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Die Stimme · 1954-02-01 · Heft 83 (Februar 1954) · page 1

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Journal
Die Stimme
Volume
1954
Issue
Heft 83 (Februar 1954)
Date
1954-02-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Preis 2 Schilling V b. b. timme ÖCQOH itc Allgemeinen iiOHUten in ÖstecctUU jru Redaktion und Administration : Wien IX, Univcrsitatsstr. Nr. 4/4 Telefon A 26 4 73 1 Postscheck-Konto Nr. 134.292 Februar 1954 ttltMMMttltlltlttttttMIMIttlflfMMt! jf Zionistischer Landesverband Wien -kth Nr. 83 - 1954 Gerechtigkeit oder Wählerlang Die W icdci gutmaclnmgsv erhandlungen zwischen der östciTcicliisclien Regierung und den jüdischen Weltorganisationen sind abgebrochen. 15s handelt sich nicht um einen taktischen Schachzug einer der beiden Seilen, sondern um einen, wie es den Anschein hat. endgültigen Abbruch, der eine direkte Folge eines plötzlichen Stellungswechsels seitens des österreichischen Verhandlungspartners ist. Natürlich ist die österreichische Regierunng bestrebt. die Schuld der anderen Seite zuzuschicben. Wie könnte es auch anders sein? Nach der großartigen diplomatischen Leistung des Ballhuusplutzcs fühlen sieh die Vertreter der Hundesregierung verpflichtet, den Organisationen vorzuwerfen. daß sie viel zu hohe Ansprüche gestellt und damit ,.schwere taktische Fehler1'' begangen hätten. Die Organisationen haben eben die l nverschümtheit gehabt, nach Wien zu kommen. ohne der österreichischen Itcgicrung vorzuschlagen, ihr einen größeren Betrag für die seitens der österreichischen •Juden der lokalen Bevölkerung zugefügten Leiden als Entschädigung zu zahlen. Sic haben die Torheit begangen. eine soziale Gesetzgebung zu fordern, wie sie in anderen Ländern bereits seit .Jahren durchgeführt worden ist, und für die jüdischen Emigranten österreichischer Herkunft eine ähnliche Behandlung zu verlangen, wie sie die österreichische Bundesregierung den Volksdeutschen. die niemals österreichische Bürger waren, gewährt. Die österreichische Bundesregierung hat sich gezwungen gefühlt, den Verhandlungen ein Ende zu bereiten, indem sie einseitige Erklärungen abgab, die eine völlig neue Situation herstclltcn. Sie hat für sich dieses Beeilt in Anspruch genommen und verübelt es Dr. Nalium Goldmunn, darauf vor der Oeffcntlichkcil zu reagieren. Wie wagen es auch die jüdischen Organisationen, für sieh dieselben Privilegien in Anspruch zu nehmen wie die Wiener Regierung? Die österreichische Regierung hat als erste das mutige und kluge Werk vollbracht, den jüdischen Bluff zu durchschauen, auf den andere Staiitsmännei von kleinerem Formal, w ir etwa der deutsche Bundeskanzler, herein - gefallen sind. Sie ist dazu zu beglückwünschen und Wcltblätler wie der ..Wiener Samstag” oder der ..Wiener Montag” haben es sofort getan. Daß kleine Provinzoigniie. wir die „New \ ork Times”. eine andere Linie \erfolgen, muß nicht liir \ol| genommen werden. Wer liest schon in 'Pirol die „New A ork Times"? Vor einem Transfer der Sozialrenten Amtlich wird mitgctcill: Der Minister für soziale Verwaltung wird demnächst im Ministerrat eine Aen derung des Sozialv ersicheru ngs- Leber lei - tungsgesclzes beantragen, nach der unter bestimmten Voiaussetzungen rückwirkend ab I. Mai 1950 Sozialversicherungsrcnlen samt Tcucrungszuschlügcii und Ernährungszulagen an im Ausland wohnende Emigranten gewährt werden sollen. Der Transfer dieser Leistungen ins Ausland lichtet sich nach den Vorschriften der Devisengesetzgebung. In manchen österreichischen Köpfen scheint immer noch der Gedanke herumzuspuken. daß es die jüdischen Unterhändler darauf abgesehen hätten, durch ihre „übertriebenen” Forderungen einerseits Oesterreich dem ökonomischen Ruin zuzuführen und andererseits das amerikanische Judentum oder den Staat Israel wirtschaftlich zu sanieren. Es beweist nur die provinziale Einstellung mancher Kreise. wenn sie solche absurde Gedanken liegen. Ebenso zeugt cs nicht von politischer Weitsichtigkeit, wenn man jetzt, nachdem man die Verhandlungen zerschlagen hat, den Organisationen vorwirft. sie beabsichtigen, in unfairer Weise gegen die österreichische Unabhängigkeit und die völlige Befreiung des Landes zu arbeiten und so ihre Rache zu nehmen. Auch dieses Argument ist anscheinend weniger für außenpolitischen Konsum, als zur IJeruhigung des eigenen Gewissens oder zur propagandistischen Ausschlachtung des gewaltigen österreichischen Sieges für die Wählermassen gedacht. Die •Juden werden Oesterreich diesen Gefallen nicht tun und werden kein junctim zwischen ihren Forderungen und den berechtigten Forderungen Oesterreichs auf Souveränität herstcllen. Diejenigen jüdisch-amerikanischen Persönlichkeiten. die die jüdischen Verhandlungen leiteten, können nicht verdächtigt werden, zusammen mit der Sowjetunion etwa eine heilige Alliance gegen die Unabhängigkeit Oesterreichs zu schließen. Im Moment sieht die Lage nämlich gerade umgekehrt aus: Die einzige politische Partei Oesterreichs. die sich öffentlich in aller Schärfe gegen die Verhandlungen mit den jüdischen Weltorganisationen eingesetzt hat, war bekanntlich die KPU. Nicht einmal der VdU hat, soweit wir wissen, gegen die Verhandlungen als solche protestiert. Die österreichische Bundesregierung wußte ferner, daß die westlichen Besatzungsuiuehtc sympathisch einem freundlichen Uebercinkommcu zwischen den Juden und der österreichischen Regierung gegenüberstanden. Die brüskierende Haltung der österreichischen Regierung und ihr plötzlicher Stellungswechsel konnte also in keinem Lager mehr Begeisterung hervorrufen als bei den Kommunisten. Damit ist die groteske Lage geschaffen worden, daß die österreichische Regierung in Bezug auf das Gebiet der Wiedergutmachung eindeutig die von der KPD verlangte Linie eingenommen hat. Die kullusgemeinde Wiens sowie der \ erband der Kultusgemeinden Oesterreichs haben die Verhandlungen gemeinsam mit den Weltorganisationen geführt. Niemand konnte mehr an ihrem Gelingen interessiert sein als die in Oesterreich lebenden Glaubensjuden. Die besondere Zusammensetzung der Wiener kultusgemeiiide bringt es mit sich, daß ihre stärkste Fraktion, die der ,.Werktätigen Juden”, eine führende Rolle bei den Verhandlungen eingenommen Imt. Bekanntlich jedoch ist der „Bund der Werktätigen” der SPÖ angeschlosseii und bekanntlich gehört die SPD zu den erbittertsten Vorkämpfern gegen jede Regelung mit den Juden. Nachdem es dem Bund nicht gelungen ist, die Führung seiner Partei zu Mäßigkeit und Vernunft zu überreden, ist es interessant zu wissen. auf welche Weise er nunmehr die Konsequenzen aus der erstaunlichen I lal - tung der SPÖ ziehen wird. Die „W erktätigen”, die bisher immer getreue Diener ihrer Herren waren, sind nach wie \or den Beweis schuldig, daß ihnen die jüdischen Belange wichtiger sind, als die Interessen einer Partei, die KONSUL ARIE ESHEL: Es mag einem Touristen leicht sein, nach einem Aufenthalt von drei Wochen über seine Eindrücke aus Israel zu berichten und es mag einem Israeli, der ins Ausland kommt, nicht schwer fallen, über die Lage im Lande zu erzählen, wenn auch wahrscheinlich beide Berichte grundverschieden sein würden. Es ist'aber einem Israeli, der gewissermaßen als Tourist nach Hause kommt, gar nicht leicht, eine objektive Schilderung der Dinge zu geben, da er einerseits zu sehr dazugehört und doch andererseits wieder nicht genug im tagtäglichen Leben wurzelt. um aus ihm heraus sich ein Werturteil zu bilden. Jedenfalls bube ich selten. so wie nach diesem Besuch, die Seineicrigkeiten empfunden, nach meiner Rückkehr auf Fragen, die mir gestellt w irden, zu antworten und überzeugend zu belichten. Die Wirklichkeit Israels ist so vielfältig. daß sie verwirrend wirkt. Es kommt letzten Endes auf den Ausgangspunkt an. \on dem aus man sie beurteilen will, wenn auch damit von vornherein die Garantie der Objektivität jeder Schilderung genommen ist. Versucht man, Israel auf Grund der persönlichen Stimmung eines großen Teiles seiner Bewohner zu sehen, so kann man bei recht negativen Konsequenzen landen. Der Lebensstandard der Bevölkerung ist im Durchschnitt gesunken. Für viele ist ihr Verdienst gerade ausreichend. um ein Evistcnzminimum zu bestreiten. Der großen Fülle des Warenangebotes steht eine kuufunlahigkeit eines großen Teiles der Bevölkerung gegenüber. Zwar kann man nicht sagen, daß cs am Elementaren fehlt. Praktisch hat jeder genug Gehalt oder Lohn, um für sich und seine Kinder genügend Lebensmittel einzuknufen. Aber bekanntlich muß ein Durchschnittsjude, wenn er auch die gröbste manuelle Arbeit verrichtet. einige Male im Monat ins Theater oder Konzert gehen oder seinen Kindern zumindest die G\mnasialausbildung garantinen. I nd das ist heute für einen großen Sektor der Bevölkerung nicht mehr leicht. Aus diesem Grunde ist ein gewisser Mißmut vorhanden, der in vielem zu spüren ist. Es wäre aber grundfalsch zu glauben, daß die Bevölkerung etwa in einem Zustand tiefer Verzweiflung wäre. Man kritisiert die Regierung und die öffentlichen Institutionen. aber nimmt doch letzten Endes alles in Kauf, weil mau weiß, daß es gar keinen anderen \\ eg gibt. Das Durchsclmittsmaß an Geduld und W iderstandskraft des Einzelbürgers ist crfrcidicherwei.se sehr hoch und auch das Durchschnittsmaß an \ ernunft und Abscheu gegen jede Form von Radikalismus ist erstaunlich. W ie ist es sonst zu erklären, daß die extremen Fliihemnumgslos um ein paar hundert Wäh- Icrstimmen willen, die Gebote der Menschlichkeit mit den Füßen tritt. Ein paar scharfe Worte oder Ausrufe der Empörung seitens der Vertrauensmänner der SPÖ in der Kultusgemeinde, ändern nichts an dieser Tatsache. gelparteien. links oder rechts, sich nicht die zweifellos dem Einzelnen sehr viel Unbill verursachende ökonomische Lage zunutze machen und bei den andauernd stattfindenden Munizipalwahlen verstärkte Positionen gewinnen können? Zweifellos ist cs der gesamten Bevölkerung klar, daß nicht nur das subjektive Wohlbefinden des Einzelnen das Schicksal des Landes bestimmt. Der Durchschnittsarbeiter und Angestellte ist sich darüber im klaren, daß die politische und wirtschaftliche Führung des Landes vor großen und grundlegenden Aufgaben steht, deren Erfüllung einzig und allein den Beweis für den Erfolg ihrer Politik bringen können. Es gibt wohl niemand von den Vielen, die über die hohen, oft im Verhältnis zum Verdienst unerschwinglichen Preise murren, der nicht zugleich versteht, daß sowohl die Sicherheitsaufguben des Lundes, wie auch die Notwendigkeit zur Entwicklung seines Wirtschaftspotentials Ilärten verursachen, die aber eine notwendige Durchgangsphase uuf dem W eg zu einer besseren Zukunft bilden. Der israelische Bürger, der fast jeden Tag von den Uebcrgriffcn arabischer Soldaten auf jüdisches Gebiet liest, versteht, daß er manche Genüsse der Sicherheit des Landes opfern muß. Ebenso versteht heute der jüdische Industrielle, daß seine Verdienstmöglichkeit bedingt ist von dem objektiven Nutzen. den er der gesamten Volkswirtschaft zu bringen in der Lage ist. ln erster Linie kämpft man deshalb heute um eine Normalisierung der Relation zwischen Aus- und Einfuhr, um der Anormalität uuf diesem Gebiet soweit als möglich ein Ende zu bereiten. Große Fortschritte wurden in dieser Hinsicht bereits gemacht und werden zweifellos noch gemacht werden. Das Ziel einer Autarkie ist zwar ebenso unerreichbar wie es für andere, weit besser situierte Staaten ist. aber zweifellos kann eine wirtschuftliche Normalisierung hergestellt we rden, deren I laupteigenschaft eine relativ ausgeglichene Handelsbilanz ist. Diesem Ziel gelten heute die Anstrengungen des Staates und seiner wirtschaftlichen Persönlichkeiten, mögen sie nun der Arbeiterschaft oder der Industrie angehören. I eberraschend ist das große lnteress '. das von dien Schichten den grundlegenden politischen Fragen entgegengebracht wird. Die Presse ist, als getreuer Spiegel der seelischen Haltung der Bevölkerung, ■uis di( sein Grunde äußerst dynamisch und auf scharfe Diskussioushaltuug ein- 11 cs teil i. Das ist zweifellos ein positives Zeichen in jaler Hinsicht. Die Bevölkc- Foitsetzunci out Seite 2 Optimismus in Israel

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