Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1953
- Issue
- Heft 77-78 (August 1953)
- Date
- 1953-08-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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V. b. b. timme OtfyXH dcc AltpetnUHCH Zitoii&UH in ÖstccccicU Zionistischer Landesverband Wien nri; d"b'izn z Preis 2 Schilling H Redaktion und Administration : Wien IX, Univcrsitätsstr. Nr. 4/4 § Telefon A 26 4 73 | - i Postscheck-Konto Nr. 134.292 August-September 1953 § tan IMttlMIfllllllllMtllMIMIMIIIItltltl! Nr. 77/78 - 1953 Rosch Haschanah 5714 Gliickwunschbotschaft des israelischen Staatspräsidenten Jizchak Ben Zwi 'Zu Beginn des Neuen Jahres 5714, des sechsten Jahres der Wiedergeburt des Staates Israel, sende ich an alle Einwohner von Israel und an alle loyalen Arbeiter ohne Rücksicht auf deren Glauben und Gemcindczugchörigkcit meine Grüße. Besonders grüße ieh die Verteidigungsarmee Israels und unsere sonstigen Sicherheitskräfte, die auf der Wacht stehen, um das Land zu schützen, seine l nverletztheit zu sichern, von Dan bis zum Roten Meer, von den Gestaden des Jordans bis zur Küste des Mittclmeeres. Wir erfreuen uns des Vorrechtes, das unseren Vorvätern viele Generationen hindurch versagt geblieben ist. Wir haben gekämpft, um Israels Wiedergeburt als Staat zu erleben. Wir haben gelebt, um in dem Buch des Lebens als eine Nation unter den Nationen der Welt wieder verzeichnet zu sein. Wir haben gestrebt, um Zeugen der Wiedergeburt unserer Sprache zu werden. Unsere Feinde sind nach wie vor bemüht, unsere Existenz zu unterminieren und uns von der Erdoberfläche wegzuwischen; ihre Pläne werden scheitern. Israel wird leben und nicht untergeben! Unsere Unabhängigkeit wurde uns nicht ohne Weiteres dargereicht: sie wurde durch die Selbstaufopferung unserer Söhne und Töchter errungen, die ihr Leben hingaben für die Wiedergeburt ihres Volkes und für die Freiheit ihres Landes. Mit welch’ großer Trauer vermissen wir sie, die Edlen. Die Blüte unserer Jugend — wie dringend benötigen wir sic gerade in dieser Stunde unserer nationalen Renaissance! Unsere Generation ist glücklich die Morgendämmerung unserer Befreiung zu sehen, die Sammlung der Verstreuten aus allen fernen Ländern in Israel! Fürwahr, niemals seit den Tagen der Zerstörung und des Staatsunterganges war es uns vergönnt, so großen Glückes teilhaftig zu werden. Wieder leben ein und einhalb Millionen Juden in ihrer Heimat und hunderte Siedlungen blühen in unserem Lande wie in den Tagen von einst. Doch dies ist nur der Beginn! Millionen unserer Brüder sind immer noch verstreut und sic sehnen sich danach, mit uns in der Heimat vereinigt zu sein; llundcrttauscnde leiden nach wie vor in den Ländern Jsmael und Edom — auch sie warten auf Rückkehr. Das höchste Ideal des Zionismus kann ohne Anstrengungen nicht erreicht werden. Schwere Opfer müssen noch gefordert werden sowohl vom Jischuw der in Zion lebt, als auch von unseren Brüdern in der Welt. Wir vertrauen darauf, daß das jüdische Volk aufrecht und stark sein wird, wie es in den 'Pagen unseres Befreiungskrieges, unseres opferreichen Kampfes, stark war. An der Schwelle des Neuen Jahres erwarten wir und die Welt den Urteilsspruch. Friede und Krieg liegen auf der Waagschale. Wir hoffen zuversichtlich auf einen wahren Frieden zwischen allen Nationen. Möge der ganzen Welt das Jahr 5714 Frieden und Glück bringen! Rückblick Zu Roseh-llasehanah halten wir Juden Einkehr, rufen Erinnerungen wach und verbinden unsere Hoffnungen mit der Mcdinath Israel. Wir wissen cs aus der Geschichte, daß bedeutende Geschehnisse im Leben der Völker sich wiederholen und deren Abwicklung sich aus eigenem freiem Antrieb auf höherer Ebene vollzieht. Seit der Zerstörung unseres Tempels, leben Juden verstreut in fast allen Ländern des Erdballs. Die Heimkehr der Juden nach Israel in die wiedergewonneiic Heimat nahm in Europa, in dem die meisten Kulturvölker der neuen Geschichte leben, ihren Anfang. Der Fortschritt Israels ist ein Faktor unseres eigenen Volkswillens u. Intellekts, kraft deren wir uns den Weg in eine neue Zukunft bahnen. Alle Tragödien, die sich in Europa abspielten, hatten uns Juden nicht verschont. Das Leben wurde uns verbittert und die Wellen des antisemitischen Hasses umbrandeten die Juden und rissen sie in die Tiefe. Nichts haftet so unauslöschlich im Herzen, wie die Erinnerung an erlittene Pein, Diffamierung, Ungerechtigkeit und an das ständig gehetzte Alltagsleben. Der Schmerz der erlittenen Verfolgungen Allen unseren Söhnen des Hauses Israel, wo immer sie auch sein mögen, sende ich meine innigen Wünsche für das kommende Jahr! - Ausblick weicht von uns umso weniger, als wir, die wir in der Galuth leben, täglich die Wahrnehmung machen müssen, daß die llumanitas mit Füßen getreten wird und Mächte aus der Versenkung aufsteigen, die die Atmosphäre vergiften und uns auf dem steinigen Boden wieder zu Fall bringen wollen. Allen Schwierigkeiten zum Trotz, brachten wir die Kraft auf, uns in Oesterreich wieder niederzulassen und unser Dasein zu gestalten. Wir haben uns da keine weitgehenden Ziele gesteckt, waren auf unsere Kräfte, auf den Umfang der Möglichkeiten, auf die Größe d,er Aufgaben bedacht und gaben unseren Handlungen Richtung. Den entscheidenden Veränderungen in unserem Galuthieleben trugen wir Rechnung und bemühten uns, die Tragik unseres gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Zerfalls zu mildern und unser Sein sinnvoll zu gestalten. Ju, vermögen wir in Oesterreich unser Schicksal sinnvoll zu gestalten Vi Ilorribile dictu (schrecklich zu sagen). Die Ocsterreieher sind ein anerkanntet Kulturvolk, doch haben sie den Boden der Zivilisation an dem Tage verlassen, als die nazistische Flut ihr Land erfaßte. Wir wissen es, daß auf der einen Seite siele Ocsterreieher dem Nazismus ablehnend gegenüberstanden, auf der anderen Seite aücr war die Zahl jener Oesterreicher groß, die sich dem lSazismus in die Arme warfen, das Geschick ihres Vaterlandes zerstörten und den unheimlich :n Gewalttätern zujubeltcn. Die vom Dritten Reich erlassenen Rassengesetze haben in der „Ostmurk“ eine nicht mehr s teigerungstähige Verschärfung erfahren, wobei die Handhabung der antisemitischen Gesetzesbestimmungen die österreichischen Nazi besorgten. Noch vor der Besetzungs Oesterreichs, lagen sorgfältig angefertigte Judcnlisten vor, deren sich die öA, die ausschließlich aus österreichischen Männern bestand, am Tage, der dem Einmarsch der deutschen Truppen folgte, bediente und unter den Juden Schrecken verbreitete. Die SA und ihre Helfer verübten an uns Juden Gewalttaten, die der normale Menschenverstand einfach nient zu fassen vermag. Die österreichischen „Arier1, haben keine Anstalten getroffen, um dem unmenschlichen Treiben Einhalt zu gebieten und so kam es zum 10. November 1938, der das Deutschtum mit Schande bedeckte. Von diesem Tage ab waren wir Juden Martern unterworfen, die einfach unbeschreiblich sind. Raub und Mord an Juden waren legalisiert. Es klingt unwahrscheinlich, daß es Juden verboten war, frische Luft zu atmen; bei Strafe der Verschickung ins Konzentrationslager durfte der Jude keine Parkanlage, keine Allee betreten, keine Sitzgelegenheit auf öffentlichen Plätzen benützen, die Grenzen der Stadt nicht überschreiten und keinem Broterwerb nachgehen. Jüdisches Eigentum wurde zum „Volksgut“ erklärt und nazistische Räuber durften es „arisieren“ .Als Hitler die Welt mit Krieg überzog, verhängte er zugleich über uns Juden das Todesurteil. Die Gestapomaschine lief auf Hochtouren, wies die Judqn aus dem Staatsgebiet aus, die SS brach in jüdische Wohnungen ein, nahm sämtliche Insassen, Kinder, Greise, Frauen und Kranke fest, verlud sie auf Lastwagen und brachte sie in Sammellager, wo das entsetzliche Martyrium begann. Die Eisenbahnwagen rollten mit jüdischer Menschenfracht in Konzentrationslager — in Todeslager, den Gaskammern zu, während Herolde des tausendjährigen Reiches sieh von der Vermögcnsverkehrsstellc die jüdischen Häuser zuschlagen ließen, besetzten die jüdischen Wohnungen und raubten die Wohnungseinrichtungen. 6 Millionen Juden mußten eines qualvollen Todes sterben, damit arische Raubgier Sättigung finde. Nach dem Zusammenbruch kehrte eine geringe Zahl von Juden nach Oesterreich zurück. Die Begrüßung durch die neugeborene Demokratie war nicht allzu demokratisch! Es setzte eine antisemitische Flüsterpropaganda ein. „Alle Juden“, so hieß es, seien wieder da und keiner wurde vergast. Oesterreich ist heute eine demokratische Republik mit den Vorzügen eines Rechtsstaates, der allen seinen Bürgern die Wohltaten des Gesetzes in gleicher Weise zuteil werden läßt. Aber mit der Wiedergutmachung dessen, was Juden wirtschaftlich geraubt wurde, hapert es. Die Wicdergiitmachungsverhandlungen ziehen sich in die Länge und zeitigen Der Friede der Welt ist auch unser Friede. GLÜCKLICHE FAHRT INS NEUE JAHR!