Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1958
- Issue
- Heft 106 (April 1958)
- Date
- 1958-04-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 DIE STIMME Nr. 10h Von Dr. J. E. Palmon Erdöl in Israel Es ist jetzt zweieinhalb Jahre her, daß in Israel erstmals Erdöl gefunden wurde. Bei Chelez im nördlichen Negew, an einer Stelle, nn der schon vor 1948 die Irak-Petroleum Co. nach öl gebohrt hatte, der erste Strahl des kostbaren Naß in die flöhe geschossen, und die Nachricht vom ersten Erdölfund hatte überall Freude und große Hoffnungen erweckt. Wirtschaftspolitiker und Erdö.gesellschaften schmiedeten gleich hochfliegende Pläne und einige Wochen lang stieben die Kie se der Erdöl-Aktien in schnel.e n Tempo. Die von israelischen Finanziers zusammen mit jüdischen Kapitalisten der USA (die sogenannte Miami Group) gebildete öigeseilschalt ,,Oil prospectors" schien einer glänzenden Zukunft entgegen zu sehen. Andere kleine OigeseiIschaften, die sich um Konzessionen beworben und wegen Kapitalschwierigkeiten noch mit den Bohrungsarbeiten gezögert hatten, begannen schnellstens mit Bohrungen, weii auch sie nun der Überzeugung waren, ebenfalls Erdöl finden zu können. Von diesen weitgespannten Hoffnungen ist nicht viel übrig geblieben. Alle Bohrversuche in Israel, mit Ausnahme derer von Chelez, haben bis Ende 1957 keine Fündi >- keit ergeben und erst jetzt haben sich bei einer Bohrung gewisse EMölspuren gezeigt. Es ist aber noch nicht klar, ob an der betreffenden Stelle wirklich größere Ölmengen vorhanden sind. Im Olfe.d von Chelez, inzwischen weiter untersucht, sind heute etwa 20 Brunnen in Betrieb. Sie ergeben eine Jahresproduktion von 60.000 Tonnen, jedoch ohne die Aussicht, sie wesentlich erhöhen zu können. Der jährliche Verbrauch Israels an Erdöl beträgt etwa 1,4 Millionen Tonnen; die einheimische Förderung deckt also nur knapp fünf Prozent des Verbrauchs. Einige kleirere O gesejlschaftevi, die bei ihren Bohrungen Mißerfolge zu verzeichnen hitten, stel.ten ihre Arbeiten wieder ein und zur Zeit wird nur an ganz wenigen Stelen weiter nach öl gesucht. Die Regierung möchte die Bohrungen weiter fördern und gründete jetzt eine staatliche ö.qese'lschaft, für die das Kapital durch eine große Aktienemission beschafft werden sol , wobei man sich an das breite Publikum wendet. Kenner hegen jedoch Zweifel, ob die erfordar ichen Kapitalien tatsäch ich aufgebracht werden können. Der Mangel an Kapital hat ni ht wenig zu den Enttäuschungen bei der Erdölsuche beigetragen. Dia großen internationalen öigeseilschaften hielten sich bisher von Israel fern, und Konzessionen wurden an kleine Gese lschaften übertragen, deren Schicksal von einem schnellen Erfojg abhing. Die internationalen Erfahrungen lehren jedoch, daß unter Umständen jahrelange Arbeit notwendig ist und daß viele erfolglose und recht teuere Bohrungen hingenommen werden müssen, bis es gelingt, die ,,richtige Stelle'1 zu entdecken. Die israelischen Geologen sind davon überzeugt, daß durch Israel eine große Erdöl-Ader, ein Ausläufer der großen Adern des Irak- und Saudi- Arabiens, laufen muß —nur konnte sie bisher noch nicht geTinden werden. Die jetzt gegründete staatliche Öl-Gesellschaft läßt unter Heranziehung ausländischer Sachverständiger neue Untersuchungen anstellen, lim ein zuverlässiges Bild über die Bohrungsaussichten zu gewinnen. Bei allem beginnt heute ein Umdenken in der Erdöl-Politik Israels. Per junge Staat hatte s. Z. beschlossen, nur kleine Konzessionen zu vergehen, um sich nicht dem Druck großer ..monopolitischer1' Gesellschaften auszusetzen. Der Kampf gewisser arabischer Staaten ge en d e Macht internationaler ölgese lschaften färbte auch auf Israel ab, und es wurde ein Gesetz angenommen, das jede Monopolstel ung und jede Machtzusarnmenbal uno auf diesem Gebiete vermeiden sol fe. Heute haben die verantwortlichen Y/irtschaftsführer ihre Meinung gründlich geändert. Die Stimmen für eine Revision der ölgesetzgebung mehren sich, und Kenner der Probleme plädieren für neue Verhandlungen mit internationalen Gesellschaften, um diese für Bohrungen in Israel zu interessieren. Denn — so argumentieren d'ese Kreise — nur die großen Gesellschaften haben die Kapitalien zur Verfügung, die nun einmal für die recht kostspieligen Bohrungen notwendig sind. Vor 10 Jahren zogen sich die internat:onalen Gesellschaften, mit der Irak - Petroleum Co. an der Spitze, aus Israel zurück, weil sie auf die Haltung der antiisraeiisch ein rnstel ten arabischen Länder Rücksicht nehmen wol ten. Heute führen die Araber ihren Ölboykott zwar weiter, doch gibt es gewisse Kreise der internationalen Öiwirtschaft, die ungeachtet dieses Boyko'ts für Bohrungen in Israel zu ha1 en wären. Mit diesen wiü man eventuell verhandeln, und Sachkenner sind der Ansicht, daß man die ,,Monopolfurcht" von einst aufgehen müsse. Israelische Wirtschafter weisen in diesem Zusammenhänge darauf hin, daß Israels Position stärker geworden ist und daß der arabische Boykott hei der laufenden Versorgung des Landes mit importiertem Ol einen absoluten Mißerfolg erlitten hat. Der große ölüherfjuß in der Welt spielte dahei seine Rol.e, und das öl ist heute überall billiger geworden, nachdem Israel i.ahrelang den von ihm benötigten Brennstoff zu teueren Preisen hat beziehen müssen, Das innere Verteilungssystem konnte wesentlich verbessert werden. Israel bau'e eine öilinie von Elath über Beerschewa nach Aschdod am Mittelmeer. Weiter wird eine Pioe-Line von Tel Aviv nach Haifa in Betrieb genommen werden, wodurch der teuere Transport mit Tankautos -aus der Raffinerie in in Wegfall kommt. Alle diese Verbesserungen können die Grundprobleme Israels auf diesem Gebiete noch nicht lösen. Der junge Staat muß jährlich 40 bis 45 Mil'ionen Dollars für Brennstoffimporte ausgeben, Angesichts des Aufbau'empos steigt der Konsum immer mehr. Pis 1962 wirdein gewisser Teil der Brennstoffeinfuhren aus dem Wiedergutmachungsabkommen mit der Bundesrepublik bezahlt, das hier erneut seine große produktive Wirkung zeigt. Aber diese Leistungen gehen in einigen Jahren zu Ende, und wenn Israel die großen Ausgaben für importierten Brennstoff vermeiden will, so muß es al es unternehmen, um im Lande selbst Erdöl entdecken. — Das Ölproblem wurde in wahrstem Sinne des Worbes zu einer Schicksalsfrage der Wirtschaft Israe's. Der Zionistische Landesverband tritt für bedingungslose Unterstützung der Medinath Israel ein Von Paul Wohlfarth Eine Juden-Universität Bevor die Juden im 19. Jahrhundert die bürgerliche G.eichberechtigung und damit den Zutritt zu den Universitäten erhielten, hatten sie die größten Schwierigkeiten durchzumachen, wenn sie den Doktorgrad gewinnen und vor ahern den Beruf ergreifen wollten, den sie im Mittelalter mit solchem Erfolg ausgeübt hatten: den ärzt ichen. Zu den ganz wenigen Universitäten die im 16., 17. und 18. Jahrhundert Juden den Doktorhut verliehen, gehörte die italienische Universität Padua. Seit dem 13. Jahrhundert zählte sie, besonders auf dem Gebiete der Medizin, eine große Zahl erlauchter Geister zu ihren Vertretern. Bevor wir daher die Stellung der Juden in Padua betrachten, lohnt es sich wohl, einen Bück auf die Geschich'e der Universität zu werfen und einiger Männer zu gedenken, die hier lehrten und forschten. 1222 von einer Gruppe Bologneser Studenten gegründet, hatte die Universität Padua bereits im ersten Jahrhundert ihres Bestehens einen der größten Ärzte der Zeit als Lehrer: Peter von Abano (1250 — 1315), der es unternahm, die Lehren der Medizin und Philosophie zu versöhnen und, ein Schüler von Avicenna und Averoes, die Ergebnisse der arabischen Medizin dem christlichen Europa zugänglich zu machen. Am Ende seines Lebens aber wurde er als Ketzer verfolgt; nur sein natürlicher Tod rettete ihn vor dem Scheiterhaufen. Frühzeitig setzten in Padua die Versuche ein, den toten menschlichen Körper zum Gegenstand der Forschung zu machen. Die weltlichen und geistlichen Behörden gingen nur sehr zögernd daran, der Universität Leichen — meist von hingerichteten Verbrechern — zur Verfügung zu stellen. 1368 wurde nur eine Sektion im Jahre erlaubt, und vielfach wird berichtet, daß die Studenten 1.eichen aus den Gräbern oder gar vom Galgen stahlen. Erst 1599 wurde ein anatomisches Theater in Padua eröffnet, das Goethe im Tagebuch seiner italienischen Reise am 27. September 1786 beschrieb. Im 16. Jahrhundert war es vor allem die Anatomie, die in Padua gepflegt wurde. In Padua wurde 1543 das Buch geschaffen, das heute noch als die Grundlage der modernen Anatomie gilt: ,,De Humani Corporis Fabrica", von Professor Andreas Vesalius. Daneben wirkte in Padua schon früh ein Seuchenforscher, H e-onymus Fracastorius, der in seiner Schrift von 1546 ,,De Conlagione" als Krankheitserreger unsichtbare Partikel feststeiite, die er aber nicht Bazil en, sondern Seminaria nannte und an Pocken, Pest, Typhus, Tuberkulose und Syphilis nachwies, die ihm ihren Namen verdankt. Von 1592 bis 1610 war Galileo Galilei Professor der Mathematik in Padua, und um 1700 lehrte hier Bernardo Ramazzim, der als erster über die Berufskrankheiten sehne'-. Im 18. Jahrhundert war Giarnbattista Morgagni Präsident der Universität Padua, der als Vater der pdho ogischen Anatomie gilt. Bereits am Anfang des 14. Jahrhunderts studierten in Padua Juden, die meistens in der medizinischen Fakultät, da die gelehrten Berufe ihnen sonst im allgemeinen verschlossen waren. Daß Padua, im Gegensatz zu den meisten anderen Universitäten, jüdische Studenten zuließ, ihnen sogar den Doktorhut verlieh, hat zum Teil seinen Grund wohl in der liberalen Haltung der Republik Venedig, :u der Tadua seit 1405 gehörte. Dazu kam aber ein Einfluß, der bereits seit dem 13. Jahrhundert in der Stadt herrschte. Allgemein galt Padua als Ketzer-Universität, Getragen von dem Geist, der ihn der Inquisition verdächtig machte, lehrte hier Gaiiiei. Dieser Geist lebte fort, und manchen kirchlichen Kreisen erschien er so bedenklich, daß 1599 die Jesuiten, wenn auch ohne Erfolg, eine eigene Universität in Padua zu gründen versuchten. Dieser freiheitlichen Strömung dürfen wir in der Hauptsache die Zulassung von Juden zum Studium in Padua zuschreiben. Die Graduierung der Juden in Padua erfolgte in feierlicher Form, die der ihrer christlichen Genossen nicht nachstand. 1500 hafte Bischof Pietro Barozzi einen Saal seines Pa astes für die Feierlichkeit zur Verfügung gestellt und künstlerisch henichten lassen, denn der Bischof, als Canciiiere dello Studio, vollzog die Graduierung, die er mit der Überreichung wissenschaftlicher Bücher begann, worauf er dem jungen Doktor einen goldenen Ring an den Finger steckte und den Doktorhut aufsetzte1, um mit dem Friedenskuß und dem behördlichen Segensspruch zu schließen. Bei Nichtkathoiiken freilich war der Bischof nicht tätig.