Neue Zeitung
- Journal
- Neue Zeitung
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 6 (17.7.1907)
- Date
- 1907-07-17
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 6 Neue Zeitung Gingesendet. Zur Affaire des Dr. Ernst Fuchs *). Mit Rücksicht auf die verschiedene Beurteilung, die die Interpellation der Abgeordneten Dr. Gabel und Genoffen an den Minister für Kultus und Unterricht, betreffend das Vorgehen des Profeffors, Dr. Ernst Fuchs gegenüber einem Patienten gefunden hat, wird es von Jntereffe sein, den Einwand, daß dieser parlamentarische Akt einen Eingriff in die Privatrechtssphäre des einzelnen Staatsbürgers bedeute, auf seine Rechtsgrundlage zu prüfen. Abgesehen davon, daß gerade die moderne Fürsorgegesetzgebüng nichts anderes ist, als eine unüberschreitbare Schranke, die dem exzedierenden Individualismus, insbesondere soweit er sich im sogenannten Privatleben betätigt, gesetzt wird und daher auch diese Seite menschlicher Betätigung keineswegs für die legislative Kritik ein *Noli me tangere“ beanspruchen kann, bestimmt §. 4 der Instruktion vom 3. Nevember 1808, Z. 16.135, daß jeder Arzt, 'wenn er von einem Kranken zu irgend einer ärztichen Verrichtung aufgefordert wird, verpflichtet ist, sich derselben unweigerlich mit allem Fleiße und aller Redlichkeit zu unterziehen, bei Behandlung Hoher und Niederer, Armer und Reicher die gleiche Sorgfalt anzuwenden und insbesondere in was immer für Unglückfällen seine Hilfeleistung unter keinerlei Vorwand zu versagen." Aus dieser Gesetzesstelle geht die idealistische Auffassung unserer Gesetzgebung in der vorliegenden Frage klar hervor: Die Stellung des Arztes ist in öffentlich-rechtlicher Beziehung in Analogie mit der eines Staatsorganes zu bringen; in privatrechtlicher Beziehung ist dem Arzte gegenüber dem Patienten der Kontrahierungszwang auferlegt: Er darf Niemanden von seiner Privatordination auszuschließen. In Konsequenz der dargestellten Auffassung geht das allgemeine bürgerliche Gesetzbuch so weit, daß es dem Arzte mit vertragsvernichtender Kraft untersagt, sich vom Kranken im voraus eine Entlohnung zusichern zu lassen (§. 878 b. G. B.). Wenn in unserem lieben Oesterreich nicht nur die schlechten, sondern auch die guten Gesetze aus dem Anfänge des vorigen Jahrhunderts in Anwendung gelangen würden, dann würde sich Herr Dr. Ernst Fuchs nicht einmal auf die Ignoranz des „Deutschen Volksblatt" berufen können. Daß sich dieser Mensch auch als Staatsbeamter in seiner Eigenschaft als Universitätsprofessor gröblich vergangen und den Staatsschatz durch sein Versprechen, den reichen polnischen Juden unentgeltlich auf der Klinik zu behandeln, hintergehen wollte, hat auch schon die oben erwähnte Interpellation festgestellt. Was aber die. ethische Seite der Affaire betrifft, ist wohl niemand im Zweifel, was er von Dr. Fuchs zu halten hat. Dr. I). K. Wcheöow. von M. W a l d m a n n (Wien). Motto: „Es kimmen schojn wider di trourige Wochen, Di Wochen, wuß gejen in trejren awek . . Morris Rosenfeld. Es war um jene wunderbare Zeit, wo ich mit meinen Chedergenossen spielte, die Taschen voller Steine hatte und mein flüssiges Kapital aus Hosenknöpfen bestand. Wie lustig waren wir damals, wenn das Cheder „aus" war, der Rebbe seinen Samthut aufsetzte, die Bekesche anzog und die Schnupftabakdose mitsamt dem großen, roten Tuche in die unergründlichen Taschen seiner Hosen steckte. Wie ein Sturmwind brausten wir .über die Schwelle des Cheders, johlend,, schreiend, voller Pläne im Kopfe. Einmal stand ein Bad im Bache in Aussicht; ein andersmal war es die Besichtigung eines Panoramas — von außen natürlich — das sich in unser kleines Städtchen verirrt hatte, ein drittesmal hatten wir erfahren, daß Chaim, des „Schenkers" Kuh ein Kalb geworfen hatte. So brachte uns jeder Tag seine Kurzweil. An besonders festlichen Tagen aber, da gab es was zu sehen und zu erleben. Lagbomer! Dieses eine Wort, wie viel Zauber schließt es in sich! Auf den Berg hinaufgehen, mit Papierfahnen, Holzsäbeln, Butterbroten und *) In unserem Berichte über die Affaire Fuchs fehlte der Hinweis auf einen wichtigen Umstand: Daß sich nemlich der Professor einer offenen Korrespondenzkarte bediente. Kirschen — wie wichtig und heldenhaft kamen' wir uns da vor! Der Behelfer als Anführer, der Rebbe, gleichsam Generalstabschef, hinter drein, pustend und Tabak schnupfend, den Samthut tief in die Sttrne gedrückt, den Rücken gebogen, die Pantoffeln frisch geschmiert, so schritt er hinter seinen Zöglingen hinaus in die freie Lust, die er so selten aufsuchte, so selten, daß er allein nicht wußte, wie wundersam berauschend es ihm zu Mute wurde. Ich weiß nur, daß er am Lagbomer am Berge aufgeräumt war, uns in die Wangen kniff, indem er uns fragte: „Nun warum spielt Ihr nicht? Gefällt Euch der Lagbomer?" Lagbomer war ein lustiger Tag; dann aber schien es, als ob langsam etwas Düsteres und Kaltes heranschleiche, als ob sich etwas Geheimnisvolles in der Lust rege, denn einige Wochen später begannen wir die Geschichte von Kamze bar Kamze zu---lesen, Nebukadnezars und Titus „harosches^ Namen wurden schon öfters erwähnt und alle Weiber gebrauchten bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit als festen Pol in der Tage Flucht „die nan Teg". Da hieß es, wenn es sich darum handelte, wann das neue Kleid fertig sein würde, „mich di nan Teg"; wann Chaucie der Beckerins kommen würde „far di nan Teg." Tag um Tag verrann und der „Kazow" wollte keine Kälber kaufen, denn es kommen „die nan Teg" und da ißt man doch kein Fleisch. Wenn ich meiner Mutter erzählte, am Martte seien schon junge Gurken zu bekommen, so vertröstete sie mich auf „die nan Teg", da würde ich welche bekommen. Die Chedergenossen aber waren eifrig auf der Suche nach „Berlech"*), denn am Tischebow, würde man doch welche brauchen, erstens um sie dem Schames in den Bart zu werfen, zwettens, um sich gegenseitig mit ihnen zu behängen, aus „Berlech" ein Kreuz zu machen und es auf den Rücken zu heften. Schließlich waren die erwarteten „nan Teg" gekommen. Eine ernste stille Trauer lagerte sich über den Gemütern; der ganze kleinstädtische Lärm schien gedämpft zu sein. Die Leute selbst schienen milder gestimmt. Der Rebe aber trug in seinem alten Singsang das „Eichu" vor und wir mußten mit weinerlicher, trauriger Stimme wiederholen. Die Großmutter suchte die „verlatschten“ Kinnoth und schon begannen die Abmachungen, wer und bei wem man die Kinnoth lesen sollte. Nun kam der gefürchtete Tag selbst. Am Vorabend sah man die ätteren Juden im verschlissenen Kaftan, den schlechtesten Hut am Kopfe mtt der „Kinne" unter dem Arme in das Beshamedrisch oder in, die Klaus laufen. Mein Großvater nahm mich in seine Klaus mü, wo er Gabbe war. Wir kamen als die Ersten. Langsam kamen die anderen nach, alle wie leidenoerklärt, gepeinigt und tieftraurig. Man breitete Säcke auf dem Lehmboden aus, legte die Schuhe ab und auf der Erde sitzend, die Kinne auf kleinen Schemeln, begann man jenen alle Klagegesang zu rezitteren, der „dringt durch alle die Ohren und durch die Ohren ins Herz. Es ist urplötzlich beschworen der tausendjährige Schmerz." Jung und Alt, alles klagt und ein Weh schluchzt aus diesen Klagen, ein so hoffnungsloses, wetterschütterndes, daß man qualzerrissen, die Hände zum Himmel streckt, die Augen zu Gott erhebt und erschüttert im alten Singsang rezitiert: Ejchu joschwu budod .... Bei den Weibern geht es viel lauter her; weniger Gebete und Klagen, aber viel mehr Tränen. Meine Großmutter hat die Brille aufgesetzt und bei flackerndem Kerzenscheine liest sie aus ihrer „Zenuwerenu" manch altes Gleichnis und Traktätchen, schluchzt dabei und die anderen Frauen weinen und jammern mit ... . Früh legte ich mich schlafen. Die alten Leute wachten die ganze Nacht. Am nächsten Tage hieß es fasten. Ich versuchte tapfer zu bleiben und wollte fasten wie die Großen. Bis 12 Uhr hielt ich es aus; dann aber wurde es mir so sonderbar zu Mute, mir flimmerte es vor den Augen und als mich die Mutter fragte, ob ich essen wolle, sagte ich zwar nein, aß aber doch das Butterbrod, daß sie vor mich gestellt hatte. Schön Mirele. Von M. Wirch, aus dem Jüdischen übersetzt von M. Schon Die Krämerin Dwojre ihr Töchterlein kost. Schön Mirele, Mirele, Ihr einziges Glück und ihr einziger Trost Ist Mirele, Mirele. Am Tag scheint die Sonne, der Mond in der Nacht Und Mirele stehet am Fenster und lacht . . . Lach', Mirele, Mirele! Das Mirele ist lieblich, so süß und so rein. Hat Zähne wie Perlen und Händchen so fein. Es werden vor Sehnsucht die Knaben gar bleich, — Doch Mireles Herzchen wird dessen nicht weich . . . Ei, Mirele, Mirele! Vor Mireles Fenster wandeln herum Der Jünglinge Beste und leiden so stumm. In Tag und in Nacht blickt das schöne Kind, Am Fenster steht es uud träumt und sinnt . . . Träum', Mirele, Mirele! Es steigen nur Seufzer zum Himmel hinauf Sie hören zu essen und schlafen gar auf. Es brechen die Herzen vor Wehe und Schmerz, Doch nichts kann rühren das steinerne Herz Von Mirele, Mirele. Gleich Wasser eilen die Jahre davon. Wie bald ist nur Mireles Schönheit entfloh'n — Ihr Rücken schon krumm, ihr Antlitz schon starr Und rötlich ihr Auge und grau schon ihr Haar. . . Grau! Mirele, Mirele! Es funkeln die Sterne es säuselt der Wind, Am Fenster steht Mirele, trauert und sinnt. Die Wolken sie ziehen den Himmel entlang. Es pertt eine Träne auf Mireles Wang' . . . Wein, Mirele, Mirele! Schriften von Matöias Acher (Dr. Nathan Birnbaum). Aeltere Sümfreu. Die jüdische Moderne, 1896. Erhättlich in der Redaktion der „Jüdischen Rundschau", Berlin, NW. Melanchthonstrage Nr. 4. Preis 50 Pfennig. Zwei Vorträge 1898. Erhättlich in der Redaktion der „Neuen Zeitung". Preis 40 Heller. Neuere L-chrifteü. Henrik Ibsens „Drittes Reich", 1900. Erhältlich in der Redattion der „Neuen Zeitung". Preis 50 Heller. Achad Haam. Eilt Denker und Kämpfer der jüdischen Renaissance, 1903. Erhältlich im „Jüdischen Verlag", Köln, Ubierring 23, Preis 1 Mark. Das Stlejkind der Sozialdemokratte, 1905. Erhälttich bei E. W. Stern, Wien. Preis 50 Heller. Ostjüdische Aufgaben, 1905. Erhältlich in der Redattion der ..Neuen Zeitung" Preis 10 Heller. I. L. Perez. „Erzählungen", in deutscher Uebersetzung. ErhälÜich im „Jüdischen Verlag" Köln, Ubierring, 23. Preis: Broschiett Mk. 3.—, Gebunden M. 4.—, Illustriert Mk. 7. —. PATENTE “ Ingenieur und Patentanwalt J. 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