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Die Stimme · 1954-04-01 · Heft 85 (April 1954) · page 1

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Journal
Die Stimme
Volume
1954
Issue
Heft 85 (April 1954)
Date
1954-04-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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V. b. b. iimme meinen Zionisten in Österreich Zionistischer Landesverband Wien nrn c"¥?rrr n^rn n^nam Preis 2 Schilling Redaktion und Administration : Wien IX, Universitätsstr. Nr. 4/4 Telefon A 26 4 73 Postscheck-Konto Nr. 134.292 April 1954 n RldllMMNIIIIIIIIIIHIMIMIIIIIIlIHMIM Nr. 85 - 1954 ARIE ESHELf Konsul des Staates Israel: Verheißung und Eine Antwort i. Brauchen wir heute noch den Zionismus {' flat er nicht schon seine Funklion erfüllt und eixstiert er vielleicht nur noch auf Grund des historischen Trägheitsgesetzes und weil ein Apparat vorhanden ist, der sich weigert, mit der Idee, zii deren Verwirklichung er geschaffen worden ist, unterzugehen? Hat er, nachdem der Staat Israel gegründet worden ist, die Aufgabe, die ihtn gestellt wurde, nicht bereits verwirklicht oder — falls nicht — ist es nur der enge Rahmen der zionistischen Organisation, dem die weitere Verwirklichung obliegt? Hat überhaupt jemand heute noch das Recht, sich Zionist zu nennen, wenn er nicht die Absicht hat, in absehbarer Zeit nach Israel auszuwandern? Ist die zionistische Bewegung nicht wirklich ein Anachronismus geworden, nachdem seit der Gründung des Staates Israel die Hilfeleistung für ihn von viel größeren Kreisen als den in der zionistischen Organisation zusammengefaßten geleistet wird? Woher leitet ulso ein Zionist das liecht ab, auf Sonderstellung im jüdischen Leben und fordert für sich eine bevorzugte Behandlung, vielleicht sogar seitens Israels, wenn er nichts weiter tut als seine unvcrpfliehtende Zugehörigkeit zu der zionistisch;« Organisation oder Idee zu proklamieren? Das sind ernste Fragen, die sowohl in Isruel wie auch in der Galutli aufgeworfen und lebhaft diskutiert werden. Die Diskussion leidet noch an verschiedenen Mängeln. Sic ist bisher auf einen relativ kleinen Kreis beschränkt, wird von der zionistischen Oberschicht geführt, die versucht, sich, angesichts der durch die Gründung eines jüdischen Staates geschallenen Neukonstellation, zu orientieren. ln erheblichem Maße ist sie auch hervorgerufen durch den Druck jener zionistischen Führer von gestern, die heule in Israel an leitender Stelle stehen, und nicht zögern, die Mängel der zionistischen W eltbewegung schärfstens zu kritisieren. Das Interessante an der Diskussion jedoch ist, daß sic innerhalb des zionistischen Lagers geführt wird, nicht aber zwischen Zionisten und Nichßfioniston. Das ist sicher zum Teil eine Folge der Tatsache, daß die zionistische Bewegung vorläufig an der Frweiterung der Diskussionsbasis nicht besonders interessiert ist, solange sie selbst noch keine endgültige feste Position bezogen hat. Aber cs lut zweifellos auch damit zu tun, daß in bezug auf die Verwirklichung gewiss r konkreter Gegenwartsarbeiten für Israel, Zionisten mul NichtzioUistcn harmonis äi Zusammenarbeiten. Manchen möge es scheinen, daß das llinauslragen der Diskussion aus den engeren zionistischen Kreisen eine Gefährdung dieser Zusammenarbeit bedeuten könnte. Das islnuhl zu befürchten, obgleich es mit in ka if genommen werden muß. Niemals lut man einen historischen Prozeß dadurch au (gehalten, daß man die ihn bestimmenden Faktoren verschwiegen, oder gar gewaltsam zurückgedrängt hat. Die Diskussion ist unvermeidbar, mir sollte man sich davor hüten, sic in eine billige und unwürdige Polemik ausarlen zu lassen. II. Wohl niemand, der in Israel als Staatsmann oder Bürger in der letzten Zeit die Frage der Existenzberechtigung des Zionismus aufgeworfen hat, tat es deshalb, weil er ihn einfach für überflüssig hielt. Die von manchen Seiten erhobene Forderung nach einer Erweiterung des Rahmens oder der Schaffung einer pro-israelischen Bewegung in der Galutli, etwa als „Freunde Israels“ oder mite - anderem Namen, beruhte nielu aar einet Kiilik, keinesfalls auf Ablehn mg der zionistischen Idee, sondern ist zio nistische Wirklichkeit. Wenn tatsächlich in bezug auf die materielle Gegcnwnrtsarbei! für Israel, ein sich als Zionist bezeichnender Jude nicht mehr von einem Nichtzionisten zu unterscheiden ist, wozu dann wirklich die Wetterführung der Sonderexistenz? Mit dieser Kritik winde nicht versucht, die zionistische Bewegung und Organisation zur Selbstauflösung zu bewegen. Vielmehr versuchten die Treuen um den Zionismus Besorgten, die Bewegung und ihre Führung zu einer klaren Stellungnahme, im Hinblick auf die gewaltigen Aufgaben der Zukunft zu zwingen. HL Wir sprachen bisher von den Kritikern von innen heraus, das heißt, von jenen in Israel oder in der zionistischen Bewegung. Es gibt auch eine Kritik von außen, die nicht immer mit der nötigen Objektivität geführt wird, aber den Eindruck erwecken kann, als würde sie sieh mit der von innen geübten Kritik identifizieren. Ein Israeli und ein in der Gallith lebender konsequenter Nichtzionist können an und für sich die gleiche Frage nach der Existenzberechtigung des Zionismus stellen. Die identisch lautenden Fragen sind sich aber in Bezug auf ihre Tendenz nicht ähnlicher als eben zwei Eiscnbahnziige, die sich auf der Fahrt in entgegengesetzte Richtungen für wenige Sekunden am selben Platz treffen. Der Kritiker von innen heraus, der mit der Lage des Zionismus nicht einverstanden ist, fordert mit aller Entschiedenheit mehr Zionismus, inhaltsreichere Arbeit und ist bereit, auf die Organisation zu verzichten, wenn sic ihm nicht die Erfüllung seiner maximalistischcn Postul'üc garantiert. Ihn befriedigt es nicht, wenn ein Zionist wie ein anderer Jude Geld für Israel spendet oder am Lnabhängigkeitstag seine Sympathie mit dem Staate Israel in mehr oder weniger pathetischer Weise betont. Er, der Maximalist, fordert die Rückkehr zur Grundsubstanz des Zionismus und eine Erneuerung seines Wesens. Umgekehrt der Niclitzbnist! Ihm scheint, daß es zwischen ihm und dem Zionisten in dem Moment keinen Unterschied mehr gibt, als beide nicht mehr tun, als ihrer Sympathie für Israel geistig und materiell Ausdruck zu geoen. Der Nichtzionist bestreitet deshalb die weitere ’Exislenzberechtigung und Nocwemligkeii der zionistischen Bewegung. Der zionistische und der nichtzionistische kritiker sind wie Väter, die ihre Kinder aus folgenden Erwägungen aus der Schule almielden: Der eine tut es, weil er glaubt, daß sein Kind schon genug gelernt hat, dem anderen scheint es, daß die'Schule dem Kind nichts mehr zu bieten hat, weshalb man es in eine vermutlich bessere schicken sollte. Erfüllung IV. Die in der zionistischen Bewegung laufende Diskussion beweist, daß in ihr noch ein genügendes Maß von Selbstkritik vorhanden ist. Sechs Jahre nach der Schaffung eines autonomen jüdischen Staates ist sie voller Unruhe und geht daran, ihre Ideologie einer grundlegenden Revision zu unterziehen. Zu einem Gespräch mit den, Ziel verfolgenden Nichtzionisten, ist es dabei noch nicht gekommen, doch wird es nicht zu umgehen sein. Allerdings wäre es notwendig, daß das nichtzionistische Lager den gleichen Mut wie die Zionisten aufbringt, indem es nicht mit einer selbstgefälligen Kritik der anderen anfängt, sondern zunächst mit einer Kritik an sich selbst. Keinesfalls darf man mit den mangelnden Leistungen der Gegner von gestern, seine eigenen Unvollkommenheiten verdecken. Der Zionismus als Ideologie ist eine Prognose und eine Therapie. Er ist in erster Linie die Negation, der das jüdische Volk zerfressenden Assimilation und stand von jeher mit ihr in dauerndem, harten Kampf. Der Staat Israel wäre heute ein anderer, größerer, stärkerer Faktor, wenn die Nichtzionisten, die gestern meistens Antizionisten waren, nicht den Zionismus als schädliche Utopie bekämpft hätten. Nicht die Idee des Zionismus hat bankrottiert. Bankrott erlitten hat der heftige Antizionismus, deu die Galutli begeistert, sie bejaht, die Assimilation fordert und verwirklicht, die Idee der Rückkehr naeh Zion als einen reaktionären Anachronismus brandmarkt und lächerlich macht. Er ist es, der von der Geschichte der letzten Jahrzehnte widerlegt worden ist, nicht aber die zionistische Idee. Mögen die Zionisten als Menschen unzulänglich gewesen sein, mögen sie in ihrer Mehrheit auch nicht die letzte Konsequenz aus ihren Forderungen selbst gezogen haben — wer nicht, wenn sic, waren die Träger des großartigen Versuches der konstruktiven und positiven Lösung der Judenfrage? Wer denn, ist die Frage, wenn nicht die zionistische Bewegung und von der zionistischen Idee beseelte Pioniere bauten unter den größten Schwierigkeiten die Grundlagen, auf denen Israel heute ruht? Waren es nur Schwierigkeiten von außen, mit denen man kämpfen mußte? Wie viel Energie mußte die Bewegung der konstruktiven Arbeit in Israel und in der Galutli entziehen, weil man ihr seitens der Vorkämpfer der Assimilation iibcihaupt das Lcbcnsrceht bestritt? Wenn man unsere Geschichte der letzten Jahrzehnte schreiben wird und wenn wir uns selum heute in Israel fragen, warum unser Staut nicht stärker geboren wurde, nicht größere Gebiete umfußt, nicht gefestigter als er heute ist, so dürfen wir nicht nur die Schuld auf die mangelnde Verwirklichungsbereitschaft der zionistischen Bewegung wälzen. Ein erheblicher Teil der Kräfte, die besser dem Aufbau Israels gegolten hätten, ging im nulluihtbarcn aber notwendigen Kampf mit den radikalen Verneinern einer jüdisch-nationalen Lösung der Judenfrage verloren. Die Feststellung dieser historischen Tatsache und die Erkenntnis, daß die antizionistische Ideologie totalen Schiff - Fortsetzung auf Seite 2 GUSTAV LEITNER Präsident der Zionistischen Föderation In dem Organ des „Bundes werktätiger Juden“ unternimmt der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde, Herr Dr. Emil Maurer, den Versuch, die Bilanz der Wiedergutmachungsverhandlungen mit der österreichischen Regierung zu verwischen und den Juden Wicn’s klarzumaclicn, daß schwarz weiß und weiß schwarz sei! Er glaubt ferner, daß er und seine Kollegen, die jahrzehntelang gegen die zionistische Bewegung und für eine vollkommene Assimilation eingetreten sind, für sich das Recht in Anspruch nehmen, können, den Staat Israel gegen den Zionismus aufezuspielen. Ueber die Haltung dev österreichischen Regierung in der Frage der Wiedergutmachung besteht wohl bei niemandem ein Zweifelf. Dr. Maurer selbst und auch sein Organ „Der Bund“ haben sich, ebenso wiealjle anderen jüdischen Kreise Oesterreichs, in kljarer und nicht mißzuverstehender Weise über sic geäußert und die österreichische Regierung wegen ihrer verschleppenden und negativen Taktik auf das Schärfste angegriffen. Nun vergißt aber Dr. Maurer scheinbar, daß die SPÖ fast die Hälfte der österreichischen Regierung stellt, für welche es laut Koalitionspakt nur einstimmige Beschlüsse gibt und geben kann. Der „Bund“ weiß dies natürlich, denn sonst würde er in seiner Nr. 11/12 vom Dezember 1953 nicht geschrieben haben: „Wie merkwürdig, daß Herr Nationalist Probst, der Zentralsekretär der SPÖ, beim Finanzminister über die Art der jüdischen Ansprüche und den Verlauf der Verhandlungen anfragenmußte, als ob er nicht viel rascher bei einem der sozialistischen Regierungsmitglieder anfragen könnte, die doch alle bei den Ministerratssitzungen, bei welchen die jüdischen Ansprüche erörtert wurden, zugegen waren.“ Non weiter: Am 15. Jahrestag der Zerstörung der Tempel, am 8. November 1953, erklärte Dr. Maurer: „Die führenden Männer in Deutschland haben den ehrlichen Willen gezeigt, so weil als menschenmöglich die Schmach der Nazizeit auszulöschen. Wo sind die Männer in Oesterreich, die so öffentlich für die Wiedergutmachung eintreten? Es fehlt bei uns der gute Wille.“ Meint etwa Dr. Maurer mit den führenden Männern Oesterreichs nur die ÖVP? Kann sich „Die Stimme" nicht auch auf Dr. Manier berufen, wenn sie sagt, daß die SPÖ mit zu den Gegnern der Regelung mit den Juden gehört? „Die Stimme" hat damit gewiß nicht der ÖVP ein Leumundszeugnis ausstcllen wollen. Wäre der Bund der ÖVP ««geschlossen, so hätte man an ihn dieselbe Frage gerichtet. Man möge uns doch den Widerspruch zwischen den schweren Anklagen, die Dr. Maurer gegen die österreichische Regierung erhoben hat und seiner Frage: „Woher weiß „Die Stimme", daß die SPÖ zu den erbittertsten Gegnern gegen jede Regelung mit den Juden gehört" aufklären! Will man etwa behaupten, daß die SPÖ im Ministerrat gegen die Vorschläge der ÖVP gestimmt hat? Will man dem jüdischen Wien glauben machen, daß die österreichische Regierung keine Koalitionsregierung ist, die einstimmige Beschlüsse faßt? Wie sehen Nichtsozialisten und Nicht- Fortsetzung uuf Seite 2

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