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Neue Zeitung · 1906-12-07 · Heft 14 (7.12.1906) · p. Seite 9

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Journal
Neue Zeitung
Volume
1906
Issue
Heft 14 (7.12.1906)
Date
1906-12-07
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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.Nr. 14. Neue Zeitung. Mngesenvrt. Rede des Rabbiners Dr> Fink iu der Lersamuckung deA Hotel Zentral am 1. Dezember 1900. Geehrte Versammlung! „ " Die Stunde ist vorgerückt, sie suhlen sich erschöpft und nicht als Kandidat trete ich vor Sie, hin. Wohl aber möchte ich von der „Affaire Fink" zu Ihnen sprechen. Daß diese ebenfalls zur heutigen Tagesordnung gehört, beweist die Tatsache, daß sie im Protokoll der offiziellen Wähler-. Versammlung im „Hotel zur Post" zwei gedruckte Spalten der Bloch'schen Wochenschrift einnimmt. Ich appelliere also zuvor an ihre Geduld, Ansicht und an ihr brüder- und schwesterliches jüdisches Herz. Ilm Sie jedoch bei dieser vorgerückten Stunde vor jedem Mißbrauch zu sichern, werde ich Ihnen zuvor nur eine Episode zum besten geben, in deren Mittelpunkt meine Wenigkeit steht und die am letzten Donnerstag, den 29. vorigen Monates sich abgespielt hat. Sollten Sie alsdann für weitere Darlegungen versagen, dann höre ich sofort auf. In Gegenwart des Herrn Kultusvorstehers Hermann Eltbogen erzählte tags zuvor Herr Kultusvorsteher, kaiserlicher Rat Wilhelm Pollak, Dr.Stern hat in der Versammlung „zurPost" zu meiner Charakteristik folgendes zum besten gegeben: ' Nach dein Besuche meiner Frau im September dieses Jahres sandte er mir 500 Kronen. Das Geld habe ich zwar hübsch eingestrichen und ihm dafür mit einem, „groben Briefe" gedankt. „Hier, ist der Brief", so rief er, mit einem Bogen Papier durch die Lust fahrend. Ich stellte alles von Abis Z in Abrede. - Am Donnerstag, den 29. vorigen Monats, sprach ich bei dein Herrn kaiserlichen Rat vor, er kmn darauf zurück, ftagte mich, ob ich in der Lage wäre, ihm dies schriftlich zu geben und zwar auch im Namen meiner Frau. . Ich bejahte. Sv geschehen, steckte HerrPollak das Schriftstück ein mit den j Worten: „Jetzt bin entweder ich, oder Sie, oder Dr. Stern verrückt." > Vor nieinen Augen forderte er telephonisch in der Kultusgemeinde bei! Dr. Adler die Bereitstellung des besagten Briefes und der Men und! fuhr sofort hinauf. Das war etwa um 12 Uhr. Um 4 Uhr nachmittags! , sollte ich wiederkominen. ' , Wieder erschienen, empfing mich Herr kaiserlicher Rat Pollak mit; folgenden Worten: „Jetzt, Herr Doktor, sind nicht Sie, nicht ich verrückt, j so»idern . . . Hören Sie, ich komme hinauf, verlange von Dr.Stern den! Beleg für die 500 Kronen — keinerda, den groben Brief — keiner da". Sie haben heute in den Zeitungen vom Hauptmann von Köpenick gelesen i und gleich mir die Hände über den Kops.darüber zusämmengeschlagen, daß der Bürgermeister auf die Frage nach dem Haftbefehl sich damit übertölpeln ließ, daß der famose Hauptmann daraufhin mit einem Bogen Papier in der Luft herumfuchtelte. Warum hatte er nicht die Geistesgegenwart, denselben auch einzusehen s Dasselbe Manöver hat sich Dr. Stern. vor -hunderten von Menschen, der Elite Wiens, im „Hotel zur. Post" geleistet. Hätte einer Mut oder Geistesgegenwart genug zu rufen: Herzeigen und dann vorlesen . und das Spiel wäre sofort entlarvt!! — Doch zurück zur Sache! „Es kommt zu einem Wortwechsel, während dessen Dr. Stern auf dem Wege'der drahtlosen Telegraphie mittels erregter Geberdensprache einen Gedankenaustausch mit einem hohen Kanzleibeamten unterhält, ich stelle mich an die Türe, um auch daS zu überschauen, was bisher hinter meinem Rücken sich abwickelte. Die Sache gedeiht so weit, daß Dr. Stern vom Hausrecht Anwendung macht. Ich gehe mit dem Bemerken: morgen werden Sie es in der „Neuen Freien Presse" zu lesen bekommen. Ich verlange die verheißenen Akten, davon ebenfalls keine Spur und entferne mich." Dieser Vorfall muß nicht übel das Konzept des Protokolls für die „Oesterreichische Wochenschrift" verschoben haben. Wahrscheinlich bereits im Drucke mußte es daraufhin schnell zurechtgestutzt werden und läßt die Spuren der Verstümmelung noch jetzt deutlich erkennen. Da wird der Passus über den Besuch meiner Frau — welche Bewandnis es damit hat, werden Sie bald erfahren — mit den Worten eingeleitet: „Noch etwas Bezeichnendes will ich Ihnen mitteilen." Ja, liegt darin etwas Ehrenrühriges, oder gar Sträfliches? Nein, das bezog sich vielmehr auf die 500 Kronen, die mit dem „groben Brief" quittiert wurden und da verließen sie ihn, mußten in diese öde Erbärmlichkeit Umschlägen ' und von der Bildfläche des Protokolls verschwinden. Dr. Stern versuchte sich nach kniffiger Advokatenart schon Herrn Pollak gegenüber herauszudrehen, indem er auf einen ganz abseits liegenden Vorfall von vor 21/., Jahren zurückgriff, wurde aber von demselben ganz energisch in die Schranken gewiesen. Ein Widerspiel davon sehen Sie in dem hinterher zusammengeflickten Protokollbericht, der aber völlig mißglückt ist. Eingefügt wird der hier in Bettacht kommende Passus mit den Worten: „Es hat eine Zeit gegeben, wo der in Rede stehende Religionslehrer .... seines Dienstes enthoben wurde." Hat es diese Zeit nur gegeben? Ist sie nicht jetzt noch dauernd? Aus den 500 Kronen schlüpften auf einmal „zirka 500 Kronen" heraus! Der Bettag — auf den ich noch zurückkomme — wurde mir laut Zuschrift de dato 11. Juli 1904, Zahl 6442, mittels Postanweisung zugestellt. Haben Sie schon eine Postanweisung gesehen, die lautet auf den Bettag von zirka 500 Kronen?! Und schließlich hat sich der grobe Brief plötzlich gar in ein „Antwortschreiben" gewandelt, „das an Entschiedenheit des Tones nichts zu wünschen übrig läßt"!! aber beizubringen war auch dieses nicht für Herrn Wilhelm P o l l a k! , ' Was den Besuch meiner Frau betrifft, so liegt dies sehr einfach. Wie schwer das Martyrium ist, das ich schon mehr denn zwei Jahre ttage, können Sie sich denken. Ich fühle mich gehoben von der Idee, damit vielleicht dem Wiener Judentum inehr zu leisten, um es aus dem tiefen Sumpf, in den es geraten, herauszureißen, als irgend einer in den letzten hundert Jahren. Meiner Frau, so tapfer und standhaft sie auch sich gezeigt,, ermangelt dieses Trostes. Wollen Sie es ihr verdenken, wenn sie hie und da von Verzweiflung.angefochten, nur vorhielt: . „Wie, wenn wir nochmals an das Herz dieses Mannes appellieren, man kann nicht wissen?! Ich, als Frau, werde zu ihm gehen!" Was da tun, um sie von dieser Pein genesen zu machen?. Ich sagte einfach; „Gehe nur, ich garantiere dir zuvor, du bist alsdann von deinen Zweifeln genesen." Und sie.war genesen, gründlicher, als ich es mir vorstellen konnte. Herr Dr. Stern aber hat daraus ein Profitchen schnell gemacht, daraus das Kapital von „500 Kronen" geschlagen!! Und damit laffen Sie mick, ans da^^M^ Kavital von den ..zirka 500 Kronen" kommen. Im Jahre 1900, wenn ich nicht irre, warf der hiesige Kultusvorstand 5000 fl. zur Aufbesserung gering besoldeter Religionsprofessoren aus. Ich bekam damals nichts, auch nicht im Jahre 1901 und ebensowenig 1902. We sollte ich auch? 300 Mittelschüler unterrichtete ich zwar und bekam dafüt 600 fl. an Gehalt! Das macht pro Schüler 2 fl. jährlich, oder in Scheidemünze übersetzt, 162/s Kreuzer monatlich. Ist das nicht genug? Wir haben hier zwar verschiedentlich gehört, daß die Kultusgemeinde geistliche Funktionäre hat, die auf 50.000 fl. jährlich sich stellen. Ich glaube nicht, daß deren Leistungen den Aufwand von so viel gefftiger, moralischer und zu guter letzt auch noch physischer Energie fordert, wie der Unterricht von 300 Mittelschüler,:. Doch vom Standpuntte meines beschränkten Untertanenverstandes darf ich mich wohl so hoch nicht versteigen. Indes ftage ich Sie: Ist der letzte jüdische Lehrer im letzten galizischen Dorfe im finstersten Mittelalter noch schlechter gezahlt worden? Inzwischen hatte sich mein Einkommen auf etwa 900 fl. gehoben und im Jahre 1903 bewilligte mir der Vorstand noch 450 Kronen aus dem erwähnten Titel, ebenso auch im Jahre 1904. Es war hierzu also weder ein „besonderer Griff in den Gemeindesäckel", noch, wie Dr. Stern sich ausdrückt, die Frage: „ob ich berechtigt bin, zugunsten des betteffenden Religionslehrers etwas zu tun", noch endlich „ein besonderer Antrag im Vereine mit meinem Freunde Dr. Gustav K o h n" erforderlich. Trotzdem erklärte ich, da damals gerade die Denunziation des Doktor David im Zuge war, ich hätte hierauf keinen Anspruch, könne das Geld nicht nehmen. Ms es mir dennoch übermittelt wurde, widerrieten meine Freunde dessen Zurückweisung. Auch war ich damals mit meinen Kräften zu Rande und müßte sonst auf die mir verordnete Kur in Karlsbad verzichten. Ich nahm das Geld an und dankte dafiir mit einem höflichen Schreiben, wie doch eigentlich selbstverständlich. Um jener Zeit hatte ich infolge des bereits erwähnten Umstandes Veranlassung, wiederholt bei Dr. Stern vorzusprechen, um ihn'dazu zu bewegen, er möge die Schulbehörde ersuchen, die Enthebung zunächst aufzuheben, meinen Fall doch zuvor zu untersuchen, mir wenigstens mitzuteilen, worin mein Vergehen liege. Er lehnte ab, darauf-spielt Dr. Stern an, indem er sagt: „Also der Vorstand gar nicht berechtigt war, zugunsten des erwähnten Religionslehrers etwas zu tun." Wirklich?! Wir werden später sehen, welche Halttmg Dr. Stern bei einer änderen Gelegenheit einnahm, um das Judentum auf so erbärmliche Weise bloßzustellen. Ich ftagte ihn weiter, ob es bei einem katholischen Bischöfe oder evangelischen Kirchenrat nur denkbar wäre, daß sie es ruhig mit ansehen würden, wie ein Lehrer ihrer Religion, ohne gehört zu werden und ohne Angabe von Gründen abgesetzt würdet? Dr«S t e r n meinte „Ja." Ich hielt weiter ihm entgegen: „Was ich tat, war durchaus den Vorschriften gemäß, was Doktor David verlangte, diesen schnurstracks zuwider. Gehe ich den Vorschrfften nach — werde ich abgesetzt; handle ich ihnen zuwider — ebenfalls. Was soll ich denn eigentlich tun?" Dr. Stern hatte nur und immer wieder nur ein einziges „Ja." Ich aber hatte damit genug. Das wieder führt mich auf einen zweiten Hauptpunkt, in bezug, aus welchen Dr. Stern sich äußert: „Daß Disziplinarangelegenheiten niemals in öffentlichen Sitzungen behandelt werden. . . . Und weiter: „Wenn jemand diszipliniert wttd, so soll man ihn nicht für alle Zeiten unmöglich machen" (wir werden später sehen, wie Dr. Stern in seiner Verschlagenheit es damit gehalten hat), nicht schädigen in seinem Berufe, den er ja wefter verfolgen kann." Wie Sie schon aus dem Bisherigen ersehen, ist es damit eitel Windbeutelei. Denn ich wurde nicht diszipliniert, sondern denunziert, ohne gehört zu werden und ohne zu wissen worüber, und zwar durch einen jüdischen Rabbiner der Wiener Kultusgemeinde, einen gewissen Dr. David! Es läuft daher auf eine Vorspiegelung von falschen Tatsachen hinaus, wenn er im weiteren Verlaufe seiner Ausfiihrungen immer wieder auf die „Akten" hinweist. Es hat damit dieselbe Bewandnis, wie mit dem Haftbefehl desHauptmann von Köpenick. Denn 'mein Vorfall ist bis auf den heuügen Tag nicht untersucht, ich bis zur Stunde darüber nicht gehört worden. Wer kann angesichts dessen von „Akten" reden? Nur einem Zufalle, bei dem allerdings Dr. Stern wider seinem Willen die allerwichttgsten Dienste, wie wir später sehen werden, geleistet hat, danke ich es, wenn ich 9 Monate später in den Fall kam, den Inhalt der vom Zaune gebrochenen Denunziatton in Erfahrung zu bringen und den wirklichen Sachverhalt durch gerichtliche Beweisaufnahme feststellen zu können. Diese aber ergiebt, wie ich schon früher auseinandergesetzt, daß Dr. David zunächst in den verwegensten, handgreiflichsten Provokationen sich mir gegenüber versucht hatte. Da auf diesem Wege, der so augenfällig war, daß die Schüler dies sofort heraus hatten und unter Bekundung ihrer Entrüstung es mir rund heraussagten, der gehoffte Erfolg ausblieü, ging er zur Denunziation über. Dies uno die gedachte Bekundung der Schüler fielen merkwürdigerweise in denselben Moment zusammen!! Wenn Herr Dr. Stern gar nun die Kühnheit besitzt, den gesamten Kultusvorstand als Eideshelfer gegen mich anzurufen, indem er beteuert: „Sie können es mir auf Ehre (welch' ein Wagnis!) glauben, daß kein Kultusvorstand, wenn er es gewissenhaft mit seinem Amte meint, anders hätte Vorgehen können, als von uns geschehen ist"; und ferner: „Ich wiederhole, meine Herren, daß von meiner Seite in dieser Sache garnichis geschehen, daß alles dem Vorstande vorgelegt worden ist und daß dieser den Beschluß gefaßt hat, der dem Landesschulrate intimiert worden ist", so sind mir in der Hinsicht nicht bloß direkt Aeußerungen genau entgegengesetzten Inhaltes von Kultusvorstehern zugekommen — (können Sie ernstlich glauben, ein Wiener Vorstand werde verurteilen, ohne vorher gehört zu haben?) — nein, ich kann mich hier auf Dr. Stern selbst berufen. Dr. S t ern also gegen Dr. S t er n ausspielen, der dieRichtigkeit der Interpellation Eltbogen anerkannt hat, in welcher es ausdrücklich heißt: „Mir als Mitglied des Kultusvorstandes ist nicht bekannt, daß die den Dr. Fink betteffende Angelegenheit das Plenum je beschäftigt hätte, noch viel weniger weiß ich etwas von der Erhebung einer derartigen Einsprache (gegen meine Wiedereinsetzung) seitens des Kultusvorstandes." Herr Dr. Stern rühmt sich zwar mit besonders selbstgefälliger Gespreiztheit, daß er bei dem Ehrenbeleidiaungsprozeß mit einem Freispruch abschnitt, was bei ihm als geriebenen Advokaten kaum wunder nehmen darf. Nichtsdestoweniger ttägt er mir hierüber einen unauslöschlichen Haß nach. Er hat auch alle Ursache dazu! Nicht aber deswegen, „weil es noch nie vorher in Wien vorgekommen ist, daß ein ehemaliger („ehemaliger", das ist wirklich gut!) Rabbiner oder Religionslehrer den Präsidenten der Gemeinde wegen einer in Ausübung seines Amtes pflichtgemäß mit aller Vorsich und Schonung getanener Aeußernng wegen Ehrenbeleidigung vor Gericht zitiert hätte."

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