppelt empfangen werden, für ale ihre Sünden.“ Dieser Trost besteht nicht m Hoffnung auf eitlen, weltlichen Glanz, nicht auf Macht und Herrschaft, sondern auf ein weltumfassendes Heil. Eine ganz neue sittliche Ordnung soll in der Welt einziehen, gewissermaßen ein neuer Himmel und eine neue Erde geschaffen werden. An diesem Heil werden alle teilnehmen. Israel, das Volk Gottes, ist von Gott als sein Knecht und Sendbote an die Völker auserkoren worden, um diesen als Licht und als Bündnis zu dienen, um blinde Augen zu heilen. Dieses auserkorene Apostelvolk, den Träger des Heils für alle Völker und alle Zungen, verherrlicht die poetische Beredsamkeit des genannten Propheten: Gibt es denn etwas höheres als Vorbild für die Völker auf dem Wege des Rechts und der Wahrheit zu sein? Den Grundgedanken, welchen dieser erhabene Prophet des Exils in einen dichterisch gehaltenen Monolog einkleidet, drückte er in einer anderen Wendung aus: ,,Der Tempel für den Gott Israels wird einst ein Bethaus für alle Völker werden. Die Juden als Märtyrervolk, sind ein Apostelvolk, das im Schmelztiegel des Leidens geläutert wird.“ Die Läuterung des Judentums erfolgte tatsächlich unter Leiden, für deren Beschreibung die menschliche Sprache unzulänglich ist. Im Zeichen der Wahrheit und der Hingabe an Wunder, vermochte das Judentum aus dem Tal der Schrekken mühsam herauszukommen. Die Geschichte des jüdischen Palästina bildet eines der erhabenen Kapitel in der Historie der Menschheit. Während die überwiegende Mehrzahl der Juden im Exil lebt, hat die Gesamtheit niemals Erez Israel vergessen; hat doch Zion die Geschichte der Menschheit in großem Maße bereichert. Der moderne Zionismus strebte danach, die Juden zu einer souveränen Nation zu gestalten, sie von der Verfolgung und Vernichtung zu retten und Israel in Besitz zu nehmen, um wieder wie einst Geschichte machen zu können, das Land gestützt auf Leben zu erneuern und im Geiste HerzLs die Medinah zu einem Vorbild sozialer Gerechtigkeit und menschlicher Brüderlichkeit zu formen. Um den Preis von Leid, Kummer und Not, von Opfern ohnegleichen, haben die Juden vor 10 Jahren Israel de jure und de facto in Besitz genommen. Wir sind einfach von einer flammenden Begeisterung erfaßt, angesichts der Tatsache, daß Israel lebt, vorwärtsstrebt und den starken Willen hat, sich materiell und geistig zu entwickeln. Israel muß und wird leben, es benötigt dringend den Frieden, der über kurz oder lang kommen muß. Mit dem Einzug des Friedens werden Israels Aspekte neue Gestalt annehmen und es möglich machen, auf allen Gebieten des Lebens von Erfolg zu Erfolg zu schreiten. Die jüdische Seele ist von Kräften des schönsten Ideals erfüllt, von dem die Wahrheit ausgeht mit dem Ziel, jener Kultur, die unsere Propheten geschaffen und uns aufgetragen haben, Frieden, Gerechtigkeit und Humanität walten zu lassen, treu zu bleiben. Israel trotzt den Feinden, strebt zum Licht, zur Befreiung von Gewalten, die Grauen verbreiten und es hofft, wünscht und sehnt sich danach, daß zwischen der Medinah und ihren arabischen Nachbarn Harmonie eintrete und daß das Chaos der Welt überwunden und Gerechtigkeit einziehen möge. Im neuen Jahr 5719 möge der Medinath Israel beschieden sein, alle noch bestehenden politischen und ökonomischen Schwierigkeiten zu überwinden und ihre Geschichte fortzusetzen im Geiste der jüdischen Patriarchen und Propheten, die der Menschheit das göttliche Licht des Geistes und der Wahrheit offenbart haben. In diesem Sinne beglückwünschen wir den israelischen Jischuw, seinen Präsidenten Ben Zwi, seine Regierung, die Knesset, die Juden in der Golah und alle Menschen, die uns gut gesinnt sind. Bernhard Braver Die Gesandtschaft des Staates Iraels in Wien wünscht dem Bundesverband der Israelitischen Kuitusgemeinden in Österreich, der Zionistischen Föderation, den zionistischen Parteien, dem Bund Werktätiger Juden, dem Herzl-Klub, der Wizo, allen jüdischen Institutionen und jedem Mitglied der jüdischen Gemeinschaft in Österreich. nnvts mtr

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