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Die Stimme · 1950-11-12 · Heft 43 (12.11.1950) · page 6

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Journal
Die Stimme
Volume
1950
Issue
Heft 43 (12.11.1950)
Date
1950-11-12
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 6 DIE STIMME Nr. 43 Der Allgemeine Zionismus auf dem kommenden Kongreß Von Dr. Hans Klee Der 23. Kongreß wird der erste seit der Gründung des Staates Israel sein. Das macht seine Besonderheit aus. Unter den Juden vieler Länder besteht ein unbestimmtes Gefühl, daß der Zionismus und die zionistische Organisation ihre Aufgabe erfüllt haben und mit der Gründung des Staates überflüssig geworden oder doch wenigstens nur noch für bestimmte Spezialzwecke nötig seien. Unglücklicherweise sind solche unrichtigen Anschauungen durch Erklärungen einzelner Politiker in Israel selbst verstärkt worden, die darauf hinausliefen, zwischen dem Jischuw Israels und den Juden der Galuth eine Demarkationslinie zu ziehen und gleichzeitig die Position, die Kompetenzen und die Einflußmöglichkeiten der Jewish Agency (welche heute mit der zionistischen Weltorganisation identisch ist) zu schwächen. I. Der Allgemeine Zionismus steht auf dem Standpunkt, daß die Zionistische Weltorganisation stark und leistungsfähig bleiben muß, daß ihr Aufgabenkreis sich auf neue Gebiete verlagern muß und daß ihre Kompetenzen durch klare Abmachungen mit der Regierung Israels festgelegt werden müssen. Solange Israel keine Verfassung im technischen Sinne besitzt, kanneine solche Abmachung in der normalen Gesetzgebung ihren Niederschlag finden. Die Verlagerung der Aufgaben ergibt sich vor allem daraus, daß die eigentlichen politischen Kompetenzen nunmehr mit Recht zur Domäne des Staates geworden sind, während die zionistische Organisation ihr Haupttätigkeitsfeld auf den Gebieten der Alijah, der Kolonisation und der zionistischen Erziehung, Propaganda, hebräischen Unterweisung und Kulturarbeit in den Ländern der Diaspora finden muß. Schwächt man die zionistische Organisation, so schwächt man den Staat Israel. Der Staat wird auf lange Zeit die Zusammenarbeit mit der Diaspora brauchen, um sich zu entwickeln, um auf eigenen Füßen stehen und gehen zu können. Aber sogar wenn Israel nicht gezwungen wäre, mit der materiellen Hilfe der Diaspora zu rechnen, müßten wir an der Stärkung der Zionistischen Organisation interessiert sein, weil wir sie als Brücke zwischen den Juden der Galuth und den Juden Israels benötigen. Wir haben die Gefahr zu bannen, daß in der historischen Entwicklung zwei jüdische Völker entstehen, und die ersten Ansätze zu einer solchen Gefahr beobachten wir in undurchdachten Aeußerungen hüben und drüben. Die Bindung zwischen Diaspora und dem Judenstaat kann nicht den individuellen Beziehungen und Sympathien des Einzelnen überlassen bleiben, es bedarf dazu eines legiti¬ „NIWES“ WIEN X, FAVORITENSTRASSE 59 Ein- und Verkauf von Bekleidung aller Art, anschl. Altkleiderschwemme men und legalen Instruments, welches nur in der zionistischen Organisation bestehen kann. II. Wir wählen nicht zum Parlament Israels sondern zum Zionistischen Kongreß. Wenn wir die Schaffung klarer Kompetenzen für die Arbeit der Zionistischen Organisation innerhalb des Staates Israel verlangen, so bedeutet das die Forderung nach einem den Umständen angemessenen Mitspracherecht der Zionisten der Welt in bestimmten Materien des Staates. Dieses Mitsprachcrecht kann in keiner Weise mit den uneingeschränkten Rechten des Staatsbürgers Israels verglichen werden. Das Staatsvolk ist der oberste Souverän, es wählt seine parlamentarische Vertretung und mit ihrer Zustimmung arbeitet die Regierung. Das ist die normale Gliederung aller demokratischen Gemeinwesen. Dieser Grundsatz aber erleidet keine Einschränkung, wenn die Zionisten in der Diaspora, die durch ihre moralische Kraft ihren politischen Einfluß, ihre materielllen Leistungen, durch die der jüngeren Generation gegebene Erziehung zu Chaluziuth und Alijah, kurz durch ein langes und waches Intel esse zum Entstehen Israels beigetragen haben, auf bestimmten umgrenzten Gebieten ihre Meinung zum Ausdruck bringen könne.!. Auch dann wird diesen Aeußerungen nur eine sekundäre Rolle gegenüber den primären zukommen, die vom Jischuw selbst ausgehen. Aber es ist naheliegend, daß das Interesse der Galuth sich allmählich verringern müßte, wenn sie sich nur noch als „Melk-Kuh“ betrachtet sehen würde, deren Meinung im Staate Israel etwa auf den Einfluß beschränkt bliebe, den diese gleiche Kuh auch im Rahmen des Molkereibetriebes ausüben kann. Wiederum : Der normale und legale Kanal, durch den die Diaspora ihr begrenztes Mitspracherecht ausüben kann, muß, so meinen die Allgemeinen Zionisten, die Zionistische Organisation und der Zionistische Kongreß bleiben. III. Diese feste Brücke, die genau so dem Jischuw Israels die Einwirkung auf die Diaspora ermöglicht, hat ein Ziel : Die unverbrüchliche Solidarität der Juden, die nicht oder noch nicht in Israel wohnen, mit den Bürgern Israels. Denn allen zusammen gab die Balfour-Deklaration und das Mandat den Anspruch auf das Land und, was wichtiger ist allen zusammen wurde es am Sinai verheißen. Das führt zu einer Ueberlegung, die unsere Parteien betrifft. Parteien sind vorhanden, müssen da sein und gehören zu dem notwendigen Inventar einer Demokratie. Gefährlich werden sie, wenn sie ihre Interessen denen der Nation voranstellen wollen. Der Kongreß hat die Möglichkeit, im Rahmen der zionistischen Organisation das Ueberwuchern des Parteiwesens (oder in diesem Zusammenhang Partei-Unwesens) abzustellen. Die Heuschrekkenschwärme der Schlichim, die sich heute auf das Emigrationszentrum von Marseille, auf die Länder Nordafrikas und, seit der Auflösung der DP.-Lager in geringerer Zahl, auch auf Europa niederlassen, sind nicht nur Konsumenten unserer kärglichen Devisenbestände, sondern zum großen Teil trotz anders lautender Etiquetten politische Kommissare. Ihnen danken wir die ideologischen Treibjagden auf die künftigen Einwanderer, weil ein Jeder eine möglichst große Zahl in seine Parteihürden lenken will, ihnen danket! w ir auch den Seelen fang der Jugend und schon der Kinder. So wie der Allgemeine Zionismus in Israel sich gegen die Zerreißung des Jischuw durch das System der Parteischule wendet und mit Bestimmtheit eines Tages erfolgreich sein wird, so haben wir dafür zu sorgen, daß die zionistische Erziehung in der Galuth von diesen Erscheinungen befreit wird. Daher un: ere Forderung : Erst das Interesse der Nation und in weitem Abstand danach das Interesse der Partei und der ideologischen Richtung. IV. Aus der gleichen Ouelle stammen unsere Auffassungen über die sozialen und ökonomischen Bedingungen, die die Zionistische Organisation in ihrer Mitarbeit zu verwirklichen hat und für die der Kongreß wegweisend sein soll. So wie Israel nicht den Juden Europas oder Amerikas gehört, sondern zu gleichem Recht auch denen, die aus den arabischen Ländern, aus Iran und Nordafrika, Afghanistan und Indien einströmen, so muß unser Staat die gemeinsame Heimat für die Menschen mit und ohne Kapital, für die Arbeiter des Kopfes und der Hand sehn, für die Bewohner der Städte und der Kolonien, muß Möglichkeiten bieten für den privaten wirtschaftlichen Sektor und für den kollektiven und darf niemals die eine Gruppe zugunsten der anderen benachteiligen. Auf diesem Gebiete stammt ein großer Teil unserer Begriffsverwirrung daher, daß man sich daran gewöhnt hat, die Vorstellungen und Nomenklaturen aus den Galuthländern kritiklos auf unseren Staat zu übertragen. In Europa, wo die Entwicklung vom Feudalismus zur Bauernbefreiung, von gelockerten wirtschaftlichen Verhältnissen zur industriellen Vermassung geführt hat, war der Boden für den Kampf Mes Proletariats gegen den Ausbeuter und war der Schutz des Arbeiters und seiner Rechte ein legitimes Verlangen. In Palästina ist die Entwicklung glücklicherweise ganz andere Wege gegangen und das heutige Israel kennt nicht die Anhäufung von Kapitalien, welche gefährlich werden könnten, kennt nicht Trusts und Kartelle mit ihrer Macht-Zusammenballung, der Arbeiter hat dort eine Position, die stärker ist als die irgendeiner anderen Gruppe des Landes. Deswegen ist es unsere Aufgabe, darüber zu-wachen, daß auch diejenigen zu ihrem Rechte kommen, die die Lebensform des Moschaw oder der individuellen Siedlung vorziehen, die in freier Initiative in allen Wirtschaftszweigen sich betätigen wollen, damit sie nicht in dem kollektiven Sektor einen übermächtigen Konkurrenten finden, der durch die heutige Steuergesetzgebung von Anfang an unvergleichlich privilegiert ist. Die Zionistische Organisation muß helfen, daß Israel jedem die gleichen Möglichkeiten bietet, daß der Respekt vor der individuellen Anschauung und dem individuellen Betätigungswunsch erhalten bleibt und daß auch auf diesem Gebiet das Primat des nationalen Denkens vor dem Partei-Vorurteil gewahrt bleibt. V. Ein letztes Wort über unser Verhältnis zu den anderen Parteien. Mapai - Poale Zion trägt einen großen Teil der positiven Leistungen und der kritikbedürftigen Fehlleistungen auf ihren Schultern. Wir Allgemeine Zionisten haben diese Kritik stets offen zum Ausdruck gebracht, und trotzdem ist die Zusammenarbeit in der Exekutive der Zionistischen Organisation von langer Dauer und wird cs voraussichtlich bleiben Sic wird immer dann leichter sein, wenn die Poale Zion sich nicht vom Schwergewicht der von ihr vertretenen materiellen Interessen und Klassenideologie fortziehen läßt. Von Mapam (Haschonier Flazair, Linke Poale Zion) trennen uns ernste Gegensätze, nicht nur weltanschaulicher Natur, denn wir sind und bleiben Gegner des Marxismus, sondern heute auch der politischen Zielsetzung. Die Allgemeinen Zionisten in Israel und der Diaspora würden es für ein Unglück halten, wenn Israel die Linie der Neutralität verlassung und den Wunsch der Mapam auf Annäherung an den sowjetischen Block nachgeben würde. Mit dem Misrachi teilen wir den Wunsch nach Respekt vor der jüdischen Tradition und nach einer Erziehung, die auch die Werte der religiösen Vergangenheit und Gegenwart in ihr System einbezieht. Aber wir warnen vor jedem Versuch, irgendeinen Zwang in religiöser Hinsicht auf das Gewissen de* Einzelnen auszuüben. Schabbath und Kaschruth im öffentlichen Leben sind heute keine Streitobjekte mehr. Der Weg zu weiteren Zielen kann nur evolutionär sein, deshalb macht cs uns besorgt, den Misrachi oder Teile von ihm in zu enger Gemeinschaft mit solchen Gruppen der extremen, nichtzionistischen Orthodoxie zu sehen, deren Intoleranz in religiösen Dingen stets nur Schwierigkeiten bereitet hat. Trotzdem erscheint uns das Trennende geringfügig gegenüber der uns mit allen diesen Gruppen einenden Idee des Zionismus. Noch ist der Kampf um die Seele der Diaspora nicht beendet. Zionisten zu erziehen ist wichtiger als Parteivolk zu schulen. Dem Opportunismus der Assimilation die große Idee des erneuerten jüdischen Volkes, wie sie vion Herzi gelehrt wurde, entgegenzusetzen, bleibt auch heute noch unsere gemeinsame Aufgabe. Daß im Ringen der Gegensätze diese gemeinsame Verpflichtung nicht verloren gehe, ist von allen Zielen das höchste, das der Allgemeine Zionismus sich setzt. JÜDISCHES BONBONS- UND SCHOKOLADENGESCHÄFT POSTVERSAND NACH ISRAEL UND ALLEN LÄNDERN M. ENGEL WIEN III, LANDSTRASSE-HAUPTSTR. 48 TEL. U 16 4 37 Theatir - Kabarett der Komiker Wien I, Wollzeile 36 Telephon R 26 4 31, R 212 73 Gegen Abgabe dieses Bons erhalten unsere Leser an den Kassen 2 Stück ermäßigte Karten (50°/o)- Nur gültig von Montag bis Freitag und Sonntag nachmittags. 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