Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1947
- Issue
- Heft 4 (14.9.1947)
- Date
- 1947-09-14
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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4 Mr. 4 3)ie Stimme Seite 5 Gib^ es in Frankreich ein Jndenproblem? Frankreichs Volk und seine Regierung haben in diesen Tagen durch einen Akt der Humanität der Welf eine Lehre erteilt, die den Tradifionen der Demokratie und ihrer Freiheiten würdig ist. 4500 jüdische Menschen die ihr Schicksal den Schiffswänden der „Exodus 1947" anverfrauf hoffen, wurden mit allen Mitteln der kriegsmäßigen Abwehr an der Erreichung ihres Zieles verhindert. Die ganze Welt hat davon Kenntnis genommen, in welchem Ausmaße das französische Volk und seine Regierung aus eigener Initiative ihr Land zur Verfügung stellten, um der Menschlichkeit Genüge zu tun, die nicht zum ersten Male in unserem Jahrhundert, mit Füßen getreten wurde. Aus diesem Anlaß ist es interessant, zu erfahren, wie Frankreich der jüdischen Frage gegenübersteht. Zunächst muß eine Tatsache festgestellt werden: Der Antisemiiismus war in Frankreich nie endemisch; zeitweilig auftretende antisemitische Wellen, wie beispielsweise in der Aera Drumont, zur Zeit der Dreyfuß- Affäre, oder 1934 nach dem Siaviskyskandal, waren stets durch äußere Ereignisse bedingt, sie faßten nie Wurzel in den breiten Schichten des französischen Volkes und verebbten nach verhältnismäßig kurzer Zeit, ohne tiefere Spuren hinterlassen zu haben. Auch heute kann man von einer antisemitischen Bewegung nicht sprechen, obwohl es schon vereinzelte antijüdische Demonstrationen gab, die jedoch von solchen Elementen herrührten, die aus der antijüdischen Gesetzgebung während der deutschen Besetzung verschiedene Vorteile gezogen hatten. Wenn auch die Hetze von Vertretern hiflerischen Ungeistes bei der Bevölkerung keinen Anklang findet, versucht kein Franzose heute die Tatsache zu leugnen, daß sehr viele Angehörige seines Volkes die Konjunktur ausgenützf und sich jüdischen Besitz angeeignet haften. Allerdings gab es in Frankreich den Begriff des Arisierens im österreichischen und deutschem Sinne nicht, und waren daran eigentlich nur solche Leute beteiligt, die ihrer deutschfreundlichen Haltung wegen, ohnehin aus den Reihen des französischen Volkes ausgestoßen waren. Es ist wohl kaum notwendig darauf hinzuweisen, daß der jüdische Teil der Bevölkerung Frankreichs, während der deutschen Besetzung mehr gelitten hat, als die Franzosen anderer Glaubensbekenntnisse. Andererseits war der Anteil der französischen Juden am aktiven Widerstand, an der Resistance, ein weitaus größerer, als er ihrer Zahl entsprochen hätte. Dieser Umstand sollte genügen, die französische Gesetzgebung zu veranlassen, den berechtigten Ansprüchen der jüdischen Bevölkerung Rechnung zu fragen. Die gegenwärtige Situation ist jedoch hiezu keineswegs geeignet. Das ist darauf zurückzuführen, daß es keine ausgesprochene Restitution für Juden gibt, da auch der Großteil des französischen Volkes durch den deutschen Feind geschädigt wurde. Der Kampf der französischen Juden um ihr Recht wird schlechthin als Kampf des Franzosen um den Ersatz seiner Verluste gewertet. Es ist ein Kleinkrieg zwischen denen, die einerseits durch Zufall in den Besitz jüdischen Gutes gelangt sind, anderseits solchen, die durch Radauantisemitismus oder durch Denunziation Geschäfte, Posten und Wohnungen erschlichen haben. Im allgemeinen lebt der französische Jude in seinem Lande wie jeder andere Staatsbürger. Von den politischen Parteien ist keine antisemitisch eingestellt, es will jedoch auch keine, durch die Aufnahme einer speziell jüdischen Wiedergutmachung in ihr Programm, das „Odium" des Philosemitismus auf sich nehmen. j Die Haltung des gesamten französischen Volkes und seiner Regierung im Falle der „Exodus 1947" hat jedenfalls bewiesen, wie selbstlos und beispielgebend wahre Humanität geboten und geübt werden kann. Die Juden der ganzen Welt schulden in einer Zeit, in der die Welt dem jüdischen Problem schwankend und hilflos gegenübersteht, der französischen Nation aufrichtigsten und herzlichsten Dank. Benjo. Aus unserer Bewegung Protestversammlung der jüdischen Organisationen Wiens. Donnerstag, den 7. d. M. fand im Saale der Effektenbörse am Schottenring eine von mehr als 1000 Personen besuchte Protestversammlung der jüdischen Organisationen Wiens statt. Die Redner betonten die großen und leidenschaftlichen Bemühungen der Juden der ganzen Welf, in Palästina ein ständiges Heim, ein friedfertiges Staatswesen für das seit 2000 Jahren verfolgte und gequälte jüdische Volk zu schaffen. Trotz den in der Balfourdeklaration niedergelegten und der ihm vom Völkerbund übertragenen Verpflichtungen, versucht Großbritannien in den letzten Jahren, den schon weit gediehenen Aufbau des jüdischen Nationalheimes, mit allen Mitteln, selbst mit denen der brutalen Gewalt, zu verhindern. In scharfen Worten protestierten die Redner gegen die unmenschliche Behandlung der jüdischen Flüchtlinge auf den drei Flüchtlingsschiffen, gegen die Auflösung jüdischer Organisationen, gegen die Verhaftung führender jüdischer Persönlichkeiten in Palästina sowie gegen das dort herrschende Militärregime. Ein Redner apostrophierte sogar den Genossen Bevin und geißelte sein Verhalten als führenden Sozialisten. Unter stürmischen Beifall wurde die folgende Resolution angenommen: Resolution. Die heute tagende, von den Wiener jüdischen Organisationen einberufene Versammlung, protestiert auf das Allerentschiedenste gegen die unmenschliche Behandlung der 4500 jüdischen Flüchtlinge auf dem Schiff „Exodus 1947" seilens Englands sowie gegen die unbegründete Auflösung jüdischer Organisationen und die Verhaftung prominenter jüdischer Führer und Bürgermeister in Palästina. Die Versammlung erklärt, gemeinsam mit den jüdischen Brüdern und Schwestern dier ganzen Welt, unter Inanspruchnahme aller gesetzlich zulässigen Mittel, das Weltgewissen wachzurütteln, damit Palästina den Juden als unabhängiger und souveräner Staat übergeben werde. Die Versammlung zollt den Helden der „Exodus 1947" höchste Bewunderung und erklärt sich in ihrem Kampfe mit ihnen solidarisch. Gleichzeitig spricht die Versammlung dem französischem Volke und seiner Regierung ihren tiefgefühlten Dank für das so humane Angebot der französischen Regierung an die Flüchtlinge der „Exodus 1947" aus. Die denkwürdige Versammlung, die einen vollkommen ruhigen und würdigen Verlauf nahm, wurde mit der Absingung der Nationalhymne (Hatikwah) geschlossen. Protest g| egen die Dirigierung der „Exodus 1947“ nach Hamburg. Ueber Initiative des Zentral-Komitees in Oesterreich wurde Dienstag, den 26. August in allen jüdischen DP.-Lagern Oesterreichs ein Hungerstreik durchgeführt und Protestversammlungen abgehalten. Als Zeichen der Solidarität und der Bereitschaft, die Alijah weiter fortzusetzen, haben die Lagerinsassen die Rationen von zwei Tagen für die Brüder und Schwestern aus Rumänien gespendet. Unsere verdienstvollen Chawerim: Rubinstein Benjamin, vom Lager Beth-Bialik (Salzburg), Schechtmann Josef von Bad Gastein, Arthur Teifelbaum und Weizmann von Saalfelden, Rakover Szalom und Frau aus Linz sind in den letzten Tagen nach Palästina abgereist. Noch im Monat September wird die vierte Landeskonferenz der Allgemeinen Zionisten in Oesterreich abgehalfen werden. Unsere Jugend-Organisation „Honoar Hazioni" steht in ständiger Verbindung mit ihrer Schwester-Organisation in Uruguay. Diese hat auf raschestem Wege Pakete für unsere Kwuzoth in Oesterreich geschickt. Reaktivierung der Wiener „Wizo". (Women's International Zionist Organisation) Wien, IX., Universitätsstraße 4, Tel. A26-4-73 Im Juni 1947 trat in Wien ein kleines Komitee zionistischer Frauen zusammen, um die Wiener „Wizo" wieder ins Leben zu rufen. Den gegebenen Verhältnissen entsprechend, waren es nur zaghafte, tastende Schritte, die unternommen wurden. Fürs erste handelte es sich um den Zusammenschluß weniger Frauen und Mädchen, die den Terror des Naziregimes überstanden hatten und aus den Konzentrationslagern heimgekehrt waren; dann um die Erfassung neuer Mitglieder, die zur Mitarbeit für unsere idealen Ziele gewonnen werden sollten. Wir begannen, wirksam unterstützt durch die dankenswerte Förderung seitens unserer Zentralen in London und Tel-Aviv, sowie unseres hiesigen Zionistischen Landesverbandes, mit einer ausgedehnten Propaganda unter den hier lebenden jüdischen Frauen. Der Erfolg blieb nicht aus. Mit Genugtuung können wir schon heute eine beträchtliche Anzahl neuer Mitglieder registrieren und freuen wir uns, so viel warmes Interesse und begeisterte Liebe zu unserer heiligen Sache wahrnehmen zu können. Groß ist der Aufgabenkreis der „Wizo" bei der Mitwirkung am Aufbau unseres heiligen Landes, und Hervorragendes ist von ihr dort bereits geschaffen worden: Wohlfahrt und Fürsorge für Frauen und Kinder, vorbildliche Kinderheime, Schwesternschulen, landwirtschaftliche Farmen und in letzter Zeit auch Betreuungsstätten und Umschulungskurse für Heimgekehrte usw. Hoffen wir, daß die neuentstandene „Wizo“ der Tradition der alten Wiener „Wizo" treu bleiben und sich segensreich weiter entwickeln wird. O. G. Unser Anteil an der europäischen Konferenz der Allgemeinen Zionisten m Paris. Trotz großer formeller und materieller Schwierigkeiten ist aus der amerikanischen Zone Oesterreichs eine Delegation bestehend aus den Chawerim: Dr. Strauch, Manelsohn, Kazimierowski, Buczkowki und Praszkier zur Konferenz nach Paris gefahren. Doktor Strauch, der Vorsitzende des Jewish Central Comfnitees in Salzburg, wurde in das europäische Büro in Paris berufen und verläßt demnächst Oesterreich, um auf seinem neuen Posten, mit noch größerem Erfolge als bisher, für unsere Bewegung tätig zu sein. Achtung, Juden aus dem KZ. Plaskow! Alle Personen, welche über das Verhalten und Taten des Toni Fehringer, welcher Capo im Steinbruch 1934 und später im Leichenausgrabungskommando tätig war, werden gebeten, es mündlich oder schriftlich an die Jüdische Historische Dokumentation, Linz, Goethestraße 63, zu melden. Aufforderung des Sdhiedsgericstes beim Zentralkomitee der Juden. Wie die jüdische Presseagentur in Polen berichtet, hat das Schiedsgericht beim Zentralkomitee der Juden in Polen, alle gewesenen Mitglieder des Judenrates sowie diejenigen die in der Lagerverwaltung tätig waren, aufgefordert, dem Schiedsgericht einen kurzen Lebenslauf und einen Bericht über ihre Tätigkeit während der Okkupation einzusenden. Europäische Konferenz der Allgemeinen Zionisten in Paris. Bei Erörterung der Flüchtlingsfrage ergriff der Vorsitzende Dr. Strauch, der auch Vorsitzender des Zentralkomitees in Oesterreich, das Wort und führte folgendes aus: „Es unterliegt keinem Zweifel, daß das Wichtigste Problem in Europa die Lösung der Frage ist, wie man die jüdischen DP’s in den Lagern Oesterreichs, Deutschland und Italiens, auf raschestem Wege nach Palästina bringen kann, damit sie Anteil nehmen an dem Aufbau des Landes. Die Flüchtlingsfrage bildet nach dem Jishuv in Palästina die zweite Linie der Kampffront des jüdischen Volkes um seine Zukunft 4 Der Flüchtlingssfrom der aus den verschiedenen Ländern in unsere Lager kommt, kann und wird nicht aufhören. Eine Illustration hiefür sind die tausende und abertausende rumänische Juden die unter großen Gefahren und Schwierigkeiten über die Grenze kommen, um nach Palästina zu gehen. Dr. Strauch berührte auch den Besuch der UNO in Oesterreich. Die Kommission hatte Gelegenheit mit Juden zu sprechen, die sie selbst ausgewählt hatte, und sie konnte sich überzeugen, daß die Juden ausnahmslos nach Palästina gehen wollen. Er erwähnte auch seine Aussprache mit Mitgliedern der Kommission im Lager Riedenburg, wobei die Komissiansmitglieder zur Ueberzeugung kamen, daß nur ein jüdisches Palästina der Zufluchtsort der Sammelpunkt, das Zentrum für das gequälte jüdische Volk sein kann. Die Mitglieder der UNO-Kommission haben auch in Wien die Lager besucht, in denen rumänische Juden untergebracht sind und sie haben sich überzeugt, wie brennend das Problem der Flüchtlinge ist. Sodann ergriff Manelsohn (Linz) das Wort und gab er einen ausführlichen Bericht über die Tätigkeit der Allgemeinen Zionisten in Oesterreich. Von allen Seiten beleuchtete er den Weg, den die Organisation der Allgemeinen Zionisten und Hanoar-Hazioni