Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1952
- Issue
- Heft 68 (November 1952)
- Date
- 1952-11-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Preis 2 Schilling V. b. b. lim me ÖtQOH du O&hUUh in ÖsiuuicU Zionistischer Landesverband Wien rrm D'^Srrr o^ran mnann L Redaktion und Administration : Wien IX, Univcrsitätsstr. Nr. 4 4 Telefon A 26 4 73 1 Postscheck-Konto Nr. 134.292 i S November 1952 | 4 M fl* Nr. 68 - 1952 y I CHflIM WEIZMANN | Auszug aus der Ansprache des Konsuls Arie Eshel gehalten am 16. November 1952 bei der Trauerkundgebung in Wien ..ln tiefer Demut und Trauer beugtsMi heute mit uns das gesamte jüdische Volk vor dem Andenken an einen der ganz Großen, die ihm im Laufe seiner weehsckollcn Geschichte erstanden sind. Kaum ist es zu fassen, daß das Herz zu schlagen aufgehört hat. das jenem Manne gehörte, der für uns mehr war als eine überragende Persönlichkeit allein, der Symbol wurde für die Kraft unserer Bewegung und den tiefen Glauben an unsere Zukunft. Schmerz und bittere Einsamkeit erfüllen uns, Hveil wir jemanden zu Grabe getragen haben, an dessen Dasein wir uns gewöhnt hatten wie an die Luft, die wir atmen und an die Sonne, deren Aufgehen wir jeden Morgen erleben. Noch können wir es nicht fassen, daß diese Quelle son Kraft für immer versiegt ist.” Die Kunde, daß Chaim Weizma!nn tot ist, hat in jedem von uns, der sein Judcscin mit (Stolz trägt, etwas getötet. Zuviel hatten Vir von ihm, dem großen Schmied unserer Zukunft, in uns aufgenommen, zuviel Var von seiner Kraft und seiner Lehre in unser Fleisch und Blut übergegangen, als daß wir nicht durch die grausame Nachricht etwas wie Allerheiligstes verloren hätten. „Erst wir, denen die historische Perspektive geschenkt ist, können die ungeheure Tragweite von llerzls Werk und das Wcizmanns ermessen. Es war nach llerzls Tpde bitter um die Zukunft des Zionismus bestellt. Ein unerbittlicher Kampf zwischen diumctral entgegengesetzten Ideen und Welten bedrohte die Einheit der neuen Organisationen. Die Enttäuschungen, die der politische Kampf um die Charta gebracht hatte, ließen viele an der Möglichkeit Palästinas verzweifeln, bewogen sie, andere Auswege zu suchen. Die Diskussion um die Palliatix - lösung Lganda hatte die Bewegung demoralisiert und ihre Einheit zerstört.” „Was war damals Ercz Israel V Was war damuls Palästina? Eine türkische Provinz, vermodert und verfallen, versumpft und korrupt, ein Agglomcrat mit Sümpfen und Dünen. Die großen Anfänge jüdischer Kolonisation aus der Zeit der Biluim waren verfallen und demoralisiert. Die Kolonien, die Baron Rothschild in glaubcnsvollcr Arbeit ins Leben gerufen hatte, degenerierten in billiger Nachahmung der französischen Kultur, verseucht von schlechter arabischer Arbeit, beim rscht \on seelisch gleichgültigen und uninteressierten Aufsehern. Der Jischuw bestand aus etwa 30.000 Juden, duruutcr eine Anzahl von Ghalukajuden, die dorthin gekommen waren, nicht um für dus Land zu leben, sondern um in ihm den Tod fromm abzuwurten. l eberall Zerfall, Demoralisierung!” Bald jedoch sollte das jüdische Volk erfahren, daß Herz! nicht umsonst seinen Körper und seinen Geist in rastloser Arbeit verzehrt hatte. Die Flamme der nationalen Erneuerung sollte nicht ausgehen. Eine kleine Gruppe russischer Juden erstand uns, die. nicht warten wollte, bis die Großen der Welt die Neigung verspüren würden, uns das Land der Väter als Geschenk in den Schoß zu legen. Diese Menschen waren beseelt von dem tiefen Glauben an die nationale Renaissance, aber sie wußten zugleich, daß es für das jüdische Volk keinen leichten Weg geben würde. Sic haßten Phrasen und Gesten. Ihr Instinkt sagte ihnen, daß nur Tatsachen Argumente seien und daß Konsul Arie Eshel spricht wir in Ercz-Isracl Tatsachen schaffen müßten, ehe man bereit sein würde, unser Recht auf die Heimat anzuerkennen. Aus dieser Gruppe begann der junge Chemiker in Manchester, der Chcdcrjungc aus Motyli, eine besondere Stellung einzunehmen. Im Kampf gegen den Ugandavorschlug gehörte er zu den unerbittlichsten Gegnern einer territorialen und rein mechanischen Auffassung des jüdischen Stuatsgedankens. Für ihn wie für Sokolow, Ussischkin. Motzkin und ihre Jünger, hat es keinen Zionismus ohne Zion, keinen jüdischen Staat ohne Jcruseholujim gegeben. Wenn inan uns nicht Palästina geben will, so ist die einzige Lösung nicht etwa ein Surrogat, sondern nur die, daß wir uns Palästina nehmen. Aber nicht nehmen mit Waffen, die wir nicht besitzen, nicht nehmen mit Armeen, die wir nicht haben, nicht durch politischen Druck, den wir nicht nusüben können, sondern erobern mit Arbeit, erwerben mit Schweiß, indem wir Positionen schaffen, auf denen später die Fundamente des jüdischen Staates ruhen sollen. Das waren Wcizmanns Gedankengänge.*; Weizmann war ein großer Träumer, pber er wußte, daß er Kealist bleiben mußte und daß er nur unter Zusammenfassung der verschiedenen divergierenden Kräfte eine genügend starke Basis schaffen konnte, von der aus er und mit ihm die Bewegung den Kampf führen würde und den Kampf führen könnte. Einer seiner großen Züge lag in der Fähigkeit, eine gewaltige intellektuelle und moralische Konzentration zu entwikkeln, sie aber gleichzeitig in die Wirklichkeit umzusetzen. Weizmann war Denker und Arbeiter zugleich. Visionär und Baumeister in einer Person. Nur so ist es auch zu erklären, daß Chaim Weizmann mehr als jeder andere von seinem Herzblut dem Lande gegeben hat, für das Bürger und Arbeiter war, und daß alle jene, die am Aufbau mitarbeiteten, in Chaim Weizmann den großen Schutzherrn und Vater erblickten und in Liebe, Ehrfurcht und Dankbarkeit zu ihm hinaufschauten, daß sie ihm an seinem 75. Geburtstag den so lebensnahen und gar nicht pathetischen Titel ..Vater der Nation" verliehen." „Es ist ein Wunder, in welcher Weise Chaim Weizmann es fertigbrachte, seine große Karriere als weltberühmter Wissenschaftler zu machen und trotz aller Erfolge seiner Idee zu leben. Er hatte kaum Mußestunden, er gönnte sich kaum Erholung. Er wurde der agent voyageur pur evcellence, der unermüdliche Werber und Propagandist der Idee. Er klopfte an alle Türen, er selbst, der große Staatsmann, der berühmte Wissenschaftler, die führende Persönlichkeit seiner Generation. Er riskierte Demütigungen und Schimpf, um aus dem reichen und dem weniger reichen Juden Geld für Palästina herauszuholen." „Weizmann erzählt in seinen Memoiren, wie er einmal an einem d|cr vielen tausend Punkte der Bewegung, als das Aufbauwerk und der zionistische Apparat infolge Geldmangels wieder einmal bedroht waren, nach Paris kam, um bei seinem alten Gönner Baron Edmonde de Rothschild Hilfe zu erbitten. Kurz nach seiner Ankunft mußte sich Weizmann mit einer schweren Grippe im Hotel niederlegen. Als Rothschild davon erfuhr, besuchte er W eizmann um Krankenbett und drückte ihm einen Scheck auf 40.000 Pfund in die Hand mit den Worten: „Das wird hoffentlich Ihre Temperatur senken!" Und die Temperatur sunk tatsächlich. Gerade diese Seite seines Wesens beweist, wie innig er physisch mit dem Werk verbunden, wie einfach und demütig er geblieben war, uls er in seiner Karriere schon auf dem Gipfel menschlichen Ruhms stand. Für ihn war zionistische Pflichterfüllung alles. Und wenn er auch viel von anderen forderte, so forderte er doch immer mehr von sich selbst.” „Große Schwierigkeiten bereiteten ihm die jüdischen Lords und Sirs, sie konnten ihm nicht verzeihen, daß er — der zugewänderte russische Jude — sich die Zuneigung der großen Staatsmänner erworben hatte und es wagte, im Foreign Office im Namen eines Begriffes aufzutreten, dessen Existenzberechtigung sie kategorisch leugneten, nämlich den Begriff „jüdisches Volk”. Dieser Haß gegen den stolzen Juden Weizmann begann im Jahre 1906, als er seine erste Begegnung mit Balfour hatte, demselben Balfour, der später die Deklaration veröffentlichte, die seinen Namen trägt. Da diese Unterhaltung so typisch für W'eizmann ist, lohnt es sich, sie hier wiederzugeben. Vergessen wir aber nicht, daß Weizmann damals ein junger, unbekannter und neueingewanderter Chemiker in einer englischen Provinzstadt war. W/eizmann versuchte, ihm zu erklären, daß das Uganda-Projekt unannehmbar sei, anscheinend ohne großen Erfolg. Plötzlich fragte er Balfour: Angenommen, Mister Balfour, wir würden Ihnen Paris statt London Vorschlägen, würden Sie es annehmen V Balfour richtete sich auf, starrte Weizmann an und sagte: Aber, Dr. Weizmann, wir haben doch London! Das ist wahr, antwortete Weizmann, aber wir hatten Jeruscholajim schon, als London noch ein Sumpf war. Darauf Balfour: Gibt es viele Juden, die so denken wie Sie? Und Weizmann antwortete: Ich glaube das auszusprechen, was Millionen Juden denken!" „Um die Größe der politischen Leistung Wcizmanns beim Empfang derBulfour-Deklaration richtig einzuschätzen, darf man heute wohl sagen, daß es ohne seine faszinierende Persönlichkeit und den tiefen Eindruck, den er machte, nicht zu jenem Dokument gekommen wäre, das fast zwanzig entscheidende Jahre der Grundpfeiler gewesen war, auf dem das jüdische Nationulheim ruhte. Ohne Weizmann hätte es wahrscheinlich keine Bulfour-Dcklaration gegeben. Die Balfour- Deklaration, um deren Zustandekommen sich Dr. Weizmann unsterbliche Verdienste erworben hatte, wurde zum Schlüssel, mit dem wir das erste Tor zum Haus unserer staatlichen Selbständigkeit öffnen konnten." ..Tief erschüttert nehmen wir heute mit allen Juden der Welt Abschied von Chaim Weizmann, der schon zu Lebzeiten eine legendäre Figur war. Hu lmluch leolumo: Er ging ein in seine Welt. Aber im 1 lebräischen bedeutet das Wort „olum” nicht nur „Welt”, es bedeutet auch „Ewigkeit". Chaim Weizmann ist hciingegangen in seine Ewigkeit und in die Ewigkeit des jüdischen Volkes.”, 184169757911^9