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Die Stimme · 1951-08-08 · Heft 52 (8.8.1951) · page 3

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Journal
Die Stimme
Volume
1951
Issue
Heft 52 (8.8.1951)
Date
1951-08-08
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 52 DIE STIMME Seife 3 Zwanzigster Thamus Nicht ohne Zöi$crn übergebe ich nach so vielen Jahren dem Publikum einige Erinnerungen aus den schönsten Jahren meiner Jugend, die ihren Höhepunkt im persönlichen Kontakt mit Theodor Herzl fanden. Ich sehe ihn jetzt noch genau so vor mir, wie damals in meiner Jugend : Seinen schlanken Bau, die edlen Züge seines von einem vollen schwarzen Bart umrahmten Gesichtes, seine weisen und freundlichen Augen, die eindrucksvollen und doch gemessenen Gesten. Ich höre seine Stimme, voll und tönend, die genau so in der ruhigen Konversation mit Freunden, wie auf der Tribüne vor Tausenden von Anhängern und Gegnern, überzeugte und mitriß. Das war Herzl's Größe : Gleicher- maßen anerkannt von den treuen jüdischen Massen des Osten, wie von den > jungen Intellektuellen des Westens, konnte er die zahlreichen divergenten zionistischen Gruppen und Fraktionen In ein zusammenhängendes Ganzes zusammenschmieden, In eine weltumspannende Organisation, die ihre Inspiration seinen Ideen entnahm. Im Laufe eines Jahres gelang es ihm, das Volk von allen Teilen der Welt aufzurufen und zusammenzubringen. Ein jüdisches Volk! Ein Volk begeistert von einer Idee : Der Schaffung eines unabhängigen jüdischen Staates in Palästina, wo die Ausgestoßenen nach zwei Jahrtausenden endlich wieder das Recht haben werden, freie menschliche Wesen mit einer eigenen Sprache und Kultur zu sein. Es war die erste entscheidende Wendung in der Geschichte der Juden seit der Zerstörung des zweiten Tempels. Lassen wir nun Herzls Gestalt In einigen wenigen Szenen neu vor unseren Äugen wieder erstehen. Die Makkabäerfeier zum fünften Geburtstag von Herzls >,Juden staat“ Das gewaltige Auditorium der Sofiensäle in Wien war übervoll von Tausenden jungen Menschen. Es war kurz vor dem fünften zionistischen Kongreß. (Dezember 1901). Plötzlich absolute Stille. Alle Anwesenden standen auf. Es kam Herzl, begleitet von den Vorsitzenden der jüdischen Studenten Vereinigungen in Wien und von den Mitgliedern des Aktionskomitees, unter ihnen Nordau, Zangwill, Oppenh eimer, Momtef ior i. Das Programm wurde mit dem „Moaus Zur“ und dem Anzünden der Kerzen eröffnet. Dann hafte ich das Privileg, einige Worte im Namen der Studenten an Herzl zu richten, es war ein Glaubensbekenntnis! Dann stand Herzl auf und sagte in seiner klaren Art ungefähr folgendes : „Meine lieben Weggenossen! Ihr seid meine E ahneinträger. Zwei Worte möchte ich Euch heute eindringlich sagen für Euren künftigen jüdischen Lebensweg. „Respekt und Mut“. Respektiert immer die Größe und die Schwere des jüdischen Lebens, respektiert die Leistung jedes Einzelnen und des Volkes überhaupt 1 Wir Juden werden oft verachtet, wegen unseres vermeintlichen Mangels an Selbstrespekt, unseres angeblichen Mangels ain Verehrung für die menschliche Seele in uns. Es wird be- Erstklassige Stolle und Zugehör, sowie beste Verarbeitung bilden die Grundlage der bewährten TELLERKLEIDUNG in HtBpitmiaeSS- 90 016 2 f6 Dr. Oskar Frankl: Ich kannte Herzl liauptet, daß wir zu kritisch und zu negativ in unseren Beziehungen mit anderen Menschen sind. Beweisen wir, daß diese Beschuldigungen unfair sind, sowohl in bezug auf den Einzelnen als auch auf die Juden als Ganzes. Verbunden damit ist ein weiterer und noch gefährlicherer Vorwurf: „Die Juden sind Feiglinge!“ Das ist eine Lüge und wir Zionisten und Ihr Studenten müßt beweisen, daß es eine Lüge bleibt. Zeigt Euren Mut. Äkzep- HerzI mit seinem Vater (•nacht einem — unseres Wissens — unveröffentlichten Photo) tiert keine Beleidigung. Stählt Eure Körper und wenn notwendig, lernt’ auch einen Degen zu gebrauchen. Ihr und Eure Nachkommen werdet der Welt zeigen, daß wir nicht nur mit dem Buch umgehen können, sowohl heute wie in fünfzig Jahren l Seid unsere Makkabäer und ändert die Beleidigung „Judenjunge“ in den Ehrbegriff „junger Jude“.“ Der Beifall war unbeschreiblich. Fünftausend junge Juden erhoben sich, um Herzl Treue zu schwören. In Herzls Heim. 1903—1904. Als Vorsitzender der Union der jüdischen Studentenverbindungen war es oft meine Aufgabe, Herzl Berichte zu überbringen. Das fand gewöhnlich entweder im Hauptquartier des zionistischen Aktionskomitees oder im Redaktionsgebäude der „Neuen Freien Presse“ statt. Diese Wiener liberale Zeitung war nicht nur in Oesterreich und Ungarn, sondern auch in Deutschland und in Frankreich bekannt und geachtet. Herzl war der Kulturrcdakteur dieser Zeitung. Er konnte sich nicht entschließen, seinen Posten bei der Zeitung aufzugebein, obwohl die Redaktionspolitik iin scharfer Opposition zu seinen zionistischen Ideen stand. Er wollte kein Geld von der zionistischen Organisation annehmen, da ihm seine Arbeit in der „Freien Presse“ eine gewisse pekuniäre Unabh ä ngigkeil ermöglichte. Eines Tages wurde mir mitgeteilt, daß mich Herzl in seinem Heim sehen wolle. Er wohnte in Döbling, in der Heizingerstraße 29. Ich wurde in sein Studierzimmer geführt, wo ich über die Ereignisse der letzten Tage berichtete. Es war für mich eine große Freude, Herzl bei der Arbeit zu sehen. Er hatte eine unerhörte Konzentration und einen blendenden Stil. Seine Gedanken waren klar und stets logisch zu Ende geführt, einerlei ob es ein Artikel, ein politisches Dokument oder auch nur irgendwelche allgemeine Notiz waren. Herzls Krankheit u'nfd Tod. Gewaltige Aufgaben lagen vor Herzl : Seine Reise zu dem russischen Finanzminister Witte und zu dem allmächtigen Innen minister Pleven, seine Besprechungen mit dem Sultan, wegen Erlaubnis für die Ein Wanderung nach Palästina; die Unterhandlungen mit jüdischen Finanzleuten in London und Paris, die leider negativ verliefen, und schließlich das britische Angebot, Uganda in Ostafrika den Juden als neue Heimat zu geben. Herzl mußte entscheiden, weil er allein verantwortlich war. Tage und Nächte lang grübelte er über die Frage : „Soll ich das Uganda-Angebot vor den Kongreß bringen?“ Er sah keinen Ausweg aus diesem verzweifelten moralischen Dilemma, er zögerte bis zum Letzten; schließlich mußte er es bringen, wegen England und angesichts der großen Gefahr, in der sich die Juden in Osteuropa befanden. Das Ugandaprojekt rief aufregende Szenen beim Kongreß hervor. Zum ersten Mal begann Herzl an seiner Mission, an seinen Freunden und an sich selbst fast zu zweifeln... Die russischen Freunde, unter der Führung von Ussishkiin, stellten ein Ultimatum; das Zentrale Aktionskomitee mußte sich in diesem gefährlichen Konflikt entscheiden, da die gesamte Bewegung sich zu spaltein drohte. Nur dank der Vermittlung der amerikanischen Freunde» konnte eine Versöhnung am 15. April 1904 zustande kommen. Herzl, der schon lange herzleidend war, brach infolge der Aufregung zusammen. Von Franzensbad aus wurde er in das Edlacher Sanatorium überführt. Am 1. Juli sah ich ihn dort zum letzten Mal. Seine Mutter kam in sein Zimmer: „Du schaust Sehr gut aus, Mutter“, sagte er, „ich aber nicht, doch das wird sich bald ändern“. Am 3. Juli 1904 (20. Thamus 5664) starb Herzl. Sein letzter Wille war, seine sterblichen Ueberreste nach Zion zu bringen. Am 7. Juli, 4 Tage nach seinem Tod, fand das Begräbnis statt. Zehntausende Männer und Frauen folgten dem Sarg. Huindertfausende standen Spa- JS REINWOLLENE DAMEN- UND HERRENSTOFFE, FRANZ. UND SCHWEIZER SEID EN-NO UVEA UTES SINGER-STOFFE WIEN I, ROTEN TURMSTRASSE 17 Her. Die Wiener flüstertdn sich zu : „Sie begraben den König der Juden“. Herzl hatte gebeten, daß bei seinem Grab keine Reden gehalten werden. Die Menge stand in bewegungslosem Schwaigen, Plötzlich erscholl die Stimme David Wolfssohns, Herzls Freund und Nachfolger und dann folgten Schweigen und bittere Tränen. EEßLLOYD TRIESTIN0 Regelmäßige Passagier-Expreß- und Warendienste nach Südafrika, Australien, Somaliland, Indien, Pakistan, Wsstafrika, Kongo und Ferner Osten Nächste Abfahrten Von GENUA nach SYDNEY mit: M/S „Oceania“ am 17. 8., 9. II. usw. M/S „Neptunia“ aip 14. 9.. 7.J2. usw. M/S „Australia“ am 12. 10. usw. Von TRIEST nach SYDNEY mit : S/S „Toscania“ am 13. il. usw. Von TRIEST nach DURBAN : S/S „Gcrusalemme“ am 5. 9.. 13,11.usw. Von GENUA nach INDIEN- FERNER OSTEN mit : M/S „Vjvaldi“ am 1.9., I. 12. usw. M/S „Caboto“ am 18. 10. usw. Von NEAPEL nach GIBUTI. MOGA- DISCIO. MOMBASA, monatlich mit : S/S „Tripolitania“ am 27. 8., 27. 10., 27. 12. usw. S/S „Diana“ am 27.9., 27. 11. usw. Außerdem monatliche Abfahrten (Warendienste) nach KONGO und WESTAFRIKA mit : S/S „Alga“, „Isonzo“, „Ambra“, „Perla“ etc. Auskünfte und Buchungen bei der Zweigniederlassung in Wien dzt. I., Schubertring 6, Tel. R 23 0 13 und R 22 5 08 und bei der Filiale in Graz, Annenstraße 10, sowie bei allen Reisebüros. Am folgendem Sonntag w7ar Wiens größtes Auditorium der Schauplatz der offiziellen Trauerfeier. Die Delegierten sprachen jeder in seiner eigenen Art und Sprache : in Hebräisch, Polnisch, Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch. Ich hatte die traurige Pflicht, im Namen der Studenten zu sprechen. Ich begann mit den Worten : „Wir sind junge Juden — und nicht mehr Juden jungen“ —. Buchdruckerei A. Glücksmann & Söhne Wien XVII, Behelmgasse 77, Tel. A 29 2 27, A 28 0 29 Alle Arten von Drucksorten Holen Sie bei uns Offerte ein B. 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