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Die Stimme · 1953-08-01 · Heft 77-78 (August 1953) · page 6

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Journal
Die Stimme
Volume
1953
Issue
Heft 77-78 (August 1953)
Date
1953-08-01
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 6 DIK STIMME Nr: 77/78 DER TALMUD Ton Rabbiner Simon Kcderbiisch Der Talmud nimmt unter den Klassikern der Weltliteratur eine Sanderstellung ein. Kein anderes W erk hat einen ähnlichen Einfluß auf die geistigen Kräfte innerhalb des Judentums ausgeübt, und doch war cs der Talmud, der Jahrhunderte hindurch von übelwollenden Kräften des Christentums bekämpft wurde und noch in unseren Tagen zu böswilligen Verleumdungen und ungerechtfertigten Angriffen gegen die jüdische Lehre mißbraucht wird. Der Talmud ist nicht ein Buch, sondern stellt eine ganze, alles umfassende Literatur dar. er ist das Ergebnis der kollektiven Arbeit vieler aufeinander folgenden Generationen. Seine 6000 Folioseiten enthalten das geistige Schaffen von nahezu tausend Jahren. Mehr als 2000 Lehrer und geistige Führer des Judentums aus den verschiedensten Ländern, vor allem aber aus Palästina und Babylon, haben in der Zeit von 450 vor bis 500 nach Christi an seiner Fertigstellung beigetragen. Der Talmud teilt sich in den babylonischen Talmud oder den Talmud Babli und den Palästinensischen Talmud, der auch Jerusalemer Talmud genannt wird. Der Talmud Babli ist weiter und stärker zur Grundlage von Studien gemacht worden als der palästinensische Talmud. Es gab eine Zeit, in der der Jerusalemer Talmud gänzlich unbekannt gewesen ist. selbst unter jüdischen Gelehrten. Deshalb verstand man häufig unter dem Namen Talmud nur den Talmud Babli. Der babylonische Talmud wird inhaltsreicher als der palästincnsiche bezeichnet. weil er 200 Jahre später abgeschlossen wurde und noch die Beiträge der letzten Amoraim enthält. Jeder Talmud umfaßt zwei Teile: Die Mischnah und die Gemora. Die Mischnah wurde durch Rabbi Jehuda ungefähr um das Jahr 200 der christlichen Zeitrechnung herausgegeben und enthält die erste Zusammenfassung des jüdischen Gesetzes seit der Bibel und ist in hebräischer Sprache geschrieben. Die Gemora enthält Kommentare und Erweiterungen der Mischnah. Außerdem zahlreiche Beiträge, die nur in losem Zusammenhang mit dem Inhalt der Mischnah stehen. Die Gemora wurde überwiegend in Aramäisch geschrieben und enthält nur geringe Teile in Hebräisch. Die Verfasser der Mischnah sind die Tannaim (Lehrer), die der Gemora die Amoraim (Ausleger). Der Talmud Babli wurde zusammengefaßt und herausgegeben durch Rab Ashi und Rabina um das Jahr 500 in der Akademie von Sura in Babylon. Diese Gelehrten beschlossen die Epoche der Amoraim. Es gibt jedoch in dem Talmud Babli ebenfalls Zusätze und Ergänzungen späterer Gelehrter, der Saboraim, die den Amoraim folgten und die dem Talmud Babli abschließende Gedanken hinzufügten. Der Jerusalemer Talmud wurde ungefähr um das Jahr 300 durch Rabbi Johanan, dem größten Lehrer seiner Zeit, in Tiberius zus.ammcngestellt, aber seine endgültige Formfassung fand er 150 Jahre später durch Jona ben Mani und Abih. Der babylonische Talmud zeichnet sich durch eine tiefe Dialektik, Feinheit der Gedanken, klare Definitionen und überzeugende Schlußfolgerungen aus. Der palästinensische Talmud kann für sieh Einfachheit und Logik in Ansrpuch nehmen. Der Talmud überliefert die jüdische Tradition, wie sie Jahrhunderte hindurch von Generation zu Generation, von Vater auf Sohn, übermittelt wurde. Er enthält die ungeschriebenen Gesetze, Gebräuche und die Gewohnheitsgesetze, die sich in Israel neben dem geschriebenen Gesetz, der Bibel, herausgebildet hatten. Der Talmud ist also die spätere schriftliche Zusammenfassung mündlicher l eberlieferungen und Gesetze, der allerdings in seinen Anfängen deshalb auf viele Schwierigkeiten stieß, weil es gemäß einer uralten Festlegung verboten war, mündliche Lehren schriftlich niedcrzulcgcn. Rabbi Johannan war der erste, der den Talmud in schriftlicher Form zusammenfaßte und sein Vorgehen, das in Widerspruch mit den bisher gelehrten Reclitssätzen stand, damit entschuldigte, daß es besser wäre, ein Gesetz der Thora zu verletzen, als daß die ganze Thora vergessen werden würde. A om literarischen Gesichtspunkt aus zerfällt der Talmud in zwei llaupttcile: die llalacha und die llagadda. In der Halacha ist das jüdische Gesetz zusammengefaßt. Das talmudische Gesetz ist in seinen Grundsätzen eine direkte Fortsetzung der biblischen Lehren, mit gewissen Erweiterungen, die sich aus den veränderten Imständen ergaben. Die jüdische Konzeption des reinen Monotheismus wird sowohl in der Bibel wie im Talmud zugrundegelcgt und führt folgerichtig zur Bejahung der Gleichheit aller Menschen, denn sic sind Kinder eines einzigen Schöpfers. Sowohl Bibel wie Talmud verdammen die Tvranei und befürworten die Freiheit. Die llalacha achtet im höchsten Maße die handwerkliche Arbeit und enthält fortschrittliche Gedanken ÜDer den Arbeitsschutz, die heute noch kaum von den meisten modernen Verfassungen erreicht worden sind, ln ihren strafrechtlichen Rechtsätzen ist sic nachsichtig und verständnisvoll, sie befürwortet die Strafe nicht aus dem Gefühl der Rache, sondern als Schutz der Gemeinschaft und betrachtet das \ erbrechen hauptsächlich als eine pathologische Erscheinung, und fordert bei der Ausführung des Urteils menschliche Sympathie für den Verurteilten. Ferner wird die öffentliche W ohlfahrt über die Interessen des Einzelnen gestellt und wahres ethisches Familienleben unerläßlich für die Entwicklung einer gesunden Gesellschaftsordnung betrachtet. In einem Wort: das talmudische Gesetz ist nichts anderes als die Verlautbarung und Erfüllung der höchsten humanitären Gesetze der Thora. Die Hagada, die in dein Talmud Babli den dritten und iin Jerusalemer Talmud nur den sechsten Teil des gesamten Testes umfaßt, enthält metaphysische Lehren, Theologie, Philosophie, Ethik, Dichtkunst, Geschichte, Tradition, Lebensbeschreibungen bedeutender Persönlichkeiten und wissenschaftliche Abhandlungen übre Medizin, Mathematik, Astronomie, Botanik und andere Wissenszweige. Die Hagada ist die einzige geschichtliche Quelle für viele Ereignisse, die sich während der Jahrhunderte, die die talmudische Epoche umfaßt, abspielten. In ihr spiegeln sich die Hoffnungen und Ideen jener fernen Epochen wieder, in ihr findet man authentisches Material über damals lebende Persönlichkeiten und Mitteilungen über Zeitverhältnisse. Die erste gedruckte Ausgabe des babylonischen Talmuds erschien mit Genehmigung des Vatikans im Jahre 1520 in WOLLE UND GARNE größte Auswahl ADOLF BOMZE V, Reinprechtsdorferstraße 48 XX, Wallensteinstraße 17 Telephon A 32 006 XVI, Neulerchenfelderstraße 20 II, Rotensterngasse 5 j pMf. Hickacd mh ftlises j Im Aller von 70 Jahren starb der hervorragende Ingenieur. Mathematiker und Pionier auf dem Gebiet des Motorfluges. Dr. Richard von Mises. Er hatte bis I944 in Ifavard einen Lehrstuhl für Mathematik inuc. Ein geborener Oesterreicher, verließ er 1933, als Hitler zur Macht kam, seinen Posten an der Berliner Universität. Unter seinen zahlreichen Veröffentlichungen befindet sich eine „Tlicory on Fliglit*4, die er mit Gustave Keucrti und William Prager zusammen herausgab, sowie die philosophische Schrift „Positiv ism/, a Study in Human l nderstunding“. Wir werden in der nächsten Ausgabe noch näher auf den Lebenslauf dieses bedeutenden Mannes eingehen. Venedig. Daniel Bromberg, ein gelehrter Christ, der diese Ausgabe besorgte, fügte auf jeder Seite die Kommentare von Raseni und Tosafoth hinzu. Im Jahre 1523 veröffentlichte Bromberg bereits die erste Ausgabe des Jerusalemer Talmuds. Unter den vielen folgenden Veröffentlichungen, war die bedeutendste die Basler Ausgabe in den Jahren 1578-1581, die aber starke Streichungen durch die Zensur erlitt. Zahlreiche Stellen, die angeblich mit der christlichen Lehre unvereinbar schienen, w urden ausgemerzt und andere überarbeitet und gemildert. In späteren Ausgaben wurde der Originaltext dann wieder zugcl assen. Bezeichnend ist, daß vor allem getaufte Juden den Talmud am heftigsten verleumdeten und bekämpften, und seitens der Kirche als Experten auf dem Gebiet der jüdischen Literatur bezeichnet wurden. So waren die Angriffe eines getauften Juden, Nicolas Donin, der Anlaß zu dem ersten öffentlichen Zwiegcspräen zwischen Juden und Christen, das erstmalig zu dem öffentlichen Verbrennen von Tulmudbänden in Paris im Jahre 1244 führte. Eine der bekanntesten Talmucldisputationen fand in Barcelona 1263 zwischen Nachmanides und Pablo Cliristiani statt. Trotzdem der jüdische Gelehrte die Saehc des Talmuds glänzend verteidigte und allgemein die Anschuldigungen als widerlegt galten, erging eine päpstliche Bulle gegen das Werk. Im Jahre 1415 verbot Papst Martin V. den Juden, den Talmud zu lesen und befahl die Einziehung aller Exemplare. Auf Anordnung der Inquisition wurden Roseh- Haschanah 1520 in Rom der Talmud öffentlich verbrannt. 1593 erneuerte Papst Clemenz VIII. das Verbot, den Talmud zu lesen und im Jahre 1757 ließ der polnische Bischof Dembrowski den Talmud zum letzten Mal öffentlich verbrennen. In allen Religionsgesprächen waren die Ankläger zugleich auch Richter, so daß das folgende Urteil ohne die Möglichkeit an eine unparteiische Instanz zu appellieren, jeweils vor Beginn des Disputs feststand. Und doch ist dem Talmud vor allem durch den christlichen Gelehrten Johann Reuchlin Gerechtigkeit widerfahren, der ihn in seinen Schriften verteidigte und bewies, daß die talmudische Literatur dem Christentum nicht feindlich gesinnt sei. Er forderte Freiheit der Hcligionsiibimg für die Juden und erklärte, daß der Talmud nicht dazu da sei, um auf ihm mit schmutzigen Füßen hcei umzutrampeln, da seine Ideen zu erhaben wären und man ihn lediglich aus Unkenntnis seines Wertes nicht verdammen dürfe. („Jüdische Rundschau44, Basel) Iin Rahmen der Kulturvorträge, veranstaltet von der Zionistischen Föderation in Oesterreich, sprach der Generalsekretär des „Brith Ivrith Olaniit“, Dr. Alexander Rosenfeld, über die Ziele dieses Weltbundes für hebräische Sprach.' und Literatur. Er führte u. a. aus, daß sich diese Institution die Aufgabe gestellt hat, die hebräische Sprache und Literatur in der Diaspora zu verbreiten. Der Redner schilderte den Werdegang der hebräischen Kultur, insbesondere im Osten Europas, und sprach von der Rolle Wiens vor dem Jahre 1938. Dr. Rosenfeld betonte, daß der Brith Ivrith Olamit Wert darauf legt, daß auch in dieser Stadlzweckmäßige Kulturarbeit geleistet werde. Nach den interessanten Ausführungen wurde ein Ausschuß gebildet, der sich mit der Ausarbeitung eines Arbcitspmgrummes befassen wird. Mit großer Freu stellen wir fest, daß sieh an die Spitze dieses Aasschusses der Konsiil Arie Eshel gestellt hat. Welche gutsituierte jüdische Familie kann 13-jährigen israelischen Diplomatensahn. der hier zur Schule gehen soll, gegen entsprechende Bezahlung in Pflege nehmen? Auskunft hei Herrn MtiDAN. Israel. Konsulat, Tel.: li 13-504, B 13-5 78 Reg.-Rat OEHLER ein Fünfundsiebziger? Der Zweifel an dem Gerücht, Rcg.-Rat Oehlcr feiere am 9. Oktober d. J. seinen 75. Geburtstag, erscheint berechtigt, wenn man Gelegenheit hat, die geistige Frische und jugendliehe Elastizität des Jubilars zu bewundern. Umsomehr freuen wir uns konstanteren zu können, daß die Wünsche, die im Jahre 1948 die „Stimme4* anläßlich seines 70. Geburtstages zum Ausdrucke brachte, sich zum Guten erfüllten. Nach mehr als 50jähriger Dienstzeit hei der Wiener Kultusgcmeinde ist Reg.-Rat Ochler in den Ruhestand getreten mit dem berechtigten Bewußtsein, hei der Durchführung aller Agenden, die seiner Obhut oblagen, mehr als seine Pflicht erfüllt zu haben. Durch seine emsige, ersprießliche Wirksamkeit stützte er die drei Grundsäulen des Gemcindelcbens — Thora, Awoda, Gemihis-chassidim (Lehre, Gottesdienst, Wohltätigkeit). Hiezu befähigten ilm sein jüdisches und profanes Wissen, seine pädagogische.! Fähigkeiten und seine rethorische Begabung, die er am Katheder und auf der Kanzel bekundete. Die geistige, schöpferische Arbeit eines halben Jahrhunderts kann in einem kurzgefaßten Bericht begreiflicher Weise keine annähernde Würdigung finden, wir erwarten vielmehr, daß der Jubilar uns mit seinen gesammelten Erfahrungen im Gemeimledienstc, sowie mit den Eindriikken, die er während seiner Anwesenheit in Israel gesammelt hat, vertraut macht. Wir aber wollen aus Anlaß seines 75. Geburtstages unsere innigsten Glückwünsche ihm entbieten, in der bestimmten Erwartung, daß sieh diese erfüllen mögen und ihm noch recht viele Jahre in Gesundheit und Zufriedenheit im Kreise der Seinigen und der jüdischen Gemeinschaft beschiedcn sein. „TABU” BÜROMASCHINEN / BÜROBEDARF Warenhandelsgcsellschaft W. Burszlyn EINKAUF VERKAUF WIEN VI, Maschinen mit hebräficber Schrift lagernd MARIAHILFERSTR. 51 TELEPHON B 24 204 AUGUST GUNYIS TEXTILIEN UND WIEN IX. SCHLICKGASSE 2 TELEPHON R 53-0-75 HERRENKONFEKTION Eigens Reparaturwerkstätte 554303

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