Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1948
- Issue
- Heft 19 (3.4.1948)
- Date
- 1948-04-03
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seife 2 CDie t Stimme Nr. 1<> Die kommenden Kultusratswahlen Dr. DAVID SCHAPIRA, Listenführer der Jüdischen Föderation. Am 11. \pril 1948 wählen die Juden Wiens zum zweiten Male seit dem Zusanime n b r uch der n a t i o n a 1 so z i a 1 i s t i sch e n Gewaltherrschaft die repräsentative Vertretung der jüdischen Gemeinde: den Kultusvorstand, Welche Bedeutung d'esem Ereignis trotz seines lokal und sachlich begrenzten Raunus beigemessen wird, beweist das außerordentliche Interesse, das die Judenschaft der Welt und die nichtjüdische Oeffentlichkeit der Länder den Wahlen des neuen Kultusvorstand es entgegenbringt. Will man die Bedeutung der kommenden Wahlen und unseren Kampf um die Sicherstellung einer den großen Gegenwartsaufgaben gewachsene i Repräsentanz des Wiener Judentums richtig erkennen und würdigen, so muß man einen kurzen geschichtlichen Rückblick halten, die strukturellen Veränderungen innerhalb der jüdischen Gemeinde untersuchen und die Entwicklungstendenzen im Lichte des weltpolitischen Geschehens betrachten. In rückschauender Betrachtung wollen wir, um uns nicht allzusehr in der Vergangenheit zu verlieren, von der schicksalhaften Wende in der Geschichte des österreichischen Judentums ausgehen, die vor genau zehn Jahren eingetreten Ist, als Hitlers Wehrmacht dieses Land besetzte, als SA, SS, Gestapo und der gewaltige Machtapparat der nazistischen Raub- und Terrorherrschaft hemmungslos gegen uns Juden eingesetzt wurde. Unter diesem massierten Angriff brach eine der angesehensten jüdischen Gemeinden der Welt innerhalb weniger Wochen zusammen, und die materiellen und ideellen Existenzgrundlagen der 180.000 Angehörigen dieser Gemeinde waren vernichtet. Von einer zur Staatsdoktrine erhobenen brutalen Rassentheorie zu Untermenschen und Staatsfeinden gestempelt und durch Pogrome, Massenverhaftungen usw. in Angst und Schrecken versetzt, suchte jeder dem nazistischen Inferno zu entfliehen. Der schon 1933 in Deutschland begonnene Auswanderungs- und Auflösungsprozeß des europäischen Judentums fand in Oesterreich in verschärfter Gangart seine tragische Fortsetzung. Das einst so wache Weltgewissen aber regte sich kaum (man denke an den Fall Dreyfus) und die Mächtigen der Erde hatten, von wortreichen Konferenzen und Deklarationen abgesehen, so gut wie nichts getan, um uns die Flucht aus der nazistischen Hölle zu ermöglichen. Daß von den rund 190.000 Glaubensjuden etwa 140.000 auswandern und so dem sicheren Tode In den Konzentrationslagern, Gaskammern und Vernichtungslagern entrinnen konnten, ist fast ausschließlich das Werk unserer Schwestern und Brüder im Westen (besonders in Amerika und in Erez). Sie allein haben das unermeßliche Unglück voll erfaßt und einzeln oder in organisierter Aktion lausenden geholfen, den rettenden Hafen zu erreichen. Diese Erfahrung muß für^uns für alle Zukunft richtunggebend sein. Wir können und dürfen uns nur auf uns allein, auf die Selbsthilfe des jüdischen Volkes verlassen. Als der Opfergang der zurückgebliebenen Todgeweihten mit dem Zusammenbruch der schändlichsten und blutigsten Tyrannei aller Zeiten sein Ende fand und die wie durch ein Wunder geretteten L eberlebenden iti ihre Heimatländer zuriickkehrten oder in den DP-Lagern sich sammelten, da waren es neben den alliierten Armeen die großen jüdischen Organisationen der freien Welt, die ihnen in jüdischer Solidarität in großzügigster und hochherzigster Weise zu Hilfe kamen. Vergleicht man die materielle, snzGie und psychologische Situation der jüdischen Gemeinde Wiens nach der Befreiung und zur Zeit der ersten Wahl des Kultusvorstandes im April 1946 mit derjenigen von heute, so ist die inzwischen eingetretene strukturelle und ideologische Wandlung unverkennbar und augenfällig. Die jüdische Gemeinde zählte damals etwa 4C00 Seelen. Das Gros dieser Menschen, insbesondere die aus den KZ.s Zurückgekehrten, waren auf die Betreuung durch die öffentliche Fürs arge und die Alliierten, bzw. die jüdischen Reliefstellen angewiesen und hatten zu der völlig verarmten und noch nicht reorganisierten jüdischen Gemeinde keine Beziehung oder nur geringe Bindung. Erst a1s mit Hilfe der großzügigen finanziellen und materiellen Zuwendungen aus Amerika, insbesonders des Joint, der Verwaltungsapparat wieder aufgebaut, der Stadttempel wieder hergestellt, die sozialen Einrichtungen in Betrieb gesetzt, karitative Fürsorge und die zusätzliche Lebersmittelversorgung ermöglicht wurden und die Kultusgemeinde ihren Aufgabenkreis zwangsläufig erweiterte, wandte sich das Interesse der Gemeindemitglieder in zunehmendem Maße der jüdischen Gemeinde zu. In den letzten zwei Jahren hat sich die Zahl der Gemeindeangehörigen hauptsächlich um die aus der Emigration zurückgekehrten Glaubensgenossen mehr als verdoppelt, viele fanden in der Wirtschaft, in freien Berufen, in öffentlichen und privaten Diensten Arbeit und Erwerb, die überwiegende Mehrheit jedoch ist infolge Alters und Gebrechlichkeit fürsorge- und betreuungsbedürftig oder noch immer ohne Erwerb, weil ihnen die zur Wiederaufrichtung ihrer durch das NS-Regime vernichteten Existenzen infolge des allzu langsamen Tempos der RüeksteJlungsgesefzgebung und -praxiserforderlichen materiellen Grundlagen, wie Wohnung, Wohnungseinrichtung, Geschäfte und Betriebsmittel fehlen. Diese letztere Gruppe der Geschädigten, die kleinen Handwerker, Gewerbetreibenden und Kaufleute, Rentner usw. bildet die Masse der Restitutionswerber, für die mit aller Kraft einzutreten die vornehmste Pflicht des neu zu wählenden Kulftusvorstandes sein wird. Zu den in den letzten zwei Jahren zugezogenen Gemeindemitgliedern gehören die außerhalb der Lager freilebenden, sogenannten versetzten Personen (KZ.leru. Zwangsarbeiter) und die Flüchtlinge aus den europäischen Ost- und Südostländern. Diesen bedauernswerten Opfern des. Naziterrors und der Nachkriegswirren, die auf dem Wege nach Erez oder andere Zielländer hier ein vorläufiges Asyl gefunden haben und ein reges konstruktives Interesse an dem Wiederaufbau der jüdischen Gemeinschaft und ihren mannigfachen Institutionen bekunden, gilt unser brüderliches Mitgefühl und tatkräftige Hilfsbereitschaft. Die Juden Wiens nehmen zwar, wenngleich mit einer durch das Wiederauftreten antisemitischer Tendenzen bedingten Zurückhaltung, am öffentlichen Leben teil und schließen sich überdies in eigenen jüdischen Interessen- und Gesinnungsgemeinschaften zusammen, von einer Wiederaufrichtung jüdischen Gemeinschafts¬ und Kulturlebens im Zeichen der Wiedergeburt des jüdischen Staates kann jedoch noch keinesfalls gesprochen werden. Das ist die derzeitige Situation der jüdischen Gemeinschaft in Oesterreich, im besonderen in Wien. Ihre künftige Gestaltung können wir gewiß beeinflussen, aber nicht allein bestimmen. Sie hängt vielmehr von übergeordneten oder koordinierten Faktoren ab, die auf unser Denken und Handeln entscheidenden Einfluß haben : Der Staat, in dem wir leben, in seinen mannigfaltigen Funktionen, innen- und außenpolitischen Beziehungen usw.; die in- und außerhalb der UNO sich vollziehenden, noch in Fluß befindlichen machtpolitischen Wandlungen und schließlich der Einfluß und die Kraft des Judentums der Welt. Unser Verhältnis zum Staat ist in den Geboten unserer Religion, den Lehren der Propheten und in der fast zweitausendjährigen Diaspora fest verankert. Wir sind und bleiben loyale Bürger der demokratischen Republik Oesterreich und wollen nach Kräften an ihrem Wiederaufbau mitwirken und ihr Ansehen in der Welt fördern. In dieser Einstellung gibt es keinen Unterschied zwischen Zionisten und Nichtzionisten, Orthodoxen und liberalen Juden. Wir erwarten allerdings von unserer Regierung die volle Verwirklichung, insbesondere den Schutz der uns verfassungsmäßig gewährleisteten Gleichberechtigung gegen jedermann, besondere gesetzliche Strafsanktionen gegen antisemitische Umtriebe aller Art und die eheste Verabschiedung der noch ausständigen Rückstellungsgesetze, insbesondere desjenigen, betreffend entzogene Wohnungen und Geschäftslokale, sowie die Errichtung des sogenannten Wiedergutmachungsfonds der aus entzogenem, aber erblosem Vermögen gebildet, unter jüdischer Verwaltung stehen und zugunsten der durch das NS-Regime geschädigten Juden und gemeinnützigen jüdischen Institutionen verwendet werden soll. Das bedeutsamste Ereignis der letzten Zeit ist der historische Beschluß der Generalversammlung der UNO vom 29. Novomber v. J. über die Teilung Palästinas und Errichtung eines jüdischen Staates. Das Judentum der ganzen Welt, ohn Unterschied der politischen und weltan schaulichen Einstellung, erblickt in diesk Weltdeklaration die Erfüllung einer tan sendjährigen Sehnsucht des jüdischen Vu kes und ist entschlossen, alle ihr zur Vet fiigung stehenden materiellen und mora lischen Kräfte einzusetzen, den Juden staaf zu verwirklichen. Die Wiedergebut des jüdischen Staates, seine Sicheren nach außen und Konsolidierung nach in nen, kann nur gelingen, wenn wir JmL der Galuth unseren in Erez kämpfend Brüdern und Schwestern durch die Ta unsere vorbehaltlose Solidarität und Eir Satzbereitschaft beweisen. Der neue Ku! tusvorstand wird dieser hohen Pflicht stets eingedenk sein müssen. Wir östci reichischen Juden dürfen dabei auf da volle Verständnis Oesterreichs und seine Regierung rechnen, da Oesterreich um der jüdische Staat infolge ihrer geopoli tischen Lage im machtpolitischen Kräfte spiel der Großmächte gemeinsame Ge sichtspunkte haben. Beide liegen itn Schnittpunkt von rivalisierenden Interes sen- und Einflußsphären: Oesterreich ii Mitteleuropa, der Judenstaat im östli dien Mittelmeer. Diese Gemeinsamkeit^: werden sich, so wollen wir hoffen, Frucht bar auf die künftigen Beziehungen beide Länder auswirken. Aus den bisherigen Darlegungen ist zt ersehen, daß der neue Kulfusvorstam im Rahmen der erweiterten Aufgaben der IKG. in der nächsten Funktionspe riode schwere und verantwortungsvolle Arbeit zu leisten und bedeutsame Pro bleme zu lösen haben wird. Er wird dieset Aufgaben nur gerecht werden, wenn e sich bei seinen Beratungen und Beschliis sen einzig und allein von gesamtjüdischei Erwägungen leiten lassen und keiner ein seifigen parteipolitischen Beelnflussuiij unterstellen wird. Das ist der leitende Ge danke, der zum Zusammenschluß allet jüdischen Organisationen unter der Füll rung der Zionistischen Föderation um des Verbandes österreichischer Juden um zur Aufstellung einer gemeinsamen Li ste : ,.Liste der jüdischen Föderation ” ,Gj führt hat. * Der Wahlkampf hat begonnen, wir hof fen und erwarten, daß die Juden Wien: die Bedeutung der kommenden Wähler voll erfassen und, indem sie der jüdischen Föderation ihre Stimme geben, du zu beitragen, die jüdische Gerne imh Wiens wieder zu dem zu machen, was sie einst war: zu einem der angesehen sten und bedeutsamsten Zentren der jii di sehen Welt. >> JÜDISCHE FÖDERATION” - LISTE 3 Erscheint alle zur Sroßen ^Oählerv er Sammlung am Dienstag, den 6, April 1948 um 6 Uhr abends im großen Saald. Etablissements Gschwandner Wien XVII, Hernalser Hauptstraße 41 Cs weeden ku CucU Speechen: Dr. JURIS, Delegierter aus Palästina BRONISLAV TEICHHOLZ, Präsident d. Int. Korn. Ing. ALBERT WELT, Präsident JOSEF LUDMERER, Vertreter des Verbandes polnischer Juden Dr. PORDES, Redakteur r.r i Abg Sein gebl doch der hat, Zeit, Kran Bulä das vervv tausi