Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1947
- Issue
- Heft 2 (25.8.1947)
- Date
- 1947-08-25
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis 50 Groschen fimme Redaktion und Administration! Wien IX, Universitätsstraße Nr. 4/4 Telefon A=26=4.73 Postscheckkonto Nr, e/Illgemein zionistischeßochenschvift 25. August 1947 Erscheint jede Woche Zionistischer Landesverband Wien nro ir^n Derart nnnarn Nr, 2 - 1947 PlfJ Odyssee der „Exodus 1947“ Fortsetzung des Tatsachenberichtes Unter den 130 ausländischen Korrespondenten, die die drei englischen Frachtschifte mit den jüdischen Auswanderern von der „Exodus 1947“ im südfranzösischen Hafen Port du Baue erwarteten, befand sich auch der Korrespondent der amerikanischen Zeitung „P. M.“ Maurice Pearlman, dessen interessanten, aber zugleich schaurigen Bericht wir bringen. Port du Bouc, 29. Uulr 1947 4500 Flüchtlinge weigern sich zu landen. „Lebend und freiwillig werden wir nur in Palästina an Land gehen. In Europa können wir nur als Leichen ausgeschifft werden“, so lautete die einmütige Antwort, die der französischen offiziellen Kommission gegeben wurde, die das britische Transportschiff „Runnymede Paifk“ betrat, nachdem dieses in den Hafen eingelaufen war. An Bord befanden sich 1500 Menschen, ein Teil der 4500 Flüchtlinge der „Exodus 1947“. Die beiden anderen Transportschiffe „Ocean Vigour“ und „Empire Rival“ mit dem Rest der Flüchtlinge lagen außerhalb des Hafens vor Anker. Es ist möglich, daß eine Frau, die an schwerer Pneumonie leidet, und ein oder zwei andere an Land gehen werden. Keiner der übrigen ist zur Landung bereif. Die französische Delegation, die aus einem Vertreter der französischen Regierung und Vertretern des Au feen-, Innen- und Marine- Ministeriums bestand, wartete, geführt vom Präfekten von Bouches du Rhone, M. Colavery, am Ufer dieses kleinen Hafens, 30 Meilen westlich von Marseille seif 5 Uhr früh. Die Runnymede Park“ lief um 8 Uhr in den Hafen ein und warf Anker. Den Korrespondenten wurde das Betreten des Schiffes verwehrt, als jedoch unser Korrespondent (der Zeitung „P. M.“ — die Redaktion) mittels Motorbootes dem Schiffe genügend nahe kam, konnte er sehen, daß die Reeling mit Mannschaften der 6. Fallschirmjäger-Division besetzt war und die Flüchtlinge auf dem ganzen Schiff hinter Stacheldraht gehalten wurden. Der Präfekt, M. Colavery, und der Dolmetsch wurden von den Briten empfangen und zur Landungsbrücke geführt. Der Präfekt wurde ersucht, den Beschluß der französischen Regierung vorzulesen. In letzter Minute wurde der Originaltext, der schon in Form eines Flugblattes vorlag, nach mehrmaliger Intervention des britischen Vertreters, abgeändert. Der Satz, in dem Frankreich ablehnf, Gewalt anzuwenden und widerstrebende Flüchtlinge zur Landung zu zwingen, wurde ausgelassen. Müde und erschöpft. Der Präfekt begann den Text im Beisein einiger Flüchtlinge, die in einem von Draht umgebenen Raum unterhalb der Kommandobrücke abgesondert waren, zu lesen, wurde aber durch Zurufe: „Wenn Sie die Deklaration vorlesen wollen, kommen Sie zu uns in den Schiffsraum“, unterbrochen. Diese Zurufe wiederholten sich einigemale und der Präfekt ersuchte die Briten hinunfergehen zu dürfen. „Wir gingen die ersten zwei Decks hinunter", sagte M. Colavery „und fanden ungefähr 800 Flüchtlinge, alte und junge, unter ihnen schwangere Frauen, Babies und 2—3 Jahre alte Kinder, zusammengepfercht in einem schmutzigen, stinkenden Raum, ohne Betten. Sie sahen müde, erschöpft und krank aus. Der Sprecher der Flüchtlinge bat um Ruhe und ich las die Deklaration vor, die den Juden, die zur Landung gewillt wären, die Gastfreundschaft Frankreichs anbof. Satz für Satz wurde in Yiddisch und Hebräisch übersetzt. Als ich geendet hatte, verlangten die Flüchtlinge nähere Erklärungen, hauptsächlich darüber, ob sie die Franzosen zur Landung zwingen würden. Ich erklärte ihnen, daß im Sinne der Entscheidungen der französischen Regierung keine Gewalt angewendet würde, daß aber den Juden, die freiwillig an Land gingen, Unterkunft gewährt würde. E'n einmütiges — Nein. Der Sprecher der Flüchtlinge erklärte hierauf: „Wir alle hier, sind entweder gewesene Partisanen oder Ueberlebende der Konzentrationslager. Wir wurden wie eine Viehherde in britische Transportschiffe gepfercht. Unsere einzige Sünde ist, daß wir unser Heimatland zu erreichen suchen, das einzige Land, das uns aufnehmen will. Wir danken Frankreich für sein gastfreundliches Anerbieten, das uns rührt, aber wir sind überzeugt, daß die Franzosen verstehen werden, daß der einzig für uns gangbare Weg, die Rückkehr nach Palästina ist.“ Auf meine Frage, was mit den Kranken geschesen soll, antworteten sie: „Sie werden in Erez Israel gesund werden.“ Die Flüchtlinge standen mit dem Rufe „Vi've la France“ auf und sangen hierauf die „Hatikwah“. Auch die Delegation, von der einige Mitglieder zu Tränen gerührt waren, stand habfacht. Der Präfekt reichte dem Sprecher der Flüchtlinge die Hand, bevor er in die anderen Räume ging, in welchen er den gleichen Eindruck gewann. 6 Kinder in Palästina. Als M. Colavery das Schiff verließ, sprach ihn eine 45 Jahre alte Frau an und erzählte ihm, daß sie 6 Kinder in Palästina und 4 Kinder auf dem Schiffe habe. Der Präfekt machte ihr den Vorschlag sie mifzunehmen, sie weigerte sich aber mit den Worten-. „Ich will zurück nach Palästina". Die Delegation sagte den Engländern, daß die Flüchtlinge nicht an Land gehen wollen, worauf der diensthabende britische Oberst sagte: „Kommen Sie morgen und sie werden sehen, daß mehr als tausend an Land gehen werden. Sie stehen momentan unter dem Einfluß der Banditen.“ Der Präfekt antwortete, er würde nicht morgen, sondern noch heute um 3 Uhr nachmittags wiederkommen. Da die französische Delagafion besorgt war, daß die Engländer Mittel anwenden würden, um die Landung der Flüchtlinge zu erzwingen, ließen sie 2 Aerzte, 2 Krankenschwestern, einen französischen Polizisten und einen Dolmetsch zurück. Der Präfekt telephonierte das Ergebnis nach Paris und wird dann den zweiten Transport besuchen. Die Besichtigung des dritten wird wahrscheinlich erst morgen stattfinden. Ein Sklavenschiff. Ein Mitglied der Delegation sagte unserem Korrespondenten, daß der allgemeine Eindruck den die „Runnymede Park“ erwecke, der eines Sklavensschiffes sei. Schildwachen, die mit Gewehr und Revolver schwer bewaffnet seien, hätten die Aufgabe, mi* Vorhängschlössern versehene Käfige, die mit Flüchtlingen vollgepfercht sind, zu hüten. Die Wachen tragen Stöcke auch außer Dienst. Zufällig trägt der Ort, in dem die englische Magna Charta unterzeichnet wurde, den Namen „Runnymede Park“. Die Mahlzeiten an Bord gleichen der Fütterung in zoologischen Gärten! Die Tore der Käfige werden geöffnet, Kübel mit Essen werden hineingeschoben. Die Mitglieder der Kommission fügten noch hinzu, daß sie von der tapferen Haltung der Flüchtlinge, die trotz des großen Leides mutig in die Zukunft blicken, tief gerührt waren. Schlimmer als im Konzentrationslager. Ein anderes Mitglied der Delegation erzählte unserem Korrespondenten: „Ich war während des Krieges in einem KZ-Lager, ich würde aber das Leben dort, mit dem auf dem Schiffe nicht tauschen.“ Der Präfekt erwähnte unter anderem auch die schlechte Behandlung, wobei viele Flüchtlinge Prüyel bekämen. Er zeigte unserem Korrespondenten eine Flugschrift in Yiddisch die von den Engländern nach Verlassen des Hafens von Haifa auf dem Schiffe verteilt wurde, in der den Flüchtlingen mitgeteiltf wurde, daß sie nach Cypiern gebracht würden. Die Flüchtlinge sahen jedoch nach einigen Tagen, daß sie irgendwo nach Europa gebracht werden. Bis heute morgens wußten sie nicht, daß ihr Ziel Frankreich sei. Eine Pressedelegation zollte der Haltung des Präfekten großes Lob, die sie als korrekt, warmfühlend, menschlich und zur Ehre der französischen Republik gereichend, darstellte. Wir verlassen nun bis nachmittag die in den stinkenden Räumen des britischen Schiffes „Runnymede Park“ unter der Hitze furchtbar leidenden Flüchtlinge, während die Behörden über das Schicksal derer beraten, die die Konzentrationslager überlebt haben und jetzt versuchen, das Ziel ihrer langen Reise, die Heimat, zu erreichen. Port du Bouc, 30. Juli 1947 (Palcor Agency.) Die Flüchtlinge der „Exodus“ sind noch immer entschlossen das Gefangenenschiff, das jetzt schon über 36 Stunden in furchtbarster H-itze im Hafen von Port du Bouc vor Anker liegt, nicht zu verlassen. Die dort anwesenden britischen Behörden sind vollkommen unschlüssig und aufgebracht über die mangelhafte französische „Mitarbeit“ um die Landung der Flüchtlinge auch gegetn ihren Willen zu „arrangieren“. Ein britischer Beamter sagte unserem Korrespondenten: „Wenn man die Ausschiffung in den nächsten zwei Tagen nicht durchführen könne, würde man sie nach Cypern zurückbringen, selbst für den Fall, daß dies mit einem großen Prestigeverlust für England verbunden wäre. Die britische Regierung hätte die Sache besser überlegen sollen, bevor sie sich entschloß die Flüchtlinge nach Europa zurückzubringen. “ Mittlerweile wurde der Schwerpunkt nach Paris verlegt. Das britische Außenministerium verlangte von den Franzosen Landungsboote, damit die Briten die „Landung“ selbst vornehmen könnten. Das französische Kabinett berät und wird seine Entscheidung heute bekannt geben. (Die Entscheidung lautete dahin, an ihrem ursprünglichen Plan festzuhalten und keine Gewalt anzuwenden.) Unser Korrespondent berichtet, daß nach dem, was er gesehen habe, es klar ist, daß nur Massengewalt die Flüchtlinge von den Schiffen bringen könne. Wahrscheinlich in Vorbereitung einer solchen Eventualität wurden gesterd abend die zwei Transportschiffe „Ocean Vigour“ und „Empire Rival“ außerhalb der französischen Binnengewässer gebracht. Nur die „Runnymede Park“ bleibt vorläufig im Hafen. Es wird den Korrespondenten noch immer nicht gestattet, auf die Schiffe zu gehen, die jetzt als „Das schwimmende Auschwitz" bezeichnet werden. Ein genaues Bild über die Zustände an Bord wurde von Augenzeugen — den französischen Aerzten und Krankenschwestern, die gestern abend und heute das Schiff besucht hatten, — gegeben. Hatikwah und Pionierlieder. M. Colavery, der Präfekt des Departement Bouches du Rhone wiederholte gestern mit Beamten der Kommission seinen Besuch auf der „Runnymede Park“. Dieser Besuch erfolgte auf Grund der britischen Einladung: „Kommen Sie morgen und Sie werden sehen, daß mehr als Tausend an Land gehen.“ Als die Kommission das Schiff erreicht hatte waren es nur ein altes, müde aussehendes Paar und eine junge sephardische, schwer kranke Jüdin mit ihrem Manne, die bereit waren, an Land zu gehen. Hierauf besichtigten sie die beiden anderen Schiffe. „Am interessantesten“, sagte ein Mitglied der Kommission unserem Korrespondenten, „war unser Besuch auf der „Empire Rival“. Noch bevor wir das Schiff erreichten, hörten wir die Klänge der .Hatikwah* und palästinensischer Pionierlieder. Als wir näher kamen, konnten wir die Inschriften der Transparente die die Flüchtlinge auf den Stacheldrahtumzäunungen angebracht hatten, lesen: „Zurück nach Palästina“, „Nelson, was tun deine Söhne“, .Jüdisches Blut, das vor der Küste Palästinas vergossen wurde, ruft uns zurück ins Heilige Land*. Wir mußten in der Nähe des Schiffes halt machen, da die gelbe Quaraniainefahne gehißt war und eine Sanitätskommission an Bord war. Nach kurzer Zeit wurde die gelbe Flagge eingezogen und eine blau-weiße gehißt. Hier ist euer Feind. Während wir warteten, hob eine junge Frau hinter dem Stacheldraht ihr Baby hoch und rief auf ihr Kind zeigend: „Mächtiges britisches Imperium, hier ist dein Feind“. Wir bestiegen das Schiff und der Präfekt gab den Beschluß der französischen Regierung bekannt, daß allen, die in Frankreich landen wollen, Asyl angeboten wird. Die Antwort der Flüchtlinge lautete einstimmig: „Wir danken der französischen Republick für ihre Gastfreundschaft und für die Lehre, die sie der Welt mit ihrer humanen Denkungsweise gibt. Auch wir wollen Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, aber — chez nous, in Erez Israel". Dann standen sie auf, und sangen die Hatikwah. Sie waren in dem engen Raume so dicht gedrängt, daß es vielen nicht möglich war aufrecht zu stehen und sie sich auf die Schultern der anderen stützen mußten. Fortsetzung auf Seite 3.