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Die Stimme · 1958-03-01 · Heft 105 (März 1958) · page 1

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Journal
Die Stimme
Volume
1958
Issue
Heft 105 (März 1958)
Date
1958-03-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
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iimme Ötqavt dec Atfyetneihetr Honiste^ it% ÖsteweicU Zionistischer Landesverband Wien rs Preis 2 Schilling P. b. b, | Redaktion 11. Administration: | | Wien IX, l niversitiitsstr. 4 4 j 1 Telefon 113 75 84 1 ^jl||||||lll!lllllll!l!l!lll!ll!ll!|l!l!llllllllll!llllllllllllllllllllll!ll!l!lll!!l[!l!rirrTTmH Postselieek-Konto Nr. 134.292 März 1958 Nr. 105 ZWI PEREZ CHAJES Die jüdische Well gedachte des 30. Todestages des verewigtenOberrabbiners, Gelehrten und zionistischen Askans Prot. Zwi Perez Chajes. Wir, die wir das Glück hatten, die Frucht des Geistes Chajes auf uns unmittelbar wirken zu lassen, segnen die Stunde, da er von der Kanzel des Wiener Tempels Besitz ergriff, um unserem Volke zu dienen und es geistig und moralisch zu leiten. Nachstehend die Antrittsrede Chajes', die uns immer erbauen wird. MEIN AMT! Einem Volke zu dienen, bin ich zu Euch gekommen, ihm zu dienen mit meinem ganzen Herzen, mit meiner ganzen Seele, mit meinem ganzen Vermögen. Doch sonst bin ich keines Menschen Diener. Mein Eigenstes, mein Höchstes, mein Tiefstes und Persönlichstes, mein Gewissen kennt keinen anderen Herrn als die göttliche Stimme die ich in mir vernehme. Nicht um ein Amt auszufüllen stehe ich hier, sondern um eine Mission zu erfüllen. Wer meine geistige Freiheit, meine Unabhängigkeit mir nimmt, der macht mich zu einen unbrauchbaren Werkzeug. Wer aber meint, durch Drohungen oder Verlockungen, durch Schmähungen oder Versprechungen mich von dem Wege abziehen zu können, die in jahrzehntelangem Ringen mir erkämpft — der wird auf Granit beißen. Was ich in entscheidenter Stunde den Vertrauensmännern der Gemeinde gesagt, das wiederhole ich an diesen für mich schicksalschweren Tage da ich Besitz ergreife von der Kanzel die zu den gesegnesten im Judentum gehört. Ich wiederhole es vor Euch allen als erstes feierliches Gelöbnis. Jeder Schlag meines Herzens, jeder Teil meiner Kraft, jede Frucht meines Geistes, jeder Tag meines Lebens soll uneingeschränkt gehören dem Judentum lind seiner geschichtlichen Aufgabe, dem Befrciungswerk der Menschheit. Man pflegt zu sagen : „Ihr habt der Welt die Bibel gegeben, nun könnt ihr gehen." Nicht ihr, sondern die Christen haben die heilige Schrift in alle Sprachen der Welt übersetzt und sie allen Völkern zügänplich gemacht. Ach, meine Freunde, es genügt nicht die Bibel zu lesen und zu lehren die Psalmen zu singen und zu sagen, man muß die Bibel erleben. Kein Volk lebt in der Binel, in keinen Volke lebt die Bibel als nur in dem unseren. Die Bibel ist gewissermaßen die See’e, die sich in unserem Körper gebaut. Sehnsüchtig, mit vor Freude zitternder Brust blicken wonach unserem Osten, wo eine neue Morgenröte aufzugehen scheint. Wenn unser Herz, wieder im Lande der Bibel schlagen wird, wenn wir Ein Geschlecht der Wüste war es, dessen Führung der 42 jährige Oberrabbiner Chajes in der Wiener Kaiserstadt angetreten hat. Gerade begann in diesem Sommer des Jahres 1918 die Blutsaat des ersten Weltkrieges zu verebben und fassungslos stand eine Judengemeinde von nahezu 200,000 Seelen an aen Trümmern einer zusammenstürzenden Monarchie. Wer war eigentlich Zwi Perez Chajes, der von seiner Lehrkanzel an der Universität in Florenz und Rabbinatsstelle in Triest justament als Nachfolger eines Jellinek, Mannheimer und des damals noch lebenden Dr. Güdemann beruefn wurde? Nur die wenigsten wußten von seiner bereits ruhmreichen wissenschaftlichen Tätigkeit und insbesondere der national - jüdischen Einstellung dieses Nachkommens einer uralten Ahnengalerie von Gelehrten und Rabbinern aus der ostgalizischen Grenzstadt Brody. Auch die Gewaltigen der Kultusgemeinde jener Zeit ahnten, kaum, daß sie mit dieser Berufung eine geschichtlich bedeutende Persönlichkeit in den Kreislauf des Wiener und gleichzeitig auch des internationalen Judentums einbezogen. Es war ein Geschlecht der Wüste, das nach einer allzukurzen Zeitepoche Uerzls, die in Wien kaum über einen engen Kreis von jugendlichen Bekennern hinausging, an der Grenze von Assimilation wieder, wie der Sohn der Erde in der griechischen Sage, die Mutterbrüste berühren werden, da werden neu unsere Kräfte wachsen und wieder werden wir zum auserwählten Werkzeug Gottes werden können, Den alten heiligen Judenstolz, die wundertragende wundertätige Judenkraft kann ich Euch wieder lehren. Schwer ist die Verantwortung die auf mir ruht, groß aber die Macht, die in meine Hände gelegt ist. Ich werde sie nicht mißbrauchen. und Taufe dahinsiechte, wobei Liebdienerei und Kaisertreue der blutleeren Religiosität den Stempel des Niederganges aufdrückten. Schon in seiner ersten Antrittsrede trat Chajes mit Stolz und bislang an dieser Kanzel ungehörter Vehemenz solcherart Judentum entgegen. „Nicht um ein Amt auszuüben verließ ich meine Geiehrtenstuba an der Universität, sondern um eine Mission zu erfüllen. Niemands Diener werde ich sein und kenne nur einen Herren über mir, das ist die Thora und mein Gewissen". Derartige Kanzelreden eines neugewählten Oberrabbiners wirkten wohl verwirrend in den Kreisen der Kehillafiihrer, doch bald ging ein Leuchten von dieser Kanzel aus in die jüdische Jugend. Insbesondere drangen diese Reden in die unübersehbaren Scharen der heimkehrenden Frontkämpfer, denen Chajes erst den Sinn ihres Judenseins erklärte und diese letzten Zuckungen des Völkermordens im Lichte uralter jüdischer Sendung vor Augen führte. Ein vom höchsten Ethos beseelter Rabbiner wandelte sich in dieser Schicksalsstunde zum Volksführer und Wegweiser und scheute sich nicht von der Kanzel der Synagoge auf die Rednertribüne in Massenversammlungen und Massenkundgebungen hinabzusteigen. Hier erst erfühlte der Wiener Oberrabbiner seine eigentliche Sendung im Gewühl einer auf tausend Sch'achtfeidern verbluteten Judenheit, die erst recht: in ihrer Heimatstadt einen neuen Kampf gegen diö Wiener Pogromgelüste aufnehmen mußte. Wie von der Kanzel an Stelle der üblichen Lobhudeleien ein machtvolles Echo eines neuen aufstrebenden Judentums erscholl, so galten die ersten Selbstwehr- Formationen der Wiener Juden unter tätiger MitMdrkung des neuen Obenabbiners als Sturmsignal einer neuen geschichJlichen Epoche, die weit über den engen Bezirk des Wiener Judentums hinausging. Nach den heimkehrenden Frontsoldaten galt es, die jüdischen Kinder Wiens, die vier Jahre hindurch in Hungersnot und Kriegselend dahingesiecht waren, durch eine internationa'e Rettungsaktion aufzurichten. Es gelang Chajes in erstaunlich kurzer Zeit ganze Transportzüge nach Holland, Schweiz und Italien zu organisieren. Mit diesen Zügen führte er persönlich unter Mithilfe der prachtvollen Kraft, Frau Anita Müller, Tausende jüdischer Kinder in fremde Länder. Dieser einsame und im Grunde seines Wesens dem Alltag entrückte Gelehrte hat sich sichtlich in die Mitte der lachenden, spielenden Kinder gewandelt. Die fühlten instinktiv die Seeiengröße ihres Retters in der Not, und so oft er sich von Menschentücke und schmerzvollen Enttäuschungen in Gesellschaft von ahnungslosen Kindern flüchtete, da strahlten die düster, und doch verständnisvoll dreinblickenden Augen in Freude und Seibstvergessenheit. „Erobert die Kultusgeineinden!" Dieser Wunschtraum Herzls erfüllte sich erst unter der kraftvollen Mitwirkung Chajes. Diese Wiener Kuliusremeinde war es ja, die sich noch zu Herzis Lebzeiten durch ihren Präsidenten Dr. Stern und insbesondere dem „Protestrabbiner“ Dr. Güdemann mit verschiedenen MachUai,toten verband, um dem königlichen Traume Herzls entgeg anzuwirken. Unvergeßlich diese neun Jahre eines heroischen Kampfes, den Chajes unter Mitwir- Z. F. FINOT Führer durch eine Wüste Stärkt die Reihen des Zionistischen Landesverbandes! Tretet ihm als Mitglieder bei!

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