Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1948
- Issue
- Heft 26 (6.11.1948)
- Date
- 1948-11-06
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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timme o/lllgemein zionistischejdochenschrifi Zionistischer Landesverband Wien wo crVtsn d'otct nnnxnn Preis 1 Schilling V.b.b. |[illllllll!!lllll!llllillllllllli!ll!|[||||||ll!lillllllllllilllllllllllilll!ll!l||||lil!!l!!ll!llil!llll_y H Redaktion und Administration: H Ü Wien IX, Universitätsstraße Nr. 4 4 M §f Telefon A 26 4-73 jj Ü Postscheck-Konto Nr. 134.292 H 6. November 1948 Erscheint vierzehntägig Nr. 26 Ing. Siegmund Kornfein Worte des Gedenkens 'Der Zionistische Landesverband für Österreich und mit ihm das gesamte Wiener Judentum stehen tief erschüttert am frischen Grabe seines so jäh dahingeschiedenen Generalsekretärs und Chefredakteurs der ..Stimme“ Ing. Siegmund Kornfein. Mit ihm ging einer der wenigen noch lebenden Veteranen des politischen Zionismus in die Ewigkeit ein. Siegmund Kornfein ist am 28. März 1881 in Waidhofen an der Ybbs als Kind armer jüdischer Eltern zur Welt gekommen, wo er auch erzogen wurde. Xach Besuch der Realschule in Steyr setzte er sein Studium an der Technischen Hochschule in Wien fort. Die Studien konnte er durch Nachhilfe in jüdischen Häusern selbst bestreiten. Als Ingenieur für Hoch- und Tiefbau hatte er eine Stellung im technischen Amte der jüdischen Kultusgemeinde Wien inne. Es ist eine schicksalhafte Fügung, daß der Verblichene auf dem von ihm selbst geplanten und angelegten neuen Friedhof nun auch zur ewigen Ruhe bestattet wurde. Bei einigen Kongreßtagungen hat sich der Verstorbene in uneigennütziger Weise als Kongreßstenograph zur Verfügung gestellt. Nicht jedem von uns war es vergönnt, im Umkreise der Majestät Herzls so unmittelbar dessen Lehre in Empfang zu nehmen, wie unserem teuren und guten Freunde Siegmund Korn fein. Will man die großen Verdienste dieses Mannes um den Zionismus so richtig ermessen, dann erscheint es angebracht, der jetzigen Generation jene romantische Zeit darzustellen, wie Herz], die Assimilation und Emanzipation durchschreitend, den W eg zu seinem Volke gefunden hat. Es war die Zeit, als die Völker der alten Monarchie, sowohl wirtschaftlich wie auch geistig, sich nationalisiert haben und den modernen und ,,befreiten“ .Juden als Art Fremdkörper seelisch und wirtschaftlich abgelehnt und isoliert haben. War im Ghetto der .Judenhaß beheimatet, so rollte die moderne 'Welt jetzt die ..Judenfrage“ wieder aufs neue auf. Den in Wien damals lelumden Juden war eines gemeinsam, und zwar die völlige nationale Entsagung. Während in der Welt; die .Juden Schicksal gespielt haben und über sich Fogrome, Verfolgungen und Diskriminierungen ergehen lassen mußten, schickte sich in Wien die Reaktion an, die Juden aus allen Bezirken des wirtschaftlichen und geistigen Lelums zu verdrängen. Wie sah damals die jüdische Gemeinschaft aus? Kein Zusammengehörigkeitsgefühl. alles in Auflösung begriffen; ein Teil glaubte sogar durch Übung von Wohltätigkeit dem Judenproblem auszuweichen, die jüdisch-akademische Jugend saß in den Kneipen dcutschliberaler, ja selbst deutschnationaler Verbindungen und sang ihre Lieder. Später kamen noch Protestrabbiner, Mauschels und andere Ghettonaturen, deren 'Tätigkeit heillose Wirkungen ausgelöst hat. Herzl hoffte, daß die ganze jüdische Jugend von allen unklaren ideologischen Richtungen ab- und ihm zufallen würde, als er im August 1897 geflößt; er gab ihnen Mut. Klarheit und Sicherheit über Ziel und Weg. Siegmund Kornfein hat die Würdigkeit dieser Weihe zeitlebens unter Beweis gestellt. Im Verein mit seinen zeitgenössischen Mitstreitern hat der Verblichene mit dem Aufgebot höchster Disziplin und Beharrlichkeit den Kampf für jüdische Ehre und jüdisches Recht geführt. Diese jungen Juden wuchsen mit ihrer nationalen Aufgabe. Es galt vor allem, im eigenen Lager die Übel der Ghettopsychose auszumerzen, die erstarrte Ignoranz zu Ing. Siegmund Kornfein begrüßt Dr. Levin, den ersten Gesandten Israels in Österreich gestärkt nach dem ersten Kongreß nach Wien zurückgekehrt war. Es war die erste große Enttäuschung für Herzl, als er statt Begeisterung nur Feindschaft und Unverstand in der jüdischen Gasse wahrnehmen mußte. Wer vermag zu beurteilen, oh der große jüdische Erneuerer noch den Mut und die Kraft aufgebracht hätte, die kaum junge zionistische Bewegung weiter zu treiben und nicht zu erlahmen, wenn in den Anfängen dieser neumessianischen Zeitepoche sich nicht eine kleine, zwar macht- und einflußlose Gruppe von jungen .Juden gefunden hätte, -bereit, die Lehren dieses genialen Meisters weiter in das Volk zu tragen. Ingenieur Siegmund Kornfein wurde dieser Gnade teilhaftig. Denn er gehörte dieser Schar führend am. Herzl hat diesen Menschen den tiefen Glauben an die Erfüllung einlösen und die Notwendigkeit der nationalen Erlösung plausibel zu machen. Um der Würdigung der Verdienste Siegmund Kornfeins teilweise gerecht zu werden, müßte man die Geschichte des Wiener Zionismus seit den Anfängen wiederholen. Siegmund Kornfein zählte zu jenen Zionisten, die stets unauffällig und bescheiden ihre Aufgal)on bis zur Selbstlosigkeit erfüllt haben. Sein ganzes Leben betrachtete er sieh als einfacher Soldat in der Kampffront für die nationale Befreiung seines geliebten Volkes. Trotz seinem hohen Alter träumte er noch bis zu seinem Erlöschen von der Alijali nach Erez Israel. Unvergeßlich war der Augenblick, als er in seiner einleitenden Rede Lei der Gründungsfeier der Medinath Israel im Großen Musikvereinssaal sich dem Standbilde Herzls zuwandte, an seine prophetische Voraussage: „In fünf oder fünfzig Jahren werden wir den .Judenstaat haben“ erinnernd, ihm in ergreifender Form den Rapport über die Entstehung Israels erstattet hat. Ein zweites Mal, bei der Begrüßung des offiziellen Vertreters Israels für Österreich, Dr. Kurt Lewin, segnete er mit tränenerstickter Stimme den Tag der Medinath Israel erlebt zu haben. Ing. Kornfein hat der „Kadimah“ seit ihrer Gründung aktiv angehört. Als die Hitlernacht über Europa kam, ließ sich Kornfein trotz Verfolgung, Leid und Diskriminierungen nicht beugen. Aufrecht und stolz trug er in sich den festen Glauben an die Auferstehung des jüdischen Volkes im jüdischen Lande. Um diese Zeit gelang es ihm, viele unserer Menschen durch Verbindungen mit dem ungarischen Konsulat mit den nötigen Reisedokumenten zu versorgen und über die Grenze zu bringen. Ein besonderes Ruhmesblatt erwarb sich Siegmund Kornfein 1945, als man daranging, den Zionistischen Landesverband für Österreich wieder aufzubauen. Aus dem puren Nichts und ohne jegliche Hilfe oder Mittel konnte er unserer Organisation in Wien einen überragenden Platz in der Wiener jüdischen Gemeinschaft sichern. Tag und Nacht, pausenlos arbeitete er am Wiederaufbau unserer Organisation, ohne auf seine angegriffene Gesundheit Rücksicht zu nehmen. Der Verstorbene verstand es trefflich, mit Menschen Umgang zu pflegen. Seine stete Liebenswürdigkeit, Hilfsbereitschaft und Zuvorkommenheit trugen ihm viel Freundschaft und Zuneigung bei allen Schichten der jüdischen Bevölkerung ein. Der Tod Siegmund Kornfeins traf uns wie ein schwerer Schlag. Wir ahnten wohl, daß seine Gesundheit stark erschüttert war, aber dennoch sträubten wir uns noch in seiner Agonie, an die Unabwendbarkeit der Katastrophe zu glauben. Er hat in der letzten Stunde doch das Glück und die Genugtuung empfunden, noch die Verwirklichung des Werkes der Medinath Israel, dem er so treu, so ehrlich und so t)eharrlich sein ganzes Leben lang gedient hat. zu erleben. Gliawer Siegmund Kornfein, habe Dank für Deine Opferbereitschaft im Dienste unserer Nation. Auf Gottes Acker geloben wir Dir. in Deinem Sinne und auf Deine Art den Kampf bis zur endgültigen Erlösung unseres scheiden Volkes fortzusetzen. Teurer Freund! Unsere letztem Grüße geleiten Deinen Antritt in die Ewigkeit. Schalem! Arnold David. ^^93109^13767571544039344523732^44717334^^