Neue Zeitung
- Journal
- Neue Zeitung
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 12 (23.11.1906)
- Date
- 1906-11-23
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Weite Sei tu ng Nr. l?v. dem Schutze dieser Fiktion einen verderblichen Druck auszuüben ... Wenn sich das Judentum nicht endlich doch Hilst, indem es sich in erster Linie von der schlauen Taktik seiner Sterne emanzipiert. Gewiß ist die Einheit Israels etwas, wovon gerade wir, die wir die ftn-tgeschrittene jüdische Volksidee vertreten, nicht abstehen dürfen. Wer wir wollen sie nicht bloß ein Wort sein lassen, was sie gerade dann ist und bleibt, wenn die bestehenden Unterschiede offiziell ignoriert und im Geheimen wohl beachtet werden. Wir wollen keine erfundene Einheit, indem wir etwa den bestehenden Unterschieden verbieten, zu bestehen. Wir wollen die lebendige Einheit, die trotz aller Unterschiede durchbrtcht, die Einheit des Gemeinsamen, ob man nun diese Gemeinsamkeit in Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft sucht. Für diese wahre und einzig mögliche oder besser einzig wirkliche Einheit bedeutet die unfreiwillige Wirkung der vielbesprochenen David'schen Predigt einen großen Erfolg. Denn sie hat das Wiener Ostjudentum aus seinem Schlafe aufgerüttelt, hat ihm Gefühl für seine Würde und Eigenart gegeben, und das nützt dem Judentum überhaupt: Schon dadurch, daß den Gemeindegewaltigen Unterdrückungsobjekte fortgerrommen werden. Dann nnd hauptsächlich aber deswegen, weil das Ostjudentum, auf europäischen Zivilisationsboden forterhalten und sortentwickelt, aus das Westjudentum im jüdischen Sinne wohltätig einwirkt, während es, in Zersetzung geratend, dieses mit seiner Zersetzung ansteckt. Doch es ist erst ein Anfang geschehen. Noch haben die Ostjuden alles zu leisten. Noch haben sie durch Entschiedenheit ebensowohl als durch Maß ihre Reife zu erweisen: Die Gefühle und die Eigenart der Westjuden haben sie peinlichst zu schonen. Den Leitstern der gesamtjüdischen Solidarität dürfen sie nicht aus dem Auge verlieren. Und in der Ruhe des Starken sollen sie ihre kulturellen Anlagen spielen lassen, um aus friedlichen Wege zu einer würdigen Stellung in der jüdischen Gemeinde vorzudringen. Gelingt dies den Wiener Ostjuden, dann wird der Vorfall, der so viel Aufregung und Erbitterung geschaffen hat, zum Segen für sie, für die Gemeinde und für die jüdische Gesamtheit werden. Inden und Unthenen Mit der Beendigung der Arbeiten im Wahlreformausschusse ist die Wahlreform auch schon gemacht. Denn das Werk war so schwierig und so kompliziert, daß eine Aenderung auch nur in einen: gmrz unbedeutenden Punkte die ganze Arbeit umstoßen würde, weshalb an ein Rütteln an den im Ausschüsse zustande gebrachten Gesetzeswerken bei den Beratungen im Plenum des Abgeordnetenhauses gar nicht zu denken ist. Dies ergibt sich nicht nur aus der Sache selbst, sondern auch aus verschiedenen Aeußerungen der Regierung und hervorragender Politiker, welche jetzt aufgetauchte Wünsche nach neuen Mandaten, so der Polen nach einem Mandate in der Bukowina und der jüdischen Polen nach Vermehrung ihrer Mandate mit wenig Aussicht auf Erfolg vertröstet haben. Wird die Bilanz der Wahlreform aus den: Gesichtswinkel gemacht, was sie den Nationalitäten Oesterreichs gebracht hat, so ergibt sich, daß Jgden nnd^sttrrthenen am schlimmsten davon gekommenIind, während die Wünsche oer üörrgeir Nationalitäten möglichst Berücksichtigung fanden. Unter diesen zwei am wenigsten bedachten Völkern Oesterreichs sind die Juden allein durchaus leer äus'gegangen, während die Ruthenen immerhin eine größere Vertretung als bisher erwirkten, so das; sie auf dieser Grundlage weiterbauen können. Die Juden allein aber müssen von vorne anfangcn. Es ist durchaus keinem Zufall zuzuschreiben, das; gerade diese zwei Völkerschaften, die in ihrer überwiegendsten Mehrheit Galizien bewohnen, eine so stiefmütterliche Behandlung erfahren haben. Denn beide Völker hatten es mit der Allmacht der Polen zu tun und diese Allmacht wollte die Mandatszahl der Ztuthenen auf das geringste Maß Herabdrücken, die Juden aber als Volk überhaupt nicht anerkennen. Die Juden wurden mit der Phrase abgefertigt, daß sie Polen seien und daher einer besonderen Vertretung nicht bedürfen. Die Wahlbezirke mit überwiegend jüdischer Bevölkerung wurden ausdrücklich; als polnis che Wahlbezirke in Anspruch genommen und zugestanden. Sie bilden einen Teil der den. Polen gewährten 88 Man- Bei der Uebermacht, die der Polenklub per nekas im Reichsrate erlangt hat, war ein anderes Resultat gar nicht zu erwarten. Es ist auch keineswegs ein Zufall, daß es gerade ein ruthenischer Abgeordneter war, der bei der ersten Wahlreformdebatte im Abgeordnetenhause dem Gedanken, bei Umformung des Wahlrechtes die Juden besonders zu bedenken, Ausdruck gab. Denn auch die Ruthenen in Galizien sind sich dessen voll bewußt, daß die Polen ihre Uebermacht in: Lande und damit hen Löwenanteil an den Reichsratsmandäten nur mit Hilfe der Juden erlangen konnten. Es mußte ihnen daher besonders daran gelegen sein, die Juden zumindest nicht auf Seite der Polen zu sehen. Von diesem Gesichtspunkte aus will ich die Bemerkung des Wgeordneten Romanczuk, daß seine Anregung lediglich ein Ausfluß' seines Rechtsgefühles sei und daß er die Juden nicht brauche, gelten lassen. Denn, was man wünscht, glaubt man Es ist also klar,'- daß Juden und Ruthenen vor allem ein gemeinsames Interesse daran haben, sich vom Drucke der Polen stei zu machen. Für die Frage , der Stellung der Juden im künftigen Reichsrate ist fast ausschließlich das Verhalten der galizischen Juden maßgebend. Denn dieses Land ist das judenreichste Land des Staates; die Juden bilden dort eine kompakte Masse, sie repräsentieren beinahe in allen Städten wandt. Die letzten paar Jahre haben auch dem jüdischen Drama vieles gebracht. Eine große Anzahl von jüdischen Schriftstellern beginnt sich mit mcchr oder weniger Erfolg auf dem Gebiete des Dramas zu versuchen: David Pinski, Scholem Aleichem, Schalom Asch u. a. Asch hat auf diesem Gebiete vielleicht von allen die meisten Erfolge errungen. Sein Drama „Zurückgekommen" wurde vor Jahren ins Polnische übersetzt und in Krakau aufgeführt, wo es großen Beifall erntete und mehrmals aufgeführt wurde. Mit seinem Drama Messias Zeiten", das aus dem Manuflripte ins Russische übersetzt wurde und mehr als 600 Aufführungen erlebte, in Petersburg, Atoskau und auf anderen russischen Bühnen, hat er einen durchschlagenden Erfolg errungen. Und doch sind seine Dramen nur stimmungsvolle Skizzensammlungen, es fehlt ihnen die bindende Handlung. Das ist sicher ein Fehler, denn ein Drama soll eine einheitliche Handlung darstellen. Allein das Publikum kennt diese theoretische Forderung nicht und gerade die neueste Zeit zeigt, das; Dramen, die mit wenig Handlung eine gewiffe Stimmung hervorbringen oder gewisse Tendenzen vertreten, große Erfolge erringen. Es ist ein modernes Bestreben auf der Bühne nicht nur Handlungen zu bringen, sondern anch Stimmungsbilder darzustellen. Schalom Asch ist, ein zu den größten Hoffnungen berechtigenderDichter. Er hat in der kurzen Zeit seines literarischen Wirkens starke Talentproben abgelegt. Ob dieses stellenweise noch turbulente Talent, das manchmal die Grenzen des Erlaubten überschreitet, sich klären, ob er nicht das Schicksal vieler moderner Schriftsteller teilen wird, die aus Erfolgsucht, alle künstlerische Grundsätze aufgeben, das wird die Zukunft zeigen. Und hoffen wir, daß es ihm gelingen wird, sich selbst zu bezwingen und sich zum Heile der jüdischen Literatur vorwärts zu entwickeln. Vielleicht gelingt es ihm auch, das jüdische Theater, das ihn bis jetzt fast gar nicht aufgeführt hat, zu heben und mit modernem Leben zu erfüllen. Auf Schalom Asch ruhen sehr viele Hoffnungen unserer jungen, so rasch aufblühendeu und reichen jüdischen Literatur. Josef Weißmann. die Mehrheit der Bevölkerung und in Ostgalizieu auch eine ansehnliche Minderheit auf dem Lande. Die anderen Provinzen Oesterreichs kominen nicht in Betracht, weil die Juden überall nur verschwindende Minderheiten ausmachen. Demnach können die Juden in Galizien eigene Abgeordnete. durchbringen und überdies in Ostgalizien durch ihre Stimrnen entscheidenden Einfluß erlangen. Wenngleich die konzedierten sieben Wahlbezirke mit überwiegend jüdischer Bevölkerungszahl weder der Seelenzahl noch der kulturellen und wirtschaftlichen Bedeutung - der Juden Galiziens entsprechen, so müssen die Juden vorläufig mit der Tatsache rechnen, daß -sic b l o ß sieben Mandate haben. — Sie müssen aber gerade deswegen die Zahl voll ausnützen, nur I u d en wählen und sich keinesfalls von den gleisnerischen Lockungen des Herrn v. Glombinski, die Mandate an P o l en j ü d i s ch e nB e k e n n t n i s. s es zu vergeben, beirren lassen. Dieser polnische angebliche Demokrat hat seine Judenfreundschaft ganz sonderbar durch die These illustriert, daß es keineswegs ausgeschlossen sei, daß aus denr euren oder dem anderen der so gebildeten Wahlbezirke ein Pole n i ch t j ü d is ch e n Bekenntnisseshervorgehe, wobei er gleich Stanislau, einen der größten jüdischen Wahlbezirke, von Vorneherein für einen nicht jüdischen Polen wegeskamotiert sehen .möchte!! Diese allgemeinen Bemerkungen schließe ich mit dem warnenden Zurufe an meine Volksgenossen in Galizien: Wählet in allen Wahlbezirken mit jüdischer Majorität Juden und nicht jüdische Polen und legt ihnen nicht die Verpflichtung auf, dem Polenklub beizutreten! Nun will ich die Frage erörtern, ob und mit wem sich die Juden sowohl in der künftigen Wahlkampagne, als auch fiir die nächste Legislaturperiode vereinigen sollen. Das „ob" unterliegt keinem Zweifel, da die Juden allein zu chwach sind, um eine größere Bedeutung beanpruchen zu können. Daß aber die Bundesgenossen nur die Ruthenen sein können und dürfen, will ich wie folgt begründen: Politische Bündnisse schließt man bekmrntlich. nicht mit - dem Herzens sondern mit dem Verstand. Man verbündet sich mit demjenigen, der zumindest ein gleiches Interesse daran hat, den Bund zu schließen und der dem Bundesgenossen die besten und wenigstens gleiche Vorteile bietet. Soll ferner der Bund Bestand haben, und nicht ein leoninischer sein, so müssen die Kontrahenten gleichwertig sein, zum wenigsten einander für gleichwertig erachten. Es muß endlich die Freiheit des Willens auf beiden Seiten ebenso vorhanden sein, wie bei Abschluß eines Vertrages privatrechtlicher Natur. Wenn sich nun die Inden die Frage vorlegen, ob der Bund, den sie bisher mit den Polen geschlossen haben nnd der noch anhält, den Leitmotiven, die ich eben angeregt habe, entspricht, so müssen sie die Frage verneinen. Denn, wie ich in meinem Artikel „Jüdische Polen"*) dargetan habe, hat das Aufgehen der Jndeu im Polentum, also ihr Polentunr ihnen nicht nur keinerlei Vorteile, sondern bloß Nachteile gebracht. Die Lage der Juden in Galizien ist so trostlos, daß sie schlimmer nicht gedacht werden kann. Also fehlt vor allem der Vorteil der Juden bei diesem angeblichen Bündnisse. Der Nachteil aber besteht schon darin, daß sie sich hiedurch dem Hasse der anderen Nationalität aussetzen, deren Bedrückung nur mit Hilfe der Juden möglich ist. Der Vorteil kommt allein den Polen zugut. Daß aber die Polen die Juden nicht für gleichwertig und überhaupt nicht für wert erachten, habe ich ja in meinem ersten Artikel dargetan. Die Polen brauchen die Stimmen der Juden und nehmen sie, ohne den Inden irgend etwas hierfür zuzuwenden. — Sie behandeln sie als Heloten und nie als gleichwertige Volksgenossen. Am allerwenigsten aber ist die Freiheit des Willens auf Seite der Juden vorhanden, denn sie geben nur darum ihre Stinnnen den Polen, weil sie dazu durch die Uebermacht, die die Polen im Lande erlangt haben, gezwungen wurden. Für den Bund mit den Ruthenen aber ist vor allein das bereits oben festgestellte gemeinsame Interesse, sich vom vernichtenden Drucke der Polen zu besteien, maßgebend. Rrrthenen und Juden sind bisher von den Polen ganz einfach an die Wand gedrückt worden. Vereint werden sie den * Nr. 7 der „Neuen Zeitung".