Neue Zeitung
- Journal
- Neue Zeitung
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 12 (23.11.1906)
- Date
- 1906-11-23
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr/ 12 Neue Zeitung Wie ich mir die heiligen Dinge dachte, weiß ich schon nicht, verworren ist es genug gewesen. Nur dessen entsinne ich mich, daß ich vor zwei Todesengeln gezittert habe, von einem erfuhr ich durch den Lehrer, daß er tausend Augen habe und ein Schwert in der Hand halte. Da man mir sein Antlitz nicht beschrieb, nahm ich des Rebben bleiches, knochiges Gesicht hinzu. Seine spitze Nase, seine stechenden Augen, sein zerzaustes Haar und den Bart. Das Schwert ließ ich dem Todesengel in der rechten Hand und in die Linke gab ich ihm den Rohrstock. Mit diesem, pflegte der Rebbe oft meiner Genossen magere Achseln zu traktieren. Den zweiten — oder besser gesagt — die zweite Todesbotin, lernte ich durch meines Bruders Amiye kennen. Sie pflegte beständig fromme Lieder zu singen, lang gezogen, weinerlich, weich, so daß es mir recht ans Herz ging. 'Gar oft Pflegte sie sich heranszustehlen und mit gerötetem Gesicht, Tränen in den Augen und an allen Gliedern zitternd, zurückkommend, sang sie mit trauriger, dumpfer Stimme, wie aus einem Grabe, ein. Lied vom Todesengel. Das ist wie gesägt — eine Frau, mit weißem Linnen angetan. Sie lauert in der Luft und wen sie mit ihrem Linnen bedeckt, dem näht man morgen das Totenhemd.. Manchmal flattern ihre Tücher über ein . ganzes Dorf oder eine Stadt— dann entsteht eine Seuche. Wäre das Linnen nicht — sie selbst ist keine häßliche Erscheinung: blaue'Augen, langes, hellseidenes Haar... . Im selben Jahre, am Neujahrstage, nahm mich der Vater zum erstenmal zum Beten mit. In der Schul angekommen, erblickte ich die weißgekleidete Gemeinde und ich begann zu zittern; der Vater aber, der es nicht bemerkte, ergriff mich bei der Hand und schleppte mich zur Ostwand. Er setzte mich neben sich nieder und reichte mir das ausgeschlagene Gebetbuch. Ich konnte meine Augen von dem weißen Linnen nicht abwenden und das Schluchzen, das .von der Weiberschul zu hören war, erschütterte mich tief. Später erblickte ich'den Lichterwald vor der Bundeslade, rechterhand vom Vorbeter und ohne mir davon Rechenschaft geben zu können, erschrack ich noch mehr und schmiegte mich fester an den Vater an. „Du bist von der Hitze ermüdet, armer Kleiner," sprach dieser, „ruhe ein wenig". Gehorsam streckte ich mich auf der Bank aus, den Kopf in des Vaters Schoß geborgen. Die Augen schließend, ward ich ein wenig ruhiger. Bald war ich eingeschlafen und hatte einen wunderlichen Traum. Ich lag krank darnieder und Vater und Mutter, standen über mein Bett gebeugt. Die Mutter hielt sich ein Tuch vor die Augen, nur Kopf und Schultern bewegten sich zitternd. Dem Vater liefen Tränen über die eingefallenen Backen. Von da glitten sie auf den breiten blonden Bart herab und auf die Brust. Im Winkel standen zweiAerzte, die mich nur ein wenig betrachteten, und sich dann auf lateinisch berieten, mich von der Seite anblickend. Gott weiß, denk ich, was für ein salzig-bitteres Fläschchen sie mir jetzt verschreiben! Ich will es aber so gar leicht nicht machen. Für den vollen Kaffeelöffel wird mir die Mutter ihre feiertägige Vorstecknadel leihen müssen. Und fiir den ganzen Eßlöffel will ich des Vaters Silbergürtel mit dem goldenen Käppchen vom Passach-Seder.... Ich mußte wohl im Traum viel jünger gewesen sein, da es mich danach so sehr gelüstete. Plötzlich aber bemerkte ich, vor dem Fenster, das ich vom Bett aus sehen konnte — zwei Gestalten .... cm der rechten Seite des Fensters stand die Todesbotin in weißem Linnengewand — links wachte der Todesengel mit den tausend Augen und dem Schwert in der Faust. Jetzt gewährten sie einander, erschracken beide, einer vor des andern Anblicke und verschwanden. Vor Schreck glaubte ich zu ersticken. Das Blut erstarrte mir, unter den Nägeln schmerzte . es wie von Nadelstichen und die wenigen Haare, die mir nach dem Typhus geblieben waren, stellten sich steil auf, als wollten sie entlaufen. Man bemerkt meine Lage, Vater und Mutter und die Aerzte eilen herbei. Plötzlich.... wird mir finster vor den Augen. Hat man mir die Augen mit der Hand bedeckt, konnte man denn vor dem Tode die Laden verrammeln? Oder bin ich ohnmächtig? Wäre ich vielleicht gar tot? Kaum war ich mit diesen Fragen zu Ende, veränderte sich der Traum auch schon ... Ich bin nun ein Gestorbener. — Beide Todesboten entführten mich über Berg und Tal, Wald aus Wald ein. Zu fragen, wohin man mich wohl bringt, wage ich nicht. Sie sind beide so schrecklich anzusehn, ich zittere davor, nur die Lippen zu bewegen. Und ich weißauch nicht, ob ein Toter reden darf und es vermag. Es ist sicher, daß ich ins Paradies komme — tröste ich mich. — Ich bin ein Guter gewesen und mußte so jung schon so viel leiden. Niemanden zwar erwies ich Wohltaten, doch welche Wohltaten sollte ein kleines Bübchen ausüben? Doch zur Sommerszeit, bei schönem Wetter, da man mich auf einem Lehnsessel zum Fenster genickt hatte, pflegte ich den Vöglein Futter zu streuen: Semmelstückchen, Krümmchen Brotes, manchmal auch Fleischfasern, wenn ich selbst gerade gegessen hatte... In diesem Augenblicke wurde ich über einen grünen Wald getragen, wo die Vöglein wohnen. In den Zweigen sitzen sie, in ganzen Reihen und singen im Chor: „Dis, dis, Paradies, ein Guter bist du gewesen, hast uns armen schwachen Vöglein Futter gestreut . ... Gott steh mir bei, vielleicht in die Hölle hinein? -mahnt das beklemmte' Herz und im Augenblicke ändert sich die Gegend, der Wald entschwindet und ich fliege zwischen schneebedeckten Bergen ... . kein Zeichert von Leben ringsum.. . es bläst so kalt, es leuchtet alles in starrem toten Lichte. Und plötzlich zeigt sich ein Schwarm schwarzer Krähen, mit feurigen Augen schrein sie: In die Hölle hinein, zur Hölle hinein! Uns hat er niemals Futter gestreut!. . . Und das war die Wahrheit, vor Krähen habe ich mich immer gefürchtet. Einmal schlug sich eine Krähe, .sicher vom Hunger getrieben, bis zu unsern Fenstern durch und klopfte an die Scheiben... . In der Stube aber, auf dem Fensterbrett lag Brot... Zwar bin ich allein und krank in der Stube gelegen, aber ich hätte doch rufen können, man möge die Arme retten, aber aus Furcht vor der Krähe hielte ich mich unter der Decke versteckt. Als der Winter vorüber und der Schnee abgegangen war, hat man unter dem Fenster eine tote Krähe gefunden... Jetzt lassen wir uns. hinab und abermals wandelte das Landtschaftsbild. Wir fliegen über ungeheure Felsen, die starr und schrecklich die Wasser der Hölle bewaschen. Wir umkreisen die Felsen und lassen uns endlich zu einer Höhle herab. Meine Begleiter lassen mich eintreten, sie selbst lagern sich, um am Eingänge zu wachen; die Todesbotin auf der einen, der Engel auf der andern Seite. In der Höhle ist es finster, nur auf dem feuchten glitschrigen Boden tanzt flüchtig ein Lichtschein, gerade so wie ich es bei uns im Keller sah, da mich der Diener zum Neujahrsfeste mitnahm, um eine Flasche guten Weines zum Kidusch zu holen. Der Lichtschein gemahnt mich sogleich an daheim . . . . Und ich beginne zu grübeln: wie es wohl jetzt dort sein möge? Hat mich der Vater schon vergessen? Und die Mutter, denkt sie noch an mich und an mein Grab? Und wer sitzt auf meinem Bänkchen bei Tisch? Und wer kriegt die gute Leber' vom Fisch? Und ich muß bitterlich weinen... Jetzt blicke ich nach meinen Wächtern... Herr der Welt was ist das? Der Totenwächterin war das weiße Linnen entglitten. Wo ist das seidene Haar, wo die blauen Augen? .. Ein rotes Trinkergesicht mit halbkahlem Schädel... der Kopf wakelt und die Nase, die doch nicht so gar lang ist, stoßt allemal an die Flasche, die sie zitternd in Leiden Händen hält.. Ich betrachte sie genauer. Das ist doch sie, sie, meines Bruders Amme! Geschwind wende ich mich zu dem Zweiten. Wo sind die 1000 Augen? Wo ist das Schwert" Da sitzt mein Rebbe und raucht die Pfeife.. Ein Aug' hat er zu, das zweite will e schließen.... Träume ich denn? Plötzlich öffnet die Todesbotin ein Auge und stellt auf gut slavisch die Frage: Nun, sage dem Rebben, mein Junge, wie man die Körner aufpickt? Der Todesengel antwortet nichts, ein Lächeln huscht über sein Antlitz und beide schlafen ein Sie schnarchen, und ich benütze die Gelegenheit, um zu entlaufen. Ueber Berg und Tat, Wald und Feld geht es und endlich komme ich zu einer Stadt... Ich blicke um mich — es ist meine Stadt! Aber so still ist es im ganzen Städtchen, wie ausgestorben! Alle Buden, Türen, Tore und Läden geschlossen . .. Was ist geschehen? Ich will in unsere Gasse laufen, da begegnen mir einige Weiber in weißen Röcken mit blauen Blumen in den Haaren und verweinten Gesichtern . . . Mit einem Ruck besinneich mich: es ist rosch haschono, und die Weiber schwänzen die Thoravorlesung, um die Kinder zu nähren und nach den Kranken zu sehn... Meine Mutter pflegte dies auch alle Jahre ' o zu tun, und ich eile gleich znr Schul. In die Weiberschul einzutreten hindert mich Angst uni die Mutter. Sicher würde sie in Ohnmacht fallen, wenn sie mich, ihren toten Sohn erblickte, und so tief, daß sie schwer zu erwecken wäre. Ich will zum Vater gehn. Ich bin schon im Bethaus, aber keiner sieht mich. Im Borübergehn berühre ich den einen und den. andern — keiner fühlt es. Ich aber habe keine Zeit, auf all dies zu achten, ich laufe zur Ostwand, stehe schon dem Vater gegenüber . . . Mer^auch er sieht mich nicht! Da ich ihnc sein Gebetbüchlein verrücke, blickt er mit erstauntem und ein wenig erschrecktem Gesicht auf, rückt es zurecht und spricht dann weiter, dem Vorbeter nach. Ich sitze neben ihln, er fühlt nichts -er fühlt mich nicht, trotzdem ich mich an ihn schmiege, ihn, auf dem Bänkchen stehend, auf den Mund küsse, ., Und da ich mich jetzt fest an ihn drücke — sieht er mich doch nicht und fühlt mich nicht ... . ich bin abgestorben für die Welt, für den Vater sogar . . . Und mich schüttelt ein schreckliches Weinen und ganz nahe an die Wand rückend, vergrabe ich meinen Kopf in Vaters Schoß und ein Schluchzen überkommt mich....,. Der Vater aber weckte mich und führte mich als einen Kranken nach Hause. Korrespondenz der Redaktion. Herrn Josef Krippl in Stryj. Die Adresse lautet: Wien, VII/1, Neubaugasse 57. PATENTE P ■ Ingenieur- und Patentanwalt 4 J. Knöpfelmacher Telephon 22132. Wien. II.. Praterstrasse 37. Oberkantor JOSEF BASSER XX., Wintergasse 29 empfiehlt sieh dem P. T. Publikum auf Grund seiner erworbenen Autorisationen von anerkannten Äerzten als sehr praktischer Mohel, ^TC-Operateur. ranm Bei Unbemittelten ohne Honorierung, mmmm JV |-|V>4l geprüfter Lehramtskandidat, bereitet l-'l P“li., zur Gymnasialmatura Hochschüler zu Prüfungen vor und unterrichtet Autodidakten. Spezialfächer: Philosophie, Physik, Mathematik. Adr.: M. M. Universität, Wien. Lehrer Julius Muschel beehrt sich hiermit die höfliche Mitteilung zu machen, daß er am 2. Dez. 1906 seine vom hohen k. fc. n.-ö. Landesschulrate autorisierte Privat-Sehule für Knaben n. Mädchen Erste Wiener Privatanstalt für Nachhilfe und Wiederholungsunterricht, Lehranstalt für Erwachsene Wien, II/1, Große Sperlgasse Nr. 3» eröffnen wird. PELZWÄRE! Größte Okkasion. Infolge meines Geschäftspriazipes: großer Umsatz, kleiner Nutzen, bin ich in der angenehmen Lage Pelzstolles, Pelzmufte etc. zu den staunend billigsten Preisen zu verkaufen. 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