Mannheim
Compact Memory

Neue Zeitung · 1906-12-07 · Heft 14 (7.12.1906) · p. Seite 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Zeitung
Volume
1906
Issue
Heft 14 (7.12.1906)
Date
1906-12-07
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2430890-2430891-2430905--126-2431101
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. H Das reine Handtuch nahm sich wie ein heller Fleck im halbdunklen Winkel, in der Nähe der Tür aus, die zu beiden Sekten von zwei hohen, dunklen, da und dort gesprungenen grünen Kachelöfen eingeklemmt war. Asriel mußte noch die letzten Vorbereitungen für den bevorstehenden Gottesdienst treffen. Er bespuckte die Fingerspitzen der rechten Hand und nahm von der brennenden Kerze die Schnuppe herunter, dann füllte er eine Dose mit. Schnupftabak, steckte einigemal die Nasenspitze herein, um das Aromas zu prüfen und stellte sie für den allgemeinen Gebrauch auf den Tisch. Fm Vorzimmer ging leise die Tür auf und leise trat ein bleicher, abgezehrter Mann in die Synagoge. Es war Jonas der Schuster, der schon längere Zeit keine Arbeit hatte und mit seiner zahlreichen Familie hungerte. Er berührte mit den Fingerspitzen den leicht aufgedrehten Hahn des Waschbeckens und hob. schüchtern Äe Hände zum Handtuch. Eine Weile traute er sich nicht das blendende Handtuch mit den schmutzigen Fingern zu berühren^ endlich suchte er sich ein Plätzchen ganz am Ende aus und wischte einigemal die breiten, mit Schwielen bedeckten Hände ab. Lange, dunkle Streifen, Spuren von schwerer, hartnäckiger Arbeit legten sich sofort auf die weiße Leinwand, die noch von keiner Menschenhand berührt war.. Unterdessen ging die Türe jedesmal auf und arme, niedergeschlagene Menschen erschienen einzeln oder in kleinen Gruppen. Bald füllte sich der rückwärtige Teil der Synagoge mit einer grauen Menschenmenge, die das Elend zeitlich früh aus den Betten reißt und auf die Straße zum Kampf um das tägliche Brod hinausjagt. Jeder ging zum Waschbecken, hielt die Hände eine Weile unter den Hähnen und wischte sich mit dem hängenden Handtuch ab, ihm wortlos ihren Kummer, den blutigen Schweiß ihrer schwieligen, durch schwere Arbeit gehärteten Hände zurückgebend. Und das Handtuch nahm alles, was ihm diese hungrigen, grauen Menschen brachten,' geduldig auf, saugte gierig ihre Tränen und . den Kummer ein, als wollte es dadurch ihnen einen Teil von ihrer schweren Last abnehmen. .... In einer halben Stunde war das linke Ende des Handtuches'bis -zur "Stelle/ wo "es" der Ring umfaßte, von Schmutzflecken bedeckt. Die Menschenmenge wuchs immer mehr und 'mit ihr zugleich die Flecken des durchnäßten Handtuches. Als nach einer Weile der „Meschuloch" Akiwa-Meier, der reisende „Jeschiwä"-Steuereinnehmer mit wichtiger Miene, die Tür weit. Mfreißend, in die Synagoge trat und gleichzeitig beide Hände unter die Hähne streckte, wendete er sich mit Entrüstung von den durchnäßten, schmutzigen Ende ab und wischte sich mit dem rechten, unberührten Ende ab. Reb Akiwa-Meier blickte dabei ehrfurchtsvoll zum Himmel, flüsterte das Gebet und wischte die vollen, vom Müßiggang weißen Hände. Und trotz ihrer äußeren Reinlichkeit waren die Spuren, die sie auf der Leinwand zurückließen, dunkler und schmutziger als diejenigen, die das linke Ende he- Und wieder kamen Menschen zum Gebet, auch die „Intelligenz" des Städtchens, die die „Misrachplätze" besetzten. Nach Akiwa-Meier war Reb Leib Mariasches, ein Schwindler und bekannter Denunziant, erschienen, er suchte sich ebenfalls ein reines Plätzchen aus, oberhalb demjenigen,' wo Akiwa-Meier seine schmutzigen Spuren zurückgelassen hatte und beschmutzte es ebenfalls. . . . . Nach ihm kam das magere Figürchen des Reb Awraham Kemach.. Er wusch sich geräuschvoll beide Hände unter den Hähnen, suchte nach einem reinen Plätzchen, um sich abzuwischen und murmelte dabei etwas, um zu zeigen, daß er auswendig bete, trotzdem es bekannt war, daß er nicht einmal im Gebetbuch ordentlich "lesen könne. Und das Handtuch wurde unter seinen Händen noch schmutziger. . . . Endlich ging die Tür lärmend auf und an der Schwelle erschien, die Menge mit majestätischen Blicken musternd, der „Gwir" Reb Salinen David Malwe. Er kniff verächtlich die Augen zusammen, sah das nasse fetzige Handtuch an, zog mächtig die Stelle, die der Mng umfaßte, an sich und wischte sich, seine weißen, gepflegten Hände. Und im Nu war diese Stelle schmutziger als alle anderen. Als sich nach dem Gottesdienst die Synagoge leerte und Asriel wieder allein zurückblieb, galt Neue Zeitung sein erster Blick dein auf der Wand hängenden Handtuch. Es war nicht zu erkennen. . Dasselbe Handtuch, das noch vor einigen Stunden durch seine blendende Weiße die. Seele des Alten erfreute, hing jetzt naß und von vielen Händen beschmutzt, die Spuren von guten und bösen Taten auf ihm zurückgelaffen hatten. . . . Asriel wand es einigemal aus und hängte es wiederauf. Gegen Abend war es so trocken, daß Asriel es nur mit Mühe aus dem rostigen Mng herausziehen konnte. Er trug das trockene steife Handtuch in seine Kammer, legte es in eine Schüffel, goß heißes Wasser hinein,-um es fiir den nächsten Tag eigenhändig zu reinigen. Dunkler, grünlicher Schmutz floß aus dem Handtuch und blieb am Boden der Schüssel kleben. 2lsriel neigte sich über die Schüffel und erschraL Im trüben Wasser sah er eine solche Mischung von Schmutz, Schweiß, Blut und Tränen, daß' der alte Schames erschrocken sein graues Haupt zurückzog und mit weit aufgeriffenen Augen das Gefäß anstarrte.... Ein dünner Dampfstrahl stieg aus der Schüssel auf und verschwand irgendwo hoch oben . . . und es schien Asriel, daß mit ihm zugleich aus der Schüssel, wo so. viel Kummer nnd Tränen waren. Stöhnen, Geschrei, verzweifelte Klagen über Gewalttätigkeit, Flehen um Rettung, Zähneknirschen und Flüche zum Himmel emporstiegen, all das woraus das finstere, trübe Lebender Juden besteht! . . . Asriel neigte sich noch tiefer über die Schüssel. Der Schmutz, der auf dem Boden klebte, wurde noch trüber, und dicker. . Breite, runde Flecken schwömmen einer nach dem anderen auf die Oberfläche und flössen'wie Tränen zusammen. Auf Asriels Wimpern ttaten reine Greisenttänen hervor . . . Eine-blieb ein wenig hängen und fiel dann mit leisem Klang auf dem Boden der Schüffel. . . . Das trübe Wasser fing sie in seine Arme auf und sie berschwand spurlos im schwarzen, unheilvollen Schmutz. . . . ist doch das Beste! PATENTE P ■ Ingenieur- und Patentanwalt J. Knopfeimacher Telephon 22132. Wien. II.. Praterstrasse 37. Nur 7 Kronen iten 4<;. Kilo allerfeinste,. beim Pressen beschädigte I | Toilette-Seife in feinsten Gerüchen. — Versand I in Nachnahme oder vorherige Geldeinsendung durch | Sigmund Rosner III., Kleistgasse Nr. 9- Oberkantor JOSEF BASSER XX., Wintergasse 29 empfiehlt sieh dem P. T. Publikum auf Grund seiner erworbenen Autorisationen von anerkannten Aerzten als sehr praktischer Mohel, ^113-Operateur. wm—m Bei Unbemittelten ebne Honorierung. T'tf fVhi] geprüfter Lehramtskandidat, bereitet zur Gymnasialmatura Hochschüler Prüfungen vor und unterrichtet Autodidakten. Lehrer Julius Muschel beehrt sich hiermit die höfliche Mitteilung zu machen, daß er am 2. Dez. 1906 seine vom hohen k. k. n.-ö. Landesschulrate autorisierte Frivat^ScImle für Knaben □. Mädchen Erste Wiener Privatanstalt für Nachhilfe und Wiederholungsunterricht, Lehranstalt für Erwachsene Wien, H/i, Große Sperlgasse Nr. 3* eröffnen wird. PELZWARE! Größte Okkasion. Infolge meines Geschäftspriazipes: großer Umsatz, kleiner Nutzen, bin ich in der angenehmen Lage Pelzstolles, Pelzmuffe etc. zu den staunend billigsten Preisen zu verkaufen. Echte Skunksstolles.von 8 fl. anfwärts „ Chinchillastolles.„ 15 fl. „ . „ Persianerstolles.„ 9 fl. „ Prachtvolle diverse Steiles und Kragen von 2 fl. aufw. Ferner Steiles und Muffe in Nerz, Waschbär, Tinge* Biber und Nutria zu jedem Preise. Mkr L, KÖUIrflElSHOFGHSSE 2, Wiener Spar- und Kredit-Gesellschaft Wien, I., Franz Josels-Kai Nr. 43 (Früher: Kredit-Institut für jüdische Gewerbetreibende, und Beamte.) Gewährt Darlehen, eskomptiert Wechsel, übernimmt Spareinlagen zu günstigen Bedingmigen. »WM WIENER VERLAG Verlagsbuchhandlung und Buchdruckerei WIEN, V. Wienstrasse 89a empfiehlt sich zur Herstellung sämtlicher Drucksorten in Buchdruck und Lithographie. Preiskurante, Zeitschriften, Werke, Broschüren sowie sämtlicher merkantilen Drncksorten in modernster Ausstattung bei massiger Berechnung.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.