Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1948
- Issue
- Heft 26 (6.11.1948)
- Date
- 1948-11-06
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 üD/e Stimme Nr. 26 ISRAEL Henry Morgenthau besucht Israel Paris. IS. Oktober. Per gewesene Finanzminister der Vereinigten Staaten Henry Morgenthau jr. erklärte gestern in einem Interview, er sei sehr ..entmutigt,". Den Vereinten Nationen sei es nicht gelungen, eine ..tätige Körperschaft" zu sein; sie sei nur eine ..debattierende Gesellschaft". Der berühmte Bankier und Freund des verstorbenen Präsidenten F. D. Roosevelt ist als Vorsitzender des United .Jewish Appeal unterwegs nach Israel, wo er mit führenden Regierungsmitgliedern Fragen der Masseneinwanderung und der wirtschaftlichen Entwicklung des neuen jüdischen Staates besprechen wird. Er berichtete auch von einer mit Warren R. Austin, dem Hauptdelegierten der USA bei der Generalversammlung der UN stattgefundenen Beratung über die Palästinafrage. Dieses Gespräch, so sagte Morgenthau. habe leider seinen entmutigenden Eindruck nicht geändert. Er hoffe jedoch auf einen raschen Entschluß der UN in dieser Frage und daß der Sicherheitsrat doch noch auf den Teilungsplan vom 29. November 1947 zurückgreifen werde. Er hob die Errichtung des jüdischen Staates als ein ..bemerkenswertes Beispiel für Mut und ungebrochenen Freiheitswillen" hervor. Er sagte wörtlich: ..Israel wurde während der letzten sechs Monate zum Mittelpunkt für die großen Massen heimatloser Juden in Europa, die ihr Leben neu aufbauen wollen." Mr. Curtis Rooseveit-Boettinger. der 19jährige Enkel des verstorbenen Präsidenten Roosevelt. wird Henry Morgenthau — als persönlicher Vertreter Frau Eleanor Roosevelts — bei seinem Besuch in Israel begleiten. Anläßlich seines Aufenthaltes in Israel besuchte Henry Morgenthau jr. die von den Ägyptern zerschossene Siedlung Negba und teilte bei dieser Gelegenheit mit. die amerikanischen Juden würden durch Adoption Negbas durch eine amerikanische Stadt und Bereitstellung eines Betrages von 450.000 Dollar beim Wiederaufbau der Siedlung mithelfen. Hulda. 27. Oktober. Eine neue Siedlung wurde heute auf den umkämpften Hügeln Judeas gegründet. Sie soll nach Henry Morgenthau jr. benannt werden. An der Einweihungszeremonie nahmen Präsident Weizmaini und Herr Morgenthau teil. * P a r i s. 25.Oktober. Mosche Shertok, der Außenminister Israels, hat das Palais (’haillot, den Tagungnsort der UN. mit der Begründung verlassen, daß von dieser Tagung der UN keine endgültigen Maßnahmen zur Lösung des Palästina-Problems zu erwarten seien. Er ist nach Israel abgereist. Israels Oberster Gerichtshof beginnt seine Tätigkeit Am 14. September erfolgte die feierliche Inauguration des Obersten Israelischen Gerichtshofes, der seine Tradition direkt vom Großen Synhedrion ableitet. Justizminister Dr. Felix Rosenbliith nahm den Obersten Richter Moshe Smoira und seine vier Beisitzer. Rabbi Bimcha Assaf, Itzhak Olsohn. Moshe Dunkelblum und Salmon ('besinn in Eid. Eine Reihe glänzender offizieller Persönlichkeiten, hohe Beamte, die Richter. Staats- und Hechtsanwälte in ihren Talaren. sowie eine' Anzahl von Armeeoffizieren füllten die Halle, als die fünf höchsten israelischen Richter bedeckten Hauptes die Hand auf die heilige Bibel legten und die Eidesformel nachsprachen. Araber überreichen Memorandum P a r i s, 26. Oktober. Ein von den arabischen Delegierten unterzeichnetes Memorandum wurde in Paris an alle Mitgliedstaaten der UN iiberl eicht. Sie behaupten darin, das Palästinaproblem könne nur durch Waffengewalt gelöst werden. Kapitulation ägyptischer Truppen im Negev Tel Aviv, 29. Oktober. Eine offizielle Meldung berichtet von der Kapitulation derarabischen Garnison von Hebron. Ferner melden israelische I Heeri'skommuniqucs die massenweise Ergebung von im Küstengebiet eingekreisten ägyptischen Einheiten. Araber erhält ein Amt In Israel N a z a r e t, h. Aziz Jar Jura, Friedensrichter in Nazareth während der Mandatarverwaltung, ist, der erste Araber, der einen offiziellen Posten im israelischen Justizministerium erhielt. Aziz Jar Jura wurde von der israelischen Regierung wieder in seine alte Stellung eingesetzt. Israels Währung Ist populär In den Grenzen seines Landes erfreut sich die israelische Währung wohlverdienter Popularität. Dabei ist erstaunlich, daß sich sogar die Araber oft weigern, das alte Palästina-Pfund anzunehmen und das „neue Yahood- Pfund“ vorziehen. Im Libanon werden drei Pal-Pfund für ein Israeli-Pfund geboten. Ähnlich verhält es sich im Irak und Ägypten. Neuer Antrag im Sicherheitsrat In der am 2S. Oktober d. J. stattgefundenen Sitzung des Sicherheitsrates erklärte Dr. R. Bunche, daß sowohl von den Juden wie auch von den Ägyptern neue militärische Vorbereitungen getroffen werden, die zu weiteren Kämpfen im Heiligen Lande führen können. Die britische und chinesische Delegation brachten nachstehenden neuen Antrag ein: Eine Kommission, bestehend aus den fünf ständigen Mitgliedern Belgiens und Columbiens zu bilden, welche die Aufgabe hat, Wirschläge auszuarbeiten, um die ursprünglichen Positionen der jüdischen und ägyptischen Truppen im Negev vom 14. Oktober wiederherzustellen. Sollte sich eine der beiden Parteien dem Befehl des Sicherheitsrates widersetzon, sollen gemäß Kapitel 14 Sanktionen — ausgenommen die militärischen — seitens der Vereinten Nationen angedroht werden. Auf der am 29. Oktober staftgefundenen Sitzung sprach sich der französische Delegierte A. Parodi gegen diesen Antrag aus und empfahl, daß die Generalversammlung über die Anwendung des Kapitels II der Charta, entscheiden solle. Durch persönliche Intervention Präsident, Trumans. dm* die amerikanische Delegation aufforderte. diese Anträge nicht zu unterstützen, wurde die weitere Behandlung des Palästina-Problems im Sicherheitsrat, auf unbestimmte Zeit, vertagr, und ein Unterausschuß zur Weiterführung dieser Frage gebildet. In Abänderung der englisch-chinesischen Resolution zur Lago im Negev wurde am 40. Oktober vom Unterausschuß folgender vom französischen Vertreter ('ingebrachter Antrag — gegen die Stimme der Ukraine —-• angenommen: 1. Die Juden und Ägypter haben sich auf die Positionen vom 14. Oktober zurückzuziehen. 2. Die Waffenstillstandslinien werden von der UN bestimmt. 4. Direkte oder über den UN-Vermittler geführte Verhandlungen über einen endgültigen Waffenstillstand sollen geführt werden. Sollten diese Empfehlungen jedoch nicht angenommen werden, so hat der UN-Vermittler in Palästina die Grenzlinien selbst, zu bestimmen. Hebräische Enzyklopädie erscheint Die ersten Bände der Hebräischen Enziklopädie werden in einigen Wochen in Israel erscheinen. Das vollendete Werk wird 10 Bände mit über 40.000 Artikeln. 4000 Landkarten und Illustrationen umfassen. Es wird ausschließlich hebräisch gedruckt sein und behandelt sowohl die letzten Forschungen der Kernphysik bis zu den Schleuderwerfern im antiken Griechenland. Die Arbeit an diesem umfassenden Werk hat sechs Jahre gedauert. Es stellt unter dem Patronat, von Präsident Weizmann. Mosche Shertok, ltzhak Grünbaum, David Rcmez u. a. m. — Persönlichkeiten wie Prof. Albert Einstein, Prof. Nils Bor, Atomphysiker, Prof. A. Ghaim, Entdecker des Penicillin, Bernhard Baruch, Prof. Harold Laski, Sumner Welles, Admiral Bird haben wesentlichen Anteil an der Schaffung dieses Werkes genommen. B IR LE F AUS KALIFORNIEN Mitgeteilt von A. P a n Wir erlauben uns, unsere Leser auf <bis uni cnstehcmle Feuilleton aufmerksam zu marken. Wir werden bemüht sein, aus der Feder a. pan. weitere Beitrüge für unsere Zeitung zu bringen Oie Uedaktion. Los Angeles, Oktober 194S Lieber Bruder, es hat keinen Zweck, daß Du mir in letzter Zeit seltener und einsilbiger schreibst als vor ungefähr drei .Jahren. Du kannst weder mich noch irgend jemanden im Auslände. bei dem Du dieselbe Taktik versuchst, über Deine seelische oder materielle Situation oder die der gesamten österreichischen Judenschaft täuschen. Denn wir stehen nicht, nur in regem brieflichen Verkehr mit der alten Heimat, sondern lassen uns, seit das wieder möglich ist. auch vielfach Zeitungen und Zeitschriften kommen. Die Neuerscheinungen auf Eurem Büchermarkt verfolgen wir mit Interesse und schallen uns gelegentlich in Eun* Rundfunksendungen ein wir sind also durchaus ,,im Bilde”. Dazu kommt, daß (Gott sei Dank) hie und da doch ein Jude Ostierrejch verlassen kann und wir dann Gelegenheit, haben, durch eine Aussprache unseren Wissensdurst. zu befriedigen. So braucht es Dich nicht, zu wundern, daß ich über die Gründe Deiner kurz angebundenen und verhaltenen Schreibweise Bescheid weiß. Darf ich es Dir mit dürren Worten sagen? Du genierst Dich, damals zu optimistisch gewesen zu sein, damals, als der Schlußpfiff des Schicksals jenes \\ ett.spiel beendete, das der menschlichen Kultur ein .Jahrzehnt: lang vom Braunauer Scheusal geliefert, wurde. Die Gaskammer, jene moderne Apparatur, welche das alt römische Schwert und den mittelalterlichen Scheiterhaufen als probate Mittel zur Lösung der Judenfrage weil, überholte, vermochte Dich um bei dem sportlichen .Milieu zu bleiben nicht, in ihren Weltrekord einzubeziehen, lind Du, der trockene Nuturwisi-ensehaftler, wurde.-1 in der ersten Freude über die Errettung gerade dichterisch, als Du schrieb.-t, der Lindwurm des .Judenhasses liege entseelt, am Boden die Liebe der Menschen zueinander habt' ihn besiegt. Nun aber, da ich aus Deinen ■ Briefen ersehe, daß Dir und auch anderen langsam der Knopf aufgeht und Du von Deiner in den Firnistagen der zweiten Republik ausgestrahlten Poesie wieder zur knappen Alltagsprosa zurückfindest, nun kann ich Dir ja gestehen: ich stand Deinem Optimismus von vornherein äußerst skeptisch gegenüber. Du und mit Dir der Großteil der „von der Schaufel Gerutschten“, Ihr wurdet durch die Beendigung des Krieges und der durch die Hitlerleute verursachten antisemitischen Hochflut zu dem Irrglauben verleitet, es seien auch Eure Leiden und (Jualen beendet worden und der reißende Strom des .Judenhasses sei versiegt. Willig und gern lauschtet, Ihr (hm Versicherungen von Ministern und anderen Kapazitäten, deren Reden Musik für Euro Ohren und Balsam für Euro Wunden waren und hieltet, das Wort bereits für die Tat. Doch wir, vom ()rt der Geschehnisse durch den halben Erdball getrennt., hatten schon durch die. große Distanz die bessere Übersieht. Dazu kam, daß wir auch hier, im freiesten Lande der Welt, und als seine gleichberechtigten Bürger, keinen Moment daran vergessen haben, Juden zu sein. Denn auch hier gibt es Antisemitismus, wenn auch nicht jenen religionsphilisophiseh oder rassentheoretiseh unterbauten, von der intellektuellen Schicht als geistiges Staatsgewand getragenen, sondern nur einen aus zweiter Hand, einen aus der europäischen Trödelhude der Ideen eingeschmuggelten, einen „übertragenen". Die Tatsache seines Bestehens war nicht der letzte Grund, unseren in der geistigen Atmosphäre des überorganisierten Amerika geschärften jüdischen Verstand erkennen zu hissen, daß Faire Hoffnungen auf (»ine bessere Zukunft; inmitten der Alten Welt ein eitler Wünscht raum waren. Wir warteten daher auch nicht auf jene Flammenzeiehen, die Euch jetzt so kopfhängerisch machen, sondern schritten zur Tat. Die Leistungen unseres American Joint allein, der eine Armee von .Juden seit Jahr und Tag in einem karitativen llilfswerk betreut, neben dem alle Volksopfer religiöser oder politischer Natur verblassen, schon diese Leistungen zeigen Euch, daß wir die Entwicklung voraussahen. Wir haben leider Gottes recht behalten und stehen daher auch den Dingen jetzt nicht, so fassungslos gegenüber wie Ihr. Wir staunen nicht über die schwierige Lage Eurer Regierung, der Hundert tausende von