Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1947
- Issue
- Heft 4 (14.9.1947)
- Date
- 1947-09-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2431292-2431293-2431297--0018-2431591- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Preis 1 Schilling timme e/hlgemeirt zionistischeJVochenschrift Redaktion und Administration « Wien IX, Universitätsstraße Nr. 4/4 Telefon A.26-4-73 Postscheckkonto Nr. 134.292 14. September 1947 Erscheint jede Woche Zionistischer Landesverband Wien nro cr*i?3n ffirsn nrnuTi -B.__' M". . Nr. 4 - 1947 Zum Jahreswechsel Jüdische Schwestern und Brüder! In schicksalsschweren und entscheidenden Tagen begehen wir das Rosch-Haschono Fest-, Unendliches Leid und schwere Kämpfe liegen hin her uns, Leid und Sorge liegen auf uns und hartes Ringen steht uns noch bevor. Wir sind uns dessen bewubt, dab wir in diesem Ringen fast ganz auf uns allein gestellt sind, dab wir aber doch schon schöne Erfolge zu verzeichnen haben ,und uns unserem Ziele immer mehr nähern. Man mag uns schmähen, erniedrigen, uns auf Schiffen hin und her schleppen, wir werden uns endlich doch befreien. Wir werden nicht ewig heimatlos und obdachlos bleiben. Wir werden und wollen uns nicht ewig von Land zu Land jagen lassen und aus Landesstiefkindern nun schon zu Weltstiefkindern werden, die man irgendwo in der Welt in Lagern hinter Stacheldraht verkommen läßt. Wir haben der Welt gezeigt, dab wir auch ohne die sogenannten Wirtsvölker eine Gemeinschaft bilden, ein Land, eine Wüste urbar machen, einen Staat bilden können. Wir können stolz in die Welt rufen.- Das jüdische Palästina ist kein Problem, ist kein zionistisches Problem, das jüdische Palästina ist schon eine Wirklichkeit, ein Faktum, eine Tatsache, ein fait accompli. Keine Macht der Welt ist mehr imstande Palästina von den Duden oder die Duden von Palästina zu trennen. Unsere Kinder und Kindeskinder leben dort bereits als ansässige Landwirte, Bauern, Arbeiter und Angestellte in ihrer, in unserer historischen Heimat. Die Der folgende Brief des berühmten Schriftstellers erschien vor 15 Dohren in einer Festnummer von Robert Strickers „Wiener Morgenzeitung". — In liebenswürdiger Weise wurde uns von befreundeter Seite das Original zur Verfügung gestellt. Die Redakiion. Bekenntnis zum Judentum Ein Brief von Felix Salten. Du hast mir nun Deine Gewissensnot vertraut und meine Meinung zu hören verlangt. Wir sind Freunde von Dugend an, wir verstehen einander in allen Angelegenheiten des Geistes wie in allen Regungen der Seele. Nur von einer einzigen Sache ist zwischen uns noch niemals und mit keinem Wort die Rede gewesen: davon, dab Du als Düngling die Taufe empfangen hast, während ich der geblieben bin, der ich war. Nun, mein Lieber, da Du jetzt willst, können wir davon reden. Erinnerst Du Dich, welche innige Freundschaft den herrlichen Wassili llitsch mit mir verband? Er war ein Russe, war fromm, beinahe bigott und für seine Heimat von einer mystischen Begeisterung erfüllt. Wir haben uns ausgespro- 2000jährige Trennung ist zu Ende, die uralte Heimat ist zur neuen Heimat, und das jüdische Palästina ist zu einem der gröbten Wunder in der Geschichte der Menschheit geworden. Ein in alle Welt zerstreutes Volk hat sich selbst geholfen! Wir wollen diese unsere Heimat, trotz aller Schwierigkeiten und der Mängel die ihr noch anhaften, aufbauen auf den vier Grundpfeilern aller Kultur und Zivilisation, auf Schönheit, Wahrheit, Gerechtigkeit und Freiheit! Freiheit kann aber nur errungen werden, wenn wir einig sind, wenn wir alle einig sind. Duden aller Länder vereinigt Euch! Es handelt sich jetzt nicht mehr um dieses oder jenes System, um diese oder jene Methode, es handelt sich jetzt einzig und allein um die Einigkeit. Daher, liebe Schwestern und Brüder, labt uns einig sein, labt uns das neue Dahr 5708 beginnen mit dem Vorsatz, mit dem Versprechen, mit dem Gelübde, einig zu sein, und was auch immer kommen möge, standhaft, mutig, opferwillig, also aufrechte und stolze Duden zu sein! Möge das Dahr 5708 ein gesundes, gesegnetes und stolzes Dahr sein für die Kinder Israels dieser Stadt, dieses Landes und der ganzen Welt! Möge es das Dahr der Erlösung sein! Von der Einigkeit zur Freiheit und zum Frieden! chen und sind Freunde geblieben bis an seinen Tod; er, der „rechtgläubige“ Russe und ich. Warum sollten wir beide, Du und ich, nicht ruhig über unsere Sache reden können? Ich sage: unsere Sache. Denn dab Du Dich taufen liebest, ist meine Sache ebenso wie Deine. Und dab Du jetzt den Gedanken erwägst, wieder ins Dudentum zurückzukehren, geht mich genau so an, wie Dich. Darin liegt ja die geheimnisvolle, aber nicht zu lockernde Gemeinschaft, die uns miteinander verknüpft, dab ein Deder in unserem Volke sich beständig für jeden anderen verantwortlich fühlt, und dab diese starke, schmerzhafte Verantwortung am meisten bei den Fehlern, Irrtümern oder Verbrechen empfunden wird, die irgend ein anderer begeht. Um unsere groben Leistungen kümmern sich die Christen nur wenig, Verfehlungen des Einzelnen kreiden sie der Gesamtheit zehnfach an, und eine Gewissensnot wie die Deinige beachten sie gar nicht. Du bist Christ geworden aus reinster Ueberzeugung. Du hast diese Religion, die schön ist und das Herz bezaubert, schwärmerisch geliebt und hast Dich ihr rückhaltlos in die Arme geworfen, mit dem ganzen Ungestüm des Dünglings, der Du damals warst. Ist Dir diese reine Gesinnung geglaubt worden? Vielleicht von dem einen oder anderen, der Dir ganz nahe kam und Einblick in Dein Innenleben gewinnen konnte. Sonst haben Dich alle, Christen wie Duden bezweifelt, haben wohl auch einen Causalnexus hergestellt zwischen Deiner Taufe und Deiner glänzenden Laufbahn als Hochschullehrer. Du lebst im Deutschen Reich und es wird dort wohl auch nicht anders sein als hier. Duden wie Christen, solche mit dem Hakenkreuz und solche, die Kulturmenschen sind, alle haben nicht aufgehört, Dich als Duden anzusehen. Diese ganzen Dezennien hindurch. Selbst wenn Dein Zweck wirklich schnöd eigennützig gewesen wäre, die Taufe hätte Dir nicht geholfen. Sie hilft ja auch den Kindern und Kindeskindern der zweckhaft Getauften nicht. Denn unsere Feinde, die Dehova schmähen, weil er bis ins siebente Glied straft (wobei sie unterschlagen, dab er bis ins tausendste Glied liebt und belohnt), diese Feinde verfolgen unser Blut bis ins zehnte Glied mit ihrem Hab. Du, mein Freund, hattest keinen anderen Nebenzweck, als Du die Taufe empfingst: Du wolltest Christ werden. Mag sein dab ein erwachsener Mensch Christ werden kann, das weib ich nicht. Allein ich weib, dab man nicht aufhören kann ein Dude zu sein. Du bist all die vielen, vielen Dahre in der innersten Kammer Deines Herzens ein Dude gewesen. Und wie so mancher andere, der sich laufen lieb, hast Du gar nicht geahnt, dab Du niemals ein besserer Dude warst, als in dem Augenblick, da Du Gott suchend, Christ wurdest. Dudentum ist Schicksal und Erdensendung, ist Aufgabe und Opfer, ist Blut in den Adern und Ethos im Herzen. Man kann aus dem Dudentum nicht austreten, wie aus einem Geselligkeitsverein. Zu dieser Erkenntnis bin ich erst nach vielen schweren Krisen und harten- Kämpfen gelangt. Es stimmt nicht ganz, wenn ich anfangs sagte, ich sei der geblieben, der ich war. Wir alle müssen mit dem Engel des Herrn ringen, bis dab er uns segnet. Sich zum Dudentum bekennen, wenn man als Dude geboren wurde... nichts scheint einfacher, nichts scheint leichter zu sein. Bekennt sich doch jeder zu dem, was er ist. Zahllose Menschen tun das sogar „mit Stolz“. Nun, der Stolz wäre überflüssig, aber das Bekenntnis bleibt wichtig. Es zeigt sich aber, gerade in unserer Lage, dab es wenige Dinge in der Welt gibt, die so kompliziert, wie das, was man für einfach hielt. Du nennst mich einen nationalen Duden. Mein Freund, nichts bin ich weniger. Wir würden uns von den französischen Chauvinisten, den Trägern der schwarzen Hemden in Italien, von den Hackenkreuzlern in Deutschland kaum unterscheiden, wenn wir in den öden Nationalismus verfielen, der nur eine Krankheit des Dahrhunderts ist. Ich fühle wohl, dab ich mich mit dieser Anschauung in einem Gegensatz zu sehr vielen guten, tapferen und ehrlichen Duden befinde. Es tut mir leid, aber ich vermag daran nichts zu ändern. Alles, was an ihrem Tun und Lassen national oder nationalistisch aussieht, scheint mir angenommene Fechtergebärde, herbeigeführt von der Notwendigkeit, sich zu wehren und zu kämpfen. Ich glaube es ihnen nicht, will es ihnen nirht glauben. Das ist dem jüdischen Wesen, wie ich es empfinde, genau so fremd, wie das Burschenschafter-Treiben unserer Studenten, mit Cerevis, Koller, Wichs und Schläger. Ungewollte Mimicry ist mir das, vielleicht notwendige. Aber beständig mit einem polemischen Beigeschmack, mit einem trotzigen Nebenton. Hinter all diesen Geberden und Verkleidungen, die für mich doch Die Redaktion. nur Geberden und Verkleidungen bleiben, liegt mir auf dem Urgrund der Seele, das wahre Dudentum. Das wahre Dudentum ist Suche und Sehnsucht nach dem Menschentum, leidenschaftliches Begehren, selbstlos enthusiastisches Streben nach einem Verstehen, nach einer Vereinigung aller Sterblichen.' Ueber den Nationalitäten, über den Konfessionen. In einer Sphäre, in der jeder das bleiben kann, was er ist, weil die Achtung des anderen ihn darin bestätigt. Das wahre Dudentum ist unterwegs nach dem Ziel der Welt. Das ist freilich ein weiter Weg. Aber sind die Duden nicht bis heute einen langen, qualvollen, von blutigen Opfern bedeckten Weg gegangen? Trotzdem sind sie heute so frisch, so gesund und so kraftvoll, wie je. Diese Welt ist bis zum heutigen Tage nicht um Haaresbreite über das Gebot hinausgelangt, das vom Sinai verkündigt wurde. Von der Sinaistunde sind die Duden nicht zu trennen. Ihr Abfall von der Bibel würde Auflösung zur Folge haben, wie er immer Auflösung und Untergang zur Folge hafte. Nicht auf den Buchstabenglauben kommt es an, sondern auf das Ethos das die Bibel birgt. Dab sie im Geiste der heiligen Schrift immer bodenständig waren, hat die Duden bis heute lebendig, hat sie als eine unüberwindliche Gemeinschaft erhalten. Verlieren sie diese geistige Bodenständigkeit, die beispiellos und einzig isV, dann bleibt ihr Ringen, um in Palästina Wurzel zu fassen, vergebens, dann werden sie kraftlos sein, ohnmächtig und verschwinden. Daran aber glaube ich nicht. Ich glaube an die religiöse Kraft im jüdischen Volk, wie immer sich der Gottgedanke in ihm künftig auch gestalten möge. Der Gottgedanke lebt in den Herzen der Duden, lebt selbst in denen, die ungläubig sind und den alten Gott leugnen oder ihn vergessen haben. Die religiöse Kraft im Dudentum bewirkt es, dab die Duden überall die heftigsten Rebellen sind und zugleich die leidenschaftlichsten Bewahrer des Bestehenden. Zerstörer und Aufbauer in einem. Der biblische Charakter, den' sie bewahrt haben, macht sie bei den Völkern* verhabf, je mehr verhobt, je weniger Kultur ein Volk besitzt und je unerträglicher ihm deshalb biblische Gestalten sind, die lebendig unter ihnen einhergehen. Sei getrost, mein Freund, und bekenne Dich* ruhig und offen wieder zu Deinem Dudentum, da Dein Herz Diqh antreibf, das zu tun. Du bist das vor allem der christlichen Kirche schuldig, der Du bisher angehörf hast und der Du mit Unaufrichtigkeit nicht angehören darfst. Tu es Deinetwegen, und Du wirst wieder in einem Ideal wohnen, in welchem Du ganz und wirklich zu Hause bist. Es gibt für die menschliche Seele keinen tieferen Frieden, keine höhere Sicherheit und kein gröberes Glück, als in dem Ideal zu leben, darin sie eingeboren und heimisch ist. 1/eigeffi mcßt zu den hohen Feiertagen für Keren Kayemeth Leisrael (Jüdischer Natienaifonds) ga tpettde*!