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Die Stimme · 1951-08-08 · Heft 52 (8.8.1951) · page 4

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Journal
Die Stimme
Volume
1951
Issue
Heft 52 (8.8.1951)
Date
1951-08-08
Page
– (sequence 4)
Language
German
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DIE STIMME Nr. 52 DIE MESSIANISCHE IDEE Jakob Taniieinheum Seite 4 Dr. Theodor Herzl Kurz gefaßter Lebenslauf Pk- Vorfahren seines Großvaters Simon Loch Ihn! stammen aus Böhmen. N.-.ch dem Frieden von Passaro- Itz v.;inderten sie im Iaht e 1720 in das damals Oesterreich einverleihte Belgrad aus, wo sie großes Anselun erwarben. Nach der Abtretung Belgrads an die 'Türkei, wandivte die Familie Herzl na.eh Setnlin aus; dort erhielten sie eine Sonderbev illigung für den dauernden Aufenthalt, Theodor Herz.! g* noß die Zuneigung seines Großvaters, der ihm d‘e zioo.istisdien Plane des au Geklärten jüdbelvn Semliner Lehrers Jeliuda Alkalai erläu- 'terte, was das junge Gemiit des späteren Visionärs wohltätig beeuiflußte. Benjamin Seew (Theodor) Herzl wurde am 2. Mai 1860 (10. Ifar 5620) in Pest geboren. Fieber seine Kindheitsjahre hat uns Dr. Herzl nichts überliefert, wir wissen aber, daß er unter dem intellektuellen Einfluß seiner Mutter st.and, die in der deutschen klassischen Literatur besonders bewandert war. Herzl verfügte übereine bemerkenswerte technische Phantasie, die in seinen Werken „Judenstaat“ und „Alt-Neuland“ sehr deutlich zum Ausdruck kommt. Im Jahre 1878 verließ Herzl Budapest und iibersiedehe nach W ’en. Hier inskribierte er an der juristischen Fakultät und hörte fleißig die Vorlesungen. Im Jahre 1898 schrieb er; „Ich habe an allen Studententorheiten teilgenommen.“ Bevor Herzl zum bew ußten Juden erwachte, gehörte er dem Kreise der vom Wiener Rechtsanwalt Dr. Bachrach geführten österreichisch-patriotischen Verbindung an. Unmittelbar nach seinem Abiturium wendet sich Herzl der literarischen Tätigkeit zu, die in Dramen, Lustspielen und Novellen prachtvolle Vollendung findet. Obgleich ihm der Juristenberuf nicht zu sagte, trat Herzl im Jahre 1884 in die Gerichtspraxis ein, die er 1 Jahr später beendete, um sich der journalistischen Tätigkeit zuzuwenden. Als Feuilletonist erwarb Herzl Ruhm, aber auch als Lustspieldichter erklomm er eine Höhe, von der aus es ihm vergönnt war, die Aufführung seines Stückes „W ilddiebe“ im Wiener Burgtheater zu erleben. Sein Feuilletcn Dr.- Z. F. Finkeistein (Jerusalem) Karl Kraus und Moritz Benedikt : Zwei typisch wienerische Erscheinungen. Klassische Repräsentanten des jüdischen Assimilantentums und beide bereits verblichene Schattenbilder aus Herzls Zeitepoche. In der Aera der österreich-ungarischen Monarchie betraten sie die publizistische Arena und galten bis zum Zusammenbruch als ragende Träger der öffentlichen Meinung Oesterreichs. Weder Benedikt noch Kraus verfügten über eine politische Partei, doch vermochten sie einerseits in der „Neuen Freien Presse“, andererseits in der „Fackel“ machtvolle publizistische Tribünen zu schaffen, deren Einfluß Jahrzehnte hindurch anhielt. Zwei Persönlichkeiten von geschichtlicher Statur und zwei grundverschiedene Welten. Benedikt, selbstbewußt und prcfessoral, war ein Meister (Fes modernen Zeitungswesens. Einer Publizistik, die anonym verbleibt und doch die öffentliche Meinung formt. Jahraus, jahrein formulierte Benedikt in prägnanter und schlagfertiger Art Parolen des Tages in den Leitartikeln der „Freien Presse“. Großmannssucht und Schmiegsamkeit gaben dem bunten und glitzernden Wortgebilde des geborenen Publizisten die Folie einer geschichtlichen Warfe, von der die Tagesfragen gewertet wurden. So wuchs BenecFkt und seine „Freie Presse“ zum Sprachrohr und letzten Endes zum Areopag der öffentlichen Meinung Europas an. „Lutz, das Dorf“, das in dem „Neuen Freien Presse“ erschien, erregte in literarischen Kreisen großes Aufsehen. Die Redaktion der „Neuen Freien Presse“ sah sieh daraufhin veranlaßt, Hf rzl das Angebot zu machon, als ihr Korrespondent nach Paris zu gehen, was er ohne Zögern akzeptierte. ln Paris reifte sein politischer Gesichtskreis derart, daß Herzl in Fragen der Weltpolitik seine Memung öffentlich zum .Ausdruck zu bringen vermochte, die in maßgebenden Kreisen Resonanz fand. Während der Anwesenheit Herzls in Paris ereigneten sich in Frankreich schwere Finanzkatastrophen, die einer klerikal-aristokratischen Gruppe Veranlassung gaben, den Antisemitismus anzufachen und Exzesse hervorzurufen. Diese und andere Ereignisse, die antisemitische Züge aufwiesen, ließen in Herzl die Erkenntnis reifen, daß die Juden unaufhörlich in Feindesland (Galuth) leben. Der aus der Geschichte bekannte Panama-Skandal bot einer in Frankreich einflußreichen Clique Gelegenheit, den Judenhaß weiterzuschüren und die Stimmung für die berüchtigte Dreyfuß- Affäre zu schaffen. Herzl folgerte daraus, daß es eine Judenfrage gibt, woran nicht zu zweifeln war und nicht zu leugnen ist. Im Jahre 1894 tauchten in den Pariser Blättern Berichte auf, die den Juden, Capitain Dreyfuß in den Mittelpunkt einer Splonage-Affaire stellten. Am 19. November des gleichen Jahres begann vor einem Militär- Tribunal in Paris der Prozeß gegen Dreyfuß. Als Berichterstatter fundierte Herzl für die Wiener „Neue Freie Pi *esse“. Den gesitteten Menschen war es klar, daß der Jude Dreyfuß von obskuren, bestochenen französischen Offizieren zum Opfer auserkoren wurde, um dem Antisemitismus Nahrung zuzuführen und den bankrotten Finanzführern unter die Arme zu greifen. In einem seiner Werke sagt Dr. Herzl prophetisch : „Der Judenstaat ist ein Weltfcedürfnis.“ Herzl faßt den epochemachenden Plan ins Auge, eine judenpoliitische Aktion einzuleiten, die nach 50 Jahren zur Gründung der Medinath Israel führt. B. Braver Karl Kraus verfügte nur über die kleinen rötet) Hefte der „Fackel“, verstand jedoch, sie zu einem wuchtigen und gewichtigen publizistischen Kampfergan zu gestalten, dessen Geltung weit über die Grenzen Oesterreichs hinausging. Ein Gegenpol Benedikts, brillierte Karl Kraus als meisterhafter Jongleur eines abrupten, schweren deutschen Stils, der sich in einem bizarren Saltomortale von Gedanken überstürzte. Benedikts Leitartikel trugen das Stigma abgeklärter Predigten; Kraus hingegen riß in seiner „Fackel“ alles Scheinheilige und Unheilige in Grund und Boden, das nur im Blickfeld der Wiener Gemütlichkeit zum Vorschein kam. Universales Wissen und überragender kritischer .Sinn formten eine Persönlichkeit von aufwühlender, geradezu tragischer Größe eines aggresiven Apostaten, der an der Wende des Jahrhunderts die „Letzten Tage der Menschheit“ prophezeite. Zwei Renegaten aus zwei Weitem. Benedikt stammte aus dem jüdischen Kleinbürgertum Oesterreichs und wurde zum Sprachrohr der Hochfinanz und der liberalen Bourgeoisie. Kraus hingegen, der Sproß jüdischer Kapitalisten, entdeckte sein Herz fürs Proletariat, wurde Kosmopolit und verwarf als „erkorener“ Menschenfreund sein Judentum als unerwünschtes Erbe der Väter. Beide geborene Kampfnaturen und Dialektiker populistischer Prägung, verblieben sie, — bis zuim Paroxismus in Dogmen fremder Kulturen haften. Anläßlich des am 20. Thamus wiederkehrenden Todestages des großen Visionärs, Dichters und Staatsmannes Dr. Theodor Herzl, des Schöpfers der jüdisehnnti.onalen Idee und des politischen Zionismus, durch dessen befreiende Fat der 2000-jährige Traum der Wiederherstellung des Judenstaates und der Kibbuz-galujoth : die Erlösung der Juden aus der Diaspora und ihrer Heimkehr nach Israel Wirklichkeit wurde, wird es angebracht sein, über die Entstehung und Entwicklung der messianischen Idee etwas zu sagen. Die messianische Idee entstand aus dem Bedürfnisse des Menschen nach Erlösung und Befreiung von dem llebel und Leid der Welt. Die Tatsache der Existenz des llebcls und des Bösen der Unvollkommenheit und Endlichkeit allen .Seins, der Gebrechlichkeit und Hinfälligkeit aller Kreatur; die Wahrnehmung, daß das Leben aller Erdgeborenen, der Tiere, wie der Menschen, des Einzelnen, wie der Völker von Leid und Schmerz ausgefüllt ist, hat in allen Zeiten Dichtern und Denkern, Philosophen und Propheten viel zu denken gegeben. Wie kommt es, so fragten sie, daß von einem unendlichen und vollkommenen Wiesen eine endliche und unvollkommene Welt entstehen konnte. Wie konnte vom Ouell alles Guten das Böse hervorgegangen sein 1 Das Schicksal des Einzelnen ist voll Mühseligkeit, Sorge, Kummer und oft auch Not und Krankheit und schließlich der Tod. Unter den Völkern herrscht beständig Streit und Kampf. Die ganze Weltgeschichte ist von Krieg, Revolution, Gewalt, Tyrannei, Unterdrückung, Ausbeutung, Haß,, Mord und allerlei Verbrechen ausgefüllt. Jedes Blatt der Geschichte Ist mit Tränen, Schweiß und Blut geschrieben. Viele Philosophen folgerten aus der Tatsache des Uebels, daß die Welt ein blinder, plan-, sinn- und zweckloser Mechanismus ist, deren mannigfaltigen Formen auf die Eigenschaften und die Bewegung der ewigen Materie und der ihr innewohnenden mechanischen Kräfte und Gesetze zurückzufül ren sind. Andere Philosophen, die diese Anschauung nicht befriedigte, nahmen ein metaphysischies, geistiges, aber unfreies Wesen als Urgrund der Dinge an, welches den Erscheinungen zugrunde liegt und ihnen immanent ist, andere wieder einen blinden, unbewußten Willen, der sich in den Dingen verbirgt und erst im Menschen zum Selbstbewußtsein gelangte. Anders die Propheten : Sie gehen von einem lebendigen, persönlichen, allmächtigen und allgütigen Wesen aus, von dem alles Gute herstammt. Das Uebel aber sei eine Folge der bösen Handlungen der Menschen. Mit freiem So wirkten sie beide in der nächsten Reichweite Herzls : der Verteidiger des östcrreichislchen Proletariats und der arrivierte Verfechter des Großkapitals. Und als wütende Antipoden standen sie sich zeitlebens gegenüber. Der verdrängte Atavismus artete in den jüdischen Selbsthaß aus. Benedikt, der Grandseigneur eines Weltblattes, verschwieg den Gegner mit eiserner Konsequenz, Kraus hingegen gab kein Heft der „Fackel“ heraus ohne Geschimpfe gegen Benedikt. Diese polar entgegengesetzte Kampfmethode galt auch Theodor Herzl, als sein aufgehender Stern lichterloh sowohl die machtvolle „Neue Freie Presse“ wie die kämpfende „Fackel“ zu überstrahlen begann. Benedikt verdüsterte neun Jahre lang Herzls Gemüt, indem er seinen Zionismus totschwieg; Karl Kraus versuchte mit einer Spottschrift „Eine Krone für Zion“ den ragenden neuen Juden in den Sumpf seichter Lächerlichkeit herabzuzerren. Beide versuchten Geschichte fremder Völker zu formen und beide wurden allzubald von den Wogen der furchtbaren Geschehnisse hinweggetragen. Willen ausgesfattet, mißbraucht der Mensch seine Kraft zum Bösen! Hinneigung zu Materiellem, Sinnlichem, Genußsucht und Egoismus sind die. Quellen alles Unglücks in der Welt. Mit der allgemeinen Erlösung, der universellen Messias-Idee, ist die Erlösung des jüdischen Volkes im besonderen verbunden. Das Schicksal des jüdischen Volkes war besonders arg. Es war ein kleines, schwaches Volk, und hafte von den großen, starken Mächten vieles zu erdulden. Die Leiden brachten das Volk zum Zweifel an der Macht Gottes, besonders unter dem Aspekt der Auserw ählfheit. Die Propheten erklärten auch seine Leiden vom moralischen Gesichtspunkte, als die Folgen seiner bösen Handlungen und vertrösteten es auf eine bessere, herrliche Zukunft in der messiaiFsehen Zeit. Diese optimistische Anschauung der Propheten ist ln der Bibel in ‘einer konkreten, anthropomorphisfiseben Form dargestellt. Später wurde sie metaphorisch, symbolisch gedeutet. Die wörtliche Auffassung der Bibel über Gott, Satan und Messias, welche ein Teil der Juden, besonders die Assäer, vertraten, führte zum Christentum. Diejenigen Gelehrten aber, welche die Bibel nur bildlich, sinngemäß erklärten, besonders R. Akiba, später Mar Samuel, dann Maimonides und alle andern Rationalisten, lehrten, daß sich in der messlanisbhen Zeit, bis auf die Wiederherstellung des Tudcnstaates und den allgemeinen Völkerfrieden, im natürlichen Zustand der Welf und der Lebewesen nichts ändern wird. Der Aufbau Palästinas werde nicht durch ein Wunder, sondern durch die eigene Tat des jüdischen Volkes vor sich gehen. Die Rückkehr ins Land wird nach Maimonides auf dieselbe Art geschehen, wie die Rückkehr aus Babylonien, ‘indem die Völker die Erlaubnis und die Ermächtigung dazu geben werden. In der Neuzeit wurde die tnessianisehe Idee in Beziehung zu und Uebereinsfimmuing mit der Entwicklungs- Idee gebracht. In alle Lebewesen ist der Trieb zur Höherentwicklung gelegt worden, der sich beim Menschen als Ideal, als Streben kundgibt, die jeweilige Situation, welche als unbefriedigend empfunden wird, zu verbessern. Auf materiellem, zivilisatorischem Gebiete machte die Menschheit große Fortschritte, auf moralischem aber geht die Entwicklung sehr langsam vor sich, am Ende aber wird der Messias, den Sieg davon tragen. Dr. Herzl griff diese messianische Idee, welche im jüdischen Volke noch lebendig, aber mit mystischen Vorstellungen überdeckt war, wieder auf und gestaltete sie im Sinne jener rationalistischen Auffassung zur attächtigen messianischen „Tat“, indem er sich an die Souveräne der Völker wandte und die zionistische Bewegung schuf. Auch er faßte den Messianismus als Tdeal auf : Die Erlösung ist eine Aufgabe und kein Geschenk. Gott will die Tat des Menschen und gibt nur dem, welcher sich darum bemüht. Tn einem Briefe an einen chassidischen Rabbi schrieb er : „Genau so wie der einzelne Mensch sich sein tägliches Brot, trotzdem es ihm von der Vorsehung bestimmt ist, durch seine Tat erwerben muß, so auch ein Volk sein Land.“ Sein Ideal zur Linder ung der Judennot war der Judenstaat und der Verwirklichung dieser mcssiamischen Idee gab er sein Leben hin. Die gewaltige Tat Herzls kann nur richtig eingeschätzt werden, wenn man bedenkt, daß^ er erst den Willen des Volkes zur Selbstbefreiung erwecken mußte, denn sowohl auf Seiten der Assimilation, als auch der Religiösen, welche nur an eine Erlösung durch ein Wunder glaubte, stieß er auf Widerstand. Wie Moses in Aegypten, so mußte er erst die Seele‘ des Volkes von seinem Sklavensinn befreien und ihr Selbstbewußfsein und Mut durch Selbstbefreiumg ein pflanzen. Und seine Stimme verhallte nicht. Die Zeit war erfüllt. Theodor Herzl’s Antipoden Kraus und Benedikt

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