Neue Zeitung
- Journal
- Neue Zeitung
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 14 (7.12.1906)
- Date
- 1906-12-07
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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Neue Zeitung SK. 14 I» Sereth hat sich ein poale-zionistischer Mädchenuud Frauenverein gegründet. Bei der am 1. Dezember 1906 stattgefundenen konstituierenden Generalversammlung wurden nachstehende Damen in den Ausschuß gewählt: ■ - Frau Rosa S tettner zur Präsidentin, Frl. Hilda Strumthal zur I. Stellvertreterin, Frl. Cilly Sch w a r z zur II. Stelloertreterin, Frl. Rebeka Honigsb e r g zur I., Frl. Babi G o l d s ch l L g e r zur II. Schrift! führerin, Frl. Male« Killmann smr Kassierin, Fräulein Netti Feiles zur Bibliothekarin, Frl. Spindler und Frl. S ch e re r zur Kaffareoisorinuen und Frl. S o mm e c ohne Funktiou. . Verein „Dorsche Zion", Radautz. '" Bei der am 25. d. M. stattgefundeneu Vollversammlung und der am, 27. d. M. erfolgte» Konstituierung wurden nachstehende Herren iü den Ausschuß gewählt: Dr. Bierer zum Obmann, Dr- Engl zum Obmann-Stellvertreter. Oskar Sieben zum X, Ch. Schärf zum IX Schriftführer, Berl Lehrer zum Kassier, stuä. jur. M. Rach zum Bibliothekar, Baruch Friedländer zum Haus- und Zeitungsverweser. Ohne Funktion blieben die Herren: Dr. Luttiuger, Rachmut, stuck. zur. S. Lecker, Magister Sigbert Geber, . Die Generalversammlung faßte den einstimmigen Beschluß, Herrn ReichSratsadgedrdneten Dr. Straucher wegen: seiner hervorragenden Veroienste um das Judentum zum Ehrenmitglied zu ernennen. > Am 16. Dtzember veranstaltet der Verein „Dorsche Zion" etne Makkabäerfeier im SchLtzensaale, zu der spezielle Einladungen ergehen werden. kiogelenckel. Wir werden ersucht, nachstehendem Briefe Aufnahme zu gewähren: Hochwohlgeboren - Herrn Dr. Daniel Fink Rabbiner und Professor. HochgeehrXer H err Professor! .„Mit wahrer Entrüstung haben wir jene Aeußernng vernommen, die sich erkühnt. Ihnen, unserem geliebten Professor und ehemaligem Lehrer, die Befähigung als Religionslehrer abzusprechen. Wenn Einer, so dürfen Sie jederzeit sich auf Ihre Schüler' berufen, die mit ihrem \ Herzen Ihnen für das ganze Leben hindurch Dankbarkeit und Treue bewähren werden und die. es als ihr höchstes Glück betrachten, .daß Sie ihnen den tiefen Sinn der heiligen Lehren der Religion erschlossen haben. Seit den Tagen, da' wir mit Hingebung und Begeisterung Ihren erhebenden Ausführungen über die Ge- - dankender großen Propheten lauschen dursten, fühlten wir uns wie in eine neue Welt versetzt, lernten wir uns mit Stolz als Juden Nicht verschwiegen darf es werden, daß Sie uns allen jederzeit ein väterlicher Freund und Berater waren, daß wir stets mit jedem Anliegen, das unser jugendliches Herz bewegte, ohne Scheu und Zagen Ihnen gegenübertreten dursten, daß Geduld, steundliche Mahnung, Rat und Hilfe bei Ihnen nie versagten. Wenn wirdies zur Steuer der Wahrheit hiemit öffentlich erklären, so sind wir uns dessen bewußt, damit nur einen , schwachen Zoll jener Dankbarkeit abgetragen zu haben, zu der wir uns Ihnen, gegenüber, sehr geehrter Herr Profeffor, stets verpflichtet fühlen werderi." Wien, November 1906. Folgen 49 Unterschriften von Hörern der Wiener Hochschulen. (Das Original liegt zu jedermanns Einsicht in der Redaktion dieses Blattes auf.) Kaust mb Literatur» Hebräische Literaturbewegung in Amerika. Wie -er hebräischen Zeitschrift „Hamizpe" aus New- Hork berichtet wird, ist dort im letzten Jahre ein starker Aufschwung in der Beschäftigung mit dem Hebräischen zu verzeichnen. Die seinerzeit von Achad Haam angeregte hebräische Enzyklopädie soll zur.Tat werden. Unter dem Titel „Ozar Hajahadut" sind die sechs ersten Hefte eines solcheu Sammelwerkes erschienen. Herausgeber der Jewish Encyclopaedia Dr. A. Singer das ganze Unternehmen leiten soll. Der bekannte Schriftsteller Benzion Eisenstadt soll in New-Gork demnächst ein Monatsblatt „Apheklarioh" in hebräischer Sprache erscheinen lassen. „Haschiloah." - Die ausgezeichnete hebräische Monatsschrift, welche von Achad Haam begründet und nachher von Dr. Klausner herausgegebeu wurde, aber aus Mangel au Unterstützung wieder eingestellt werden mußte, soll wieder herausgegeben werden. Hillel Zlatopolski, der bekannte Kiewer Volksfteund) hat sich bereit erklärt, für das ganze Defizit aufzukommen, wenn sich uur 1000 Abonnenten finden. @w Konnte«, dem die bekanntesten jüdischen- Männer Rußlands angeboren, wendet sich in einem Aufrufe au das jüdische Publikum, die Monatsschrift nicht eingehen zu lassen. Der Abonnementspreis — 6 Rubel — möge eingesendet werden an M. M. Nffischkin, Odessa, Chersonskaja 46. Aufruf. Jede nationale Frage ist in erster Linie eine kulturelle Frage. Das Volksleben, die Volksseele, sic bilden den wesentlichen Inhalt des nationalen Momentes. Jedenationale Bewegung, will sie diesen Namen mit Recht verdienen, muß in erster Linie die Hebung und Pflege der knltnrellen Schätze des Volkes bezwecken. Wir Juden-sind da am rückständigsten. Jede Regung der Volksrndividualität wird verspottet und verlacht. Das ostjüdische Leben, das von einer schars ausgeprägten nationalen Kultur zeugt, bleibt gänzlich unbeachtet und unverstauden. Am meisten sündigen wir gegen das kostbarste nationale Gut, das wir jetzt besitzen, gegen die jüdische Sprache. . . Jede nationale Kultur, will sie lebensfähig sein, muß eine nationale Sprache, als. den Striegel der.. Volksseele, zum Ausdruckmittel, zur Form, in die alles gegossen wird, haben. Der Ostjude hat sein Jüdisch. Es ist im wahrsten Sinne des Wortes seine nationale Sprache. Es ist seine Muttersprache, hier findet er sich selbst 'wieder, hier kann er seine jüdischen Gefühle am .leichtesten und am wahrsten zum Ausdruck bringen." Jeder Ostjude liebt seine Sprache aus vollem Herzen, allein diesen Gefühlen freien Ausdruck zu geben,-wagt er kaum. Einerseits ist es das vom Westen herübergenommene Vorurteil, daß das Jüdische nicht schön sei, daß es sich nicht schicke, öffentlich jüdisch zu sprechen, allerseits die dem Juden innewohnende Gewohnheit des Selbstverleugnens und der-Selbstverachtnng, die dies bewirken. Nur ein Jude, der sich schämt, Jude zu sein, kan» sich des Jüdischen schämen. > Dem muß Abhilfe geschaffen werden! Diese aus dem Westen herübergetragenen/ ,unreifen, oberflächlichen,' jeder Beobachtung mangelnden Ansichten müssen wenigstens aus den ostjüdischen Massen verschwinden- Es muß gezeigt werden, daß das Jüdische, wenigstens ebenso schön ist, wie viele andere Volkssprachen, daß es ganz und gar nicht unschicklich ist, öffentlich und in der Gesellschaft jüdisch zu sprechen. Wir Juden wollen auch einmal unsere Individualität ausleben; wir «rollen echten Judenstolz zeigen, indem wir uns unsere Individualität, unsere kulturellen Güter, unsere Sprache nicht rauben lassen. Das Jüdische ist die Atuttersprache der überwiegenden Majorität der Juden. Dem Jüdischen muß seine ihm gebührende Stellung geboten werden. - Allmählich wird schondie Bedeutung des Jüdischen für unser Volk, erkannt. Man sieht die grundentscheidende, ja wir können es kühn behaupten, für die Zukunft unseres Volkes wichtigste Bedeutung der nationalen Sprache ein. Das Aufblühen der modernen jüdischen Literatur hat der Sprache viele Anhänger gewonnen. Allein sie sind zerstreut.. Dadurch ist eine intensivere' Tätigkeit ausgeschlossen. Wir müssen aber von der theoretischen Anerkennung weitergehen, wir müssen endlich, einmal auch praktisch handeln. Dem Jüdischen muß in erster Linie seine Geltung' im gesellschaftlichen Verkehr erobert'werden. Verschwinden 'muß der erbärmliche Anblick jenes Juden, der lieber ein eckelhaftes Deutsch oder Polnisch, als. seine , ihm geläufige schöne Muttersprache spricht. Das. Jüdische muß auch einmal, sozusagen, die offizielle Spräche nnserer Versammlungen, unserer Veranstaltungen werden. Ueberall. beginnt es sich schon zu regen. Verschiedene Kruppen trachten, mit mehr oder weniger Erfolg, dieses Ziel zu erreichen. Nur hier in Oesterreich, wo über eine Million Juden jüdisch spricht, geschieht gar nichts. Nicht als ob es nicht auch hier viele begeisterte Anhänger des Jüdischen geben würde, im, Gegenteil, sie machen hier eine bedeutende Anzahl aus, aber alle sind zerstreut, ohne jeden Zusammenhang. Zu einem praktischen Zusammenarbeiten kommt es nicht. Dem muß unbedingt abgeholfen werden. ~ Wir haben deshalb, als die einzige Korporation in Oesterreich, die den Kampf für das Jüdische-auf ihre Fahne geschrieben hat, beschlossen, einen R e.i ch s v e r b an d zur Pflege der jüdischen Sprache zu gründen, um dadurch alle Anhängcrdes Jüdischen zur gemeinsamen Arbeit zu vereinigen. In jeden Orte, wo" auch nur 10—20 Anhänger unserer-Muttersprache existieren, soll'eine Ortsgruppe gebildet werden. Diese Ortsgruppe soll in erster Linie'ihre Tätigkeit auf ihren Deimatsorte erstrecken. Sie soll durch Vorträge, durch Veranstaltungen,' - durch Errichtung einer jüdischen Bibliothek und- Losehalle das gemeinsame Ziel zu erreichen streben. Durch Vereinigung aller Ortsgruppen zu einem gemeinsamen Verbände soll aber dieausgedehntere Tätigkeit, die Herausgabe und Förderung jüdischer Werke, die Unterstützung -jüdischer Schriftsteller und Künstler,'die Sammlung und Herausgabe von Volksliedern, Sagen usw. . ermöglicht und' erleichtert werden. ' Nur auf diesem Wege, werden wir endlich praktische Erfolge erringen. Der Verband soll jede politische Tendenz ausschließen; sein Zweck ist ausschließlich die Pflege der jüdischen Sprache. In diesem Ziele müssen -sich alle' mit ihrem Volke mitfühlenden Juden, vereinigen; dieses Ziel soll ein Einigungsmittel für alle national-bewußten Juden sein. Jeder Freund des Jüdischen muß es als seine Pflicht erachten, diesem Verbände beizutreten und fürseme Tendenzen zu arbeiten. Die Statuten des Verbandes, sowie die der Ortsgruppen liegen in .unserem Vereinslokale: II.,. 'Floßgasse 9, Parterre, jedermann zur Einsicht auf. Wir sind auch zu jeder Auskunft' und. Hilfe bereits und bitten wir in allen den geplanten Verband betreffenden Angelegenheiten sich an unsere obige Adresse wenden zu wollen. Au alle unsere Gesinnungsfreunde' ergeht auch gleichzeitig die- Aufforderung, uns in kürzester Zeit nützuteilen, ob in ihrem betreffenden Wohnorte die Gründung einer . Ortsgruppe möglich und ausführbar ist, damit die nötigen Vorarbeiten geleistet werden können. Inden! Es tritt an euchein entscheidender .Augenblick heran. Ihr mützt endlich zeigen, daß ihr ein lebendiges und schaffendes Volk seid. Ihr müßt zeigen, daß euch die Zukunft eueres Volkes am Herzen liegt.. Akademischer Verein „Jüdische Kultur" -in Wien. I. Hellmann. cand. pbil. M. Schorr, cand. phil. > derz. Präses. derz. Schriftführer. - Wien. November 1908. Herbst . . . Aus dem Jüdischen des Sch. I. Jmb er übersetzt von Ch. Kraft (Sereth.) Es breitet der Herbst fich über die Felder, . ..., In finsteren Stuben schwebt die Not . . Die Bäume sterben, es welken die Blätter, Und bleiche Kinderchen schreien nach Brot ... . In warme Länder fliegen die Vögel, Sie fliegen in eine bessere Welt . Es bleichen die armen Kinder vor Hunger, Und zitternde Lippen beben vor Käst ... v Im Garte« die Rosen, die roten hat alle Begraben der Wind und der brausende Sturm. Im Bette liegt die totkranke Mütter Und nährt an der Brust den säugenden Wurm ... Es seufzt der Vater, beugt de» Rücken, Es werden der Mutter Augen rot ... , Es breitet der Herbst fich über die Felde»-, . In finsteren Stuben weint die Not-. . . Chan«kabescher»ng. " Klein-Zirele hieße das Schwesterkind — Wenn ich ein Schwesterkind hätte — Chanuka nachts mit der Eisenbahn, Käme just der Onkel an Und träte zum Kinderbette. Klein-Zirele schläft, Klein-Zirele träumt " Und lächelt mit rosigen Wangen. Es ist wohl gerade ein Engelein " Mit Blumen und Früchten und Sonnenschein Durch seinen Traum gegangen. Nun sachte ans Werk, Frau Schwester, hilf mit! Der Tisch wird Hum /Bett.getragene-,-,.. .. Wir bauen einen mächtigen Berg Aus Apfelsinen und Zuckerwerk. Drauf tront ein Puppenwagen. > Im Channkaleuchter, das erste Licht, Ist träge und will nicht flimmern. Drum' pflanz' ich fünf prächtige Lichterreih'n . Rings in den süßen Berg hinein. Hei, wie die Wände schimmern! > Hei, ist da das, wonnige Kind erwacht Und jauchzt und klatscht in die Hände! -Ich heb's.aus dem Bett, es kichert und singt . Und trillert und zwitschert und tollt und' springt, Der. Jubel hat kein Ende. \ Klein-Zirele hieße das Schwesterkind Ja — wenn ich ein Schwesterkind hätte... - Otto Abel es. Das Handtuch. Von M. D. Riwkin. Aus dem Russischen übersetzt von Frieda Stock.. Zeitlich stütz nahm der Schames Asriel aus dem unteren Fach des Synagogenschränkes ein langes, reines Handtuch aus grober Leinwand mit ungleich eingesäumten Enden, stieg auf eine Bank und zog es vorsichtig durch einen schwarzen Eisenring durch, der hoch oben in der Nähe der Tür befestigt war. Er strich, das beim durchziehen zerdrückt gewordene Handtuch glatt, stieg von der Bank herunter und goß ans einem in der Nähe der Tür sichenden Eimer Wasser in den breiten, verrosteten Waschbecken, der mit zwei Hähnen versehen war. Dann stellte er ächzend die Bank auf ihren alten Platz beim Ofen, trat langsam, zur Seite und betrachtete aufmerksam die sorgfältig aufgeräumte Synagoge. . Es war noch sehr zeitlich; der Gottesdienst sollte erst in einer Stunde beginnen und außer Asriel befand sich noch niemand im Bethause. Am Fußboden zogen sich im Zickzack feuchte Streifen, die durch begießen entstanden waren, da Asriel erst die Staubwolken beseitigen mußte, bevor er sie mit dem breiten Birkenbesen auf die Straße hmauskehrte.