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Die Stimme · 1953-06-01 · Heft 75 (Juni 1953) · page 1

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Journal
Die Stimme
Volume
1953
Issue
Heft 75 (Juni 1953)
Date
1953-06-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
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V. b. b. tim m e 6cfan du AltytmtiHth' ÜohUUh U% ÖsUcctitk Zionistischer Landesverband Wien Preis 2 Schilling Redaktion und Administration : Wien IX, Universitätsstr. Nr. 4/4 Telefon A 26 4 73 1 Postscheck-Konto Nr. 134.292 £ Juni 1953 { Nr. 75 1953 Nahum Goldmann in Wien Nahum Gold m a n n wurde am 10. Juli 1895 gehören. Als er 3 Jahre alt war, entschloß sich sein Vater, die litauische Kleinstadt Wischnicw' zu verlassen und sich in Deutschland niederzulassen. Der Vater Goldmann, ein kluger, selbstbewußter jüdischer Dichter, wählte als ständiges Domizil Frankfurt a. Main, wo eine jüdische Atmosphäre herrschte, die Juden aufgeklärt waren, eine berühmte Jeschiwa unterhielten und das weltliche Wissen mit den des jüdischen zusammenzufügen verstanden. In dieser Stadt, die die Juden einst Jcruschulajim nannten, wuchs Nahum Goldmann auf. Hier erwarb er jüdisches und weltliches Wissen. Ben Gurion nannte ihn den internationalen Juden, weil Nahum Goldmann überall dort zu Hause ist, wo Juden in Massen siedeln, deren Probleme im Brennpunkt des Geschehens stehen. Im vergangenen Jahr führte Dr. Nahum G o I d m a n n die WiedergutmaelumgsNcrhandlungcn mit der westdeutschen Republik. Als ständiger Beauftragter der jüdischen Weltorganisationen, verfügt er auch auf dem Gebiete der Wiedergutmachung große Routine und Frfahrung: seine Durchschlagskraft ist geradezu faszinierend. Dr. Goldmann hat sein ganzes Leben den Interessen des jüdischen Volkes gewidmet. Wir können uns glücklich schätzen, diese heute schon geschichtliche Persönlichkeit in unseren Reihen zu wissen und uns der Zuversicht hingeben, daß er die brennende Frage unserer in Oesterreich bevorstehenden Riickstellungsverhandlungcn einer endgültigen, klugen und gerechten Lösung zuführen wird. Aus der Feder Easterman’s bringet^ wir nachstehend eine Würdigung der Persönlichkeit Nahum Goldmann’s und bemerken, daß die Charakteristik derart gelungen ist, daß wir es nicht versäumen möchten, den Aufsatz in der relativ kurzen und freien Fassung unseren Lesern zu unterbreiten. F. M. „Nahum” Von A. L. Eastcrman Selbst in den Vereinigten Staaten, dem Land der leichten und manchmal peinlichen Vertraulichkeiten, wird nur wenigen Menschen, die im öffentlichen Leben stehen, der Ruhm zuteil, allgemein durch ihren Vornamen kenntlich zu sein. Jeder weiß, daß „Abc“ sich auf den zärtlich verehrten Präsidenten Lincoln bezieht, und das Schlagwort „I like Ike“ hat viel dazu beigetragen, Fisenhowcr in das Weiße Haus zu bringen. Es gibt nicht viele Amerikaner, oder auch andere, deren Ruf so deutlich symbolisiert wird. Im jüdischen Leben wäre es sehr ungewöhnlich, eine hervorragende Persönlichkeit in dieser Weise zu bezeicheu — vielleicht, weil die Juden im öffentlichen Leben stehenden Männern weniger zugetan sind, oder weil sie sich scheuen, familiär zu werden. Wem z. B. würde es einfullen, den Premierminister von Israel als „David“ zu identifizieren V Wenn man jedoch heute — ganz gleich in welchen jüdischen Kreisen — von Nahum spricht, so wird jeder sofort wissen, daß von Dr. Nahum Goldmann die Rede ist: dem Vorsitzenden der Jcwish Agency, dem Präsidenten des World Jcwish Gongress, dem immer wieder gewählten Vorsitzenden zionistischer Kongresse, dem Präsidenten der „Conference on Claims Against Gcrmany“, dem Vorsitzenden einer ganzen Anzahl von Gesellschaften, Konklaven, Komitees, Präsidien, in dauernder oder momentaner Tätigkeit, sich jeder Phase des heutigen jüdischen Lebens widmend: Staatsmann und Politiker, Ratgeber und Vermittler, jüdischer Sondergesandter ohne Titel in Zeiten jüdischer Krisen; Gelehrter, blendender Gesellschafter, hypnotisch wirkender Redner, die lebendige Verkörperung des „internationalen Juden“, wie Ben-Gurion ihn vor kurzem beschrieben hat. Das sieht wie eine Liste ungewöhnlicher Talente aus. Aber Nahum ist ein außergewöhnlicher Mann, dessen größte Kunst seine entwaffnende Behauptung ist, daß er durchaus nicht etwas Besonderes seii, und daß, was er tut und sagt, in Wahrheit so einfach sei, daß es im geistigen Bereich jedes Menschen liege der einigermaßen intelligent ist. Wenn er einem ein Problem erklärt, so ist es auf einmal kein Problem mehr: vielleicht gibt er zu, daß die Situation in dieser oder jener Hinsicht schwierig *ist, aber — meint er — mit Zeit, Geduld und einem gewissen Maß von Nachgiebigkeit und mit einem Gefühl für Humor werden die Schwierigkeiten bald verschwinden. Wenn man das nicht ganz glauben will, dann beruhigt Nahum den Ungläubigen, indem er ihn ins Vertrauen zieht. „Ich lasse mich stets von einem Hauptprinzip leiten“, pflegt er zu sagen, „abwarten, bis es so weit ist“. Wenn er dies in seiner einfachen aber überlegenen Art sagt, so empfindet man den Ausspruch nicht nur als unangreifbare Lösung des Problems, sondern als die Verkündung einer tiefen und ewigen Wahrheit. Fast alles was er sagt und gesagt hat, klingt wie ein Orakel und hat gleichzeitig etwas Endgültiges. Seine privaten wie auch öffentlichen Aeußcrungen haben eine eindringliche Ucberlcgenheit, die jede weitere Diskussion überflüssig macht. Nicht nur sind seine Reden Meisterstücke unvergleichlicher Beredsamkeit; nicht nur hat Nahum eine fast mystische Fähigkeit, Wissen mit Phantasie, Inbrunst mit Humor in eine Komposition von blendenden \\ ortfarben zu vereinen, die seine Zuhörerschaft elektrisiert und hypnotisiert — er kann dieses ungewöhnliche Kunststück mit gleicher Leichtigkeit in englischer, französischer, hebräischer, jiddischer und deutscher Sprache vollführen, und — wenn er müßte — wahrscheinlich noch in anderen. Dr. Goldmann, — der scharfäugige, lächelnde „internationale Jude“ — ist eine einzigartige Kombination von Intellekt, erfühlendem Instinkt, Ilumor, Beredsamkeit, Charme und Geduld. Es ist jedoch ratsam, sich nicht zu sehr auf Charme und Geduld zu verlassen. Seine Augen können bei der Zurückweisung eines Widersachers Funken sprühen, und mit beißender Ironie kann er den Anmaßenden zurückweisen oder sogar demütigen. Als Vorsitzender ist er eine „Gottesgabe“. Nahum ist durchaus menschlich, mit einer Begabung für Freundlichkeit und Loyalität Freunden gegenüber. Gerade weil er so menschlich ist, kann er Mißtrauen und sogar Feindseligkeit auslösen, besonders bei denjenigen, die seinem flinken Denken nicht folgen können und die seine Bereitschaft zu Kompromissen mit Dehnbarkeit der Ueberzeugung verwechseeln. Mut ist wohl seine hervorragendste Charaktereigenschaft. Er ist einer unangenehmen Aufgabe niemals ausgewichen, er hat niemals eine Verantwortung abgelehnt oder sich geweigert, für eine unpopuläre Sache einzutreten. Nahum war der Vater der Resolution über die Teilung Palästinas auf dem zionistischen Kongress und unternahm es dann, mit Ernest Bevin zu verhandeln. Nahum hatte die Kühnheit, Mussolini, den er näher kennenlernte, zurechtzuweisen. Als der Duce, auf der Höhe seiner Macht, das Angebot machte, mit Hitler zu reden und fragte, welche jüdischen Bedingungen er dem Führer anbieten könne, wurde er wütend über Nahums Antwort: „Das jüdische Volk macht kein Kompromiß in puncto Gleichberechtigung.“ In keiner Versammlung kann man Dr. Nahum Goldmann, die Quintessenz des besten Typs eines „internationalen Juden“, verkennen. Wer seine ganz besondere Art von Scheu überwinden kann, wird erfahren, daß er als Oestier geboren und in Deutschland aufgezogen wurde, daß er sich tief in die jüdische Kultur versenkte, und daß er — kurz nach seiner Barmitzwah — vor 500 Erwachsenen in Frankfurt seine erste atemberaubende Rede über Zionismus hielt; daß er mit 16 Jahren fünf Monate in Palästina zubrachtc und ein gelehrtes Buch schrieb „Travels in Eretz Israel“, und daß sein Vater ihm schon als Kind beibrnchte, fPeßend hebräisch zu sprechen. Wer glaubt, daß der Ausdruck „internationaler Jude“ eine Uebertreibung ist, der denke daran, daß er in Litauen geboren wurde, in Deutschland aufwuchs, daß er in Kriegszeitcu als „Ehrenkonsul“ von Honduras herumreiste, daß er viele Sprachen spricht, und daß er in jeder großen Hauptstadt bekannt und berühmt ist. l ud wer glaubt, daß es eine übertriebene Familiarität ist, ihn „Nahum“ zu nennen — der frage die führenden Staatsmänner der Welt, und sie werden sagen: „Sie meinen doch Dr. Goldmann, n’cht wahrV“ Der Präsident der Zionistischen Weltorganisation und der World Jewish Congress Nahum Goldmann spricht Dienstag, den 16. Juni 1953 im Großen Musikvereinssaal zum Thema Weltgeschehen im Lichte alljüdischer Probleme und Israel Beginn 20 Uhr Zion. Landesverband in Österreich (Verband der Allgemeinen Zionisten) Eintritt frei! Eintrittskarten Montag, den 15. und Dienstag, den 16. Juni 1953 in der Zeit von 10-16 Uhr im Sekretariat des Zion. Landesverbandes, Wien IX, Universitätsstraße 4 und an der Abendkassa

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