Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1950
- Issue
- Heft 43 (12.11.1950)
- Date
- 1950-11-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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■mf 3iwn v3l.V ~.V . V'-* >41F«.«K iimme eiligem ein zionistisch e Jdo chenschvift Zionistischer Landesverband Wien Preis 2 Schilling V. b. b. ^tyltllllllMIIIIIIIIHIIIIIIIIIIIIIIIIMIIIIffl Redaktion und Administration: 5 S WienIX, Universitätsstr. Nr. 4/4 2 Telefon A 26 4 73 I «42 nrn t^rn D^v^rr rrnnam S Postscheck-Konto Nr. 134.292 s | 12. November 1950 | « s | Erscheint | | vierzehntägig I Nr. 43 - 1950 Zwi Perez Chajes Ein großer Mensch — ein aufrechter Jude — ein begeisterter Zionist Von Dr. Wolf Herzberg Sein Leben war einfach und bescheiden, seine Reden und Vorträge, obwohl getragen von tiefem Wissen und höchster Form, entbehrten der hochtrabenden Phrasen und salbungsvollen Wendungen, und so soll auch der Nachruf nach Z. P. Chajes bescheiden und phrasenlos sein. Es gibt Menschen von höchster Gelehrsamkeit, führende Geister, denen jedoch ein prägnanter Charakter fehlt. Es gibt Männer von epochaler wissenschaftlicher Bedeutung, denen aber die Herzensgute abgeht, es gibt große Politiker und Künstler von Weltruf, deren Privatleben aber viel, sehr viel zu wünschen übrigläßt. Chajes gehörte zu den wenigen von der Vorsehung Auserlesenen, die in sich die Eigenschaften einer bedeutenden Persönlichkeit und eines edlen Charakters zugleich, sowohl im öffentlichen als auch im Privatleben, vereinigten. Er verfügte über ein immenses Wissen, beherrschte nicht nur das hebräische Schrifttum kat exochen, sondern besaß auch ein profanes Wissen auf allen Gebieten, sei es nun Literatur oder Philosophie. Er beherrschte mehrere Sprachen in Wort und Schrift, insbesondere die italienische und englische. Als im Jahre 1928 Colonel Kish, ein Mitglied des engeren zionistischen Aktionskomitees, in Wien in einer groß angelegten Versammlung englisch sprach, verdolmetschte Chajes abschnittsweise fast wörtlich den Inhalt seiner Ausführungen so fließend, wie wenn er selbst deutsch gesprochen hätte, und erregte die Bewunderung aller Zuhörer. Er hatte schwere Aufgaben zu vollführen und er vollbrachte alles in seiner schlichten wundervollen Art : an der weltzkmistischen Führung teilzunehmen, an der Gestaltung der zionistischen Tätigkeit im Wien führend mitzuwirken, der großen jüdischen Gemeinde in Wien, deren Oberrabbiner er war, Lehrer und Erzieher zu sein. Rer würdevollen Macht seiner Persönlichkeit konnten seine Widersacher, deren es anfangs viele gab, nicht lange widerstehen und sie wurden aus Gegnern seine eifrigen Anhänger. Seine aus tiefstem Herzen und Gefühl strömende Liebe begann ihre Wirksamkeit bei den Kindern, entfaltete sich mächtig für sein Volk und strahlte letzten Ende in die ganze gesittete Menschheit hinein. Des Propheten Jesaias Grundideen von der endlichen Verbrüderung der Menschheit war sein Leitmotiv bei allen Reden und Belehrungen. Er war Gründer und eifrigster Förderer des Vereines „Kinderfieunde“. Keine Gelegenheit ließ er außer acht, mitten unter den Kindern zu erscheinen, die er, um mit Martin Bubcr zu sprechen, als die höchste Glückschance der Menschheit betrachtet. Seine glühende Liebe galt dem jüdischen Volke und höchste Bewunderung der aus der Bibel und den Propheten entströmende Ethik und sozialen Gesetzgebung, die über alle Zeiten und Welten hinaus ihre Geltung behalten haben und in die Ewigkeit hineinwirken werden. Wie er sein Amt als Oberrabbiner der Gemeinde auffaßte, hat er in einer als Antwort auf eine diesbezügliche Frage eines interessierten Gegners gehaltenen Tempelrede dargetan : „Ich erblicke meine hehre Aufgabe darin, in den Juden Wiens das Jn ihrem Inneren schlummernde jüdische Gefühl zu erwecken, ihnen den Inhalt des Judentums, und dessen übernationale Bedeutung zu übermitteln und den Zionsgedanken nicht nur als Gebet und Hoffnung, sondern als Tat einzuprägen“. Nicht Priester, sondern Erzieher und Lehrer will ich dem Volke sein“. Außer dieser Funktion lehnte er alle anderen, wie Hochzeiten, Beerdigungen usw., von vornherein ab. Unvergeßlich und wundervoll zugleich ist der in seiner Antrittsrede getane-Ausspruch : „Ich will kein Mittler zwischen Euch und der Gottheit sein, sondern bloß zur Verwirklichung des im Menschen innewohnenden Göttlichen beitragen.“ Da sein Wirken auch im Traditionell-jüdischen fußte, beseitigte er aus dem Tempel alles Pseudojüdische, alles was auch in diesem Belange an Assimilation erinnerte. Sein sozia1es Werk nahm den Anfang beim Individuum und endigte beim Volksganzen. Eine kleine persönliche Erinnerung soll sein soziales Interesse auch für Einzelpersonen beleuchten, Ich intervenierte persönlich für cindn gesanglich sehr begabten, ganz mittellosen jungen Menschen, der aus C’zernow itz hierhergekommen w ar, um sich als Sänger auszubilden. Ohne Zögern setzte sich Chajes mit Professor Wolf in Verbindung, welcher sich selbstverständlich war es doch der Wunsch des Chajes, bereit erklärte, dem Jungen unentgeltlichen Unterricht zu erteilen, U eher dies verfügte Chajes, daß aus einer für derartige Fälle, über seine Initiative eingerichteten Kassa ihm eine monatliche 'Subvention zugewendet wurde. Ich glaube kaum, daß jemand, der mit einem Anliegen bei Chajes vorgesprochen hatte, sein sehr frequentiertes Bureau unverrichteter Dinge verlassen hätte, es wäre denn, daß tatsächlich eine Unmöglichkeit bestanden hätte. Er w ar Gründer und Förderer vieler Vereine und Anstalten, darunter des hebräischen Gymnasiums und Lehrerseminars, Einzig und beispiellos war sein Altruismus und seine Selbstloligkeit, die sich darin offenbarte, daß er von seinem Gehalt von monatlich 1300 S für seine Person bloß 300 S bezog, der Rest von ihm schon von vornherein für diverse Vereine und Institutionen eingeteilt war. Der Grundsatz verba movent, exemplatrahunt (Worte bewegen, Beispiele ziehen) bewährte sich durch das von ihm gegebene Beispiel insofern, als so manche wohlhabende Menschen, die sonst geschlossene Taschen hatten, sich bewogen fühlten, seinem Beispiele teilweise zu folgen. Er selbst lehte in größter Bescheidenheit, bezog das Mittagessen aus der orthodox-rituellen Gemeinschaftsküche „Einheit“ und (versagte sich jegliches Vergnügen. Ob- Am 9. und 10. November d. J. hatten die Juden Wiens Gelegenheit, die letzten Ehren ihrem großen Lehrer und Oberrabbiner Prof. Z. P. Dr. Chajes, s. Ä|i, zu erweisen, dessen sterbliche Ueberreste nach Israel überführt werden. Die Exhumierung fand am Mittwoch, den 8. d. M., statt, doch waren nur die Vertreter der Behörden zugelassen. Donnerstag, den 9. d. M.’ fand dann die Ueberführung in den Tempel I„ Seitenstettengasse statt, w?o die Leiche feierlich aufgebahrt wurde. Vertreter der Kultusgemeiinde, der zionistischen Organisationen und der Jugendverbände haben während des Tages und während der Nacht die Ehrenwache gehalten. Abends beim feierlichen Gottesdienst hielt Herr Oberrabbiner Dr. Eisenberg die Gedenkrede. An diesem läge waren es 12 Jahre, an welchem die jüdischen Gotteshäuser zerstört wurden. So gedachte der Oberrabbiner auch der Zerstörung und der Opfer. Eine Gedenktafel für Dr. Chajes, von Herrn Bittmann gespendet, w urde im Tempel angebracht. Freitag um 7 Uhr morgens wurden die sterbliwohl objektiver Schwärmer für eheliches Familienleben und Kindersegen, versagte er sich selbst auch das Eheglück und blieb allein, weil er, wie er wiederholt erklärt hatte, durch Familiensorgen von seiner inneren Belufung, für sein Volk ganz und restlos zu wirken, nicht abgelenkt werden wollte, Das erhebende Gefühl, unter seiner Aegide und mit ihm zusammen jüdische, zionistische Arbeit geleistet zu haben, wirkt noch heute so viele Jahre nach seinem Tode nach. Tief erschüttert sind wir alle durch den Gedanken, daß Chajes die Erfüllung unseres 2000 Jahre alten Traumes, die Errichtung des Staates Israel, für den er ein Leben lang gekämpft und, fast müßte man sagen, sein Leben hingegeben hat, nicht erlebt hat. Ein Trost ist uns geblieben : Er starb in der vollsten Ueberzeugung von dem endgültigen Siege des Zionismus. Er erlebte den Judenstaat in seiner Vision. — Secher zadik liwracha : Das Anliegen des Gerechten gereicht zum Segen t gon aufgebahrt und mittels Auto bis Neapel gebracht. In Neapel wird der Sarg auf den Dampfer Ke dm ah verschifft, wo ein eigener Raum für die Aufbewahrung der Leiche bereitgestellt wurde. Ein Direktor der Shoham-Schiffsgesellschaft kam extra nach Wien, um den Sarg zu übernehmen und bei den Feierlichkeiten anwesend zu sein. Die Shohatu-Schiffsgesellschaft hat es in vorbildlicher Wehe übernommen, sowohl den Sarg, als auch den 10.000 kg schweren Grabstein gratis von Neapel nach Israel zu überführen. Besonderer Dank gebührt der Leiterin des Wiener Büros von El-Al und der Shoham-Schiffsgesellschaft, Frau Irene Friedrich. Die Kultusgemeinde Wien hat alle mit der Ueberführung notwendigen Arbeiten durchgeführt und ihre Beamten haben unter Leitung des Herrn Amtsdirektors Krell ebenso tüchtig wie hingebungsvoll gearbeitet. Die Kultusgemeinde Wiens hat für die Ueberführung einen Betrag von S 13.000, zur Verfügung gestellt. Näheres über die Feierlichkeiten und deren Verlauf bringen w ir in unserer nächsten Nummer. chen Ueberreste in einem Leichenfour- (tretet dem Zionistischen Landesverband bei! Überführung der sterblichen Überreste des Oberrabbiners Z. P. Chajes nach Israel.