Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1958
- Issue
- Heft 106 (April 1958)
- Date
- 1958-04-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2431292-2431380-2431382--0793-2432445- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 106 DIE STIMME Seite 5 Von Z. F. Finot, Jerusalem Wien - 13. Harz 1938 fn letzter Stiinde wurde auch der Vetreter der Wiener Judenschaft vom Bundeskanzler Schuschnigg zu Rate gezogen. Es wiederholten sich die geschichtlichen Geschehnisse wie zu Zeiten des letzten Kaiser Karl, als dieser in der Sturzwelle einer zu"ammenbrechenden Monarchie den damaligen Oberrabbiner Chajes zu sich berief und just in den österreichischen Juden den Rettungsanker suchte. Schuschnigg, der nach der nazistischen Mordorgie an Dollfuß dessen Erbe als Führer einer einheitlichen autoritär - christlichen Staatspartei antrat, verstand es in den vier Jahren seiner Regierung, die über 200.000 österreichischen Juden allmählich aus allen maßgebenden Positionen der Wirtschaft, Politik und auch Kunst restlos auszuschalten. Sogar seine Zusammenkünfte mit befreundeten Dichtern und Künstlern, wie Franz Werfel, Stefan Zweig und Hubermann mußten streng geheim gehalten werden, und als Schalom Asch, alarmiert durch die sich überstürzenden Ereignisse, nach Wien eilte und durch Vermittlung Werfe s eine Besprechung mit Schuschnigg abhielt, da mußte sich der jüdische Dichter ehrenwörtlich verpflichten, diese Zusammenkunft niemandem preiszugeben. — Erst das vom Bundeskanzler für den 13. März als eine Art Herausforderung an Hitler angeordnete Plebiszit bewog ihn, auch die Juden als Retter in der Not zu diesem Staatsakt heranzuziehen. Dieses Plebiszit war das Ende der österreichischen Tragikomödie, die sich jahrelang zwischen Mord und Verrat hinschlängeite. Indessen entbrannten lichterloh die Leidenschaften der biederen Wiener. Die Anhänger Schuschniggs und die nazistische Maffia, die bislang nur a's Untergrundbewegung agierce, überflutete nach der Rückkehr Schuschniggs die prachtvol.e Ringstraße Wiens, die Kärntnerstraße und den Graben. In einem Hexenkessel von Hysterie, Haß und wildem Gejohle wälzte sich Tag und Nacht eine aufgewühlte Menge durch die Straßen. Die Juden Wiens trauten sich kaum, diese Straßen zu betreten. Der Jude war ja letzten Endes das Sinnbild dieser Haßorgie hüben und drüben, doch gaben sie sich noch den Illusionen hin, die Schuschnigg ihnen bei der letzten Besprechung mit seinem Plebiszit vorgegaukelt hatte. So wurde auch in krampfhafter Hast eine Liste aller Juden Wiens und der Provinzstädte angelegt. Vom Wiener Rothschild bis zu den Ärmsten wurden ihnen gewaltige Kontributionen zur Finanzierung des Plebiszit auferlegt. Die Abstimmung sollte über die Unabhängigkeit eines christlich - deut-i sehen Österreich erfolgen, doch gab es für die Juden keine Wahl mehr, da sie über Nacht in die Entscheidung zwischen Hakenkreuz und einem Lebensraum in einem betont christlichen Staate hingestellt wurden. Bald überstürzten sich lawinenartig die Ereignisse. Der österreichsiche Erzverräter Seyß - Inquart griff mit ruchloser Hand in die Vorbereitungen zum Plebiszit. Ein telephonischer Anruf Goerings genügte, um das letzte Puppenspiel Schuschniggs über den Haufen zu werfen. Vergebens waren so die letzten Hoffnungen der Wiener Juden und deren schwere Opfer. Von der inneren Stadt Wien ergoß sich bald eine wi d johlende Menge in das Judenviertel der Leopo.dstadt. Mit dem Singsang ,,Jude verrecke!" begannen bald Überfälle und Plünderungen jüdischer Geschäfte. Noch waltete die Polizei dem Scheine nach ihres Amtes. Noch wagte sich der Jude zur Wehr zu setzen und noch glaubten idie Juden an den Schutz ausländischer Mächte. Kaum drei Tage später, gerade am 13. März, dem Tage des Plebiszits, überschwemmten die braunen Banden Hitlers die bereits im düsteren Fahnenglanz der Hakenkreuze prangende Wienerstadt.... Nach einer Rede Hitlers, knapp vor dem Anschluß, rief Schuschnigg das österreichische Parlament zu einer feierlichen Gegenkundgebung ein. Der prachtvolle Riesensaal, der einst Herz und Hirn einer machtvollen Monarchie bedeutete, hallte jetzt wider von einer trotzig-herausfordernden Rede des armseligen Opfers von Berchtesgaden. Gleichzeitig staute sich auf der Parlamentsrampe und weit bis zu Oper und Burgtheater eine unübersehbare Menge, die mit Fahnen, Transparenten und Chorgesang den österreichischen Patriotismus betonen und dieser historischen Sitzung eine Folie abgeben sollte. Dachte jemand daran, daß dieselbe Menge kaum zwei Wochen später in der Reichweite desselben Parlamentes in einem förm.ichen Delirium der ,,Freude" dem braunen, besessenen Despoten zujubefln wird? Nur einer kannte wohl die ^sterreicher und wußte Bescheid. Dies war der nach dem Tode von Dollfuß nach Wien beordete Gesandte von Papen. Da saß er in der Diplomatenloge, er, der eigentliche Hexenmeister dieses Umsturzes, unberührt von den feierlichen Beteuerungen der einzelnen parlamentarischen Redner und dem bis in den Sitzungssaal eindringenden Jubel der Straßenmenge. Durch den zufälligen Besitz einer amerikanischen Pressekarte kam ich fast in Berührung mit dem neben mir sitzenden Diplomaten. Mit seinen stahlgrauen Augen starrte er in den Sitzungssaal hinunter, und von Zeit zu Zeit huschte eine Art ververkrampftes Lächeln über sein aschfahles spitziges Gesicht. Das Antlitz eines leibhaften Mephistos, das ich schaudernd und ahnend beobachtete. Der Jude in der nächsten Reichweite des Vertreters Hitlers las förmlich aus dessen Mienenrpie 1 das von diesem seit Jahr und Tag heraufbeschworene Unheil, welches trotz der Umzüge und patriotischem Getöse über Österreich demnächst hereinbrechen soljte. Er, Papen, war wohl der Einzige in dieser Stunde, der von dem von General Keitel bereits ergangenen Mobilisierungsbefehl an der österreichischen Grenze Bescheid wußte. Der Totentanz irregeführter Massen und Schuschniggs Schwanengesang bildeten so den Hintergrund für Österreichs Requiem . . . Uber Nacht wandelte sich die Gemütlichkeit der Wiener in einen apokalyptischen Judenhaß. Kaum marschierten die ersten deutschen Batail one in Wien ein, als schon Uberfäl e und Verschl eppungen von Juden am heliiehten Tage begannen. Verbot der Theater- und Kinobesuche, Absperrung der Gartenanlagen, Ausschluß der jüdischen Jugend aus allen Schu’en, Plünderung und Arisierung jüdischer Unternehnehmungen bedeuteten erst den Anfang einer satanischen Ausrottungspolitik der gemüt ichen Wiener. Indessen verbrannte man die ganze Nacht hindurch im Sitz der jüdischen Kul'usgemeinde a le Verzeichnisse der Juden und die Spendenausweise für das Plebiszit. Vor den fremden Gesandtschaften staute sich bereits seit Morgengrauen eine schreckhaft aufgescheuchte Menge, die die notwendigen Ausreisepapiere für die Flucht aus der Wiener Höhe erbitten wollte, doch meistens verhielten sich die Diplomaten aus aller Welt kühl und unzugänglich. Im zionistischen Hauptbüro in der Marc-Aurelstraße begann eine fieberhafte Tätigkeit, da in dieser Stunde ein Zertifikat nach Erez-Israel Erlösung aus höchster Not bedeutete. In dieses zionistische Büro wurden schon am nächsten Tage die führenden Persönlichkeiten des nationalen Judentums Wiens zu einer Aussprache mit einem bisher völlig unbekannten Standartenführer Eich mann beordert. Man wußte kaum Bescheid und gab sich* noch der Illusion von Ordnung und Menschlichkeit hin. So saß man erwartungsvoll in dem geräumigen Sitzungssaale, als eine schrille Stimme wie ein Peitschenhieb in die lautlose Stille hereinschlug: ,.Aufstehen, Juden!" Einer der hereinmarschierten Nazis setzte sich mit einem Gepolter an den Präsidialtisch und rief brutal in den Saal: ,,Ist der Jude Adolf Böhm hier? Er möge Platz nehmen! Die anderen stil gestanden!" Zögernd und wie von einem plötzlichen Krampf befallen, schob sich die kleine Gestalt Adolf Böhms nach vorne, wogegen die anderen wie betäubt an die Wand zu rücken begannen. Was dann folgte, war eine Art Einführung in ein Judenamt, das von Hitler höchstpersönlich übertragen worden war. In einem Kommandoton wurden dann Anordnungen, Befehle, Weisungen an die einzelnen Ressorts venesen, über Fortsetzung Seite 6 An die Juden Wiens! Die Vereinigte Aktion für Israel — Magbith Meuchedeth — Keren Hayesod — beginnt mit der Aktion 1958, die im Zeichen des ZEHNJÄHRIGEN BESTANDES DES STAATES ISRAEL steht. Wie unser Name sagt, sind wir das Finanzinstrument der Jewish Agency, jener offiziellen Organisation, der — nebst den staatlichen Behörden — die Einwanderung, die Einordnung der neuen Olim, die Gründung neuer Siedlungen, die Urbarmachung unseres Landes Israel und die Schaffung von Arbeitsplätzen obliegt. Diese enorme Aufgabe kann der Staat Israel und die Jewish Agency nur dann erfül en, wenn die Juden der ganzen Welt ihre Pflicht ihrem Volke gegenüber erfül en. Das 10 jährige Bestehen des Staates Israel aber muß uns zu besonderen Leistungen gegenüber dem Finanzinstrument des jüdischen Volkes — und dies ist die Vereinigte Aktion für Israel — anspornen. Denn nur so wird Israel in der Lage sein, die 100.000 Einwanderer des Vorjahres einzuordnen und die weiteren, die kommen, aufzunehmen. Denken Sie daran, welche Heldentaten unsere Brüder und Schwestern im Sinai-Kriege vollführten! Denken Sie an die Kosten desselben, die der Staat Israel aus seinen Mitteln decken mußte. Daraus folgt aber, daß die Mitte:, die der Staat für die Einwanderung und wirtschaftlichen Aufbau zur Verfügung stellen kann, beschränkt sind und es ist dann die Aufgabe des Jischuv al;ein, die Einwanderung, die Urbarmachung des Landes und die Einordnung der neuen Einwanderer zu finanzieren. Ist es nicht Pflicht der Juden der ganzen Welt, jüdischen Brüdern und Schwestern, die ihre Heimat verlassen mußten, in Israel eine neue zu bieten? Wir bitten Sie, wenn Sie bereit sind an der Arbeit des Keren Hayesod während der heurigen Aktion teilzunehmen, uns dies auf kurzem Wege mitzuteilen. Wir hoffen, daß Sie unseren Aufruf würdigen werden und verbleiben in dieser Erwartung mit Zionsgruß und Schalom VEREINIGTE AKTION FÜR ISRAEL Magbith Meuchedeth Keren Hayesod Das Präsidium und Arbeitskomitee Unser ALLGEMEINER ZIONISMUS ist der Zionismus Herzls und Weizmanns