Neue Zeitung
- Journal
- Neue Zeitung
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 15 (14.12.1906)
- Date
- 1906-12-14
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 15 Neue Zeitung Künstler, Kunstgenießer und Kunstliebhaber gezeichnet. Er weist auf „die große Zahl hervorragender Meister auf allen Gebieten der Kunst, wie Israels und Liebermann, Mendelssohn und Bizet, Heine und Auerbach, die das Judentum gerade im letzten Jahrhundert wieder der Menschheit geschenkt hat", hin und konstatiert, „daß das künstlerische Genie des jüdischen Stammes... in der Stickluft der Ghetto nicht verdorrt ist." Etwas sonderbar heißt es dann: „Auch unter den Ostjuden hat sich eine ganz eigenartige Kunst entwickelt, die aus dem noch ungebrochenen jüdischen Volksleben heraus, wertvolle Werke zeitigt." Interessant ist das Programm des neuen Vereines für das Jahr 1906—07, das 4 Vortragsabende, 1 Theateraufführung, 1 Kunstausstellung und ein jüdisch-künstlerisches Fest verspricht. Die Theateraufführung betrifft „moderne ostjüdische Dramen." Zidovska Smotra. ist der Name einer neuen jüdischen Monatsschrift, ivelche in Agram.in kroatischer und deutscher Sprache erscheint. Die uns vorliegende erste Nummer ist äußerst reichhaltig und interegant. Sie dient vorwiegend der Information über kulturelle Fragen des jüdischen Volkes. Schon der erste Artikel von Alexander Licht behandelt die „Moderne jüdische Kultur". Dr. Ehrenpreis referiert über „Zehn Jahre Zionismus". Dr. H. E. Kaufmann schreibt über „Chassidismus und Mystizismus". Jochanan Th au über „Spaniolische Juden". Die Ausstattung der neuen Zeitschrift ist eine gediegene. Kabbalisten. In schlechten Zeiten verliert auch die Lehre GotteS — bekanntlich die beste Ware — ihren : Wert. Von der Laschtschiwer JeschiweZ sind nur mehr der Leiter, Reb Jekel, und ein einziger Schüler da. Der Leiter der Jeschiwe ist ein alter, dürrer Mann, mit langem, zerzaustem Bart und alten, erloschenen Augen. Lernech, sein geliebter Schüler, ist jung, ebenfalls dürr, ebenfalls hoch, blaß, mit schwarzen, gekräuselten Schläfenlocken, brennenden, schwarzen, unterschlagenen Augen, heißen Lippen Und zitterndem, ..spitzem. Kehlkopf.. Beide. haben die Brust entblößt, sind ohne Hemden, in Lumpen. Der Leiter des Jeschiwe schleppt mit Mühe seine Bauernstiefel nach,. dem Schüler fallen die Holzschuhe von den sockenlosen Füßen. Das war von der berühmten Jeschiwe übrig geblieben! Das verarmte Städtchen hatte imrner weniger und weniger Essen geschickt, immer weniger „Tag"-) vergeben. So mußten sich die armen Jünger zerstteuen. Reb Jekel aber will hier sterben und sein Schüler ihm die Scherben auf die Augen legen?) Und auch sie beide leiden manchmal Hunger. Weil sie aber wenig essen, schlafen sie auch wenig. Und weil sie ganze Nächte nicht schlafen und nichts essen, kriegen sie Lust zur Kabbala. Wenn schon, deyn schon. Wenn schon ganze Nächte gewacht und ganze Tage gehungert werden muß, so soll wenigstens etwas dabei herauskommen, so sollen es wenigstens Fasten mit askettschen Uebungen sein, so sollen sich wenigstens alle Tore der Welt der Geheimnisse, Geister und Engel auftun! Und sie treiben schon einige Zeit Kabbala. Jetzt sitzen sie am langen Tisch, sind ganz allein. Für jeden ist's nach dem Mittag und.vor dem Frühstück. Sie sind daran gewöhnt. Der Alte spricht mit verglasten Augen. Der Junge hört, den Kopf auf beide Hände gestützt, zu. „Davon gibt es" — sagte der Alte — „viele Kathegorien: Der eine versteht ein Stückchen Melodie, der zweite eine halbe, ein dritter eine ganze Melodie. — Der Rebbe/) sein Andenken zum Segen, hat eine ganze Melodie verstanden, sogar mit einem Nachspiel! — Ich, „fügteer traurig hinzu, „bin kaum eines Endchens wert -erachtet worden, nicht soviel . . Er maß das Endchen an einem seiner dürren Finger ab, und dehnte weiter: . „Es giebt eine Melodie mit Worten — eine -gar niedrige Kathegorie ... ES gibt eine höhere ‘) Jeschi wo (jeschiwa). Hähers Talmudschule. s) Die armen Talmüdjünger leben von „Täg"-Essen, b. h. davon, daß sie an den verschiedenen Tagen der Woche nach einem bestimmten TurnnS bei verschiedenen Bürgern der Stadt zu effen bekommen. 3) Religiöser Brauch am Sterbebette. *) Wunderrabbi. Kathegorie: Eine Melodie die sich selber singt, ganz ohne Worte, — eine reine Melodie. Doch auch diese Melodie braucht noch eine Sümme, und Lippen, durch welche die Sttmme hinausklingt! Und Lippen — verstehst du ja — sind doch Körperliches! Und.die Stimme, wiewohl ein edleres^ Körperliches, Körperliches ist sie!" „Nehmen wir an, /daß die Stimme auf der Grenze zwischen Geistigem und Körperlichem steht." „Jedenfalls ist die Melodie, die sich in die Stimme kleidet, und von den Lippen abhängt, noch nicht rein, noch nicht ganz rein . . . noch kein wahrhaft Geistiges! ..." „Die wahre Melodie aber wird ganz ohne (Stimme gesungen . . singt sich inwendig, . irn Herzen, irn Eingeweide!" „Und das ist das Geheimnis von den Worten Königs Davids: „Alle meine Knochen sollen es sagen." Im Mark der Knochen muß es singen, dort muß die Melodie wohnen, — das höchste Lob Gottes, gepriesen sei er! Das ist nicht die Melodie von Fleisch ' und Blut, keine ersonnene Melodie! Das ist schon ein Teil der Melodie, mit welcher Gott die Welt erschuf, der Seele, die er in sie goß. . ." „Und so singen die Himmlischen! So sang der „Rebbe", sein Andenken sei zum Segen!" Der Bortrag wurde durch einen verwahrlosten Jungen, der einen Strick um die Lenden trug, unterbrochen. Es war ein Träger. Er kam herein, stellte eine Schüssel Grütze mit einem Stück Brot auf den Tisch neben den Alten und sagte mit ordinärer Stimme: „Reb Tewel schickt dem Leiter des Jeschiwe Essen." Sprach's, machte Kehrt und fügte noch im Hinausgehen hinzu: „Ich komme später, die Schüssel abholen!" . Durch die ordinäre Trägerstimme aus der lichen Harmonie gerissen, erhob sich der Alte schwer und ging, die großen Stiefel nachschleppend, zum Becken, um sich die Hände zu waschen?) Im Gehen sprach er weiter, aber mit weniger Begeisterung, und der Schüler folgte ihm von seinem Platze aus mit gespitzten Ohren und brennenden, verträumten Augen. „Doch", — fuhr: Reb Jekel in ttaurigem Tone fort —, „ich bin nicht einmal gewürdigt, zu begreifen, was dasftir Kathegorie ist! In welches Tor das gehört! Allerdings" — setzt er lächelnd hinzu — „die Uebungen und Gebetsformeln, die man dazu braucht, die kenne ich. Ich werde sie dir vielleicht noch heute anvertrauen!" Dem Schüler springen schier die Augen aus dem Kopfe. Er hält den Mund offen, um jedes Wort einzufangen. Doch der Lehrer unterbricht sich, wäscht sich die Hände, trocknet sie, sagt „Le'u jedechem“, kehrt an den Tisch zurück und spricht mit zitternden Lippen den Segensspruch über das Brot. Mit seinen zitternden, dürren Händen hebt er die Schüssel auf. Der Dunst hüllt sein knochiges Gesicht in Wärme. Dann stellt er sie zurück, faßt den Löffel mit der rechten Hand und wärmt die linke am Schüsselrand. Dabei zerdrückt er den Rest der gesalzenen ,,Moize"°) an den zahnlosen Kiefern. Nachdem Gesicht und Hände erwärmt sind, legt er die Stirne in starke Falten, zieht die blauen, trockenen Lippen zusammen und beginnt zu blasen. Währenddem hat der Schüler kein Auge von ihm gelassen. Und als der zitternde Mund des Rebben dem ersten Löffel Grütze entgegeneilte, packte ihn etwas beim Herzen. Es bedeckte das Gesicht mit beiden Händen und zog seinen Körper zusammen. Einige Minuten später kam ein zweiter Junge, wieder mit einer Schüssel Grütze und einem Stück Brot: „Reb Jossel schickt dem Schüler Frühstück!" Doch der Schüler entfernt die Hände nicht vom Gesicht. Der Alte legte den Löget weg und näherte sich dem jungen Mann. . Eine Weile blickt er mit stolzer Liebe auf ihn. Dann hüllt er die Hände in den Rockschoß und berührt ihn an den Achseln. „Man hat dir Essen gebracht", — wectte er ihn mit freundlicher Stimme. Traurig und langsam ließ der Schüler die Hände vom Gesichte gleiten. Und das Antlitz war noch blasser geworden, die Augen flammten noch wilder. 5) Rituelle Handlung vor dem Effen. ') Sowohl der Segensspruch als auch das Stück Brot, über welchem er gesagt wird, heißt Moize. „Ich weiß, Rebbe!" — erwidert er. „Aber ich will heute nicht effen!" „Der vierte Fasttag?" — fragte der Alte verwundert, — „und ohne mich?" fügte er wie vorwurfsvoll hinzu. „Es ist ein anderes Fasten" — antwortet der Schüler — „ein Bußefasten." „Was sprichst du da? Du — und ein Bußefasten?" „Ja, Rebbe! Ein Bußefasten . . . Einen Augenblick ftüher, als ihr zu essen anfinget, hatte ich einen Gedanken ... das Gebot „du sollst nicht Gelüst ttagen" zu verletzen." In der Nacht darauf, zu später Stunde, weckte der Schüler den Rebben. Sie schliefen beide einander gegenüber in der Klaus.Z „Rebbe . . . Rebbe!" rief er mit schwacher Sttmme. „Was gibt»?" rief der Alte, indem er erschrocken in die Höhe fuhr. „Ich war jetzt auf der höchsten Stufe . . ." „Wieso?" fragte der Alte, noch ein wenig verschlafen. „Es sang i n m i r." Der Alte hat sich aufgerichtet. „Wieso? Wieso?" „Ich weiß es selbst nicht, Rebbe" — erwidert der Schüler mit noch schwächerer Sttmme — „ich konnte nicht schlafen, so vertiefte ich mich in Eure Worte ... Ich wollte durchaus die Melodie verstehen . . . Und vor großem Leid darüber, daß ich sie nicht verstand, begann ich zu weinen . . . Alles weinte in mir. Alle meine Glieder weinten vor dem Herrn der Welt. Dabei sagte ich die Gebetsformeln, die Ihr mir anverttautet . . . Und wunderbar: Nicht mit dem Munde, sondern innen . . . Bon sich selbst! Plötzlich ward es hell. — Ich hielt die Augen zu und eS war hell, sehr hell, überaus hell!" „Und?" Der Alte beugt sich näher. „Da wurde mir von dem Licht so gut, so leicht ... Es schien mir, als ob ich nichts wiege, als ob mein Körper das Gewicht verloren habe, als ob ich fliegen könne ..." „Und dann?" „Dann wurde ich. lustig, munter, lachte. . . Mein Gesicht bewegte sich nicht, auch die Lippen nicht, und doch lachte ich ..... und so gut, so herzlich, so glücklich lachte ich!" „Das kam aus der himmlischen Freude! Aber weiter!" „Dann brummte etwas in mir, wie der Beginn einer Melodie —" Der Alte erhob sich von seiner Bank und eilte zu seinem Schüler: „Und nun?" „Dann hörte ich, wie es anfing, in mir zu singen!" „Was fühltest du? Was? Was? Sag'!" „Ich fühlte alle meine Sinne verstopft und verschlossen und innen ein Singen . . . und wie es sein soll — ganz ohne Worte, so . . ." „Wie?! Wie?!" „Nein, ich kann's nicht . . . früher wußte ich es ... . Dann wurde aus dem Singen . . . aus dem Singen . . ." „Was wurde daraus — was?" „Eine Art Spiel . . . Als hätt' ich eine Geige innen. Oder als säße Jojne, der Musikant, in mir und spielte Sebbatgesänge, wie beim Rebben bei Tische! Nur noch besser, noch feiner, noch geistiger! Und ganz ohne Stimme, ohne irgendwelche Sttmme — Reine Geistigkeit! . . ." „Wohl dir! Wohl dir! Wohl dir!" „Nun ist alles fort!" — sagte traurig der Schüler — „meine Sinne haben sich wieder geöffnet. Und ich bin so müd', so . . . so . . . mü . . . d . . . müd! Daß ich . . ." „Rebbe!" — schrie er plötzlich auf, nach dem Herzen greifend — „Rebbe, sagt das Sündenbekenntnis mit mir! Man holt mich! — Es fehlt dort ein Sänger unter den Himmlischen! Ein Engel mit weißen Flügeln! . . . Rebbe! Rebbe! Lob'mn RLrool-'b) Zeb'maaa . . . Jiß . . ." Es war keiner in dem Städtchen, der sich nicht solchen Tod wünschte. Nur für den Leiter der Jeschiwe war's noch zu wenig. „Noch einige Fasttage" — ächzte er — „und er wäre unter Gottes ftufie gestorben!" 7) Bet- und Studierstube der Chaffidim. - s) Höre, Israel! Das heiligste und in den Gläubigen die tiefsten Schauer erregende Bekenntnis zum Judentum und zur jüdischen Gemeinschaft. Es lautet: „Höre, Israel'. Der Ewige, unser Gott, ist ein einziger Gott!"