Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1947
- Issue
- Heft 5 (29.9.1947)
- Date
- 1947-09-29
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seife 4 ü)ie Stimme Nr. 5 Betrachtungen zu den Ereignissen in und um Palästina Von Dr. Wilhelm Weinberg. Fortsetzung von Nr. 4 II. Wie ist es nun zur Stellungsünderung Englands gegenüber den Grundsätzen der Balfourdeklarafion gekommen? Ist England etwa in der Zwischenzeit antisemitisch geworden, wie viele auf Grund der letzten antijüdischen Exzesse in London und in Palästina selbst und besonders im Zusammenhang mit dem geradezu kriegerischen Empfang des „Exodus 1947”, nur zu leicht geneigt sind anzunehmen7 Nein! Die Tatsache ist vielmehr die, daß das englische Kolonialministerium nie im Ernst daran dachte das Mandat zu realisieren; es wollte nur unter dem Vorwand in, Palästina ein nationales Heim für die Juden zu errichten, in diesem heute im Nahen Osten weltpolitisch, als auch ökonomisch, wie strategisch so bedeutsamen Winkel, unter den Auspizien des Völkerbundes Fuß fassen, um sich dort ungestört seine strategischen Positionen auszubauen und die dortige Bevölkerung auf einem solchen sozialen Niveau zu erhalten, wie es ihren Interessen entspricht. Kaum hatte es dort Fuß gefaßt, als es je nach den geänderten politischen Umständen, seine Gewehrläufe gemeinsam mit den arabischen Terroristen mehr oder minder scharf gegen die jüdischen Einwanderer richtete. Kaum hatte England in Palästina festen Fuß gefaßt, so machte es im Jahre 1922 im sogenannten Churchill'sehen „Weißbuch” geltend, daß die Balfourdeklaration nicht von dem Gedanken ausging, daß Palästina als .Ganzes in ein jüdischnationales Heim verwandelt werden, sondern, daß ein solches Heim in Palästina errichtet werden solle”, dabei jedoch noch weiter das Recht der jüdischen Bevölkerung Palästinas, ihre Reihen durch Einwanderung zu verstärken, anerkannt und garantiert. Ferner wurde in demselben „Weißbuch” Transjordanien von Palästina abgetrennt, obwohl das Mandat die Integrität des Landes garantierte. Doch selbst noch in diesem Dokument hat England betont, daß das jüdische Volk In Palästina „nicht als geduldet sondern kraft seines Rechtes lebe.” Wie immer man nun das Mandat auslegen möge, ob es auf „Palästina als Ganzes” oder, entgegen den, den ursprünglichen Absichten der Mandatsurheber, nur auf einen Teil desselben bezogen wird, so besteht kein Zweifel, daß unter „nationaler Heimstätte” ein jüdisches Staatswesen in Palästina gemeint ist, und daß die Juden dortselbst ein Recht auf freie Einwanderung und uneingeschränkten Bodenkauf haben. Letzteres ist keine Frage der Interpretation und ist unte* anderem auch in der Deklaration der Labourpartei vom Dezember 1944 „Ueber die Regelung internationaler Fragen nach dem Kriege” betont worden. „Die ganze Angelegenheit eines jüdisch-nationalen Heims, verliert ihren eigentlichen Sinn, wenn wir nicht bereit sind in dieses kleine Land Juden in solcher Zahl einwandern zu lassen, daß sie dortselbst die Mehrheit erlangen können.” Wer ist nun in diesem englisch-jüdischen Konflikt der Rechtsbrecher? Die Juden, die durch die braunen Horden in die Todesfabriken getrieben, sich nach Palästina retten wollten oder die Engländer, die unter zynischer Mißachtung der Mandatsbestimmungen sie daran hinderten? Wer hat die Mandats Verpflichtungen verletzt, jene „illegalen Einwanderer”, die sich auf dem „Struma”-Schiff befanden oder die Engländer, die sie von den rettenden Ufern Palästinas weg, zurück in die Arme von Hitlers Schergen trieben, die sie dann auch prompt in Grund und Boden jagten, sodaß kein einziger von ihnen am Leben blieb? Und ist es etwa heute, wo zehntausende jüdischer DP’s, der Danfe’schen Hölle entronnen, zweieinhalb Jahre nach Friedensschluß, noch immer in den Lagern, in feindlicher Umgebung hinter Stachcldraht gehalten werden, anders? Wer ist der Rechtsbrecher, die Passagiere der „Exodus 1947" oder England, dessen derzeitiger Premier im Jahre 1944 die zitierte Deklaration der Labourpartei veröffentlichen ließ? Die Antwort auf diese Frage gab die Völkerbundkommission, die das „Weißbuch” der britischen Regierung vom Jahre 1939, welches die freie Einwanderung der Juden aufs neue drosselte sowie den freien Bodenerwerb einschränkte, als ungesetzlich und als eine Verletzung der Mandatsverpflichtungen, geißelte. Dieselbe Antwort findet sich auch in einer Resolution der Arbeiterpartei des gleichen Jahres, die folgenden Wortlaut hat: „Die Konferenz erklärt, daß das Weißbuch eine Vergewaltigung der Verpflichtungen der Balfourdeklarafion sowie des Mandats bedeute.” Es geht jedoch um mehr als um das bloße Recht der freien jüdischen Einwanderung in diesem Kampfe, es geht um die Frage des Judenstaates! Die jetzige Nach-Majdanek’sche Generation, für die Europa zu einem Friedhof eines Drittels ihres Volkes geworden ist, weiß wie keine andere vor ihr, wie wichtig es ist, daß wir endlich das Recht erhalten, gleich allen anderen Völkern, uns unser Leben in einem eigenen Staate, nach eigener Facon einzurichten. Der ehemalige Vizepräsident der U. S. A. Henry Wallace hat, während seines letzten Aufenthaltes in Europa, mit Recht die Feststellung gemacht, daß sich zehntausende Juden hätten retten können, wenn sie in jenen schicksalsschweren Tagen der Hitlerära ein eigenes, wenn auch noch so kleines Ländchen gehabt hätten. Und man kann noch hinzufügen, daß so manches Land den Juden über diese Zeit hinweg ein Asyl geboten hätte, wenn ein jüdischer Staat ihnen die freie Einwanderung nach Kriegsende garantiert hätte. England trägt jedenfalls die Schuld daran, daß zahllose Juden in den letzten Jahren von dem ihnen international garantierten Recht auf freie Einwanderung nach Palästina keinen Gebrauch machen konnten und elend zugrundegehen mußten, obwohl ihre Volksgenossen dortselbst bereit waren eng zusammenzurücken und ihnen Platz zu machen. Die Palästinafrage, in engem Zusammenhänge mit der Judenfrage, liegt nun in den Händen der UNO, die jetzt zu den Vorschlägen der zu diesem Zweck eingesetzten Kommission Stellung nehmen. wird. Jene Vorschläge, die der Oeffentlichkeit teilweise bereits bekannt geworden sind. Wir wissen, daß England, wenn diu Entscheidung der UNO-Versammlung im zionistischen Sinne ausfallen wird, diese nach bekannten Rezepten sabotieren wird; wir sind jedoch überzeugt, daß alle rechtdenkenden Menschen dieser moralisch verstockten Welt, die die Stimme der Vernunft und der Logik noch erreichen kann, uns in diesem Kampf um die Liquidierung unserer nunmehr unerträglich gewordenen Diasporaexistenz unterstützen werden. Unsere in den Jahren der deutschen Inquisition und besonders in den Kämpfen während des Warschauer Ghettoaufstandes geschmiedete Einheit wird durch nichts gebrochen werden, da wir entschlossen sind so zu handeln wie eben ein Volk in der Stunde seiner höchsten Not handelt, die zugleich die Stunde seiner Schicksalswende ist. Hinter der Haganah, deren erste und wichtigste Aufgabe es ist die englische Blockade um Palästina zu durchbrechen und die darüber wacht, daß die den Juden international zugesicherten Rechte nicht auf dem Altar der englischen Oel- und Militärinteressen geopfert werden, steht die überwältigende Mehrheit des jüdischen Volkes. Aber selbst auch für jene Gruppe verzweifelter Menschen, die ihre eigenen Wege geht und im „Irgun Zwai Leumi” organisiert ist, jenes „Irgun Zwai Die europäische Konferenz der Allgemeinen Zionisten Mittwoch, den 20. August 1947, um 10 Uhr wurde im Saal des Pariser Hotels Pemont die europäische Konferenz der Allgemeinen Zionisten eröffnet. Auf der Tribüne, über welcher ein Kolossalbild unseres unsterblichen Führers Ilerzl, flankiert von jüdischen und französischen bahnen hängt, sitzen die führenden Persönlichkeiten der allgemein jüdischen Weltbewegung in Europa. Man sieht Dr. Israel Goldstein, Präsident der Weltkonferenz der allgemeinen Zionisten, Rabbi Fischmann, den Vertreter der Jewish Agency, Mosche Sneh, Moshe Kolodny, Prof. Selig Brodefzky, Sam Segall, Frau Sieff aus England, Frau Halpern aus Amerika, Dr. Joseph Sagall aus England, Aron Luxenburg aus Frankreich und Rabbi Blum aus England. Im Saal befinden sich die Delegierten aus fast allen •europäischen Ländern sowie Gäste aus allen Teilen Europas, aus Amerika, Erez Israel und sogar aus Neu-Seeland. Es herrscht eine zuversichtlich gehobene Stimmung und man fühlt, daß die Konferenz vor allem ihre Empörung über die Verordnung Bevins, die Insassen des Schiffes „Exodus” nach Deutschland zurückbringen, zunr Ä usdruck bringen muß. Die Herzen aller sind erfüllt von Sympathie für unsere Brüder und Schwestern auf den Schiffen und zugleich stolz darauf, daß ihr Wille, nach Erez Israel zu kommen, nicht gebrochen wurde. An den Pressetischen sitzen Vertreter fast aller jüdischen Zeitungen Europas, Korrespondenten der Zeitungen Erez Israels und aller wichtigen Zeitungen Frankreichs. In dieser gehobenen Stimmung, hält Sam Segall, der Generalsekretär der allgemeinen Zionisten die Eröffnungsrede. Er beginnt hebräisch und spricht sodann dem französischen Volk und seiner Regierung in französischer Sprache den Dank für die Gastfreundschaft aus. Die Hatikwa ertönt als der stärkste Ausdruck des Die Empfehlungen der UNO- Untersuchungskommission London, (Palcor Agency) Dr. S. Levenberg führte am Donnerstag abends den Vorsitz in einer großen Poale-Zion-Versammlung, in der die Konferenz der allgemeinen Zionisten und der Bericht der UNO-Untersuchungskommission die Hauptgegenstände der Diskussion bildeten. Dr. Levenberg sagte, daß die Konferenz der allgemeinen Zionisten sehr ermutigend und ein Zeichen bemerkenswerter jüdischer Solidarität gewesen sei. Einer der größten Erfolge der Konferenz war die Einigkeit des zionistischen Rates. Bezüglich des Berichtes der UNO- Kommission sagte Dr. Levenberg, die Tatsache, daß alle drei Hauptparteien Ichud-Poale Zion, allgemeine Zionisten und Misrachi dem Text einer Resolution zustimmten, Ist ein guter Aspekt für die Zukunft. „Wir verließen Zürich einiger als wir kamen,” sagte er. Hinsichtlich der Berichte der UNO- Kommission sagte Dr. Chairn Greenberg, der auch Mitglied der Exekutive der Jewish Agency ist, daß die Empfehlungen der Majorität als Basis für erfolg- I.eumi”, dessen Tätigkeit von der „Haganah” als Verhängnis empfunden und heftig bekämpft wird, jene Gruppe, die die Attentate organisiert, von denen ein charakteristisches Symptom unserer Zeit leider in den Zeitungen mehr die Rede ist als von der täglichen, aufopferungsvollen Aufbauarbeit in Palästina, gilt noch jenes, in solchen Fällen oft zitierte Schiller’sche Wort: „Wenn der Gedrückte nirgends Recht [kann linden Und unerträglich wird die Last Greift er getrosten lautes in den Himmel Und holt herunter seine ew'gen Rechte, Die droben hängen unveränderlich Und unzerbrechlich wie die Sterne selbst.” Glaubens und des Kampfes gegen diejenigen, die meinen, daß sie imstande wären, die Ausdauer des jüdischen Volkes und den Glauben an seine Zukunft in Erez Israel zu brechen. Ein* die Jewish Agency begrüßt der greise Rabbi Fischmann die Konferenz. Mit größter Aufmerksamkeit und in Ehrfurcht folgen die Konferenzteilnehmer seinen Ausführungen. Voll Herzlichkeit spricht der Präsident der Weltkonferenz der allgemeinen Zionisten Dr. Goldstein; er überbringt Grüße aus Erez Israel, wo er letzthin weilte, aus Cypern, aus den Lagern in Italien und Grüße des amerikanischen Judentums. Begrüßungen waren eingelangt von Dr. Aba Silver, Dr. Emanucl Newman, Präsident der zionistischen Organisation in Amerika, vom Keren Kayemeth in Amerika, von der zionistischen Föderation in Argentinien, vom Merkas Hanoar Hazioni in Lateinamerika, von der zionistischen Organisation in Paraguay und von vielen anderen. Sodann erstattet Prof. Brodetzky den Bericht über die polit. Lage u. Moshe Sneh über d. Lage in Erez Israel. Beide Referate beleuchten die Lage von verschiedenen gegensätzlichen Gesichtspunkten und haben dieselben im Kreise der Zuhörer verschiedene Gefühle, die nachher in der Generaldebatte zum Ausdruck kamen, erweckt. Wie verschieden auch die Stellungnahme zu den Problemen sein mag, man hat doch gefühlt, daß beide von banger Sorge für die Zukunft unseres Volkes erfüllt sind. Was auf den Herzen der jüdischen Massen im Galuth und im J.ishuv liegt, ist: Unser Kampf Ist ein schwerer, wir werden aber siegen, weil die Not zu groß, der Drang nach Erez Israel zu mächtig Ist, als daß er nicht von Erfolg gekrönt sein sollte. Diese Hoffnung des jüdischen Volkes auf den Sieg hat am besten Dr. Goldstein am Schluß seiner Rede zum Ausdruck gebracht: „Wir sind die letzte Generation von Sklaven und die letzte Generation vor der Erlösung.” reiche Diskussionen und Verhandlungen dienen könnten, wenn auch die Vorschläge in allen Details nicht akzeptiert werden können. Die angebotene Lösung, wenn sie von den vereinten Nationen angenommen wird würde Gelegenheit zum Aufbau eines großen Teiles von Palästina als jüdischen Staat bieten. Hinsichtlich eines neuen Regimes in Palästina, sagte der Redner, daß ein ad hoc Regime unter die Aufsicht irgendeiner Körperschaft, zum Beispiel des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen, gestellt werden müßte. „Wir können auf eine bessere Lösung nicht warten, sagte Dr. Greenberg. „Wir müssen unsere Energien und politischen Bemühungen auf einem Geleise - der jüdischen Staatlichkeit - konzentrieren.” Er war optimistisch bezüglich dessen, daß eine Zweidrittelmajorität in der Generalversammlung erreicht werden könne, vorausgesetzt aber, daß nicht ein nachteiliger Druck von England und Amerika ausgeübt wird. Nachdem er erwähnte daß die Juden heute schon auf Grund der 650.000 Juden in Palästina ein Faktor sind, mit dem gerechnet werden muß und sie stark genug sind, jeden Versuch, sie zu einer dauernden Minorität herabzuwürdigen, abzuwehren, schloß Dr. Greenberg seine Ausführungen mit den Worten : „In diesem Stadium unserer Existenz brauchen wir Mut, wir müssen aber auch 'Fakt, Disziplin, Berechnung und Achtung für gegenseitige Beziehungen zeigen. Wenn wir unsere konstruktiven Bemühungen und den politischen Kampf fortsetzen, wird der Tag der Errichtung eines Judenstaates nicht mehr ferne sein.” Kigentiimer, Herausgeber und Verleger: Zionistischer I.a.idesverband in Österreich Wien IX., UniversitätsstraUe Nr. 4/4 Redigiert von einem Redaktionskollegium Redakteur : Ing. S. Kornfein, Wien II., hlotlgusse () Druck : Donaustadt, Wien II., Sterneekplutz 5