Neue Zeitung
- Journal
- Neue Zeitung
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 11 (16.11.1906)
- Date
- 1906-11-16
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 11 Neue Zeitung „Palästina". — Satzungen des Pflanzungsvereines „Palästina". — Palästina und Rachbargebicte. Zeitschrift für Demographie »nd Statistik der Inden. Hcrausgegeben vom Bureau für Statinik der Juden. Berlin-Halensee. Redaltion: Tr. Arthur Jtuppui. November 1906. Inhalt: I. Abhandlungen. 1. W. Smelianski. Jaffa. Die jüdische Bevölkerung in Jaffa. 2. Dr. Arthur Ruppin, Berlin. Ergebnisse der Volkszählung in Preußen. 3. Arnold Wadler, München, Die Inden in Serbien. 4. Doktor Jakob Thon. Berlin. Schulbesuch christlicher und jüdischer Kinder in Baden. II. Statistisches Archiv. Jahresbericht der Jewish Colonisation Affociation. Die Zahl der Inden in Tripolis. Einwanderung der Juden nach Argentinien. Austritte und llebertritte znm Judentum in Deutschland im Jahre 1904. Monatsschrift d.cr Ocstcrrcichisch - Israelitischen Union. Wien. Oktober. Inhalt: Die mährischen Landtagswahlen. — Dr. Paul Nathan. Die Zukunft der russtschen Inden. — Dr. Isidor Daniel. St. H. ChamberlainS Grundlagen des 19. Jahrhunderts. — Mitteilungen der „Oestcrreichisch-Jsraelitischen Union." — Aus unsere», Rechtsschutz und Abwehrbnreau. — Korrespondenzen. — Aufruf. Ukrainische Rnndschau (Vormals: „Ruthenische Revue". Monatsschrift. Herausgeber: Reichsratsabgeordneter Basil Ritter v. Jaworskyj. Redakteur: Wolodymyr Kuschnir. W:en. Oktober. Inhalt: Die österreichische Parlamentspolitik und die Polen. Bon P. 9t. — Die Idee des historischen Polenstaatcs als Grundlage der sozialen Reaktion. Bon Osyp Turhanskyj. — Indische Politik in Galizien. Von Osias Waschitz. — Die Fälscher der östentlichen Meinung. Von Wolodyniyr Kuschnir. — Die Folgen des österreichisch-russischen Zollvertrages für die ukrainische Literatur. — Der Jäger. Eine Erzählung von Osyp Fedjkowytsch. — Bilder ans Galizien. — Socii dolons. — Im sondergcstellte» Galizien. — Aus der polnischen Presse. — Bibliographie. IUrrsronen einer Mutter. Erzählung von M. Spector. Ans dem Indischen von I. Heitmann. (Schluß.) ' lll. In der „Langegasse" in Warschau, wo der große Ballsaal sich befindet, sah man Wagen vor- und abfahren. Diesen entstiegen dekolletierte Frauen und Mädchen und elegante Herren. Der Saal war voll. Die Musik spielte, Herren und Dainen tanzten. Diejenigen, die nicht tanzten, sprächen über das Brautpaar, über das „Glück", das Regina Weißstein gemacht habe. Ein schöner, junger Mann, voll Leben, gebildet und klug, besitzt ein ansehnliches Kapital, das er allein..verdient, hat und. „macht gute. Geschäfte.. Plicht einmal viel Geld bekommt sie mit. Im Ganzen 10.000 Rubel. Heutzutage ist es sehr schwer, mit so toenig Geld eine „gute Partie zu machen". Ein armer, junger Doktor, ohne Praxis, verlangt jetzt 15.000 Rubel. Es ist zwar wahr, Regina ist schön, wohlerzogen, gebildet — doch wie viel schöne, gut erzogene, gebildete Mädchen gibt es, die mehr Geld haben und — sitzen. . . . So sprachen besonders die Mütter, welche erwachsene Töchter hatten. Die Braut saß obenan; zu ihren beiden Seiten Frauen und Mädchen. Gitel, im Seidenkleid mit den großen grünen Atlasblumen, wies man den Platz zwischen zwei sehr dekolletierten Damen an. Gitel mochte das nicht ansehen, konnte es. nicht ertragen, daß Frauen, welche Männer und Kinder haben, in so schamlosem Aufzug auf eine Hochzeit kommen! Außerdem konnte sie die schrecklichen Gerüche, der Puder, Pomaden und Parfüms nicht vertragen, mit welchen sie sich ihre halbnackten Körper, das Gesicht und sogar das Haar geschmiert und begossen hatten. Diese Düfte betäubten sie. Sie saß zwischen beiden Damen wie gebunden, gepreßt und konnte sich nicht rühren. Sie wollte gern den Platz verlassen. Doch wohin sollte sie. gehen? Wo sollte sie, des Bräutigams Mutter, sich setzen, .wenn nicht in der Nähe der Braut? Doch da saßen halbnackte Frauen! Einen anderen Platz einnehmen — wo? Bei der Tür? Das geht doch nicht an. Und so sitzt sie weiter zwischen den Leiden dekolletierten Damen. Sie starrt ins Leere und sieht einen vollen Saal mit dekolletierten Frauen und Mädchen. Gitel wird es immer schlimmer zu Mute, sie ist einer Ohnmacht nahe. „Nun denn, wenn die Mädchen sich derart kleiden — denkt Gitel — ist es verzeihlich. Junge Kinder. Ein Mädchen ist gefallsüchtig und muß gefallen, obwohl eine jüdische Tochter ihren bloßen Leib nicht zeigen darf! Doch was soll man heutzutage machen, insbesondere in einer so ausgelassenen Stadt wie es Warschau ist; aber die jungen Frauen und Mütter, welche Gatten haben und Kinder und die niemandem mehr zu gefallen brauchen, wo ist deren Ehrgefi'chl, wie schämen die sich nicht vor Leuten, vor ihren eigenen Kindern, auf eine Veranstaltung ha-.bnackt zu kommen? Wie ausgelassene „Schickses" in einer Schenke! Jüdische Töchter, deren bloßen Leib die vier Wände nicht „sehen" dürfen, kommen so auf eine Hochzeit! Da mag die heutige Welt zugrunde gehen!" Nach der Trauung, welche im Zimmer vollzogen wurde, ging man zu Tische. Gitel mußte wieder zwischen jenen Damen Platz nehmen, von deren Geruch ihr übel wurde. Ihr war so schlecht und sie war so niedergedrückt, daß sie nichts essen konnte. Der Mund war ihr verschlossen und die Augen übervoll. . Nach Tisch verließ Gitel ihren Platz und setzte sich ans Fenster. Doch bald hat sie die Mutter der Braut (ebenfalls dekolletiert) erblickt, ging auf sie zu tmd faßte sie bei der Hand, indem sie „Warum sitzen Sie denn da, warum nicht „oben an"? „Ich möchte gern hier ausruhen." „O nein, nein, setzen Sie sich doch dort", fuhr jene fort, nahm sie bei der Hand und führte sie auf ihren sicheren Platz. Lange, lange sitzt sie dort, wie in einem Gefängnisse. Sie möchte gern ihr Herz ansschütten, oder wenigstens mit jemandem einige Worte sprechen, doch es -ist niemand da, mit dein sie hätte sprechen können. Die Kapelle spielt, Pärchen tanzen — Gitel wird es schwindlig vor den Augen, ihr Herz pocht heftig, der Kopf wird ihr schwer und sie fällt vom Sessel . . . „Die Alutier des Bräutigams ist ohnmächtig!" hört man durch den Saal rufen. „Wasser! Wasser!" Man bringt Wasser; ein Arzt, der gerade dabei ist, läßt sie in ein anderes Zimmer bringen und labt sie. Die Braut, der Bräutigam, die Mutter der Braut und die beiden Damen, zwischen welchen Gitel saß, stürzen ins Zimmer, rufend: „Was ist Ihnen? Ruhen Sie ein wenig aus! Wie fühlen Sie sich? Vielleicht rnöchten Sie etwas Limonade?" „Ich danke, danke. Ich will nichts, will nur ein wenig ausruhen, denn ich sichle mich matt." Gitel blieb allein im Zimmer; sie atmete leichter, das Kopfweh ließ nach. Sie fühlte sich wie einer, der vom Gefängnis befreit wird; nur im Herzen hatte sie einen großen Kummer. Den Tränen, welche sie bis jetzt zurückgehalten, gab sie freien Lauf und weinte laut. Die Musik hörte nicht zu spielen auf. Sie vernahm deutlich das Klopfen der Tänzer, die Ausrufe des Arrangeurs. Der Boden zitterte unter den Tanzenden. Gitel hörte nicht auf zu weinen; sie hielt mit allen Kräften das Schluchzen zurück, damit sie niemand störe. Seitdem ihr Gatte gestorben war, hatte sie nicht so sehr geweint. Allmählich hörte sie zu weinen auf, wischte die Tränen aus den Augen, saß nachdenklich auf dem Bette und sprach zu sich selbst all das, was ihr durch den Kopf schoß: „Besser, daß er (der Mann) früher gestorben ist und dieser „schönen" Hochzeit nicht beiwohnt, daß er nicht dieses „auserlesene" Vergnügen von seinem Jüngsten hat. O! hätte ich's nicht erlebt!. Eine„Chuppe"*) war das! Vier Stäbe im Zimmer, erade geeignet zum Spott, zur Nachäffung und ie Hochzeit ist vorbei! . . . Bei Tische werden nicht die sieben Segenssprüche gesagt, kein jüdisches Wort wird gehört, kein jüdisches Gesicht, kein Minjan Juden vorhanden, sondern lauter goische, rasierte Gesichter und ein volles Zimmer mit nackten Frauen und Mädchen, nicht zum anschauen. Lieber hätte Mojschele eine arme Waise heiraten sollen, dann hätte ich weniger Schande und Schmerzen gehabt. Gitel erinnerte sich an ihres älteren Sohnes Hochzeit und an das Vergnügen, das sie damals hatte: Etwa 400 Frauen führten sie am Samstag vor der Hochzeit in die „Schul", den Bräutigam zu „bewerfen." Dann das „Vorspiel" und erst die Trauung! Das Brautpaar wurde mit großem Pomp zur „Schul" geführt. Bon der „Schul" bis nach Hause wurde getanzt. Tann kam das Hochzeitsmahl mit der „goldenen" Suppe, wobei der Chasen mit dem Chore die 7 Segenssprüche sang. Jedermann wünschte Gitel viel Glück, daß sie die Hochzeit ihres Jüngsten erleben und viel Freude von ihm haben möge, -sie tanzte mit jedem Verwandten. Ihr Honigkuchen und ihre Mandelbeugel wurden von allen gelobt. Und als sie erst ihre Schwiegertochter in der Perrücke als *) Trauung. „Frau" sah, da si'chlte sie die wahren Freuden einer Mutter bei der Hochzeit ihres Kindes. Aber da, da blicb alles, was sie zuhause gebacken und mitgebracht, im Koffer. Niemand verlangte was von mir; die Perücke werde ich gleichfalls nach Hause führen müpen oder hinauswerfen, denn Mojschele sagte, das; es nicht nötig sei, es passe nicht.' Tie silbernen Leuchter nahm die Braut mir schamroten Antlitz, wie wenn Gitel sie beleidigt hätte und die Frauen und Mädchen ringsum spotteten: „Regina hat man Leuchter zum Benschen gegeben! ha, ha, ha!" . . . Das Brautpaar und die Eltern kamen ins Zimmer und fragten nach Gitels Befinden. Sie wurde dadurch in ihren Gedanken gestört. „Wir wollen nach Hause fahren. Die Gesellschaft zieht sich bereits zurück", sagten sie. „Schon ist die Hochzeit vorüber", sagten sie weiter, „alles im Leben geht schnell vorbei." Gitel erinnerte sich wieder daran, daß man bei Abrahams Hochzeit die gange Stacht hindurch getanzt, die ganze Woche bis zum nächsten Samstag lustig verlebt hatte. Tags darauf verließ Gitel Warschau, traurig und niedergeschlagen, wie man vom Friedhof zurückkehrt, wo man sein liebstes Kind, ein Stück Ich, zur ewigen Ruhe gebracht hat. . . . Im Waggon sitzend, tröstete sie sich mit folgenden' Gedanken: „Gut wenigstens, daß Beile und State, Awrom und Jossel nicht gefahren sind! Niemand wird den großen Schmerz kennen, den ich tief im Herzen trage." Gitel kam nach Hause; ihr Gesicht war verdüstert. Als sie nach" Warschau fuhr, sah sie mit 20 Jahren jünger aus, als sie zurückkehrte, mit 20 Jahren älter! ... Humor und Salyre. Zweierlei Chassidim. Große Aufregung am Hofe des Rebbeu, iveil dessen kostbares „Streiniel" gestohlen wurde. Der Rebbe läßt Mottel, den Ches der Stadtdiebe, kommen und verspricht ihm gute Belohnung, wenn er das Streimel wieder zu Stande bringt. Dieser meint nun aufrichtig: Rebbe, wenn es einer von meinen Chassidim gestohlen hat, dann bekommt Jhr's zurück. Sollte es aber einer von euren Chassidim gestohlen haben, dann kann ich nichts tun. Grund znm Hasse. — Warum hassen die „Israeliten" die „Pojlischen"? — Weil diese sie crinneni, daß sie Inden sind. Bsn-Uewi. Beschlagen. Reb Feitel las mit seinem Sohne die «Pessach Hagodo«. In das Büchlein war ans Bcrsehen ein Blatt aus den »Lsliobojss« (Bußgebetei eingeklebt. So lasen nun die beiden, wie folgt: „Das sind die zehn Plagen, die Gott über die Egypter in Egypren gebrachr hat: — Wir haben gesrevelt, wir waren treulos, wir habe» geraubt..." Und so weiter, das bekannre Sündenbekenntnis. „Vater," meinte der Sohn, „mir scheint, daß es Heuer mehr Plagen wie sonst sind". „Du hast Recht, mein Sohn. Heuer ist eben ein Schaltjahr." (Das bekanntlich 13 Monate zählt.) Höchstes Lob. Reb M e i r: Nun, wie seid Ihr mit Eurem Schwiegersohn zufrieden? Reb Jossel: Mit meinem Schwiegersohn? Ah! Reb M e i r: Also sehr zufrieden? Reb Jossel: Was soll ich Euch viel erzählen? Er ist wie Schiller, wie Mojsche rabbenu, wie Gott! Reb M e i r: Seid Ihr vernicht? Reb Jossel: Gar nicht veirückt. Schiller hat kein Jüdisch gekonnt, er kan» auch kein Jüdisch: Ilojscbs rabbenu hat kein Deutsch gekonnt, er kann auch kein Deutsch; Gott ist kein Mensch und er ist auch kein Mensch. (Jüdische Redeivendung. um einen unbrauchbaren Menschen zu bezeichnen). A m TjI lVT Tp erwirkt und A. JL -Hi 131 JL _Hi verwertet Ingenieur- und Patentanwalt J. KnÖpfeimacher Telephon 22132. Wien. II.. Praterstrasse 37. Oberkantor JOSEF BASSER XX., Wintergasse 29 empfiehlt sieh dem P. T. Publikum auS Grund seiner erworbenen Autorisationen Von anerkannten Aerzten als sehr praktiseher Mohel, ^ms-Operateur. MMM» Bei Unbemittelten ohne Honorierung. aaHM