Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1952
- Issue
- Heft 63 (Juni 1952)
- Date
- 1952-06-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Preis 2 Schilling V. h. b. timme eilige mein zionistischeft)o chens chnfi Zionistischer Landesverband Wien rrrn D'^irr mn^rn Schawuoth 5712 30. und 31. Mai 1952 „Im eju Kcmach — •■jn Thora (Ohne Brot — kein Geist) im ejn Thora — eju Kemaoh“ (Ohne Geist — kein Brot) (Spr. der Väter, III, 17.) JAKOB TANNENBAUM Die jüdischen Feiertage haben im Verlaufe der Jahrtausende eine eigene Geschichte durchgemacht. Im eigenen Lande auf eigener Scholle lebend, waren die Festtage der Ausdruck der natürlichen Freude eines arbeitenden, schaffenden Volkes, dessen Herz des Glückes voll war über den Erfolg seiner Mühe. In der Galuth trübte ihre Gestalt und verblaßte die Farbe. Erst im neuerstandenen Israel erlangten die Feiertage ihre ursprüngliche Bedeutung als Ernte und Weinlesefeste wieder und erscheinen erneut im alten Feierkleidc, in neuer Pracht. Doch kommt auch das historische Element zur Geltung. Die Festtage erhielten dadurch einen doppelten Sinn. Auch das Schavuothfest machte dieselbe Entwicklung durch. Es war zuerst ein natürliches, agrarisches Fest. In Israel findet zu dieser Zeit die Getreideernte statt, die am Pessachi beginnt und sieben Wochen dauert. Als das jüdische Volk noch auf eigenem Boden saß, gab der Bauer seinem Freudegefühl aus diesem Anlasse durch Abhaltung von Feierlichkeiten lebhaften Ausdruck. Jeden Tag, nach Beendigung seiner Arbeit auf dem Felde, erging sich der Bauer mii seinen Familienangehörigen in einem Reigentanz mit Jubelgesang. Am Abschlußtage der Ernte, fand in Jerusalem ein gemeinsames öffentliches, feierliches Volksfest stattwohin alle Bauern vom I,ande, zusammen mit ihren Familien, zogen und von der ersten Frucht der neuen Ernte mit sich brachten. Das war der „chag habikuriim“ : Erstlingsfest, auch „Chag hashavuoth“: Wochen fest genainnt. Später aber als der jüdische Bauer von seiner Scholle vertrieben und keine Ernte mehr ‘eingebracht wurde verlor der „chag habikuriim“ seine Hauptbedeutung. Er entschwand wohl nicht dem Gedächtnisse des Volkes, trat aber gegenüber einem großen geschichtlichen Ereignis, der Proklamierung der 10 Gebote, in den Hintergrund. First mit der Entstehung des Zionismus und dem Beginn der Kolonisation des Tandes, besonders nach der Herstelllung des Staates Israel, wo der jüdische Bauer auf seinem eigenen Boden frei und ungestört wieder seinen Pflug führen kann, erfuhr der „chag habikuriim“ Auferstehung. Wenn nun die Erntezeit herankommt, wird auf den Gefilden Israels wieder getanzt und Zion hallt erneut vom Freudengesang und Klang wider. Jubelnd und jauchzend ziehen diie Bauern mit gefüllten Körben ihrer Erstliingsfrucht iin die neue, wieder auf erbaute Hauptstadt und am 6. Siwan wird dort wie vor 2000 Jahrein, wiederum ein fröhliches, feierliches Volksfest veranstaltet. Das Schavuothfest erlangte so, auch in der Praxis, seine ursprüngliche Bedeutung und kommt als Erstlingsfest neuerdings zur Geltung. Von besonderer überragender Bedeutung für die geistige Kultur Israels ist das historische Element des Schavuothfestes. Nach der Befreiung des Volkes aus Aegvptein ist dies das zweitgrößte Ereignis der jüdischen Geschichte. Fand am Pessach die soziale Geburt des jüdischen Volkes statt, so erscheint Schavuoth als der Geburtstag des jüdischen Geistes, der jüdischen Kultur. Die „Zehn Gebote“ bedeuten einen Wendepunkt im Leben unseres Volkes und vieler anderer Völker. Sie bestimmten ihre Zukunft und de terminierten ihren Charakter und ihr Schicksal. Sie wurden von allen zivilisierten Völkern als die Grundlage alles Rechts und der Moral anerkannt und übernommen. Die von den „Zehn Geboten“ ausgegangene neue Welt- und Lebensanschauung : Der ethische Monotheismus, die Lehre von der Einheit der Welt und der Menschheit und diie daraus folgende Forderung der Solidarität und der gegenseitigen Unterstützung, die Postuiate des Rechts und der sozialen Gerechtigkeit, der Liebe und des Friedens zwischen Mensch und Mensch und zwischen Völkern überhaupt, kurz: der Humanismus stürzte die Kulturen der alten heidnischen Welt, welche auf Gewalt aufgebaut war. Die Lehre der Sittlichkeit, Reinheit und das Primat des Geistes besiegte den Polytheismus mit seiner sinnlichen, orgiastischen. bacchantischen, dionysischen Kulten : Der Sinai besiegte den Olymp und das Kapitol... Durchi diese siinaiitische Gesetzgebung und die auf ihrer Grundlage aufgebaute Lehre des Judentums wurde das jüdische Volk unsterblich. Der Geist, welcher aus ihr entströmte, verlieh dem Volk die Kraft, alle Gef ah rein der 2000iährigen Fnemdhcrrschafv in der Galuth zu trotzen, bis die Zeit ambrach, wo es iin das Land seiner alten Kultur zurückkehren konnte und seinen Geist hier wciferentwlckelte. ausbauen und zu seiner höchsten Blüte, zum Wohle der Menschheit, bringen wird. Durch diese beiden Element, die das Schavuothfest in sich vereinigt, als Fest des Bodens und des Geistes, gewinnt dieser Feiertag einen tiefen Sinn von überragender symbolischer Kraft Größe und Schönheit: Materie und Geist, Natur und Geschichte, Volk und Boden, Moral und physische Arbeit . . Diese beiden Komponenten des einen Festtages weisen darauf hin, daß sie eine Einheit bilden, daß sie wie Körper und Seele zusamnicmgehörem für das Volk von gleicher Wichtigkeit sind und eine gleichwertige Aufmerksamkeit und Pflege erfordern. Geistige und imaterieillie Kultur müssen Haind in Hand gehen. Keine darf auf Kosten der andern verkümmern. Die Wirtschaft muß ihre Ergänzung in Wissenschaft, Kunst und Philosophie finden, denn „Im ejn Thora — ejn Kemach“, ohne Geist. Wissenschaft Technik — Thora in weiterem Sinn —, kann auch keine erfolgversprechende, ergiebige Wirtschaft gedeihen. Auf dem Gebiete der geistigen Kultur ist in Israel noch sehr viel zu leisten. Momentan absorbiert das Wirtschaftliche, der Aufbau des Landes die ganze Energie des Volkes. Noch höher als Wissenschaft, Kunst und Philosophie steht die Moral; wichtiger als das Wahre und Schöne ist das Gute, die Domänne unserer Väter nicht nur für uns, sondern auch für das Verhältnis der Völker untereinander. Wissenschaft ohne Moral wirkt nur zerstörlend. Noch nie in der Geschichte zeigte sich so die zerstörende Kraft des meimschilichen Intellekts, wenn er nicht von einem moralischen Willen gelenkt wird, wie in der jüngsten Vergangenheit, wo Millionen unischuldiger Menschen, unter Mißbrauch der modernsten Errungenschaften der Technik auf die raffinierteste Art von dein Nazis hi n g em ordet wurde. Ueberhaupt zeigt die Tatsache, daß der Krieg noch immer als Schiedsrichter im Streite der Völker gilt und daß im Verlaufe einer einzigen Generation zwei Weltkriege geführt wurden, wie es mit der Moral der Menschheit bestellt, wie weit die Menschheit vom Geiste der 10 Gebote noch entfernt ist. Schon schwebt das Damoklesschwert über dem Haupte der Welt und die Angst vor der neuesten Erfindung der Wissenschaft, der Atombombe, raubt dein Schlaf, die Ruhe, das Glück der Völker. Das 7. Gebot: „Lo tirzach“! „Du sollst nicht morden!“ ruft die Menschheit zur Besinnung auf. Diesen vor 3500 Jahrein vom jüdischen Genius verkündete Gesetz darf nicht verhallen, wenn nicht die Menschheit untergeben will. Das geistige und materiiellle Element des Schavuothfestes symbolisiert aber auch das umgekehrte Verhältnis derselben daß die Moral und alles geistige Schaffen nur auf dem Boden einer gesunden festen Wirtschaft erwachsen kann, denn : „.Im ejn Kemach ejn Thora“ — ohne Brot, kein Geist und keine Moral. In Israel werden solche Bedingungen sozialer Lebensform geschaffen werden müssen, daß jeder Bürger Arbeit, Brot und Wohnung und ein menschenwürdiges Dasein finde. Dies gilt auch für die ganze Welt. Jede Moral und jeder Friedensgedanke muß eine Utopie bleiben, solange die Gesellschaft nicht jedem Menschen ein Lebensminimum verbürgt, damit er seine Bedürfnisse befriedigen könne. Arbeit, Brot un d Gei st, Gesetz, Moral, sind die Säulen, auf welchen die Kultur eines jeden Volkes fußen und auch die Voraussetzung des Friedens sind. Dies ist die große Bedeutung des Schavuothfestes, nicht nur für die luden, sondern auch für die ganze Menschheit 1 Redaktion und Administration: WienIX, Universitätsstr. Nr. 4/4 5 1 Telefon A 26 4 73 | S Postscheck-Konto Nr. 134.292 3 i i Juni 1952 Nr. 63 VUüesUs aus Israel Tel-Äviv Außenminister Moshe Sharett befindet sich gegenwärtig in den Vereinigten .Staaten, wo er eine Koordinierung der Sammlungsaktionen für den United Jewish Appeal und für die Unabhängigkeitsanleihe durchzuführen gedenkt. Der israelische Minister wird mit Dean Ächeson, nach dessen Rückkunft aus Europa, eine Unterredung haben. Tel-Äviv Der israelische Finanzminister El Loser Kaplan erklärte auf einer Zusammenkunft von Mapai-Äbgeordneten in Jerusalem, daß er von seinem Posten aus gesundheitlichen Rücksichten zurücktreten muß. Bis zur Bestimmung eines Nachfolgers wird er die Geschäfte seines Ministeriums weif erführen. Tel-Äviv Die Regieruingen von Japan und Israel haben beschlossen, diplomatische B eziehungen aufzunehmen. Tel-Äviv Ein neues Handelsabkommen wurde mit der Sowjet-Union abgeschlossen. Israel wird Zitrusfrüchte liefern, als Gegenleistung wird man aus Rußland Fett und Rohöl beziehen. Jerusalem Ministerpräsident David Ben Gurion wurde vom Jewish Theological Semimary, New York, zum Doctor honoris causa der hebräischen Sprache und Literatur promoviert. Die Verleihung der Urkunde durch Rabbi Louis Finkeistein aus New York fand im Rahmen einer offiziellen Feier in der Hebräischen Universität in Jerusalem statt. Zahlreiche Gelehrte wohnten dem Akt hei. Tel-Äviv Auf Initiative der israelischen Regierung wurde in den Friedensverfrag mit Westdeutschland eiine Klausel eingefügt, welche die deutsche Regierung verpflichtet, Wiedergutmachungs- und En ts-chädiguingszahlungen an israeli sch e Staatsbürger, die Opfer des nazistischen Regimes sind, zu leisten. Tel-Äviv Verscrguingsminister Dov Joseph ist aus Amerika zurückgekehrt, wo er 45 Milli einen Dollar mobilisieren konnte. Aus diesen Fonds hat er Nahrungsmittel eingekauft, die voraussichtlich für ein halbes Jahr reichen werden. Tel-Äviv Die Israel-Regierung hat die Errichtung einer Eisenbahnlinie nach Beer- Sheba beschlossen. Gleichzeitig wird von Beer-Sheba aus eine Bahnlinie zum zukünftigen südlichen Hafen Israels am Mittelländischen Meer gebaut werden. Jerusalem Unter den Touristen, die im der letzten Woche nach Israel kamen, befindet sich der Entdecker des Streptomycins, Herr Waksmann aus U. S. A. AcUtuhfy! der GROSSE MUSIKALISCHE JIDDISCHE FILM: „JIDL MIT'M FIDL" Mtb+i IN JIDDISCHER SPRACHE MIT DEUTSCHEN UNTERTITELN - SONNTAG, 15. JUNI 1952 UM 10.30 UHR IM KREUZ-KINO