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Die Stimme · 1957-09-01 · Heft 103 (September 1957) · page 4

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Journal
Die Stimme
Volume
1957
Issue
Heft 103 (September 1957)
Date
1957-09-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 DIE S T I M M E Nr. 103 Fortsetzung von Seito 3. möglich gewesen wären. Die Nichtzionisten haben wohl wichtige Arbeit geleistet, aber unter zionistischer Führung Wir müssen in vermehrtem Maße die Jugend heranziehen, Dr. Goldmanns Ansicht, Nichtzionisten herbeiznziehen, ist nicht erwünscht. Die zionistische Bewegung steuert einer Krise zu. Führerschaft heißt nicht organisatorische Veränderungen sondern neue Hoffnung und neue Vision. Die Generaldebatte wurde durch das Schlußwort Dr. Nahuin Goldmanns abgeschlossen. Dr. Goldmann führte aus: Tabenkin und andere haben meinen „übertriebenen Optimismus" in Bezug auf einen Friedensschluß kritisiert. Ich habe keine Tatsachen oder Zahlen, um zu beweisen, daß ich recht habe — die anderen aber auch nicht. Es ist eine Frage von Gefühl und Instinkt, Meiner Ansicht nach herrscht eine gefährliche Atmosphäre in Israel, das Gefühl, daß wir stark seien, daß wir gewonnen haben und auch später siegen werden. Es wäre viel gesünder, an Frieden zu danken statt an Krieg und Heroismus. Die großen Propheten haben für Israel größere Aufgaben als das vorausgesagt, Ich habe keinen Frieden versprochen, noch habe ich gesagt, daß wir nicht gerüstet sein sollen,- aber ich habe gesagt, daß ich Möglichkeiten für einen Frieden sehe. Die Großmächte haben nun ihre Aufmerksamkeit dem Nahen Os^en zugewendet, während sie noch vor einem Jahre erklärten, daß dort nichts zu machen sei. Frieden mit den Arabern wird nicht durch einen noch größeren Sieg herbeigeführt werden. Alle Juden sollten mit dem gleichen Enthusiasmus, mit welchem sie sich für die Verteidigung einsetzen, für ei- .nen Frieden arbeiten. Tabenkin hat gesagt, wir sollten warten, bis ein Frieden mit den arabischen Völkern möglich sei, und nicht mit den Regimes, welche jetzt an der Macht sind. Das würde eine Verschiebung des Friedens um manche Jahre bedeuten. Schließlich gibt es einige arabische Demokratien. Der Kriegszustand mit Israel stärkt die schlechten arabis-hen Regimes. Wir sollten bereit sein, mit jeder Regierung Frieden zu schließen. Einige Worte an die Mitglieder von Cherut Hatzohar: Es wäre lächerlich, wenn ich eine Friedensoffensive beginnen würde. Ich bin dazu auch nicht ermächtigt. Ich habe selber gesagt, daß die Friedenshoffnungen die Gefahr in sich schließen, daß uns ein unannehmbarer Frieden aufgezwungen werden könnte. Ich bin gegen eine ständige politische Kommission in der Zionistischen Organisation. Uber was sollte eine solche Kommission beraten. Die Regierung wird uns nicht um unsere Meinung fragen. Wenn wir vor 5 Jahren die Befreiung der russischen Juden gefordert hätten, so hätten wir ihnen sehr wohl großen Schaden zufügen können, denn sie lebten unter detyrannischen Herrschaft Stalins. Heute ist es möglich zu fordern, heute kann ich zu russischen Diplomaten über diese Frage sprechen. Ich habe das Gefühl, daß die russischen Führer einsehen, daß das jüdische Problem noch nicht gelöst ist. Ich weiß die Bedeutung der politischen Parteien, welche den Aulbau einer Demokratie darstellen, zu schätzen; aber was ich über zionistische Parteien gesagt habe, hat nichts mit Parteien in Israel zu tun Israelische Innenpolitik ist eine inner-israelische Angelegonhei'. Ich sprach über die Parteien in der Diaspora, welche kein Monopol haben dürfen. Fs ist ein unmöglicher Zustand, daß der einzige Weg für einen Juden, der Zionistischen Organisation bei zu treten, über eine Partei führt, Wenn wir uns um die Organisation der Bewegung kümmern, so heißt das nicht, daß wir uns nicht um den Geist bemühen. Der richtige Geist wird die Tore der Zionistischen Organisation für vöhzusätzliche Juden öffnen. Was die Regierung und die Amana betrifft: behaupte ich, daß Ben Gurions Politik in eine Zersplitterung der zionistischen Körperschaften mündet. Man hat mir vorgeworfen, daß ich zu viel? Aufgaben habe. Es gibt Funktionen, deren ich mich entledigen möchte, aber nicht kann. Ich glaube, daß der Jüdische Weltkongreß und die Zionistische Organisation „gut nachbarliche Beziehungen" unterhalten, und ich bin der Präsident von beiden Organisationen. Auf jeden Fall habe ich nicht die Absicht, die Präsidentschaft des Weltkongresses niederzulegen. Sollte ich zum Schluß kommen, daß keine Aussichten bestehen, di? Änderungen, d e ich im Sinne habe, durchzuführen, und daß keine Zusaminenarbol zwischen den zionistischen Parteien möglich ist, werde ich die notwendigen Konsequenzen ziehen. Wäre ich mir der zionistischen Möglichkeiten nicht bewußt gewiesen, so hätte ich nicht die Verantworinng übernommen. Zionistenkonferenz in London Am 8. September fand in London eine Konferenz der Allgemeinen Zionisten Europas und Nordafrikas statt, an welcher Vertreter verschiedener Länder teilnahmen. Der Zion. Landesverband in ös'erreich war durch seinen Präsidenten Wolf Tischenkel vertreten, Es gelang eine Resolution zur Annahme in der die Reorganisation der Weltföderation unter der Führung von Frau Ros Heilperin und Dr. Goldstein begrüßt und die Nichtidentifizierung mit einer der zwei Parteien in Israel zum Ausdruck gebracht wurde. Einen ausführ.i:hen Bericht über diese Konferenz werden wir in der nächsten Nummer der‘Stimme bringen. Bekenntnis zu Anne Frank Wir entnehmen der Wiener „Arbeiter-Zeitung" folgendes Bekenntnis eines jungen Menschen zur Märtyrerin Anne Frank und erachten es für wichtig, unser? Leser hierauf aufmerksam zu machen, Im Jahre 1942 lebten wir Dreizehnjährigen in Wien unser gewohntes Leben. Der Krieg spielte sich in großer Entfernung ab, und es bestand Aussicht, daß er gewon: nen werde, die Luftschutzühungen glichen Trockenschwimmkursen, denn noch fielen keine Bomben auf unsere Stadt, die Lebensmittelknappheit ließen uns die Mütter kaum merken. Gewiß. Väter und Brüder waren eingerückt, in manchen Familien wurde um einen Gefallenen getrauert, aLer a 1 das [ruderte uns im Grunde wenig, uns unserer Jugend zu freuen, Lausbubenstreiche zu begehen, den Ehrgeiz zu hegen, andere Pimpfe im Laufen oder Hoch springen zu übertrumpfen, ins Kino oder ins Bad zu gehen. Wir wuchsen im Schaffen des Krieges auf, ohne viel von diesem Schaffen zu merken. Im selben Jahr 1942, in jenem Sommer ,als manche von uns im Rahmen der Kinderlandvorschikkung nach Italien oder in die Tatra fuhren, übersiedelte in Amsterdam die Familie Frank auf den Dachboden des Hinterhauses Nr. 2fc>3 in der Rrinsengracht. Während wir durch Filme wie ,,Jud Süß" und „Die Rothschilds" aufgeklärt und zu einem s'olzen Rassenbewußtsein erzogen wurden, versteckte sich ein Mädchen, das so alt war wie* wir, mit ihrer Familie, um der Gaskammer, dieser schrecklichen arischen Errungenschaft, zu entgehen. Während wir im Park und auf den Sportplätzen herumtollten, durfte sich die gleichaltrige Anne Frank vom Morgen bis zum Abend nicht rühren, damit die Leute, die im Stockwerk darunter arbeiteten, nicht auf die verstecktem Juden aulmerksam wurden. Während wir zeitweise wenig Lust hatten, uns mit Algebra und Grammatik abzugehen, weinte das Mädchen auf dem Dachboden, weil es nicht zur Schule gehen durfte. Während wir holländische Butter aufs Brot strichen, hungerte in Holland die Familie Frank, weil der M-. vi. c.: r die Versteckten mit Bohnen und Erdäpfeln versorgte, krank im Spital lag. Von dem Schicksal der Anne Frank, die mit dreizehn Jahren auf einem Dachboden Zuflucht fand und dieses Versteck erst verließ, als die Familie mehr als zwei Jahre später verraten und entdeckt wurde, ahnten wir damals nichts. Im August 1944, als die Fünfzehnjährige ins Konzentrationslager gebracht wurde, kannten wir allerdings den Krieg aus eigener Anschauung. In Wien gab es schon Ruinen, wir selbst mußten damals, um die russischen Panzer aufzuhaPen, im Burgenland den überflüssigen Südostwal! graben. Noch immer aber waren wir Wachs in den Händen unserer „Führer" und Lehrer. Wer nicht sei st Juden in der Familie oder unter den engeren Bekannten hatte, kümmerte sich nicht um die „Judenfrage". Das Problem geriet sogar, wir müssen es heute schamvoll gestehen, im Laufe der Zeit, geradezu in Vergessenheit: die jüdischen Kinde , mit denen wir noch in der Volksschule gespielt hatten, entschwanden unserem Gesichtskreis, die Leute mit dem Judenstern auf den Straßen wurden immer weniger. Niemand bemühte sich, ausgerechnet, den Dreizehn- bis Fünfzehnjährigen die Augen darüber zu öffnen, was vorging. Als Anne Frank im März 1945, dar Krieg lag bereits im Sterben, in Bergen - Belsen den Märtyrertod starb, wurden ihre Altersgenossen von ihren Mördern als ietztes Aufgebot in die Schlacht geschickt. Nachher erschütterte d’ie grauenvolle Wahrheit die junge Generation. Jetzt erfuhren wir, wieso die Judensterne rar geworden und wo unsere Spielgelährten geblieben waren. Wir erfuhren es aus den Zeitungen, aus Filmen und Büchern. Keines dieser Bücher hat uns jedoch so angerührt wie das „Tage1 uch der Anne Frank", das der Vater des gemordeten Mädchens der Öffentlichkeit übergeben hat. Hier schrieb ein Mädchm, das uns an Jahren gleich, an Wissen, Leid, Talent und Gemüt weit voraus gewesen war, hier sprang uns aus jeder Tagehuchnotiz, di? Frage an: Was hast du an diesem Tag getan? Am 24. Dezember 1943, als wir unsere Weihnachtsgeschenke auspackten, schrieb sie: „Mag es auch unrecht und undankbar sein, aber Gefühl? lassen sich nicht weg eugnen, Tanzen möchte ich, pfeifen, radeln, die Welt sehen, meine Jugend genießen, frei sein, Das sag' ich hier, aber zeigen darf ich es nicht." Überall, erfreitiicherweise gerade in Deutschland, haben sich junge Menschen zu dem Mädchen in der Amsterdamer Dachkammer bekannt. Die deutsche Taschenbuchausgabe des „Tagebuches" dürfte eine Auflage von 300.000 Stück erreicht haben ,die Bühnenbearbeitung, die jetzt in Wien im Theater in der Josefstadt zu sehen ist, hat ein starkes Echo gefunden. In Deutschland mußten immer wieder Aufführungen für die Schulen angesetzt werden, so groß war das Interesse bei der Jugend. Am 17. März 1957, dem Jahrestag ihres Todes, pilgerten zweitausend junge Deutsche in die Lüneburger Heide, nach Bergen-Belsen, um Blu-( men auf den Massengräbern niederzulegen. In welchem der Gräber Anne Frank ruht, weiß niemand. An der Totenehrung, die völlig improvisiert war, nahmen ganze Schulklassen teil, junge Arbeiter aus Hamburg, ein Klub von Jazzfans und überhaupt viele Mädchen und Burschen, die man häufig als „Halbstarke" bezeichnet, kamen ohne Aufforderung. Diese Reaktion der Jugend, dieses vielstimmige Bekenntnis zu Anne Frank ist es, was dem Tod des jüdischen Mädchens im nachhinein so etwas wie einen Sinn, eine Mission verleiht. In dieser Generation, so möchte man hoffen, würde es ein zweiter Hitler schwer haben, Anhänger zu finden und 'die Macht an sich zu reißen, in dieser Generation wird der’Massenmord zur Lösung von Problemen nicht akzeptiert werden. Wir dürfen freilich nicht glauben, daß wir das Recht haben, uns über das Schicksal, das Versagen der Elterngeneration erhaben zu fühlen. Diese Generation, die im ersten Weltkrieg gereift ist, war von'Haus aus nicht anfälliger Tür das totalitäre System als jede Generation vorher. Aber sie ist in eine gesellschaftliche Situation hineingeraten die Hitler überhaupt erst ermöglicht hat. Unsere Aufgabe ist es, so gesunde Verhältnisse zu schaffen, daß ein neuer blitler von vornherein zum Scheitern verurteilt ist. Anne Frank sagt: „Ich liebe die Menschen, so wie sie sind, aber viel, viel mehr noch, wie sie sein könnten." Wir müssen die Verwirklichung des Menschen zu unserem Ziel machen, um ihrer wür dig zu werden. K. K. Bauinpiflanzungen in Israel Der Keren Kajemeth pflanzte in in der Saison des Jahres 1956-1957 5,783.697 Bäume, eine bisher unerreichte Rekordziffer, wie die Forstabteilung der Institution in ihrem Jahresbericht bekanntgab. Darin heißt es ferner, das in den letzten drei Jahren 9765 Tonnen Holz aus den Keren Kajemeth-Wäldern für Industriezwecke verwandt wurden.

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