Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1947
- Issue
- Heft 4 (14.9.1947)
- Date
- 1947-09-14
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seife 2 ZDie Stimme Nr. 4 Betrachtungen zu den Ereignissen in und um Palästina Von Dr. Wilhelm Weinberg. Unsere Bad Ischl (3)fiimtne Ein lieblicher, beinahe historischer Ort im Salzkammergut. Franz Joseph und viele berühmte Männer, Frauen und Künsiler haben sich gerne und regelmäßig dorthin zum Sommerau renfhalf begeben. Dorf gab es keine Not und Lange1,vej e, I-.rri iei dieser herrii he i Na.ur gab es neben beschaulicher Ruhe auch Frohsinn und das bekannte, bewegte Ischler Sommerleben. Die letzten sieben Jahre des tausendjährigen Reiches haben auch an diesem lieblichen Ort gewisse Spuren, nicht so sehr an den Dingen als an den Menschen zurückgelassen. Es gibt dort jetzt, was seit Menschengedenken nicht der Fall war, Hunger und Not, allerdings nicht für die privilegierten Nutznießer des vergangenen Reiches, sondern für die weniger privilegiert gewesene Masse der Mitläufer. Diese so viel bedauerten, minderbelasteten, bereits nach einer Zinsenberechnungstabelle abgestuft belasteten Mitläufer, fühlen sich nun düpiert. Jetzt, da sie mit der Barbarei nicht mehr mitlaufen können, laufen sie nicht den zahlreichen, prassenden und schleichhandelnden Nazigrößen die Tür ein, sondern sie bilden eine neue Sturmabteilung und laufen Sturm gegen ein paar Juden. Von Franz Joseph bis Hitler haben sie „Hoch und Heil“ geschrien, jetzt schreien sie zur Abwechslung Wieder ,,Nieder mit den Juden!“ Mit all dem blutbedeckten Glanz und Schimmer ist ihnen ihre Vorsehung davon gelaufen und jetzt wissen sie nicht welcher Vorsehung" sie nachlaufen sollen um ein bißchen Milch für für ihre Kinder zu bekommen. Sie haben sich angeblich nur aus Selbsterhaltungstrieb zur Mitwirkung an der Hiflerei gedrängt und in der frommen Denkungsart, die sie nach dem Sturz des Tötenreiches so rührend und mit solcher Unschuldsmiene zur Schau getragen haben, haben sie sich darauf verlassen, daß nun fürderhin die, wieder in ihre Rechte eingesetzte göttliche Vorsehung, genügend Milch für ihre fromme Denkungsart zur Ver- Die Stimme der WeW In einem Leitartikel des „Popuplaire“ nimmt der große Sozialistenführer Leon Blum Stellung gegen das Vorgehen der Engländer gegenüber den Flüchtlingen auf der „Exodus“. Er schreibt unter anderem: „Unsere britischen Freunde sollten sich doch bemühen und sich klar werden über ihre Haltung gegenüber den Einwanderern, die das Gewissen der ganzen Welt bedrückt.“ Das Vorgehen der Engländer veranlaßt Leon Blum, seiner Empörung und seinem Abscheu in Worten Ausdruck zu geben, die an das historische „J'accuse“ erinnern, mit dem vor einem halben Jahrhundert sein Lehrer Jean Jaures und Emile Zola in der Dreyfuß- Affäre das Gewissen der ganzen Welt aufrütfelten. „Das Weltgewissen“, schreibt Leon Blum, „sieht nur eine Sache, eine gewisse Zahl armer Juden, die die Hitlerbarbarei überlebten, die zweieinhalb Jahre nach der Niederlage aus den KZ.-Lagern noch nicht befreit wurden und die man in das einzige Land, nach Erez Israel, nicht hereinläßt.“ Diese Tragödie birgt so viel an Herzzerreißendem, daß man dies weder verteidigen noch tolerieren kann. Und deshalb müssen unsere englischen Freunde, die sich so sehr bemühen, das geschriebene Gesetz durchzuführen, in den Tiefen ihrer Herzen dassselbe Gefühl haben. Er betont sodann die noble Haltung der französischen Regierung, seine Stellungnahme zum „Terror“ und bekennt sich zum unbedingten Anhänger der offiziellen zionistischen Politik. „Aber“, schreibt Leon Blum weiter, „die Pas sagiere der .Exodus“ sind doch gar keine Terroristen. Sie sind nur Märtyrer. Sie hätten mit der Waffe in der Hand sterben können, als fügung stellen werde. Das war ein Trugschluß und so wollten die Ischler Demonstranten das bißchen Milch, das die dortigen Lagerjuden von ihren Glaubensgenossen in Amerika bekommen, arisjeren. Arme Kinder, junge Ebenbilder Gottes, sie müssen nun für das Leben das ihnen die Barbarei gelassen hat, schwer büßen. Ihre wehrhaften, tatkräftigen und stets tatenlustigen Volksgenossen haben so viel Blut vergossen, so viel Gas verschwendet, so viel geraubt und geplündert und jetzt ist nicht einmal das bißchen Milch für ihre jugendlichen Nachkommen da. Sie haben so viele jüdische Kinder in ihre Gasschulen geschickt, aus denen sie nach dem ersten Besuch nur als Leichen in die nächstgelegenen Verbrennungsöfen zurückkehrten. Sie haben es zuwege gebracht, so häufig unschuldigen, wehrlosen Kindern, Frauen und Greisen die Todesstrafe durch die Nötigung, das eigene Grab zu schaufeln, sohin durch die befohlene Zeugenschaft bei der eigenen Hinrichtung, zu verschärfen. Und jetzt, da dem schlechten Zweck Millionen Morde und Tode nicht geholfen haben, steht vor aller Sorge eines zerstörten marteriellen Lebens dis Frage: Wo nimmt man Milch für die Kinder her? Die Ischler Demonstranten wollten diese Frage im eigenen Wirkungskreis durch Enteignung an den Juden lösen. Sie stießen dabei antisemitische Drohungen aus und wollten die allen Oesterreichern so teuer zu stehen komm ende Niederlage, in einen billigen Sieg verwandeln. Der Antisemitismus war der Treibstoff für den Nazismus und dieser Nazismus war die Seele eines Krieges, der, trotz aller Judenhetze und Judenvernichrung, zur größten Niederlage, die je ein Volk erlitten, geführt hat. Wollen sie wieder Krieg? Auch beim nächsten Krieg würde ihnen das antisemitische Geschrei nichts nützen, auch sie würden zu Atomen zertrümmert werden und die neuen Atommenschen oder Menschenatome müßten höchstens wieder bei den Juden Adam und Eva anfangen. Bis dorthin aber wünschen wir ihnen recht viele reinrassige Kühe mit recht viel Milch, damit sie Gott behüte, nicht genötigt wären, die paar Tropfen jüdischer Milch, die sich im dortigen JudenIager befinden und von amerikanischen Juden gespendet wurden, für ihre rein arischen Kinder in Anspruch nehmen zu müssen. Sikor Helden, wie es ihre Väter und ihre Brüder, ihre Mütter und Schwestern im Warschauer Gsetto getan haben. Sie stellen aber der brutalen Gewalt, — wie die christlichen Märtyrer im römischen Zirkus — nur ihren Glauben, ihre Entschlossenheit und ihre Opferfreudigkeit entgegen. Der aber, der angesichts einer solchen Katastrophe seinem Willen ein Opfer bringen wird, der wird neiht erniedrigt, sondern erhöht werden.“ Und Leon Blum schließt seinen glänzenden Artikel mit den Worten: „Sicher wird das Palästinaproblem nicht durch eine Revolte oder durch Terror gelöst werden. Aucb fortgesetzte Repressalien werden zu keiner Lösung führen. Man kann aber hoffen, daß die Vereinten Nationen auf ihrer Septembertagung doch eine Lösung finden werden. .Aber um Gotteswillen' man soll die ganze Sache nicht wieder verschieben. Es bleiben noch immer viele tausende Unglückliche, zu viele hinter den deutschen Stacheldrähten!‘ Meine TUmf/Ui iefondet uc&: 9, Tltdld®*$e**faaße 1H- Ada Neuspiel Gerichtlich beeideter Dolmetsch für die englische Sprache Beglaubigte und nicht beglaubigte Übersetzungen ffl 50-0-75 I. „Bombenattentate und Menschenschmuggel.“ Totenschiffe im Mittelmeer.“ „Attentatsdrohungen des ,Irgun Zwai Leumi'.“ „Bombenattentate auf einen britischen Urlauberzug in Kärnten.“ Solche und ähnliche Ueberschriften kann man jetzt fast täglich in den in- und ausländischen Tageszeitungen lesen, die von englischen Telegraphenagenturen gespeist werden, und da wir Juden ais ein staatenloses Volk keine Möglichkeit einer wirkdamen Gegenpropaganda haben, weder über Radio noch über sonstige Aufklärungsmöglichkeiten eines normalen Regierungsapparates verfügen, so weiß der durchschnittliche Zeitungsleser, der nur die einzelnen Ereignisse und Vorgänge, selten jedoch ihre Hintergründe und Zusammenhänge kennt, wohl kaum, daß sich hinter diesen Ereignissen, die hier marktschreierisch berichtet werden, der verzweifelte Freiheitskampf des jüdischen Volkes verbirgt, gleich dem des italienischen Risorgimento, dem der irischen Guerillas gegen England oder der Griechen gegen das ottomanische Reich. Nur mit dem Unterschiede, daß es sich beim Generalansturm des jüdischen Volkes auf die Tore Palästinas, um den heroischen Kampf eines Volkes handelt, das Kreuzzüge und Inquisition, Progrome und in letzter Zeit auch noch die Todesfabriken Majdaneks sowie zahlloser andere europäischer Hauptstädte erlebt hat, und das nunmehr entschlossen ist, nie mehr wieder den Prügelknaben im Weltgeschehen abzugeben. In diesem Kampfe stehen die Juden der ganzen Welt einig und geschlossen wie noch nie in ihrer viertausendjährigen Geschichte; uneinig sind sie nur in der einzuschlagenden Taktik und in den zu wählenden Mitteln. Das zeigt sich besonders im gegenseitigen Ringen der gemäßigtnationalen „Haganah“, die sich der Unterstützung der überwältigenden Majorität der Juden erfreut, mit dem in seinen Mitteln wahllosen „Irgun Zwai Leumi““, der sich den Beschlüssen der offiziellen Leitung der Zionistischen Weltorganisation nicht unterwerfen will, da er sie für opportunistisch hält. Zum besseren Verständnis des jetzigen Generatansfurmes auf die Tore Palästinas, muß hier in gedrängter Kürze folgender historischer und völkerrechtlicher Ueberblick, von der ältesten bis in die neueste Zeit gegeben werden. Der Freiheitskampf des jüdischen Volkes gegen die Uebermacht des römischen Imperiums, über den selbst die, imperialistisch und alles andere als judenfreundlich gesinnten römischen Historiker Tacitus und Dion Cassius in Ausdrücken höchster Bewunderung berichten, hat im Jahre 70 u. Z. mit dem Verlust der staatlichen Unabhängigkeit kein Ende gefunden. Immer wieder flammte an verschiedenen Punkten der Welf der Kampf um die Wiedergewinnung der verlorenen Selbständigkeit auf, so dazu beitragend, daß die Juden nicht das Schicksal vieler anderer Völker teilten, die mit ihrem Staate spurlos unfergegangen sind. Sie blieben immer seelisch, aber auch leiblich, mit dem Lande ihres Ursprungs verbunden, immer wieder, mit den Mitteln späterer Zeiten bemüht, dorthin zurückzukehren. Dies sind die historischen Rechte, die die Juden hinsichtlich Palästinas nie aufgeqeben haben, und die sowohl von Endland in der Balfourdeklaraüon im Jahre 1917, wie auch von allen im Völkerbund vereinigten Nationen, im Palästimmandat des Völkerbundes anerkannt und seither von keiner internationalen Körperschaft jemals bestritten worden sind. Nun kann man über historische Rechte geteilter Meinung sein, sie wurden jedoch durch die bereits erwähnte Balfourdeklaration wie durch das Palästinamandaf zu international geltendem Recht, das später auch von den beiden Großmächten, Amerika und Rußland, die damals dem Völkerbünde ni'ht angehörten, anerkannt wurde. Von Amerika im Jahre 1922, von den Russen durch den Mund Gromykos in der letzten Unoversammlung. Auf diese international anerkannten Ansprüche der Juden auf Palästina und die darauf bezughabenden beiden Dokumente sei hier, zürn besseren Verständnis der jetzigen Vorgänge in und um Palästina, kurz eingegangen, wobei noch der Vollsiändigkeit halber hinzugefügt sei, daß auch der Vatikan, wie aus einer Erklärung des New-Yorker Kardinals Speelmann gefolgert werden kann, seine bisherige negative Einstellung gegenüber dem Zionismus aufgegeben hat. Nach dieser Erklärung ist der Vatikan einzig an der Sicherung der heiligen Stätten interessiert, hingegen am Paläsiinaproblem als solchem desinteressiert. Hinzugefügt sei noch als Kuriosum, daß Emir Feisal, im Namen des Königreiches Hedschad, in öinem am 3. Jänner 1919 in London mit Prof. Weizmann geschlossenen Vertrage, sich bereit erklärte, gegenseilig Bevollmächtigte für das jüdische Palästina und die arabischen Länder auszufauschen, und daß derselbe auch noch ein Jahr später die Repatriierung der Juden nach Palästina begrüßte. Der wichtigste Passus der, vom damaligen englischen Außenministerium, in Uebereinsfimmung mit den anderen Ententemächten am 2. November 1917 veröffentlichten Deklaration, die unter dem Namen Balfourdeklaration in die Geschichte eingegangen ist, laufet: „Seiner Majestäfs Regierung betrachtet die Schaffung einer nationalen Heimstätte in Palästina für das jüdische Volk mit Wohlwollen und wird die größten Anstrengungen machen, um die Erreichung dieses Zieles zu erleichtern, wobei klar verstanden werde, daß nichts getan werden soll, was die bürgerlichen und religiösen Rechte bestehender nichfjüdischer Gemeinschaften in Palästina oder die Rechte und die politische Stellung der Juden in irgend einem anderen Lande beeinträchtigen könnte.“ Damit hat England vor dreißig Jahren eindeutig auf sich die Verpflichtung genommen, „die größten Anstrengungen zu machen“ um die „Schaffung einer nationaler Heimstätte für das jüdische Volk“ zu ermöglichen. Wenn England nun die Einwanderung der Juden nach Palästina bis auf ein kaum nennenswertes Minimum von 1500 monatlich drosselt und außerdem den freien Bodenankauf durch Juden dorfselbst verbietet, so ist dies nicht nur ein offener Rechfsbruch, besonders im Hinblick auf die später im Mandat vom Völkerbund übernommenen Verpflichtungen, sondern auch noch eine Diskriminalion, insoweit es vor allem die Beschränkung des Bodenankaufes betrifft, da ähnliches nur im dunklen Mittelalter oder unter Hitler der Fall war. Dies widerspricht vor allem den, durch England im Völkerbundsmandat vom 24. Juli 1922 übernommenen Verpfli.htangen zur Realisierung der in der Balfourdeklaration niedergelegten Grundsätze und besonders dem Artikel 6 des Mandats, der da lautet: ,,D i e Mandatsverwaltung Palästinas ist verpflichtet die jüdische Einwanderung durch entsprechende Bedingungen zu erleichtern und hat sie ferner in Zusammenarbeit mit der Jewish Agency die Kolonisation von Juden auf jenen La n d s f re c k e n, einschließlich auch Regierungsböden, die für öffentliche Zwecke nicht benötigt werden, zu fördern." Nun könnte man einwenden, daß die Labourpartei, die jetzt die Regierung stellt, mit den in der Balfourdeklaration und im Mandat übernommenen Verpflichtungen nicht einverstanden war und daher ein moralisches Recht hätte, zur Macht gekommen, deren Verwirklichung zu hintertreiben. Wer jedoch die britische Politik kennt, weiß, daß der Parteienkampf in England sich selten auf außenpolitische Probleme bezieht; überdies war es gerade die Labourpartei, deren Exekutivkomitee im Juhre 1920 sich für die sofortige Uebemahme des Mandats durch England aussprach. Noch im letzten Weltkrieg hat die Labourpartei diese Verpflichtungen mehrmals bekräftigt.