Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1949
- Issue
- Heft 33 (3.12.1949)
- Date
- 1949-12-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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iimme eiligem eia zionistisch e JVo ch enschrifi Zionistischer Landesverband Wien njna BrV?2n d'jpki nnwin Preis 2 Schilling V.b.i), Redaktion und Administration: Wien IX, Universitätsstraße Nr. 4/4 Telefon A 26 4-73 §§j Postscheck-Konto Nr. 134.292 || 1 3. Dezember 1949 M | Erscheint | | vierzehntägig | lllllllllJjpiiUlJIIIII Nr. 33 1949 Weizmann über Weizmann Zum 75. Geburtstag des israelisdien Staatspräsidenten Chaim Weizmann schildert sein Lehenswerk in einem vor kurzem herausgekommenen Buch „Trial and Error“, das auch in hebräischer Übersetzung vorliegt. Es ist eine Autobiographie, in der die Persönlichkeit von Seite zu Seite zu jener Größe heranreii't, die in der ganzen Welt Bewunderung erregt. Das Buch erweckt nicht nur in der jüdischen, sondern auch in der nicht jüdischen Welt größtes Interesse; man liest es mit Spannung und lernt aus ihm nicht weniger als aus den Tagebüchern Herzls. Weizmann legt darin eine Art Bilanz seines Lebens und Schaffens nieder. Dabei ist es nicht das Vermächtnis eines Mannes, der lebensmüde ist und seine Pflicht und das geschaffene Werk als beendet ansieht, es ist auch nicht, als ob der Hochtourist, der den steilen Berg auf lebensgefährlichen Pfaden immer höher steigend erklommen hätte, nun Rückschau und Umschau hält, sondern man merkt die stete Bereitschaft eines kampflustigen und Höherstrebenden, der Ziele und Wege mit der Glut seiner Leidenschaft verfolgt und im Laufe der Jahrzehnte mit der Sicherheit seines Glaubens immer aufwärts strebt. Weizmann ist an der Wiege des politischen Zionismus gestanden und hat die Entwicklung dieser Bewegung bis zu ihrem Höhepunkt begleitet. Be fruchtend hat er die Bewegung geführt und sie ans Ziel gebracht. Man begegnet in dem Buche Urteilen Weizmanns über führende Persönlichkeiten im Zionismus, die sie manchmal zu verkleinern scheinen. Die Urteile sind streng, denn Weizmann liebt es nicht, Idealgestalten ohne weiteres zu bewundern, er kritisiert mit scharfem Verstand. Einige Urteile über diese Persönlichkeiten mögen im ersten Moment befremdlich erscheinen. So zeichnet er beispielsweise Nordau als Primadonna, nennt Motzkin einen Vereinsmeier, Sokolow den Typ eines Erzbischofs, Martin Buber einen „philosophierenden Schöngeist,“ und noch mehr muß man sich auf den ersten Blick darüber wundern, daß er llerzl, den er mit großer Ehrfurcht sieht, zu dem er sich mit Pietät bekennt, und den er als großen Organisator darstellt, als einen Mann bezeichnet, der mit einer Art philanthropischen Zionismus dem politischen Ziele zustrebt. Wenn das auch den Le>er, wie erwähnt, befremden mag, so muß gesagt werden, daß Weizman, der bei allem richtigen Instinkt, für das Irrationelle und hei der magischen Kraft, dio seiner Persönlichkeit innewohnt, llerzl hätte anders einschätzen müssen. Deutlich kommt, die Verschiedenartigkeit: der Quellen zum Ausdruck, aus denen der Zionismus seine Kräfte schöpft. Es ist der Unterschied zwischen dem westeuropäischen und osteuropäischen Judentum. Man mag es vielleicht damit erklären, daß llerzl und Nordau von oben her kommen, während Weizmann von unten aufsteigt. Die Autobiographie stellt auch eine Geschichte des Zionismus dar. Sie ist dabei aber keine Sammlung von Dokumenten und von Protokollen. In ihr schildert ein Mann die Sorgen, die ihm der Zionismus bereitet, und berichtet nie daran zweifelt, recht zu haben. Einen solchen Glauben an sich selbst besaß auch llerzl. Aber bei llerzl nennt er dasselbe Naivität. Weizmann spürt dabei seihst, daß etwas nicht stimmt, und mit Selbstironie versucht er die Widersprüche zu mildern. Die Ironie Weizmanns ist eine typisch jüdische: sie steigert sich oft bis zum Sarkasmus. Dabei verherrlicht sich Weizmann keineswegs, man kann aber WA Slnntspriisidenl Chaim Weismann i von den Leiden, die er gelitten hat. Er zeigt die Pläne auf, die er geschmiedet hat, und berichtet von den Unternehmungen, die er einleitete. Er erzählt auch, was er selbst gehört hat und was er andere hat hören lassen. Das Werk ist gleichzeitig eine Verteidigung und eine Beschuldigung. Weizmann ändert sehr oft den Stil und dio Art,der Darstellung. Einmal ist er dramatisch, dann würzt er plötzlich den Stoff mit, köstlichen Anekdoten, die blitzartig die Ereignisse und ihre Zusammenhänge erhellen. Man spürt in dieser Art, der Darstellung, daß er nicht behaupten, daß er übertrieben bescheiden sei. Er weiß, daß er groß genug ist, um sich nicht aus falscher Bescheidenheit, kleiner zu machen. Er kennt seinen Eigenwert und es genügt ihm, wenn er objektiv berichtet, rein protokollarisch Tatsachen zu verzeichnen, wobei aber doch seine Persönlichkeit mit, eruptiver Kraft zum Durchbruch kommt. In der Autobiographie scheinen auch die Gegensätze des Uharakters auf. Aber all das vermag nicht, seine überragende Persönlichkeit zu verkleinern. Er versteht es, der Gegensätze in seinem Charakter Herr zu werden. Aus ihnen bildet er die Synthese, die zur Schöpfung führt. Denn er ist Chemiker und Politiker, auf beiden Gebieten hervorragend. Gelangt er zu einem toten Punkt, zu einer unübersteigbar scheinenden Mauer, so flüchtet er sich in sein Laboratorium, das für ihn Erholungsstätte ist. Diese inneren Gegensätze kommen besonders in seiner Auffassung von der Politik zum Ausdruck. Sein Credo lautet: Kampf gegen den „leichten“ Zionismus. Sein Weg ist der Weg des langsamen Wachsens, wie die Natur es lehrt. Alles muß mit Schweiß, mit Opfern errungen werden. Keine Deklaration, keine Ansprache, keine Resolution führt zu positiven Ergebnissen, nur Arbeit und Anstrengung bringen dem Ziel näher. Ein Stockwerk muß auf dem andern aufgebaut werden. Das ist Weizmann, der Realist, Weizmann der Baumeister. Aber er ist nicht nur Realist, er ist gleichzeitig Visionär. Sein System ist realistisch, aber die Quelle seiner Schöpfung steckt irgendwie in einer mystischen Verbindung mit seinem Volk. Dabei schwebt ihm das Endziel immer als Vision vor Augen. Wenn er von seinen armen jüdischen Brüdern spricht und schreibt, so sind das für ihn die kleinen Menschen in den jüdischen Gemeinden und wenn er von den Wanderungsfähigen und Opferfreudigen, zu Leistungen Entschlossenen spricht, dann erreicht die Darstellung dramatische Höhe. Darin liegt auch das Geheimnis seines Einflusses auf die Großen in der nichtjüdischen AVelt- Diese haben immer gespürt: aus Weizmanns Mund spricht die Stimme seines Volkes. Di ese Identifizierung mit seinem Volke hat bezaubernde Wirkung, denn diese Beziehungen zum Volk atmen religiösen Charakter. Weizmann erscheint da wie ein Prophet, des Volksglaubens. Aus diesen Gegensätzen, Realismus- Vision stammen auch dio dialektischen Gegensätze, die sich in „Trial and Error“ linden, ebenso wie die tragischen Eehlschläge. Weizmann kämpfto sein ganzes Leben lang gegen kurzfristige politische Erfolge. Er glaubt wenig an die Erlangung der Charter durch llerzl und doch setzt er dort fort, wo llerzl aufgehört hat und erreicht die Charter, aber in neuer Form, in der Form der Balfourdeklaration. Ohne llerzl wäre das unmöglich gewesen. 'Protz seiner glühenden Liehe zum jüdischen Volk drückt er die führenden Persönlichkeiten im Judentum nicht an sein Herz. Er ist auch nicht vom englischen Volke begeistert, aber zu seinen führenden Persönlichkeiten (Fortsetzung auf Seite 2'