Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1956
- Issue
- Heft 98-99 (August 1956)
- Date
- 1956-08-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2431292-2431390-2431393--0726-2432373- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 8 D I I S r l M M E Nr ()8 99 Ungesühnte Nach der Vernichtung des Nazismus ging di-' f instere Nacht zu Ende und die gesittete Menschheit konnte darangehen, dir' gesellschaftliche Ordnung wiederherzustellen Hiezu gehörte auch der Entschluß, jene Filemente zur Verantwortung zu ziehen, die sich schändlicher Verbrechen schuldig gemacht haben. Soweit man die Nazischakale im Jahre 1945 in Österreich aufgreifen könnt"', machte man ihnen den Prozeß. Erst im Jahre 1947 begannen in Wien die Erhebungen gegen die ehemaligen Wiener Polizisten, die in Boryslaw Massenmorde verübt haben Es sind dies Mitas, Neumayer, Pöl I. Weigl, Schuch und Guldan. Da Boryslaw der Tatort war, und dieses Gebiet der russischen Oberhoheit untersteht, verlangte die russische Besatzung die Auslieferung der Beschuldigten. In Rußland machte man den Schwerverbrechern den Prozeß, der mit der Verhängung von lebenslänglichen Zuchthausstrafen endete. Als Rußland im Jahre 1955 den Staatsvertrag mit Österreich abschloß — verlangten österreichische Politiker — die Uberstellung der Kriegsverbrecher in ihre österreichische Heimat Die Russen gaben dem Anliegen der Österreicher unter der Bedingung statt, daß die Ausgelieferten dem hiesigen Strafgericht überantwortet werden. Trotz der vom österreichischen Innenministerium verschul- 24. Zionist Aun Grund des1 Beschlusses des Vorstandes des Zionistischen Landesverbandes nahm dessen Präsident Herr Wolf Tischenkel am 24- Zionistenkongreß als Delegierter teil. Nach seiner Rückkehr aus Jerusalem riefen wir eine Versammlung ein, mit der Tagesordnung: Berichterstattung über den Verlauf des 24- Zionistischen Weltkongresses. In einem groß angelegten Referat, daß er vor einem großen Forum hielt, schilderte Herr Tischenkel zunächst seine Eindrücke, die er am Schiff, das marokkanische Olim nach Israel brachte, empfangen hatte. Während der, mehrere Tage dauernden Reise, unterhielt sich Herr Tischenkel mit den marokkanischen Brüdern, erforschte ihre Art und ihr Wesen, zog Schlüsse aus ihrer Vergangenheit und gewann die Überzeugung, daß man in diesem Falle das Beste prognostizieren kann. Über den Ver- Verlauf des Kongresses Führte Herr Tischenkel aus: Der Kongreßsaal Binjane Ha-uma, bot ein imposantes Bild. Die Delegierten setzten sich aus erfahrenen, und verantwortlichen Persönlichkeiten zusammen, die lange'Jahre aktiv tätig waren, durch eine harte zionistiche Schule gingen und die Leistungen, die bis jetzt für Israel vollbracht wurden, ins richtige Licht zu setzen verstanden Es wurden Probleme behandelt von außerordentlichem Gewicht Im Vordergrund der Kongreßtagung standen, das Problem der Verteidigung Israels, die Verbesserung der Bewaffnung, die Entschlossenheit das Land mit allen Mitteln zu schützen Massenmorde deten Verzögerung und vom gegenwärtigen Bundesminister für Landesverteidigung Graf unternommenen Interventionen zu Gunsten der Massenmörder, Tand der Prozeß tatsächlich vor einem Wiener Schwurgericht statt und erregt ' nicht weniger Aufsehen, als der seinerzeitige Prozeß gegen den berüchtigten Würger Brunner I! der auf dmu Galgen endete Ein nicht geringes Verdienst daran,daß dieMassenmörderMitas und Konsorten ausgeforscht und vor das Gericht gestellt werden konnten, erwarb die Jüdische Dokumentation i n Wien unter Leitung von Tadek Friedmann Die sechs Angeklagten waren als Schutzpolizisten nach Boryslaw kommandiert worden um dort Wach- und Absperrdienste zu leisten Ihre Aufgabe erblickten aber die ehemaligen Wjener Polizisten darin, jüdische Männer Frauen, Kinder und Greise Kranke und Körperbehinderte zu peinigen, zu schänden, zu plündern und zu morden. Die ärmsten Menschen, mußten ihre Gräber selbst schaufeln, worauf die Kriegsverbrecher aut sG schossen. Wer noch nicht tot war. wurde in die Grube gestoßen, die unverzüglich zugeschüttet worden ist. Das Scheusal Mitas forderte einen Mann an. der voll damit beschäftigt war. für ihn die Pistole zu laden, weil Mitas sonst mit den Massenerschießungen der Juden nicht fertig geworden wäre. enkongreß und das Problem, die Verbundenheit mit der Golah "außerordentlich gut zu gestalten Der neugewählten Exekutive fällt die vordringliche Aufgabe zu, die Verdoppelung der Alijah aus Marokko herbeizuführen und in der allernächsten Zeit. 30.000 Olim aus diesem Gebiet ins Land zu bringen Zwecks Intensivierung der Alijah aus dem europäischen Westen soll eine eigene Mittelstandsalijahabteilung geschaffen werden Es wurde hervorgehoben, daß die Schaffung des Staates Israel erst einen Beginn bedeutet Deswegen brauchen wir nach wie vor eine starke zionjstische Bewegung, die den Gedanken des Ausbaues Israels zu einem wahren Heimland des ganzen jüdischen Volkes, wo immer sich seine Teile befinden mögen in dje Tat umzusetzen fähig uncl bereit ist Israel wird das Zentrum der kulturellen, geistigen und religiösen Bestrebungen des jüdischen Volkes sein. Dje ganze schwere und schicksalsbedingte Arbeit, welche Israel leistet wird sich zum Wöhle des ganzen jüdischen Volkes auswirken. Der Redner konnte aus eigener Wahrnehmung die grandiosen Leistungen des Jischuw Teststellen Würde sich jeder Jude aufrichtig die Frage stellen, was ihm der Bestand und die Entwicklung des jüdischen Staates bedeutet, dann müßten alle luden, insbesondere die Europas weitaus mehr leisten, als sie es bisher getan haben. Präsident Tischenkel appellierte an das Forum seine Anstrengungen für das Land unserer Zukunft zu vervielfachen. Der Wahrspruch der Wiener Geschworenen lautete für Mitas lebenslanger schwerer Kerker, für Josef Poll 20 Jahre schwerer Kerker Dir an:lereil vier Angeklagten wurden iengesproch''n Der Freispruch dieser Verbrecher, bis auf Guldan, muß als Irrtum der Geschworenen qualifiziert werden Neumayer, Weigl und Schuch hallen eingestandenermaßen an Mas senmorden teilgenommen Leider sind ihre Opfer tot und der"'n Schweigen hat die Geschworenen nicht überzeugen können Folgerungen für unsere Brüder Wir Juden, die wir die Gezera überlebt haben, müssen uns Rechenschaft darüber geben, daß uns daraus vielfältige Verpflichtungen gegenüber unseren Brüdern, gegenüber dem neuerstandenen jüdischen Staat und seinen Institutionen erwachsen .Jene Juden denen es gelungen war. aus 'dem Dritten Reich zu flüchtenkamen infreieLändter,wo sie sich infolge objektiver Bedingungen wirtschaftlich nicht einzuordnen vermochten — Es waren in erster Reihe jüdische Hilfsorganisationen, die den Flüchtlingen Hille brachten und ihnen ermöglichten. die schwere Zeit zu überbrücken Aber auch im damaligen Palästina, das eine Zuflucht- Stätte war waren die Plejtim geborgen und genossen brüderlichen Schutz, Eine, wenn auch bescheidene Zahl von Juden, kehrte nach Wien zurück und bot Erfahrungen und Fähigkeiten auf, um hier Fuß fassen zu können Es ist aber leider Tatsache, daß es vielen Zurückgekehrten nicht gelungen ist einen zufriedenstellenden Lebensstandard zu erreichen was zu»- Folg ' fiat, daß sie in kümmerlichen Verhältnissen rlas Leiien tristen Aber ein Tejlder zurückge keh rt en Jud'n war des Glückes teilhaftig in Wien wirtschaftlich Fuß zu fassen Auf Grund ihrer erworbenen Kenntnisse, Erfahrungen, (nt eiligen/ und Fähigkeiten Situationen richtig zu erfassen brachten sie 's zu Wohlstand Der Wohlstand legt unseren Brüdern die Pflicht auf. daran zu denken daß die Geburt des Staates Israel einen neuen Zeitabschnitt einleitet'' und der Hilfe nicht entraten Kann fn diesem 'Zusammenhang dürfen wir die oft erörterte Frage aufwerfen, ob jener Teil der Juden, der die Frücht? seiner Arbeit genießt und darüber hinaus über Vermögen verfügt. Israel und den jüdischen Institutionen materiell schon beizustehen sich entschlossen hat Wie soll man es qualifizjeren. wenn wohlhabende Juden sich der Illusion hingeben, daß sie in der Galuth ein sicheres und unangefochtenes Leben führen können und keine Veranlassung finden an das jüdische, an das nationale Schicksal zu denken? Es ist leider eine traurige Tatsache, daß viele wohlhabend? Juden bis zum heutigen Tage, weder dem Keren Haiessod noch dem Keren Kayemet Zuwendungen machten und daß sie sich nicht bewegen ließen, dem geradezu heiligen Gebot Genüge zu tun- Wir unterlassen es darüber zu sprechen, daß eine Reihe wichtiger jüdischer Institutionen auf Hilfe angewiesen ist und bei unseren Wohlhabenden auch kein Gehör findet Sollten uns die bitteren Erfahrungen der traurigen Vergangenheit nicht belehrt haben, dann haben wir der Zeiten Lauf nicht erfaßt. LOTTE SCHARE Hohe Feiertage in Israel Merkwürdig schon um Wochen früher schwebte in der Luft, verriet das äußere Bild der Stadt Tel-Aviv — da ich hier lebe, weiß ich das am besten zu erzählen —, jene gottesfürchtige Atmosphäre, welche hierzulande die hohen Fejertage anzeigt Fürwahr wie ejn Wunder Gottes, wie so manches jüdische Wunder, das wir in unserer Geschichte zu verzeichnen haben, ist diese Stimmung Trotz der Einflüsse der neuesten Zeit, in der der Großteil der Bevölkerung leichtgläubig, wenn schon nicht freigläubig ist, in der man um eine Reformation ringt, und in welcher viele Intellektuelle und Wissenschaftler in der Presse längst angesucht haben, daß ein Synhedrion einige Privilegien einführe, weil auch so manche gesetzestreue Juden darunter leiden, daß manches nicht mehr zeitgemäß ist, machte sich eine friedliche, feierliche und sehnsuchtsvolle Festesstimmung überall bemerkbar Ich habe z B. noch gut in Erinnerung, wie .sich diese Tage in den kleinen ßukowinaer und ostgalizischen Städtchen feierlich ausgewirkt haben, wie sich über diese Gebiete eine heilige Stimmung ausbreitete, wie fast eine Todesstille dort herrschte. Ausgestorben waren die Gassen während der Betzeit. Den feierlichen Eindruck jedoch, den Erez Israel trotz aller verschiedenen Gesinnungen, trotz aller Gedanken- und Willensfreiheit zu diesen Tagen macht, gibt es nirgends, und das angenehme Gefühl, im eigenen Lande die Hohen Feiertage zu begehen, kann niemand auch nur einigermaßen naturgetreu wiedergeben Stehen zum Beispiel an allen Ecken und Enden Tischchen mit Glückwunschkarten zum *Neuen Jahr Die eine Auswahl bunter als dje zweite erhaben fürs Gemüt und fürs Auge wunderbar. ln allen Nuancen, in allen Schattierungen, prächtig wirkt sich aus dieses Gebilde und auch schon in den Postämtern ists voll, damit befördert wird in Bälde. — Da wieder steht man mit Siderlech’, Jarmikalech und allerlei Kopfbedecken und was sonst die zeremoniellen Bräuche fordern, die wirklich Gelühl zum Judentum erwecken. Mag sein, daß es auch die Wirkung dieses Fadens ist, der sich gezogen hat, und uns Juden nicht verschmelzen ließ daß das jüdisch? Volk Jahrtausende gegangen ist und daß Erez Israel unser ist!