Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1953
- Issue
- Heft 81 (Dezember 1953)
- Date
- 1953-12-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Df!. STIMM E Nr. »I Ministerpräsident geht in die Wüste Milieu in die beunruhigenden N:\ehi it litrn i'ilicr Greu/./.w isrhonfälle. Schic - ßerrieu. innere Wimmern und äußere \ erw i klungen, mitten in di' b'dmhlii lien \imsii li len (Tn neu an H i n kennle l\ i ireviktinnen pht/te die Nachricht über den beabsichtigten Kiiektritt des Miitis lei |)i e.' identen David Ken Gurion wir eine I’. »mbe in Lael ein. Wohl liehen si linn seit längerer Zeit Gerüchte um. dal' i'en Gnrinn für /.wri .fahr*' in den Ncgrv eei'rn und ein wissenschaftliches Werk \ erfassen will, wer jedoch seinen ui ü111 iiden Patriotismus, seine \ erblindenluit /. ii Regierung und zum Militär, seine p »litis!ir \k i';t"»’ und seine prrsötiliclu Dv nat*.i i\ k amt, vs all ie dic.se Gerüchte meht ernst nehmen und konnte ihnen vollends angesichts der gegenu artigen gespannten Situation keinen Glauben schenken. I ml dennoch spricht alles dafür, daß cs ben Gurion mit seinem Willen, sieh v on dei Politik zurückzuziehen wirklich einst ist und daß er mit der ihm eigenen Hartnäckigkeit seinen Entschluß mell tatsächlich mirrhfiihmi wird. I ttd auch das paßt wiederum zu dem Menschen Ben t/tirion. so absurd dies auch auf den ersten Blick erscheinen mag. David Ben Gurion kann nicht mit einem gewöhnlichen Maßstab gemessen weiden. Meht deshalb, weil er ein Staatsmann von internationalem Format ist, auch nicht deshalb, weil ihm die Geschichte den M\rthenkrauz eines flelden ums Haupt gewunden hat, sondern weil er von einer Zwiespältigkeit besessen ist, von einer Mischung zwischen Selbstbcw ußtsein und Minderwertigkeitskomplex, die gerade bei .Männern, die in der ersten Reihe des öffentlichen Lebens stehen überaus selten und in ihrer krassen Auswirkung sogar einzigartig ist. Ben Gurion ist kein l surpator im üblichen Sinne. Kr ist weder ein Emporkömmling wie Naguih. noch stieg sein Licht meteorartig auf wie das Mossadeghs. Er lmt die EnGtehung, die Geburt und den Aufstieg seines Landes von der Pike auf mitgemacht und im weiten Maße vereinigt sielt die Entwicklung Israels mit seiner eigenen Karriere. ßen Gurion war Id Jahre alt, als er nach Palästina kam. Er gehörte jener Generation russischer Jugendlicher an, die den Mut aufht at hte. den engen, beklemmenden und bedrohlichen Kähmen des Ghettos zu sprengen, die von dem W ii 1 eil beseelt war, sieh in einem fernen fremden Lande eine neue Heimat za schaffen und die die Kraft aiifbrnriite. als Pioniere mitten in Wüsten und Sümpfen den Grundstein für ein neues Leben zu legen. Er war mit glühender Leidenschaft Pionier: er war Bauer und llirt, Straßenurbeiter und Wächter, er lernte die Malari i am eigenen Körper und die arabischen Feinde aus unmittelbarster .Nähe kennen und das harte praktische Leben war der beste Lehrmeister für die Reifeprüfung, die ihm den Weg zum politischen Aufstieg ebnete. Denn das Aufbauwerk, das mit der Sense in der einen und mit dem Gewehr in der anderen Hand, seine Entwicklung nahm, brachte bereits vor 50 Jahren eine Fülle politischer und sozialer Probleme mit sieb, damals schon mußte jede Handbreit P.oibti nicht nur der verwilderten Natur, sondern auch der Mißgunst der in d«-r kulturellen Entwicklung stark zurückgebliebenen Nachbarn entrissen wertFm und dieser tägliche Kampf schärfte den Sinn mul stählte die Kraft. Schon frühzeitig stand der junge Ben Gurion im Mittelpunkt dieses Kampfes, seine Durchschlagskraft und seine Kühnheit, sein klarer Verstand und seine mitreißende Beredsamkeit stellten ilm Bald an die Spitze der Bewegung der im ersten Weltkrieg nach Amerika Exilierten, die dann als Legionäre nach Palästina ziiriu kkehrten und mit dem Wachsen der Bewegung wuchs auch sein Einfluß und seine Machtposition. Eine Reibe großer Namen, angefangeii von dem des Schöpfers des politischen Zionismus. De. Theodor llerzl, bis zu dem des ersteo Präsiden teil des Staates Israel, Prof. ( haiia \\ eizniann, sind mit der ideellen Entstehung des Judenstaatcs auf das eng'le \e knüpft. aber bei der praktischen Schaffung v »u Israel ragt der Y.rnr Beil Gurion weit über alle anderen hinaus. Er war einer der W eiligen. die in dem Glums mu h (Irr Entscheidung der l \ .am 20. November 1047 nicht da i K >p( verloren und der einzige, der an d nt schicksalsschweren 14. Vl.ai l?»4«. als vierzig Million m Vrahcr marschhei» i f an den Grenzen des w inzigen noch niiio Ino caion Staates standen, als man nii!it wuJAtc. wir sich die Großmächte am midisten l'age verhalten werden, gs gm alle Bedenken und die Angst s ine eigenen Kameraden hinweg mit lä'.ie,' Stimme den Staat Israel ausrief. I'a-iit setzte er seinem Werk die Krone ■inf und als dann der ungleiche krieg mit einem dennw ilirsdieiiiliclisten aller Siege endete, wurde Ben Gurion zum Vitiniialbrldrn. Seit fünfeinhalb Jahren stellt er mm ah Ministerpräsident auf der Kommandobrücke des kleinen Schiffes. das über wogende Wellen hinweg und an spitzen Klippen vorbei, den Weg in einen sicheren Hafen zu erreichen sucht. Lnablässiges Säbelrasscln der benachbarten \: aberstaateil bedroht den äußeren, w irtsi liaftlicbe Krisen den inneren Frieden des Landes und es bedarf einer starken Hand, um allen Gefahren Trotz zu bieten und den eing',srhlagenen Weg unentwegt weiter zu verfolgen. Ben Gurion bat weder Diplomatie noch Strategie sln- (’irt. der gesunde Menschenverstand war s(in Lehrmeister in der Politik und (Ft klare Blick sein Führer auf dem Schlachtfeld. aber da' Geheimnis seiner Erfolge liegt in der starken I fand, die stark war. als si;- den Staat sHuif und stark blich l:L auf den heutigen Tag. Fist somit kein Wunder, wenn der Ministerpräsident Dav id Beu Gurion von S( Ihstbew ußtseln erfüllt ist. Aber dem Ministerpräsidenten David Ben Gurion sieht der Mensch Ben Gurion gegenüber. Der Mensch Ben Gurion entstammt einem Milieu, das in der engen Stube des fernen russischen Städtchens neben dem halten Kampf um das trockene Brot, nur eines kannte — das Lehrbuch, das Studium der einzige Lebensinhalt war und das schon den vierjährigen Knirps an den harten Buchstaben der Bibel zwang. Der Palästinawanderer, der mit neunzehn Jahren in die Fremde zog nahm nur ein halbes Wissen mit sieh, aber der seit Gene1 11innen tief verankert!“ Dr ing nach Bildung mul Können, nach Beile und Vollendung lug in seiner Seele tief verwurzelt. In der Eingebung von Dichtern und Gelehrten, von Bibelkriinuoi und Sprachforsehern trat dein erfolgreichen Politiker und Stratege l der Mangel doppelt zu Bewußtsein und seihst auf der obersten Sprosse (Dt steilen Leitm des Triumpfcs strebte sein unruhiger Geist daliin. dieses Manko uuszugleicli-n. Im reifen Maiinesall1“!“ wurde er zum Autodidakten. in jeder freien, dm Tagcsnrbeit mühsam geraubten Minute flüchtete er zu den Büchern und mit 50 Jahren lernte er griechisch, er lenile es nicht bl is. sondern er erlernte es und es kam sogar vor. daß der Ministemit vergeblich auf den Ministerpräsidenten wartete, weil dieser im Klub der Hellenen selbstvergessen der l «'Ipci-setziing des Oedip ns ins hebräi-1 he lauschte und darüber di“ Staa tsg( scliä I (r v ergaß. David Beu Gurion bat vor wenigen W »i lien seine i (»7. Geburtstag g “fmerf. lute! national gemessen und mit anderen Staatsmännern verglichen ist dies für einen Politiker kein hohes Mfrr. Jedoch nnler den besonderen 1 msländen einer mit äußersten physischen und psychischen Spannungen erfüllten 50jährigen Laufbahn vcilierl der allgemeine Maßslab seinen W ert. Wenn Ben Gurion im offenen Scliille bemd vom Podium des Parlaments in ungebrochenem Temperament seiner kämpferischen Rhetorik freien Lauf läßt, wenn er mit wallendem weißen Haar und blitzenden Vugen von einer Erhöhung aus den Manövern folgt, wird ihm wohl niemand auch die geringste Einbuße seiner Spannkraft anmerken. und dennoch kann und darf man ihm glauben, wenn er sagt, daß er müde ist. Dennoch kann mail ihm glauben, wenn man seine uns tillbare Selms.ich I nach Büchern kennt und seinen Ehrgeiz, nicht als Staatsmann, sondern als Gelehrter in die Geschichte einzugehen. Vielleicht betrügt sieh Ren Gurion dabei selbst ein wenig. Er leugnet zwar hartnäckig alle Differenzen innerhalb seiner Partei, weniger deshalb, weil es keine Differenzen gibt, sondern in der Hauptsache darum, weil solche Differenzen in seinem Lehen nie eine wesentliche Rolle gespielt haben. Die Begleitumstände, die seine Lebensführung mit sieh brachten, das Prinzip der kollektiven Verantwortung. das Wesen des in Gcmcinschaf tssicdlungenvcrwurzelteil Zusummmenhalteils, die Grundlage der sozialen Struktur, in denen er die Vorbedingungen für einen demokratischen Staat sicht, führten ihn schon vor 50 Jahren in das Lager der sozialdemokratischen Partei, deren Führer und Exponent er wurde und bis auf den heutigen Tag geblieben ist. Obgleich auch jetzt noch unriittclbar an den Prinzipien dieses Systems festhaltend, neigt er trotzdem dazu, im Interesse des Staates mul einer gedeihlichen Zusammenarbeit von verschiedenen starren Dogmen ab/uweiehen. Ohne von seiner grundsätzlichen Uebcr/.eugung und von den Grundpfeilern des Systems, an dessen Richtigkeit er felsenfest glaubt, abzugehen, glaubt er, daß die mir dank seiner Initiative so mühsam /.usammengebraehte Koalition gegenseitige Kompromisse erfordert. Die Bereitschaft in verschiedenen Punkten seinen früheren Gegnern und jetzigen Purntnmi nuchzugebeii, sn z. B. in der Frage der Loslöstmg des Schulunterrichts von allen politischen Strömungen, in der Frage der Ilissung anderer als nur der Nationalflagge an öffentlichen Gebäuden und andere Fragen, die weniger Prinzipals Kompetenzstreitigkeilen darstellen, brachte ilm in letzter Zeit wiederholt in Konflikt mit seinen eigenen Parteigenossen. Dazu kommt, daß er, der in Wirtschaftsfrngen doch nicht viel mehr als ein Laie ist, sich jedoch Tatsachen nicht verschließt, wohl oder übel einseben mußte, daß so manche auf ökonomischem Gebiet von seiner Partei verfochtenen Methoden nicht absolut zum Erfolg führen, und als Realist bereit ist auch auf diesem Gebietq Kompromisse zu schließen und auch dabei auf Widerstand in eigenen kreisen stößt. Nun will er /.war weder anderen noch sich selbst ciugestehen. daß diese Faktoren auf seinen Entschluß, sieh von den Krgieriingsgesehäfiel) zurlickzuzieben. Einfluß haben, alter irgendwie dürften diese doch mi(bestimmend gewesen sein. Ms der erste Präsident des Staates Israel. Prof. W eizmann. vor einem Jahr das Ziitliibe segnete, munkelte man allerorts. daß Ben Gurion sein Erbe antrr- (cn wird. Mlerdings nicht als bloße repräsentative Figur, sondern als Mleiuhrrr.schcr nach dem Muster der amerikanischen Präsidenten. Z.i/iitrauen wäre ihm (in s “(ches Miellt/iel nlmew eit eres, denn ganz sicher würde er sieh in keiner Bolle so wohl fühlen, wie in der über allen Parteien stehenden Leiters der Geschicke des Landes, das er bei seiner Geburt aus der Wiege grhnb n hat. Heute erscheint es dem vielfach müden Ben Gurion als die Erfüllung einer Sehnsucht, sieb irgendwo in die Wüste /.urüekzu/.ieh; ii und sieb selbst durch eine geistig- “ i liöpfei isrhe Leistung zu idealisieren. \ber irgendwo in einem versteckten Winkel seines Herzens huflt er wohl darauf, in einem oder in zwei Jahren zuriiekzukommen als der ungekrönt'.’ König der Juden. Dr I m a n u e I Ing e r Chanukkafeier der zionistischen Jugend IG war eine glänzende Idee des Präsidiums der Zionistischen Föderation, eine Ghamikkafeier am 5. Dezember zu veranstalten. bei w elcher die drei Jugendbiinde ..Ivne Akiba". ..Gordonia". .,llnsclioim r Ifazair”. das Programm bestritten. Die Devise ...Jugend spielt für das Aller war vollkommen gerechtfertigt: Der Saal des Hotel Post war bis aufs letzte Plätzchen von uns Alten besetzt, während auf der Bühne die Jugend agierte. Israelische Tänze, gemeinsame Chöre. Sprechchöre, eine sehr lehrreiche ()|)crelte. die in heißender Ironie die ..Spender" des K. K. L. glossierte und (in lebendes Bild ..Die MenoraJi" zeigten das Können und den Fleiß unserer Jugendlichen. I m das Gelingen des Munds bemüh teil sieh hervorragend außer dem Präsidenten der Zionistischen Föderation Gustav Leitncr. die Herren Jakob Scliönfcld, N. Eodor und die Damen Frau Ada Neuspicl und Avonnr Leitiuv. Die Chanukka-Festrede hielt Herr Oborrabbincr l)r. Akiba Eisenberg. Die armen Ariseure! In den Kreisen der Ariseure finden gegenwärtig Besprechungen statt. um (inen ..Bund der Entrechteten" mit politischen Zielen zu gründen. Ms Mitglied dieses Bundes sind vor allem Personen MUsrrsolieii. die durch das 5. Riickstellungsgc setz „betroffen" wurden, das beißt solche, die das geraubte jüdische Eigentum zurückgegeben haben oder aurii solche, die natürlich befiieblen, daß sie es noch zuriiekgehen müssen: weiters schwer belastete Nazi, die in ihre Positionen aus der Nazizeit nicht zuriiekgekclirt sind. Wir wir erfahren, bestellt die Absicht, auch eine eigene Zeitschrift zu .schaffen, um die Ziele der Ariseure - Nazi zu propagieren. Es werden auch mit dem nazistischen „Wiener Montag" Verhandlungen geführt, um eine ständige Spalte in diesem Blatt zu schaffen. Die weitere Zielsetzung des „Bundes der Entrechteten4, wäre, einen maßgeblichen politischen Einfluß in Oesterreich zu gewinnen, um im Namen der Demokratie Antisemitismus zu treiben. fi/otf Ti&cUeftlceC iiad jCttee&tegec TEXTILIEN, STRICKWARENERZEUGUNG Wien XVI, Kirchstetterngasse 43 Telefon B 38 1 34 L Filiale: Wien XVI, Neulerchenfelderstraße 38 ((. P. N.)