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Die Stimme · 1947-08-12 · Heft 1 (12.8.1947) · page 1

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Journal
Die Stimme
Volume
1947
Issue
Heft 1 (12.8.1947)
Date
1947-08-12
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Preis 50 Groschen iimme e/IllgemeirL zionistischeJdochenschrift Zionistischer Landesverband Wien nnnwn Redaktion und Administration: Wien IX, Universitätsstraße Nr. 4 4 Telefon A-26-4.73 Postsclieck=Konto Nr. 12. August 1947 Erscheint jede Woche Nr. 1 - 1947 Zum Geleiti Zum Eintreffen der QN Kommission in Wien Der Schallen der tragischesten Ereignisse, des größten Unglückes in der Geschichte unseres Volkes liegt schwer auf uns. Es hat sich wieder gezeigt, daß Katastrophen der Welt zumeist Judenkatastrophen bedeuten. Für die grobe Masse der europäischen Judenheit, für unsere 6 Millionen Toten ist die Katastrophe vorüber, für uns, das verhältnismäßig kleine Häuflein Ueberlebender, dauert sie fort. Keine Illussionen mehr! Wir glaubten, daß sich eine bessere Welt aus den Ruinen erheben werde. Wir waren überzeugt, daß die Zukunft unseren Glauben rechtfertigen würde, daß die Sieger, nachdem sie den Anschlag brutalster Gewalt zurückgeschlagen hatten, eine Weltordnung, gegründet auf den Rechten der Völker und imdividuen aufrichten würden. Nun muß im Lichte der abgelaufenen und der gegenwärtigen Ereignisse die bittere Wahrheit ausgesprochen werden. Wir befürchteten zu wenig und hofften zu viel. Wir unterschätzten die Bestialität des Feindes, wir überschätzten die Humanität, die Weisheit, den Gerechtigkeitssinn unserer Freunde! Wir sind aber nicht mehr enttäuscht, wir sind sehend geworden. Die Juden in aller Welt sind sehend geworden — sie sind Zionisten geworden. Und Zionismus heißt nicht nur Rückkehr in die uralte Heimat, um sie zu einer neuen, wirklichen Heimat des verfolgten und gepeinigten jüdischen Volkes zu machen, sondern Zionismus heißt heute vor allem — Selbsthilfe. Selbsthilfe, im Rahmen der mächtigsten und repräsentativsten jüdischen Organisation der Welt. Vor 50 Jahren war es ein kleines Häuflein um Dr. Theodor Herzl. Heute sind es Millionen, die, geführt von den in aller Welt bekannten und anerkannten Staatsmännern, nun schon einen immer mehr zur Geltung kommenden Faktor in der Weltpolink bedeuten. Es sind jüdische Staatsmänner, die mit den Mächtigen der Welt verhandeln, nicht um die Errichtung sines Judenstaates, sondern um die Anerkennung des schon bestehenden Judenstaate« als endgültige Lösung der Judenfrage. Wir wollen nicht mehr ahnungslos ui d wehrlos einer tausendfach überlegenen, schwer bewaffneten Ueb.ermacht ausgeliefert sein. Wir Zionisten kämpfen heute mit allen Mitteln gegen den Tod, für das Leben des jüdischen Volkes, das weiterbestehen muß und wird. Wir allgemeinen Zionisten begünstigen keine politische Partei, wir bekämpfen auch keine, wir treiben unabhängige, zionistische, jüdische Volkspolitik, um die schon über 2000 Jahre dauernde Tragödie unseres Volkes zu beenden. Nun erheben wir vor aller Öffentlichkeit unsere Stimme auch wieder in Wien, der Stadt, in der unsere Bewegung ihren Ausgang genommen hat. Es ist eine Pflicht, es ist unsere Pflicht vor die Juden Wiens, vor die jüdischen Massen hinzutreten und sie über die tragische Vergangenheit, die heldenhaften Bemühungen der Gegenwart aufzuklären und den Glauben und die Zuversicht an die Zukunft zu stärlken. Es ist unsere Pflicht der österreichischen Regierung in ihrem schweren Kampfe um die Existenz dieses Staates zur Seite zu stehen, aber gleichzeitig für eine gerechte und würdige Behandlung aller Fragen, die die jüdische Bevölkerung betreffen, einzutreten. Möge es uns gelingen das Vertrauen aller zu gewinnen und im gemeinsamen, ehrlichen Streben alle Schwierigkeiten und Hindernisse zu überwinden, zur Ehre, zum Ruhm und zur Erlösung des jüdischen Volkes! DIE REDAKTION. Rund um die UNO Kommission Ben Gfurion’s Aussage vor der UN= Kommission Nach Rückkehr der UNO-Kommission von der Besichtigung des Landes nach Jerusalem führte Ben Gunon in der' ersten! öffentlichen Sitzung dieser Kommission als Vertreter der Jewish Agency folgendes aus: Es gibt kein Volk und kein Land auf der Welt, das nicht irgendwelche Beziehungen zum Judentum und zur Judenfrage hätte. Die Lösung dieser Frage ist vielleicht die erste Probe auf die Fähigkeit der Organisation der Vereinten Nationen einen Konflikt zwischen einem kleinen und schwachen Volk und einer großen Weltmacht zu schlichten. Es ist das nicht nur eine Frage der Machtpolitik und politischer Zweckmäßigkeit, sondern auch ein Problem der Ethik und Gerechtigkeit. Die Ideale der Propheten und die eigenartige Natur Erez Israels formten den Charakter und die Zivilisation des jüdischen Volkes. Diese Kriterien gaben ihm auch die Kraft den Assimilationsbestrebungen seitens Aegyptens, Babylons, Griechenlands und Roms zu widerstehen. Hinweisend darauf, daß durch alle Generationen hinlurch Juden ihr Leben für ihren Glauben und .hre nationalen und menschlichen Ideale opferten hob Ben Gurion hervor, daß zwei Faktoren die Existenz des jüdischen Volkes erhalten haben: die Hoffnung auf Erlösung aus der Diaspora und im Sinne der Visionen der Propheten, der Glaube an eine Welt der Gerechtigkeit und des dauernden Friedens. Dar Moment das das jüdische Problem am meisten kompliziert ist die Beziehung zwischen Juden und Nichtjuden, wahrlich das tragischeste Problem unserer Zeit. Das Gefühl der Unsicherheit ist die Wurzel allen jüdischen Leides und aller- Verfolgungen, deren grundlegende Ursachen, die Staatenlosigkeit, die Heimatlosigkeit und die Zerstreuung der Juden über die ganze Welt sind. Die Katastrophe des letzten Krieges ist wohl der Flöhepunkt der unaufhörlichen Verfolgungen, die die Juden im Laufe der Jahrhunderte seitens der christlichen und mohammedanischen Welt erlitten haben. Kein Jude kann sich wirklich frei, sicher und gleichberechtigt fühlen, solange die Juden nicht in ihrem eigenen Land als unabhängiges Volk angesiedelt sein werden. Wir haben ein Recht auf einen Platz an der Sonne. Niemand kann uns das Recht auf unser historisches Hejm^auf ein eigenes Staatswesen und eine W*ji%'n/6<J>Nin der Organisation der Vereinten Nq^oflflgj^ngftmen. In der Sfadf, in der die welfumfassende zionistische Bewegung ihren Ausgang genommen hat, wo die Idee des Judensfaafes zum ersfenmal vor die Welf off entiichkeif gebrachf wurde, begrüßen wir die Abgesandfen von 55 Nationen, die in der hisforischen Mission, eine Lösung der Judenfrage zu linden, hier angekommen sind. Wir sind überzeugf, daß die Mifglieder der Kommission ihre hisforische Aufgabe im besfen Sinne des Worfes erfüllen und damif der Beimaflosigkeif und Unsicherheif des jüdischen Volkes ein Ende machen werden. Die 7000 Juden, die von den 180.000 Juden Wiens übriggeblie» ben sind, und die 8000 Elüchflinge die in den hiesigen Lagern sdhmachfen, sind ein eklafanfer Beweis für die Gerechtigkeit unserer Forderung nach einer gesicherfen Heimaf für das jüdische Volk. Wir befrachfen die Kommission als Gewissen und den Richterstuhl der freiheifsliebenden Nationen der Welf. Wir verlangen von diesem Tribunal kein Mifleid und kein Erbarmen. Wir fordern nur Grerechfigkeif. Professor Weizmann’s Aussage vor der UN=Kommission Als Vierzigjähriger hatte ich die Ehre, mit britischen Staatsmännern, wie Lord Balfour, Lloyd George, General Smuts, Lord Millner und Winston Churchill, Besprechungen über die Balfour- Deklaration und ihre spätere Eingliederung in das Mandat, zu führen. Seit damals stand ich im Mittelpunkt vieler Geschehnisse des jüdischen Lebens. Mein Standpunkt, den ich Ihnen im Folgenden entwickeln will, ist das Resultat langjähriger Erfahrungen über dieses verwackelte Problem. Die Initiative an der Herausgabe der Balfour- Deklaration gebührt England. Die Unterstützung dazu haben die Alliierten des ersten Weltkrieges und USA gegeben. Die Autoren der Balfour-Deklaration hatten 2 Ziele vor Augen : 1) Durch Schaffung eines NationallWims die Heimatlosigkeit des jüdischen Volkes zu beenden, 2) die erhabenen Traditionen und die Kultur des jüdischen Volkes zu verewigen. Alle kleinen Völker Europas und auch die Araber traten nach Beendigung des ersten Weltkrieges in ein neues Stadium ihres Daseins. Das Palästina- Mandat wurde den Juden nicht als ein Privileg gegeben, sonder damit sollte das jüdische Volk miit allen anderen kleinen Völkern auf eine Stufe gestellt werden. Wenn nun die Balfour-Deklaration schon im Jahre 1917 ihre wohl begründete Berechtigung hatte, so haben die Ereignisse der letzten 30 Jahre diese Berechtigung nur noch erhöht. Sie haben die Lösung, die in der Balfour-Deklaration vorgesehen ist, noch dringlicher gemacht. fl ff Tausende, die sich vor dem Massenmord retten konnten und heute von Cypern bis zum Rhein wieder hinter Stacheldraht schmachten, sind tragische Zeugen, für die Dringlichkeit einer Lösung unseres Problems. Das, was Sie in unserem Lande gesehen haben, hat Ihnen bewiesen, daß das jüdische Volk fähig ist, nicht nur sich selbst, sondern auch ein Land umzubauen und gleichzeitig neue Werte für die ganze Welt zu schaffen. Ein jüdischer Staat in Erez Israel kann so ein gesunder ökonomischer Organismus werden, der imstande sein wird, in ganz kurzer Zeit mindestens 1,500.000 Juden aufzunehmen. 24 Dunam Boden können eine Familie von 4 Menschen erhallen, wobei sie noch Exislenzmöglichkeilentürandere gibt; während eine Million Dunam 160.000 Menschen durch landwirtschaftliche Ai - beit ernähren, und weitere 750.000 in anderen Zweigen der Wirtschaft ihren Bedarf decken können. Meine Berechnungen schließen den Negev ein, wo mehr als 3 Millionen Dunam kultivierbarer Boden kolonisiert werden kann. Die Juden haben in Erez Israel nicht deshalb soviel geleistet, weil sie höher stehen als andere, sondern weil sie die Not treibt mehr Kräfte einzusetzen und größere Anstrengungen zu machen. Der jüdische Optimismus hinsichtlich des Aufbaues des Landes ist das Resultat eines gesunden Lebenswillens. Dr. Eliasch’ Rechtsberater des Vaad Leumi (Palästinensischer Nationalrat) schilderte der UN Kommission die rechtliche Lage des Yishuv. Unter anderem brachte er ein charakteristisches Beispiel der in Palästina bestehenden Gesetze: ein Mann, der seine Gattin, die ohne Einreisevisum. ins Land kam und jahrelang im KZ. geschmachtet hat, aufnimmr, macht sich einer Gefäng lisstrafe von 8 Jahren und einer Geldstrafe von 2000 Pfund Sterling schuldig. Der Schuldspruch lautete auf Schutzgewährung für illegale Emigranten. Hingegen wird ein Einwohner Palästinas bei Asylgewährung für einen entflohenen Mörder nur mit 3 Jahren Kerker bestraft, er bleib - aber straffrei, wenn es sich bei dem Mörder um meinen Verwandten handelt.

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