Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1948
- Issue
- Heft 20 (8.4.1948)
- Date
- 1948-04-08
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 20 CDie Stimme Seife 5 ZU DEN KULTUSWAHLEN 1/lcues aus VxdasiUva Von Beruhanl Braver Mitg ied des Kult usvorstandes. Hie Katastrophe, die durch den Hitlerisnius über uns her .ungebrochen ist, hat das Lehen der Jedenschaff Wiens grund lebend beeinflußt und geändert. Hatten wir vor dem Jahre 1938 in Wien eine festgefügte, wirtschaftlich konsolidierte jüdische Gemeinschaft, die über die Grenzen des Landes hinaus Ansehen und Bedeutung besaß, so steht heute demgogeniilj’r eine stark verarmte, teiweise entwurzelte, unter den schwierigsten Verhiiltnisen lebende kleine Anzahl von ca. 8000 Juden, von denen der größte Teil es bis heute nicht vermochte, sich eine Existenz aufzubauen und daher auf die Unterstützung der im Auslande lebenden Verwandten oder auf die Fürsorgeaktionen der ausländischen Glaubensgenoss :n und Organisationen angewiesen ist. Viele Juden haben den Zusammenhang mit dem wirtschaftlichen und kulturellen Leben verloren, sind an Jahren älter geworden und finden deshalb auch nicht mehr in ausreichendem Maße Anschluß an das wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben und versuchen nun, in einem Staate, der infolge des nazistischen Einbruchs und des Krieges selbst verarmt ist, wieder Wurzel zu fassen. Dieser Versuch aber stößt auf fast unüberwindliche Schwierigkeiten. Nur in einer organisierten, gut geleiteten jüdischen Gemeinschaft kann es gelingen, die hier lebenden Juden aufzurichten und ihnen den Weg in das normale Leben zu ebnen. Die Jüdische Föderation, die als Vereinigung jüdischer Organisationen in die Wahl zur Kultusgemeinde eintritt, wird in ihrer Tätigkeit innerhalb der Kultusstube folgendes Programm zu verwirklichen bejv^strebt sein : Die Kultusgemeinde hat sich nach kei- ^ner Richtung hin parteipolitisch festzu- 0, legen. Sie hat nicht eine politische Par- ’ ' fei zu begünstigen und eine andere zu benachteiligen. Sie muß vielmehr bestrebt sein, die den Juden geschlagenen Wunden nach Möglichkeit zu heilen. Nach den uns überlieferten Lehren sind die obersten Prinzipien unserer religiösen Gemeinschaft : Thora, Awoda und Gemilath Chassudlm (Glaube, Arbeit, Wohltun). Zunächst wollen wir ein Rabbmat schaffen, an dessen Spitze eine Persönlichkeit stehen soll, die geeignet ist, den alten Ruhm des Wiener Rabbinats wieder herzustellen. Es schwebt uns hiebei der Geist und das Wirken dreier Persönlichkeiten der letzten Aera vor u. zw. Dr. Güdemann, Prof. Dr. Chajes und Dr. Eeuchtwang. las en. Ebenso wollen wir in Angelegenheit der Wiedergufmachen j aM.*s lush r Versäumte nach Kräften nachholen und nichts unterlassen, um die Durchführung der diesbezüglichen Gesetzesbestimmungen zu beschleunigen. Kulturelle Fragen : Die Wiener Kulfusgemeinde besitzt eine reiche. Bibliothek an Judaiea, Unicaten und fncunabeln, die kaum ihresgleichen in der Welf hat. Es wird Aufgabe des zukünftigen Kultusvorstandes sein, die Auswertung dieses großen Kulturschatzes in geistiger Hinsicht zu ermöglichen. Zu diesem Zwecke werden wir bestrebt sein, entsprechende Einrichtungen zu schaffen, Lektoren zu bestellen, um diese Werke interessierten Personen zugänglich zu machen. Der Jugend wollen wir Möglichkeiten schaffen, auf jüdisch wissenschaftlichem Gebiete Kenntnisse zu erwerben, wie wir auch jedem Juden durch Abhaltung von Vorträgen, Kursen, Diskussions-Abenden umfangreiche Gebiete des jüdischen Wissens zu erschließen gedenken. Die Errichtung von Hebräischkursen fürjung und alt ist eine der wichtigsten Äurgaben, die wir im Äuge haben, ist doch heute die hebräische Sprache die Umgangssprache eines erheblichen Teiles des jüdischen Volkes; sie gibt die Möglichkeit in das wahre jüdische Leben Einblick zu gewinnen, um wirksam die Bestrebungen des Judentums im Zusammenhang mit der Errichtung des jüdischen Staates tatkräftig unterstützen zu können. Organisierung und Förderung der Pionierbewegung : Vor dem Jahre 1938 war die Chaluzbewegung in Wien ausgezeichnet organisiert und ein Pionierkader für den Aufbau Palästinas. Hier wurden die Chaluzim geistig und physisch ausgebildet und befähigt, Palästina aufzubauen. Wien lieferte eine stattliche Anzahl von jungen Menschen, die für Palästina sehr wertvoll wurden. Obgleich wir jetzt nicht mehr dieses Material haben, wird es Aufgabe der Kultusgemeinde sein, die jungen Menschen, die in Wien leben und die Absicht haben, sich für Palästina vorzubereifen, in ihren Bestrebungen so zu unterstützen, wie es die Kultusgemeinde vor dem Jahre 1938 getain hat. Wanderung : In der nächsten Zeit wird die Jewish Agency in Palästina eine großzügige legale Einwanderung nach Palästina organisieren. Der Kultusgemeinde wird es obliegen, zu diesem, Problem positiv Stellung zu nehmen und der neu geschaffenen weltpolitischen Lage im Zusammenhang mit der Errichtung des Judenstaates Rechnung zu tragen. Die Hilfe für die Auswanderung in ändert; Staaten wird von der Hias und Joint gewährt. Nationale Fonds : Die bereits seif Jahren bestehenden nationalen Fonds Keren Kajemeth und Keren Hajessod haben durch ihre unermüdliche zlihe Arbeit die Mittel geschaffen, die cs den Einwohnern Einwohnern Palästinas ermöglicht haben, den Grundstein für den Aufbau Palästinas zu legen, wodurch die Errichtung eines selbständige i jüdischen Staates ermöglicht wurde. Vor 1939 gab es eine Zeit, in der unter Verwendung von verhältnismäßig geringen Mitteln möglich gewesen war, die gesamte jüdische Bevölkerung Wiens und Oesterreichs in Palästina ständig oder vorübergehend anzusiedehi. wodurch die Massenabschlachtung von Millionen Juden hätte verhindert werden können. Hie. aus ersieht man die Kurzsichtigkeit und Leichtgläubigkeit der Wiener Judenschaft, die damals den Standpunkt vertrat, daß Zustände, wie sie nach der Machtergreifung in Deutschland eintrafen, in Oesterreich ausgeschlossen wären. Der selbständige Judenstaaf bedeutet für die Juden nicht nur die Schaffung eines Asyls im letzten Augenblick, sondern auch einen legitimen Schutz der Judenschaft in allen Teilen der Welt nach dem Gesetze der Reziprozität. Die Judenschaft wird daher in allen Teilen .der Welt die Möglichkeit haben, sich an die legitimen Vertreter des Judenstaates zu wenden, falls ihre Menschenrechte geschmälert oder vergewatigt würden. Der neu zu wählende Vorstand der Kultusgemeinde wird darauf besonders bedacht sein müssen. Eine der vordringlichsten Aufgaben des Kultus Vorstandes wird es sein, den Einfluß dahin geltend zu machen, daß die Freiheitsrechte der Juden Oesterreichs keine Schmälerung erfahren, zu welchem Zwecke er in ständiger Fühlung mit der österreichischen Regierung wird bleiben müssen. Auf sozialem und kuturellem Gebiete bat die bisherige Leitung der Kultusgemeinde nichts geleistet. Dem neuzuwählenden Kultusvorstand werden neue Pflichten zufallen, deren Erfüllung ein Markstein in der Geschichte des Wiener Judentums sein wird. Die Wahlen am 7. April 1946 bedeuteten ein überwältigendes Vertrauensvotum, das in erster Reihe unseren Kandidaten gegolten hat. Sie werden sich dieses, in sie gesetzten Vertrauens auch im künftigen Kultusvorstand würdig erweisen. Heldenhafter Widerstand von 149 Haganahleuten gegen 3000 Araber Jerusalem, 29. März (Palcor). Ein Geleifzug bestehend aus 60 Lastkraftwagen und 149 jungen Haganahkämpfern, der von Klar Efzion zurückkehrte, wurde von etwa 3000 bewaffneten Arabern angegriffen und in einem Hause in der Nähe von Bethlehem 28 Stunden lang belagert. Trotz Ermüdung, ohne Lebensmittel und Munition, waren sie bereit weiterzukämpfen. Das Oberkommando der Haganah gab aber bekannt, daß Verhandlungen um einen Waffenstillstand im Gange seien. Den junge nHelden wurde befohlen ihre Waffe nund Autos am Schauplatz zu verlassen. Mit einem Milifärfransport wurden sic nach Jerusalem gebracht, wo ihnen ein freudiger Empfang bereitet wurde. Vier jüdische Flugzeuge nahmen an dem Kampfe teil, brachten den Verteidigern Lebensmittel heran, belegten die Araber mit Bomben und beschossen sie mit Bordwaffen. Im Verlaufe des Kampfes wurden 12 Juden getötet und weitere 35 verwundet. Während der Belagerung konnten die Haganahleute ihrem Kommando durch einen Kurzwei len-Sender den Verlauf des Kampfes übermitteln. * Tagesbefehl der Haganah Der Jerusalemer Gebietskommandant der Haganah erließ folgenden Tagesbefehl : ,,Ihr habet ein neues glorreiches Blatt in die Analen unserer Geschichte geschrieben. Das jüdische Volk wird immer das Andenken der in den Hebronbergen gefallenen Helden, ehren. Indem Ihr unseren belagerte! Kameraden in Kfar Etzion frischen Mut und Lebensmittel gebracht habet, habt Ihr Euere Pflicht treu erfüllt. Obwohl ihr von einer Uebermacht angegriffen wurdet, habt Ihr Euere Stellung behauptet. Euere Tat ist ein Beispiel der höchsetn Opferfreudigkeit. Im Namen der ,,Haganah” und des ge, samten jüdischen Volkes begrüßen wir Euch herzlichst.” „Uusev Ptoycamtn:" heim, Küchen und Heime jeder Art, wird mit Hilfe unserer ausländischen Dem Rabbiner wird es auch obliegen, ein Beth Din (Interpreten der jüdischen Gesetze) zu schaffen, an dessen Spitze eine Persönlichkeit gestellt werden soll, die den Geist des sei. Rabbiners Babad verkörpern wird. Awodah : Wir halten es für selbstverständlich, daß jeder in Wien lebende Jude, soweit er physisch und geistig befähigt ist, in den Arbeitsprozeß eingeschaltet werden muß. Hier wird es Aufgabe der Kultusgemeinde sein, mit Hilfe unserer ausländischen Brüder die nötige Basis zu schaffen. Das Problem ist äußerst kompliziert und wurde bisher nicht gelöst. Nunmehr müssen alle Grundlagen dafür geschaffen werden. Diesbezüglich schwebt uns vor, durch Berufsberatung, Umschichtung und Fühlungnahme mit in- und ausländischen Institutionen, durch Schaffung eines ständigen, von Fachmännern geleiteten Arbcitskomitees, das alle Möglichkeiten erschöpfen muß, mit Rat und Tat dort einzugreifen, wo es gilt, an Hand von Erfahrungen günstige Erfolge zu erzielen. Wohl tun : Einerseits wird es notwendig sein, eine entsprechende Kreditkassa zu gründen, die Kredite zwecks Aufbau von Existenzen zu gewähren haben wird, andererseits einen gut dotierten Fonds zu schaffen, um Menschen, die durch Krankheit, Unglücksfall oder durch Wohnungsmangel in Bedrängnis geraten sind, eine 6. tatkräftige Unterstützung angedeihen zu 1. Wir bekennen uns rückhaltlos zum größten historischen Ereignis der jüdischen Gegenwart, zum Judenstaat und erklären unsere unverbrüchliche Solidarität mit unseren heroisch kämpfenden Brüdern in Palästina. 2. Getreu dem Gebote unseres Glaubens stehen stehen wir als treue Staatsbürger zur Republik Oesterreich. Wir wollen alle staatsbürgerlichen Pflichten restlos erfüllen, gleichzeitig aber auch jedem Versuch der Schmälerung unserer Gleichberechtigung entschieden entgegentreten. 3. Die restlose Erfüllung der religiösen Bedürfnisse, die 'Freue zu unserem Glauben und zu unserer geschichtlichen Tradition ist für uns höchste Pflicht. 4. Das höchste Gut unseres Volkes, die jüdische Jugend wollen wir in religiöser, nationaler und charakterlicher Hinsicht so erziehen, daß sie unserem Volke zum Stolze gereiche. 5. Wir bekennen uns zu dem hohen Gebot der Achtung aller Menschenrechte und der Menschenwürde. Wir werden daher gegen jede Art Antisemitismus mit allen uns zu Gebote stehenden Mitteln kämpfen. Der Ausbau aller bestehenden sozialen Einrichtungen wie : Spital, Alters- Bruderorganisationen in mustergütiger Weise erfolgen. Die derzeitigen Noteinrichtungen sollen durch moderne Institutionen ersetzt werden. 7. Wir werden unablässig dafür kämpfen, daß die bereils erlassenen und noch zu erlassenden Rückstelhingsgesetze tatsächlich zur raschen Wiedergutmachung führen. Der von der Regierung zu gesicherte Wiedergutmachungsfond muß Wirklichkeit werden und dazu dienen vor allem vor allem jenen die Wiederaufrichtung ihrer Existenzen zu ermöglichen, die durch die Rückstellungsgesetze keiner Wiedergutmachung erhielten. 8. Eine besondere Aufgabe erblicken wir in dem konsequenten raschelten Kampfe, die Rückstellung der geraubten Wohnungen und Geschäftslokale endlich gesetzlich zu erwirken. 9. Als eine sehr vordringliche Aufgabe betrachten wir die Wiederaufrichtung der Existenzen unserer Brüder durch Schaffung einer gemeinnützigen Hilfskassa, sowie durch Umschulung und Umschichtung. 10. Förderung aller der körperlichen Ertüchtigung unserer Jugend dienenden Einrichtungen und Sportorganisationen. Amerikanische Legion für Palästina New York, 30. März. Die amerikanische Liga ,.Freies Palästina”, gegründet von Peter Bergson, hat mit der Anwerbung von 10.000 Männern und Frauen für die ,,George Washington Legion” begonnen. Gleichzeitig ist eine Kampagne zur Aufbringung eines Fonds von 8 Millionen Dollar im Zuge. Der Marineheld vom Guadalcanal, Barney C. Roß, der der Legion beigetreten ist, beabsichtigt eine Reise durch die Vereinigten Staaten zu unternehmen um für die Legion zu werben. * Ein Schiff mit Emigranten nach Cypern geschickt Jerusalem, 29. März (Palcor). Das Schiff der Haganah „Yehiatn”, das 403 Männer, 202 Frauen und 132 Kinder von den DP-Lagern aus Europa an Bord hatte, wurde von britischen Marineeinheiten aufgebracht und in den Hafen von Haifa geleitet. Dort wurden die Insassen auf ein anderes Schiff gebracht und nach ( ypern weitergeleitet.