Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1952
- Issue
- Heft 60 (März 1952)
- Date
- 1952-03-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Prell 2 Schilling V.b.b. timme o/Hlgemein zionistischeJVo chens chrifi Zionistischer Landesverband Wien -üvtr'^rrT r';ryrr r-r^rr PURIM 5712 14. ADAR-11. MÄRZ 1952 Die jüdische Geschichte der Galutnzeiit ist ausgefüllt von Verfolgungen und Vernichtungsbestrebungen gegen die Juden in allen Ländern der ganzen Welt. Von einem mißglückten Ausrottungsversuch aller Juden Persiens erzählt uns in plastischer, spannender, fast dramatischer Form das Buch Esther. Dieses Buch hat für uns große Bedeutung. Es lehrt uns, daß das Schicksal der Juden iin der Diaspora, wie lein Spielball in der Hand anderer ist, unser Leben abhängig ist von der Gnade, ja von der Laune des jeweiligen Herrschers oder Ministers, der mit einem Federstrich unser Gut als Freibeuife, uns selbst als Freiwild zu erklären vermag, wodurch wir dem wilden Zorn und Haß der Menge ausgeliefert werden, die immer gleich dabei ist, wo es zu plündern gibt und wo man leicht, ohne Mühe und Arbeit zu Vermögen kommen kann. Dieser Haß wird meistens durch gewissenlose Demagogen geschürt, sei es aus Ehrgeiz und Eitelkeit, wie es bei Harnan der Fall war, oder aus anderen persönlichen oder politischen Motiven, wie Machtstreben, Habsucht und Egoismus, Haß und Mißgunst, Intoleranz und Neid. Um ihre verbrecherischen Bestrebungen zu begründen, werden falsche Beschuldigungen, Verleumdungen ausgestreut, die die Menge leicht glaubt, weil es ihrem Instinkt zusagt, ihren Trieben und Wünschen Befriedigung verschafft! Tn der Motivierung des Pogrombefehls. dessen Unterzeichnung Haman vom König Achashverosh erbat, heißt es : „Es gibt unter den Völkern in dein Ländern Deines Reiches ein zerstreutes und abgesondertes Volk, dessen Satzungen verschieden sind von deinen aller anderen Völker; die Gesetze des Königs befolgt es aber nicht.“ Diese Begründung ist geradezu klassisch. Sie wird heute noch von den Antisemiten aller Richtungen angewendeit. Dies ist das religiös-nationale Motiv, das älteste unter den vielen Motiven des Antisemitismus. Auch; die späteren Ausschreitungen der Griechen gegen die Juden im Altertum (in Aegypten und Syrien) geschahen angeblich aus demselben Motiv. Auch diesen Exzessen gegen die Juden ging ein e von griechisch-römischen Schriftstellern verbreitete Hetze gegen die Juden voraus. Die Ursache dieser feindseligen Haltung scheint darin zu liegen, daß die heidnische Welt im Judentum und depi ethischen Monotheismus, der eine große Attraktion bei gebildeten Kreisen fand, eine Gefahr für die heidnische Weltanschauung sah und deshalb erdachten die führenden Männer und Literaten falsche Märchen über die Herkunft der Juden und ihre Religion. Die gleichen Beschuldigungen warfen die Heiden später den Christen vor. Das religiöse Motiv war auch im Mittelalter vorherrschend, wo das Judentum die schwersten Leiden von seiten seiner Tochter, des Christentums, auszustehen hatte. Das ganze Mittelalter ist eine lange Kette von Verfolgungen, Entrechtungen, Diskriminierungen, Ausplünderungen, Vertreibungen und Metzeleien 1 Das religiöse Motiv wirkt bei allen antisemitischen Gewaltakten auch in der Neuzeit mit. Wird doch der religiöse Haß, der vom Neuen Testament seinen Ausgangspunkt hat, auch heute noch in Schule und Haus unwillkürlich genährt, indem die Juden als Gottesmörder hingestellt werden. Welchen Eindruck dies auf die kindliche Seele übt, kann man sich leicht .vorstellen 1 Der Religionshaß ist im Bewußtsein der Völker und noch mehr in ihrem Unterbewußtsein noch so stark verankert, daß er beim Auftreten antisemitischer Wellen jeder Art. immer mitschwingt und der mit Zündstoff geladenen Athmosphäre den Druck versetzt, der zur Explosion führt. . . Im späten M'ttelalfer kam zu dem religiösen Motiv noch das wirtschaftliche und 'm de* Neuzeit auch noch das rassische Motiv hinzu. Alle diese vorgegebenen Motive sied aber im Grunde genommen nicht die letzten Ursachen des Hasses, sondern nur Verwände, um den Verfolgungen einen moralischen Anstrich zu geben. Das Falsche an dieser Methode, dem Verbrechen ein nrnr-disches Mäntelchen anzuhän<fon, können vorurteilslose und unvoreingenommene Manschen sogleHi daran erkennen, d°ß die Antisemiten den Juden immer andere einander sHi widersore'Tte*-,de Verbrechen ververfen. Einmal wrd das jüdische Volk beschuldigt, sich ■nicht zu. assimilieren, sondern in der Absonderung vcrl-rrn-m und ehern Staat Im Staate b'Men zu wollen; das nnd‘’rcmnl d^s Gegenteil davon, daß es sl'Ti zuviel in die inneren Angelegenheiten der WirtsvölV’r einmischt. der Kunst und Lrterr>t,,r de<- anderen Völker ihren Stunnel aufdrückt. sich nicht nbg“sondcrf halfen will sondern mit i^reni ..unreifen Paria-Blut“ das edle Rot der . Herreni'asse“ vor »'"lieht; das eine Mal werden die Juden als d?e We,fkaoitnUston, das andere Mal als die Kommunisten verschrien. Die Juden seien feig und tollkühn zugleich, frech und kriecherisch, stolz und unterwürfig, reaktionär und revolutionär, Materialisten und religiöse Fanatiker, liberal und konservativ, ohne jeden Kunstsinn, aber Beherrscher der Kunst aller Völker, minderwertig uind die Ausbeuter der Völker, Sklavennaturen und streben nach der Weltherrschaft. .. Der wahre Grund des Hasses ist Egoismus, bestialische Triebhaftigkeit, tierischer Urinstinkt 1 Der Urmensch sah in jedem fremden, nicht zu seiner Sippe gehörenden Menschen einen Rivalen, einen Feind. Trotz hoher Kultur ist man auf moralischem Gebiet im Urzustand zurückgeblieben. Bei jeder Judenverfolgung steckt der Raubtrieb als Beweggrund, bei Judenmassakern wirkt auch der Kampf- und Mcrdtrieb, der Zerstöruingsimstinkt mit, die nach der Psychoanalyse ebenso Uririebe, wie die Ursachen aller Konflikte und Kriege unter den Völkern sind. All die Abscheulichkeiten und Grausamkeiten des wahnwitzigen, von einem patologischen Haß besessenen Hitler und der nationalsozialistischen Verbrecherbande, kann auch nicht anders gewertet werden, als : Raubtieriinstinkt, Sadismus! Nur ein solcher Teufel in Menschengestalt mit einer atavistischen Raubtieinatur vermochte die Leidenschaften der Massen zu entfachen, sie wie eine lodernde Flamme aufflakkern zu lassen und alles um sich in Brand zu stecken 1 Gegenüber solchen ungeheuren Verbrechen der Judenfresser müssen die den Juden vorgeworfenen, die zum größten Teil auf Unwahrheit beruhen, zum andern Teil aber nur Vergehungen Einzelner sind, für die das ganze Volk verantwortlich gemacht wird, als winzige, mikroskopisch kleine, nicht in Betracht kommende Delikte angesehen werden 1 Die Statistik beweist, daß unter dem jüdischen Volk die wenigsten Mörder Vorkommen; und es ist charakteristisch, daß während im Westen Mordfälle ■ehre alltägliche Erscheinung sind, welche die Zeitungsspalten füllen, ohne besonderen Eindruck zu hlntcrtessen, löste ein Mordfall in Israel eine ungeheure Erregung unter der Bevölkerung aus, die zu Hunderten gegen den Mörder demonstrierten und seine Wohnung in Brand stecken wollten... Trotz der vielen Verfolgungen und ungeachtet der vielen Blutopfer, die die Judenhasser dem jüdischen Volke beibrachten, bl'do es am Leben und steht jetzt fester denn je da. Was Ist die Ursache die er wunderbaren Erscheinung V Was verheil dem Vollce dre Kraft und die Zähigkeit, diese Verfolgungen zu überstehen? Das Bewußtsein, daß es der Fahnenträger der höchsten Ideale der Menschheit ist, die die Propheten schon vor 3000 Jahren der Welt verkündeten; und es ist möglich, daß gerade wegen ihrer moralischem Lehre, die die Juden im einer auf Kampf und Macht axif gebauten Welt so hartnäckig vertreten, sie der Grund des Hasses sind! In der ganzen Natur herrscht der Dualismus, die Bipolarität, der Widerstreit zweier entgegengesetzter Kräfte. Im Bereich des Anorganischen sind es die Kräfte der Anziehung und Abstoßung; im Tierreich irscheinen sie in Form von Liebe und Haß, die Liebe ist himmlisch, vereinigend, aufbauend, beglückend; der Haß teuflisch, trennend, zerstörend, vernichtend. Der moralische Geist, der die Liebe verlangt, ^yttiniiii»i«iiiiinniiniMmnMimi«ii»n^ Redaktion und Administration: WienIX, Universitätsstr. Nr. 4/4 I Telefon A 26 4 73 I s s Postscheck-Konto Nr. 134.292 März 1952 Nr. 60 - 1952 ist schon über die Natur hin aus ge wachsen. Er fordert Einheit, Gleichheit und Brüderlichkeit aller Menschen und die Ucherwindung der abstoßenden, antipathischen Kraft. Der Vertreter dieses Postulates ist das jüdische Volk. Was Wunder, daß alle abstoßenden, zerstörenden Kräfte, sich dagegen auflehnen und es mit allen Mitteln be_ kämpfen! Diejenigen, welche die Welt erobern wollen, können keine Moral im Hause brauchen. Zerstcrungs- und Mordgeist, das Kind des Hasses, beherrscht leider noch die Welt. Er ahnt, wer sein größter Feind ist: Israel, der das Banner des Friedens und der Liebe aufgepflanzt hatte . .. Purim ist das Symbol des Sieges der Liebe und Treue (Mcrdechej) über Haß, Mißgunst und Ehrgeiz (Hamon). Doch ln dieser ungerechten und undankbaren Welt hilft ideale Lebensweise allein wenig. Nur durch tapfere Gegenwehr, konnte das feindliche Ansinnen Hamans gegen dias ganze jüdische Volk vereitelt werden. Dies ist eine weif e re, bedeutsame Lehre des Buches Esther. Das Purimfest wurde von der Judenschaft in der Diaspora stets in einer besonders feierlichen Weise begangen. Erinnert es doch an den glücklichen Ausgang eines Vernichtungsversuch.es, der so oft, beinahe in jeder Generation unternommen wurde! Dieses Fest war immer eine Trostquelle für die Judenbeit in der Golah. Es gab dem Volk die Hoffnung, daß es alle böswilligen Bestrebungen der Tudenhasse.* überleben wird. Das neue, freie Israel vermag das Fest mit doppelter Freude zu feiern. Dort ist unser Volk frei. Dort kann inan sich auch, wenn es notwendig ist, zur Wehr setzen .... Es ist auch die Hoffnung be eeht'gt, daß nach* der Entstehung ctes Judenstaates ein weiterer Vernichtungsversuch sich nicht mehr wiede holen wird. Durch die Erlangung der staatlichen Se’bständigkeit ist die Würde und das Ansehen des Juden ln den Augen der Völker gestiegen. Im Schutze Israels kann auch die Di"spora das Purimfest feierlicher begehen . JAKOB TANNENBAUM 100 Jahre Israel.* ' ' Wien Die jiid. historische Dokumentation in Wien befaßt sich gegenwärtig mit der Herausgabe der Geschichte der Juden in Oesterreich und behandelt im besonderen das Kapitel „Gründung der israelitischen Gemeinde in Wien : Als im Jahre 1848 die Strahlen des Völkerfrühlings ihre wohltätige Wirkung übten und die Juden Oesterreichs die volle Gleichberechtigung erlangten, gingen sie daran, einen Gerne in devorstand zu konstituieren. Im August 1830 wurde der Behörde ein Statutenentwurf vorgelegt, der am 14. Jänner 1832 die Genehmigung fand. Nunmehr blicken wir auf den lOOjährigen Bestand der Israelitischen Gemeinde Wien zurück. Wir kommen noch auf das geschichtliche Werden dieser bedeutsamen Institution zurück. 55