Neue Zeitung
- Journal
- Neue Zeitung
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 14 (7.12.1906)
- Date
- 1906-12-07
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10. Neue Zeitun Nr. 14. Mit Verlaub, Herr Präsident Dr. Stern, hier ist es ihnen wieder passiert, daß die Wahrheit mit dem Advokaten L In Machiavelli spornstreichs durchg^angen ist. Der Sachverhalt ist genau der entgegengesetzte. - Ist es in Wien schon vorgekommen, daß ein Rabbiner den anderen denunziert, damit ihn nm sein Brot gebracht und der Präsident, um Hilfe angerufen, für jenen Partei ergreift, dazu noch auf diese, jeder Beschreibung spottenden, verwegenen Weise? Das geschah nämlich in der offiziellen Wählerversammlung vom 19. November 1904. Diese drohte für Herrn Dr. Stern in eine Katastrophe umzuschlagen. Da petitionierten nämlich auf der einen Seite die. Besucher des Leopoldstädter Tempels um Entfernung des Dr. David und forderten meine Anhänger andererseits Rechenschaft wegen meiner durch ebendiesen provozierten Msetzung. Wie nun sich aus der Affaire ziehen? Dr. S t er n fährt, kaum, daß meine Sache durch Jakob K o h n angeschnitten, dazwischen: ״Im Interesse des Dr. Fink rate ich Ihnen, hiervon abzusehen, wir haben Urkunden in Händen, daß, wenn nur der zehnte Teil davon wahr wäre (Dr. Stern hat im vorhinein auf den Handel sich eingerichtet, er hätte ruhig auch nach einem niedrigeren Bruchteste greifen dürfen), so ist der Mann in Wien unmöglich, er muß fort von hier!" (Der im Saale anwesende Architekt Reiser und andere geben die Mchtigkest dieser Aeußerung zu, Dr. Karl Lifczis erklärt spontan: er habe dabei an Knabenschändung oder dergleichen gedacht!!) Ich trat damals sofort vor und verlangte die Vorlegung der Urkunden. Darauf war der Hauptmann von Köpenick, Pardon Dr. Stern, nicht gefaßt, schließt im Moment die Versammlung und nimmt Reißaus!! War das nicht ein Der über ihn hereinzubrechen drohenden Katastrophe war er ebenso schlau entgangen, als er mich mit unverrückbarer Sicherheit in dieselbe hineingestürzt zu haben glaubte. 9hm wußte man zwar noch immer nicht, was die Ursache meiner Msetzung war, aber alle Mutmaßungen wiesen in der Richtung des Gedankens, den Dr. Lifczis und andere gleich ihm hegten. Merkwürdig jedoch bleibt mir die Naivstät des Wiener jüdischen Publikums, vor welchem Dr. S t e r n derselben Versammlung noch einmal, nämlich . am 26. November dieses Jahres, zu präsidieren den Mut aufbrachte! Nun wiffen Sie aber auch, warum dieser Ehrenbeleidigungsprozeß unter allen Umständen aufgenonunen werden mußte. Nicht, daß es dem Herrn Dr. Stern an Gelegenheiten zur außergerichtlichen Austragung gefehlt hätte. Drei Deputationen unter Führung unseres allverehrten Herrn Salomon Meißels wurden schon früher vorstellig, — aber vergebens. Sie wissen, wie Dr. Stern mst Deputationen aufräumt! In zwei Wähler- Versammlungen wurden einstimmig Resolutionen auf eine friedüche Austragung der Sache beschlossen. Hier sind die Belege dafür. Ich bin nicht der Hauptmänn von Köpenick, auch nicht Dr. Stern, darum sollen dieselben im Saale zirkuüeren. Wieder vergeblich! Noch immer glaubte ich nicht das Recht zu haben, den Weg des Friedens zu verlassen, richtete daher diesen vom 25. November 1904 datierten Brief — derselbe zirkuliert im Saale— an Dr. Stern und Dr. Berger, in welchen ich gerade um Wahl der von Dr. Stern auch diesmal erwähnten 10—12 Männer nachsuchte und, wie sie sich nicht anders denken Linnen, — wieder vergeblich! Auch habe ich es an wiederholten Anträgen auf Zurücknahme' der Klage gegen Abgabe einer Ehrenerklärung nicht fehlen lasten, — immer mit der gleichen Erfolglosigkeit. > 2 Aber an einer Stelle ist der Fuchs dabei doch mit dem Schwänze in die Klemme gekommen. Von-Gerichtswegen zur Vorlage der mir verhängnisvollen Dokumente aufgefordert, waren solche einfach nicht zu beschaffen. Da wies Dr. Stern auf den Landesschulrat hin. Was glauben Sie, konnte der hergeben? Nichts, als die schon mehrfach gedachte Denunziation des Dr. David! So gelangte dieselbe erst Ende April 1905, etwa9 Monate nach meiner Absetzung, auf diesem Umwege zu meiner Kenntnis! Aus ihr konnte ich sofort entnehmen, daß auch nicht ein Wort auf Wahrheit beruhte, was die sofort eingeleitete gerichtliche Beweisaufnahme über jeden Zweifel erhärtete. Nun beginnt Herr Dr. Stern gar von Edelmut und Liebe zu überfließen, indem er erklärt: ״Es hat die Frau des Betreffenden bei mir vorgesprochen und ich muß aufrichtig sagen, daß ich das tiefste, herzlichste Mtleid nnt ihr hatte" und weiter: ״Für die arme, wirklich bedauernswerte Familie einen Betrag zu bewilligen." Nach den bisherigen Proben des/ ich möchte fast sagen, Hauptmanns von Köpenick, können Sie sich lebhaft denken, wie dieses Mitleid ausgefchaut! Doch es kommt noch besser. Was glauben Sie? Die christliche und, -— daß ich mich einmal der. Diplomatenspräche des Dr. Stern bediene, — sagen wir ״die den Juden nicht freundliche Behörde der k. k. Landesschulrat, ließ mich am 18. August d.J. rufen — da ich nicht der Hauptmann von Köpenick Lin, hier ist die Einladung, sie möge im Saale zirkuüeren! — und bietet mir die Hand zum Frieden, in die ich natürlich sofort einschlug. Wäre ein solcher Fall bei einem Dr. Stern auch nur denkbar? Glauben Sie, daß je der Moment eintreten könnte, in yielchem der zu jemand, gleich jener Behörde, spräche: 9״hm, wir haben genug gekämpft, jetzt wollen wir Frieden schließen?" Mt jener k. k. Behörde wurde der Friede dahin vereinbart, daß mir für die׳ versäumten zwei Jahre eine Entschädigung, ihre volle Einrechnung in die Dienstzeit, baldige definitive Anstellung zugesichert wurde mit der Maßgabe, daß Dr. D a v i d meinen Unterricht nicht wieder inspizieren dürfe. Da aber trat das Unerhörte, von der kühnsten . Phantasie kaum zu Erdenkende ein. Ein jüdischer Kultus- Vorstand, dessen Organ auf denunziatorische Weise es heraufbeschworen, daß einem Juden Gewalt widerfahren, dieser Kullusvorstand nein, ich fürchte, die Herren zu Unrecht zu beschuldigen— daher also dieser Präsident findet den Mut, jener christlichen Behörde einen Strauche! in den Weg zu legen, um diese gute Wsicht zu Hintertreiben! . ' Doch halt, Dr. Stern gibt sich hier offensichtlich Mühe, seine Haltung zu begründen. Er erklärt zwar: ״Ich betone ausdrücklich, daß diese Enchebung nicht wegen eines Verbrechens" — wirklich sehr gut! — ,,oder Sittlichkeitsdelikts" — wie rührend! — ״oder eines sonsügen derartigen Vergehens erfolgte" —geradezu leutselig! — Ja, warum denn eigentlich? Zum Teufel, will das Geheimnis noch immer und immer nicht heraus, Herr Dr. Stern? wester: ״Darin, sind wir alle einig, daß das Wesen des Religionsunter- Achtes nicht allein im positiven Wiffen, sondern hauptsächlich in der moralischen und sittlichen Hebung der Jugend Üegen müsse. Einer Person, wie der in Rede stehenden — ich wiederhole nochmals, es. liegt nichts gegen ihn vor, was seine persönliche Ehre tangieren könnte — könnte ich nicht den Religionsunterricht unserer Kinder anvertrauen." Also das läßt etwas ahnen: In der Moral hcchert's bei mir. Warum das? Weil ich und seitdem ich denunziert worden bin. Durch wen? Durch von Rabbiner der ifraeli- -Aow1&״tf4t>g/10wot»t?\o Jfir. üh.f K . .. . . ..; ־ Nicht immer hat Dr. S t e r n״ solche; wirklich absonderliche moralische Kategorien angewendet.' Es gab eine Zeit, und zwar etwa 3^ Monate nach der erwähnten. Denunziation, da bewarb ich mich um dAEtelle eines Religionslehrers am Mädchenlyzeum in Hietzing. Hier eine Karte mit der Handschrift des Herrn Dr. K r e n b e r g e r, aus der sic ' die Richtigkeit dieser Angabe entnehmen können. Ich erwähnte selbst des Zwischenfalles mit Dr. David, um im vorhinein jeder Zwischenträgerei hintanzuhalte», und gab gegenüben Herrn Dr. S e i d l e r, dein Vorsitzenden des Lyzeum- Vereins, den Kultusvorstand selbst als Referenz für die Richtigkeit meiner Angaben au'. ׳ Als an Dr. Stern diese Anfrage kam, schickte' er die Herren Schramek, Jost Werner, Hermann Ehrenfeld und Kolieb zu mir nnt dem Bedeuten, ich möge mich dem Dr. D a v i d unterwerfen, dann würde mir eine andere Stelle zugewiesen werden. ״Welche?" fragte ich. ״Am Mädchenlyzeum zu Hietzing", lautete die Antwort. Nun; so wußte ich gerade genilg! Beiläufig gesagt, trägt dieselbe etwa 250 fl. das Jahr!! Damit f lebe einer nnt Familie! In meiner Antwort, zog ich zunächst die ein-! schlägigen Bestimmungen unseres Religionsgesetzes über Denunziantentum heran und fügte noch hinzu, daß ich den Gedanken nicht fasse, als ob es im Sinne des höchsten Ehrenamtes der Wiener Kultusgemeinde liegen könne, mit der Erteilung einer Ausülnft einen derartigen Kuhhandel zu treiben. Ich lehnte diese schmähliche Zumutung ab und die Stelle bekam ein anderer. Doch zurück zur Sache. Es gibt hier einen Mann, der heißt Dr. David nnd ist Religionsinspektor, Rabbiner und seit kurzem auch Seminardirektor bei der hiesigen Kultusgemeinde. Wie es um seine pädagogischen Fähigkeiten steht, habe ich ihnen jüngst gezeigt. Daß er. das erforderliche jüdische Wissen nicht besitzt, hat ihnen Herr T o r c z y n e r so- 'eben auseinandergesetzt. .Sehen wir uns einmal seine moralischen Qualitäten an. Als Schüler des Hildesheimer'schen Seminars erhielt er sein Rabbinerzeugnis gegen das Versprechen, nie in einer Orgelsynagogen zu. fungieren. (Berliner ״Zur Lehr u. Wehr" S. 58.) , In Düsseldorf sollte eine solche errichtet werden. Er erhob zunächst Einspräche. Als diese mst Kündigung beantwortet wurde, fiel er um nnd akzeptierte die Orgel (״Jsraelist",. vom 18. Dezember 1902). Unter Berufung auf das Preßgesetz dementierte er dies unter dem 22. Dezember 1902'. Hier ein Brief des Präsidenten des zionistischen Aktionskomitees D. Wolfsohn, Köln >om13. November 1904, wonach dieses Dementi bewußter maßen die lm.oahrheit enthält!! Die Kunst des Berichtigens hat Dr. D av i d ' demnach nicht erst in Wien erlernt! Das Beste aber kommt noch: in der׳ ״Jüdischen- Pf-fte" zu Berlin, 9h. 17 vom Jahre 1903, dem offiziellen Organ des. Hl'׳ )sheimerschen Seminars, läßt sich Dr. David als Charaktergroße feiern,'wo es,unter anderem heißt:. ״Und die charakterfeste lieber- .zeugungstreuewelche Herr Dr. David mit dem Verzichte auf seine bisherige Stellung betäügt", usw. Das ist doch wirklich schon zu bunt! Daß Dr. David die Dreistigkeit hatte, sich mit einem Ausfall gegen deff Zionismus, vor Schülern gar noch, hier einzuführen und, als er merkte, daß ihm das Spiel verhängnisvoll zu werden drohte, dies , sofort widerrief (die. ״Welt" vom 6. und 20. März 1903) — ist noch in ihrer aller Erinnerung^ ' | -Der Abschied von Düsseldorf entsprach somit , dem moralischen Niveau, mit . ff dem er sich hier einführte. Auf das gleiche Spiel läuft die Sache mit der!. berüchtigten Nüchim-Schapira Predigt' vom 26. Oktober d. I. hinaus, ver-! schärft mit mannigfaltigen Berichtigungen und einer dementsprechenden feieri lichen Beteuerung in der Synagoge. Welche Bedeutung der letzteren beizumeffen, i wollen sie an zwei Tatsachen ermessen. Am Morgen des betreffenden! Sabbats, bevor noch irgend eine Spur von Erregung im Publikum zu j Worte kam, erzählte ein Herr H. nach dem Frühgottesdienste in der ,Marpe! Ianss686b״ Synagoge in Gegenwart des hier anwesenden Herrn Morgen- > stern u. •!. folgendes: Ein ihm nicht bekannter Herr trat gestern abends'im Leopoldstädter! Tempel auf ihn zu und sagte: Sehen Sie, ich habe in meinem Leben keine Banknoten gefälscht, kann schwören, daß ich in meinem Leben keine fälschen werde, komme in die Synagoge, nur um Kaddisch zu sagen. (Die übrige» ", hätten sich aus Entrüstung fast sämmtlich schon während der Predigt ent-, sernt): 9hm, sagen Sie: Muß ich dafür so etwas über mich ergehen lassen? Wenige Tage darauf hat derselbe Dr. David der Leichenverbrennung das Wort geredet und damit die hellste Entrüstung vieler hiesiger Rabbiner, in, deren Gegenwart׳ dies geschah, heraufbeschworen. In der Sühnepredigt hat er wieder den ,,Remoh", Rabbi Mose Jssserles, als Eideshelfer für seine hohe Meinung vom galizischen Judentum angerufen. Wie, war. der auch ein Verfechter der Leichenverbrennunc(? ־ Weniger bekannt dürste ihnen sein, daß Dr. David bei seiner vorletzten Inspektion bei mir (in 6 Wochen sofort nach seinem Antritte hat er mich nicht weniger als dreimal inspiziert, während ich bis dahin-in 6 Jahren zweimal inspiziert wurde). Meine Erklärung zu Jes. Cp. XI., die den Intentionen ttort Maimonides More nebuchim III, 1 und 13 folgte, als falsch bezeichnet und dafür seine gab. Sie können sich denken, was für eine'das war. Im weiteren Verlaufe erklärte er, wir bedürfen keines Messias, haben wir doch die Friedensbewegung der Baronin Suttner und des. russischen Zaren! (Das war asterdings.. Ende April 1904.) Was der Prophet sagt, brauche nicht wahr zu sein. Schön damals sprachen die Schüler sofort untereinander davon, er komme nur in die Klasse einzig und allein, um mich vor derselben bloßzustellen. In der nächsten Stunde'aber fragten mich die einen: Ja/, wenn das nicht-wahr׳ ist, so hat der Prophet doch selbst nicht daran geglaubt, warum sollen wir daran glauben? Die andern : Wenn wir auf einen Messias nicht zu hoffen haben, warum sind wir noch Juden? Und das nennt sich konservativer Rabbiner, beruft sich auf dem Remoh! ' Das gerichtliche Protokoll hierüber liegt zu ihrer gefälligen Einsichtnahme offen!-Lassen sie genug daran sein! Ein gewisses Gefühl übermannt mich, übermannt, ich glaube, auch sie! Die moralischen Garantien die Dr. Stern von einem simplen Religionslehrer fordert, wird er in vielfach erhöhten Maße von einem Rabbiner, Reügionsinspektor und. Seminardirektor fordern müssen! Eines ist sicher, Dr. David ist der Rabbiner, der eines Dr. Stern würdig, ihm nur allein ebenbürtig ist. Wie gingen sie auch Hand in Hand bei dem Berichtigungs- Manöver in der Nuchim-Schapira-Sache! Was sagt Herr Dr. Stern nun? Ich aber sage eines: Wenn wir aus dieser schwülen Atmosphäre nichtherauszukommen trachten werden, und zwar so schnell wie möglich, — — dann — dann züchten wir nicht bloß Hauptmänner von Köpenick, nein, auch noch Nuchim Schapiras