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Neue Zeitung · 1907-09-06 · Heft 13 (6.9.1907) · page 1

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Journal
Neue Zeitung
Volume
1907
Issue
Heft 13 (6.9.1907)
Date
1907-09-06
Page
– (sequence 1)
Language
German
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NEUE ZEITUNG -' gtboMinn unb- Admillistkatiau: . . i Wien, 11/3, Haaigasse 8. Sprechstunden täglich außer --LVHS""' Uuabhiingige jüdische Wochenschrift. Erscheint jeden Lreitag Herausgeber und Chefredakteur: Dr. Natlian Birnbaum. Vierteljahr. -K. 2. Im Ausland: Ganzjähr. LU.— halbj. K' 5 30 Das Abonnement kannmitjeder Nr. \5. Wien/ Lreitag/ den 6. September 007. 2. Jahrgang. ‘ &erauä aus dem Sumpf! - Der jüdische . ^zllljittt Handel in Galizien. — Ein seltsamer. Auf» ruf. - Wochenschau.- Christlichsoziale Minister. Der ruthenische Stiidentenprozeß. Und dennoch! Die „Deutsche Zeitung * Sie haben Augen Russische Notuen. Pogrom in Odessa. Aus Marokko. Eine eigentümliche Laufbahn. Wahlen in die Erwerbsteuerkommission. Pros Masarik. — Von da und dort: Heraus aus dem Sumpf 1 Antisemitische Frechheit. Wahlen in die Erwerbsteuerkommission. Aus Brody. Genug beä; Ekels Aufruf , Bitte an Menschenfreunde. Aus der jüd Oeffentlichkeit. Poale Zion, Wien. Zaleszczvki. Kimpolung. Hachnossa-ss Kollo. — Tribüne: Die jüdisch-nationale Frau, wie sie nicht ftin.soll Die jüdische Sprache im praktischen Leben. „Akademische Verbindung". - Wiener jüdisches Bioskop. — Kunst und Literatur: Die hebräische Sprache. Perez-Abend in Lemberg. Für Morris Rosenfcld Druckfehler-Berichtiguugen. - Nach tausend Jahren. - Handel und Verkehr. — Inseraten — Unter,dem Strich: Vöslau. Hcraus aus dem Sumpf! Man weiß, welche Schauer von Andacht . die hohen Feiertage Rosch haschono und Jom kippur in den Massen unseres Volkes wecken, ivie sie schon viele Wochen vorher.die Stimmung der Gläubigen beeinflussen, sozusagen Schickten . ihreS' tiefen Ernstes . oorüuSwerfen: Man sollte daher meinen, daß 'diejenigen, die sich, kraft eines erstrebten und erivorbenen Amtes mit den religiösen Bedürfnissen der Gemeinde zu beschäftigen' haben, in dieser Zeik einen ganz besondern Eifer aufbieten, um diesen Bedürfnissen nicht nur glattsondern geradezu freudig ent- . gegenzukommen. Leider ist dies aber nichts weniger als überall der Fall. Ist ja aus dem „Kultus" ein bnreaukratischer Apparat geworden, der trockenen/ aller tieferen Seelenkultur baren, -wenn auch . manchmal ' zivilisationsgeschminkten Protzen dazu dient,- die. „ordinäre" Menge zü-tyrannisieren. Und. wo' sollte dies mehr zutreffen, als in Wien, w'o die „Idee" des Kultusjudentums geboren Vöslau. - . Vöslau wird von Leuten besucht, deren Krankheit darin besteht, keine zu haben. Kurz gesagt, , ein Luftkurort. Vor einigen Jahren war er noch eine bescheidene, anmutige Sommerfrische mit harmlosen--ftöhlichen Bewohnern, die überall zu finden waren, wo es dezente Preise und billige Grundsätze gab. Aberdie Jahre vergangen. Der Kai wurde immer wohlhabender. 'Man drohte bei verschiedenen Gelegenheiten/, mit Marienbad und Karlsbad —von Franzensbad nicht zu sprechen. Da wurde Vöslau eines/Tages, oder vielmehr über Nacht-zum'Kurort. Äun - ist-er wie jeder Parvenü'— er weiß sich nichtzu benehmen. Er verlor seine süße, gepflegte Anmut und-wurde wie seine Besucher — anmaßend.. Ich muß - bemerken, daß Vöslau fast ausschließlich von Juden (oder. Israeliten?) besucht ' wird. Der Troß derer,, die in den Konzertsälsn, bei Wohltätigkeitsfesten, - überhaupt bei jeder. ' öffentlichen Gelegenheit, wo gekatzbuckelt wird,- zu -sehen -sind, jene Sorte, von Juden,, die : sich gleich -einem Geschwürim. gesunden Fleische des Judentumseinnisten, verlegenihre Sommeruntätigkeit nach - Baden oder - seinem - Vororte - NfcUnb hierher bringen sie 'auch alle ihre Unarten?-die ihnen-anhasten. Sie . setzen ihren Stolz wurde und seit jeher eine aus den „glänzendsten" Namen zusammengesetzte Vertretung besitzt? Wir erfahren von einem Falle, der ja im Grunde nur einer von vielen ist, aber doch infolge seiner ausgesuchten Rücksichtslosigkeit verdient, herausgegriffen und besprochen zu werden. Im Wiener 20. Gemeindebezirke gibt es einen aus galizischen Juden bestehenden Verein („Schomrej hadass), der Krankenhilfe, Unterstützung und Veranstaltung von Andachten, zu seinen statutarischen Zwecken gemacht hat. Er besitzt ein eigenes Lokal, das ausschließlich für die Andachten eingerichtet ist und dessen „Genehmigung" als Bethaus der hohe Kultusvorstand mehrfach in Aussicht stellte. Das geschah allerdings vor den Kultuswahlen des letzten Winters. Nach diesen, im Jänner 1907, verbot er die Abhaltung der Göüesdien/te<im Lokale und verständigte gleichzeitig den antisemitischen Magistrat und die Polizei, damit, diese die Andachten verhindern (!) Der! hohe Vorstand gingi aber in seiner Liebenswürdigkeit noch weüer, indem er ein Gesuch—ticr :-:S9eraiii4(I»itu«$, - k>r»h. roSfyeoi.—Sxrc" hohen - Feiertage- G-ottesdieM - im VereinLlokale abhalten zu dürfen, .ablehnte. --Dies wagte der-! selbe Vorstand,-der alljährlich und so auch dieses Jahr . Privatleuten die . Errichtung von G esch äftsbethäusern inGasthäuserryünd Tanzlokalen ohne jegliches Bedenken gestattet. . Man kann es unter diesen-Umständen der Vereinsleitung nicht verdenken, daß sie in ihrer Not an dieselbe höhere/Jnstanz, zu der der Kultusvorstand ohne alle Nötigung so rasch den Weg findet, appelliert. Und vielleicht erleben wir noch das'''schandbare Schauspiel, daß die jüdische Behörde von der antisemitischen zur Duldsamkeit gezwungen wird. . . - Damit wäre allerdings die-Sache weder an . und das Ernsthafteste lächerlich zu machen- Man kann -sie in zwei Sorten einteilen: In die Sorte der gewöhnlichen Protzen und in die der höheren Protzen. Es ist selbstverständlich, daß sich in dem Surrogat eines Kurortes wie Vöslau fast ausschließlich die erste Sorte findet. Diesen Leuten fehlen bereits einfache Begriffe und Bezeichnungen. Alles geht in eine ekelhafte Karrikatuc des Weltmenschen über. Junge Leute von vierzehn Jahren abwärts finden einen Sonnenaufgang (den sie übrigens ständig verschlafen) nicht mehr, schön,/ sondern stilvoll.' ' E// Der erste geistige Aufschwung Nöslaus fand vor zirka zwei Jahren statt, wo plötzlich echte Panama-Imitationen auftauchten, lyrische Gedichte lächerlich wurden und Meininger in Mode kam. Seit damals geht, „die Creme der Gesellschaft", wie bescheidene Reporter sich bei Gelegenheit ausdrücken, mit einem komischen Stolz.und einer köstlichen Würde einher, als - wäre ihre Wiege an den Wällen Granadas gestanden. In der That, sie stehen dem seligen Don Quixote nur an Phantasie und Geist, nicht aber an lächerlichem Größenwahn nach. Uno manche Rosinante hält sich für ein Vollblut. Ich vergesse, aber die Bildungshyänen, bei denen es ehernes Gesetz ist, daß das Neueste, je unsinniger, desto besser ist, die immer Duldsamkeit ist keine. Die Wunde wird immer wieder aufbrechen. Immer wieder wird sich der abgestandene, impotente und nur noch Bosheiten fähige „Liberalismus" der reichen Seichtlinge vom Kai und der Ringstraße gegen Alle austoben, die noch Urwüchsigkeit, Volkstum und Kraft im Wiener Judentum repräsentieren. Immer wieder werden daher diese Herren in erster Linie, versuchen, das ostjüdische Element niederzuhalten, an. der selbständigen Fortentwicklung zu hindern, es mit ihrer Bemutterung zu behelligen und ihm ihr farbloses Wasserzeichen aufzudrücken. Dagegen hilft nur Kampf, unerbittlicher Kampf. Wir haben ihn im vorigen Winter ausgenommen, wollen ihn heuer fortsetzen und hoffen auf die Hilfe Aller, die unter dem gegenwärtigen System in. ihrem Gewissen und in ihrer Eigenart leiden. Es ist ein schwerer Kämpft aber wir müssen ihn durchfechten — und mag er noch so lange dauern. Wir müssen heraus aus dem Sumpfidyll! Wir dürfen nicht ruhen, bis wir das allgemeine Wahlrecht für -die Kultusaemeinde und-die-Kuttus-Auta»anue^.kur-alle— religiösen Mchtungen, unt> ■ damit unser Ziel,, einen gesunden Entwicklungsboden für lebendiges Judeickum erreicht haben. 8. Der jüd. Handel in Galizien. Von Sakmen Herz. Es ist ein arger Fehler der jüdischen Politiker, der Führer der nationalen Bewegung in - Galizien, daß sie sich mit Seufzen und Klagen über die schlimme Lage der jüdischen Bevölkerung begnügen, sich aber nicht die Mühe nehmen, zu untersuchen, wie die Juden in Galizien leben. Warum die jüdischen Existenzen immer mehr untergraben werden? Warum sich die:Auswanderung von Jahr zu Jahr vergrößert? Alle die modern, Schopenhauer phänomenal. Warum? Die andern sagen's. Das' Wort „individuell" ist.bei diesen Menschen,, die den kläglichsten Durchschnitt bilden, gang und gäbe. Diese Snobs, die frisch und unverzagt am Freitische des Geistes schmarotzen, haben stets ihre „eigene Note" und sollte sie auch nur in einer Krawatte bestehen. Ihre Kultur bricht wie ein schweres Hagelwetter herein und richtet die schwersten geistigen Verwüstungen an. Sie haben nichts verschont. Aus einem Gespräch wird eine- Konversation^ aus einem Spazierweg eine Promenade, die bequemen Schlaftöcke haben aufgehörft wurden geächtet und Gänseblümchen gibts eben nur noch auf der Promenade. Die Unnatur dieser Menschen ist fast geeignet, die Natur Vöslaus zu besiegen. Ursprünglich war Vöslau einer der reizendsten Sommerfrischen in der Umgebung Wiens. Eine harmlose Kapelle, der man übrigens im Notfälle ausweichen konnte, sorgte für freundliche Unterhaltung. Nun haben wir hier ein Sommertheater von erschreckender Naivität. Wir haben in jedem dritten Gasthause sogenannte Konzerte, die den friedlichsten Schläfer, sei sein Ruhekissen noch so sanft, aus-dem Schlafe schrecken. Der Fluch der Wohlthätigkeit ist uns aus der Großstadt und dem verderbteren Baden bis hieher nachgefolgt

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