Neue Zeitung
- Journal
- Neue Zeitung
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 13 (30.11.1906)
- Date
- 1906-11-30
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 13 Neue Zeit un g Behagen verspeiste, manchmal aber verflieg sie sich in ihrer Freigebigkeit zu wertvollen Gegenständen wie Knöpfe, bunte Tuchreste rc. von denen ich eine ganze Sammlung besaß, an deren Vollendung ich große Hoffnungen knüpfte. Ich wollte mir damit ein Geschäft eröffnen. . Es ist nicht dazu gekommen. Die alte Frau ging noch mit ihren 80 Jahren nach Amerika zu einem fast vergessenen Sohn und ließ mich mit einem tiefen Schmerz und einer halbfertigen Raritätensammlung zurück.-- — - Die Geschichte unserer Bekanntschaft datiert von einem Jom-Kippur her. Während die Gemeinde in tiefer Andacht das Sündenbekenntnis hersogte, benützte , ich einen günstigen Augenblick, nm aus der Kinderabteilung, in der zu weilen ich als Schande empfand, zu verschwinden. Ich ging, hinauf zurFrauengallerie. Dort sah ich meine nachmalige alte Freundin. Ich muß gestehen, daß sie mir im ersten Moment nichts weniger als anziehend erschien. . In einer Ecke der hintersten Reihe, auf einem durch die rings bezahlten Sitze zum „Rachmonesplatz" gestempelten Sessel, sah ich ein zusammengekauertes, altes Weiblein, mit dem in diesem Tempel ganz unbekannten „Scheitel" — weiß Gott, wie sie sich in die reformierte Synagoge verirrt hatte— welche erbärmlich schluchzte, während sie voll Reue sich an die Brust schlug: oschamira, bogadnu . ... sie, die jedoch in ihrem ganzen gerechten Dasein keinen Anlaß zur Reue finden Sie erregte auch großes Interesse. Man liebte in unserm Tempel diese Art von Gebet nicht, man kanntesie gar nicht, hier verkehrte man gewissermaßen 7 salonfähig mit dem lieben Gott. Und nun dieser elementare Ausbruch von Religiosität. Alle Augen richteten sich zur. Ecke hin..Ich selbst blieb auch in der Nähe stehen und schaute erstaunt auf die heftig schluchzende alte Frau. Endlich schien sie zu bemerken, daß sie allgemeine Aufmerksamkeit erregt hatte.. Sie wurde .plötzlich verlegen, hörte auf zu weinen und sandte einen unruhig forschenden Blick ringsherum. Sie bemerkte jedoch nur erstaunte' oder spöttische, Gesichtet Ichf fafj/tote fie itv'emer*'tierlegenen Bewegung die Schultern hochzog und in einer Gangart,- die. mich lebhaft an einen geprügelten Hund erinnerte, zur Türe, hinausschlich. Im selben Moment überkam mich ein tiefes Mitleid. Das Herz krumpfte sich mir in unerklärlichem Weh zusammen. Etwas wie unverstandene Sehnsucht und -unerfühltes Heimweh hatte mich erfaßt. Und in einer plötzlichen Bewegung stürzte ich zur Türe über die breiten Treppen auf die Straße hinaus, wo ich die Alte an der Ecke einholte. Sie blieb auch stehen und sah mich ftagend an. Ich. sah zwei graue, lebhafte Augen, in denen eine Welt voll Güte lag, fest auf mich gerichtet. Und da wurde ich verlegen. Wozu war ich ihr eigentlich nachgerannt? Was wollte ich denn von ihr? Ich stammelte: „Sie haben so schrecklich geweint. Ich glaubte. Ihnen sei etwas." - Und da sie schwieg, wurde ich immer verwirrter. „Vielleicht ist Ihnen nicht wohl? Vielleicht . . . ." Meine Stimme brach plötzlich und eS würgte mich an der Kehle. Da fühlte ich Plötzlich eine -Hand auf meinem Haupt. Zwei alte, welke Lippen berührten meine Stirn und eine helle, freundliche Stimme sagte: „Du hast ein gutes, jüdisches Herz, mein Kind." Das waren die ersten Worte, die ich aus dem Munde meiner alten Freundin hörte, ein "Willkommensgruß, an den ich noch heute mit tiefer Rührung denke, ein Lob, das mich mit tiefem Stolze erfüllte, wie kein zweites. ' Seit jener Minute hatten wir einander lieb.. Seit jenem Tage, an dem ich sie in ihr kleines, armseliges Heim geführt habe, fand ich noch oft den Weg zu ihr. Das war jedesmal eine wahre Freude für mich. In der Schule war ich in der Erwartung .des Abends zerstreut und träumerisch. . Endlich tönte die erlösende Glocke. Mein Feiertag war .angebrochen. Durch enge, schmutzige Gassen, schlecht beleuchtet, führte mich der Weg zu ihrem Hause. Dort, im kleinen Kramladen mit den halberblindeten Scheiben saß sie bei ihrer Tochter, die Hornbrille auf dem äußersten Ende der Nase, den Strickstrumpf in der Hand. Ich klopfte an die Scheibe, und während sie zu mir aufsah, überflog wie ein Sonnenstrahl ein Lächeln ihre Züge. Dann ging sie mir mit raschen, flinken Bewegungen voran ins Zimmer, suchte eine gut Weile die Schwefelhölzchen, die sie immer wieder verlegt hatte und zündete die große, altmodische Stehlampe an, was eine besondere Ehrung meiner Person bedeutete. Und dann kamen seltsame, glückliche Stunden. Sie erzählte mit leiser Stimme und singendem Tonfall, an den ich mich erst gewöhnen mußte. Sie stammte von weit her „dort hinten aus Polen", wie sie mit einer Geste anzudeüten versuchte. Dort hatte sie gelebt, in einem kleinen, jüdischen Städtchen, ganz unter Juden. Ihr Mann war „Melamed", was sie nie ohne einen gewissen Stolz erzählte Er starb sehr jpng. Not und Verhältnisse, zwangen sie die Heimat zu verlassen, in eine deutsche Stadt zu gehen „wo die Menschi keine Pajes tragen", wo sie nicht an Gott glauben wollen und wo sie den armen, polnischen Juden über die Achsel anschauen. Manchmal erzählte sie von ihrer Jugend, von ihrer Hochzeit. Was das für eine Hochzeit war. Ich staunte mit großen Augen. Und drei Tage und drei Nächte wurde bewirtet und getanzt. Und sie schüttelte bedauernd den Kopf. Draußen sperrte die Tochter den Laden zu. Die Riegel kreischten mißtönend. Auf der Gaffe wurde es immer stiller. Eine tiefe Ruhe herrschte im Zimmer. .Im Lehnstuhl saß eine alte Frau und lächelte in der Erinnerung an alte Herrlichkeiten, da ihre Wange weiß und glatt und ihre Augen noch frisch und glänzend waren. „Geh jetzt, hescholem, heim mein Kind." Und gehorsam stand ich auf um mich von der stillen, schweigsamen Tochter nach Hause führen zu lassen. . Ich verdanke meiner alten Freundin sehr viel. Sie war die erste, die in meinem Herzen alles was gut und jüdisch, war, weckte. Eine Saite - brachte - sie inmemer -Seele zum .klingen und tief in mein Herz pflanzte sie die Liebe zu meinem Volk und seinen Eigenschaften. Es war nicht alles richtig und übereinstimmend, was sie mir da erzählte, aber sie gab es mir aus einer tief empfindsamen Seele heraus wie ein Gedicht wie ein Märchen als etwas wunderbar Schönes und Gewaltiges. Sie war eine Dichterin und sie kam aus dem Märchenland des Judentums.— aus dem Osten. Monate vergingen. Unsere Freundschaft war die alte geblieben. Ich hatte diese Me Zärtlichkeit der Alten in mich ausgenommen und glaubte sie nie entbehren zu können. Ich war stolz auf diese heimliche Liebe, auf dieses süße und ernste Geheimnis, das ich vor meinen Alters Genossinnen voraus hatte. Und da kam der Tag des Wschieds. Ein Freitag abend, , der letzte. Es war ein milder Herbstabend,- Ich erinnere mich noch, als ich durch den leeren Kramladen schritt, daß ich das Empfinden hatte, als ob jemand gestorben wäre. Das Zimmer war alt und unwohnlich geworden. In der Mitte einsam der Tisch, auf demselben standen die Sabbathkerzen. Meine alte Freundin stand davor, die Hände vor dem Gesicht und zwischen den Fingern tropften schwere Tränen. Ihre Lippen murmelten den Segenspruch. Ich blieb an der Türe stehen, um sie nicht zu stören und in scheuer Ehrfurcht vor dem allgewaltigen Schicksal, das eine Greisin noch einmal in den Kampf rief. Damals überkam mich zum erstenmale die furchtbare Mahnung an unser Geschick und an das ewige Wandern Ahasvers. Die alte Frau aber drehte sich zu mir um. Ich schritt langsam und gesenkten Hauptes zu ihr hin, damit sie mich zum letztenmale segne. Korrespondenz der Redaktion. Herrn Josef Tin K. Wir antworten auf die Angrijfe des Blattes nicht, da wir uns durchaus nicht beleidigt fühlen. Die Herren sollen-schreiben, was sie wollen, wir erfüllen unsere Pflicht. Herrn I. D. in Wien. Daß die Deputation bei Herrn Dr. Stern keinen freundlichen Empfang fand, ist wahr. Daß er ihr aber die Tür gewiesen habe, ist eine geflissentlich verbreitete Unwahrheit, wie so manches andere, was in der letzten Woche kolportiert wurde. PATENTE Ingenieur- und Patentanwalt J. Knöpfeimacher Telephon 22132. Wien. IL. Praterstrasse 37. Oberkantor JOSEF BASSER XX., Wintergasse 29 empfiehlt sieh dem P. T. Publikum auf Grund seiner erworbenen Autorisationen Von anerkannten Aerzten als sehr praktischer Mo hei, ^112-Operateur, asssi Bei Unbemittelten ohne .Honorierung, rmsm . zur Gymnasialmatura Hochschüler ' zu Prüfungen vor und unterrichtet Autodidakten. Spezialfächer: Philosophie, Physik, Mathematik. Adr.: M. M. Universität, Wie». Lehrer Julius Muschel beehrt sich hiermit die höfliche Mitteilung zu mache», er am 2. Dez. 1906 seine vom hohen k. fc. n.-ö. 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