Neue Zeitung
- Journal
- Neue Zeitung
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 9 (2.11.1906)
- Date
- 1906-11-02
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 9 Neue Zeitung Seite 7 Marg n.l i e s, der den Abend leitete, begrüßte die , Teilnehmer aufs Herzlichste und erteilte Herrn Adolf - Böhm das Wort zu seinen Ausführungen über „Unsere Ziele in Palästina". Herrn Böhms schwungvolle Rede wurde von der gutbesuchten Versammlung mit größtem ' Beifalle ausgenommen. — Das Referat über „Unsere - Arbeit in Palästina" mußte wegen plötzlicher Erkrankung des Herrn Dr. Leopold M e i f e l wegfallen. — In -äußerst 'humorvoller Weise sprach Herr A. Grajewskk ' aus Jerusalem über die Verhältniffe in Palästina von einst und jetzt. — Die jüdische Jugend sei direkt zu - Schnorrern herangezogen worden. Heute zögen die jungen Leute ans den Städten in die Kolonien, wo sie als tüchtige Arbeiter ihren Lebensunterhalt finden. Wie früher, den Araber die schwere Arbeit verrichten lasten, das gebe es jetzt nicht mehr. Denn mit Freude gingen diese echten Nationaljudcn in die Arbeit. — In den Kolonien sei die Umgangssprache fast ausschließlich hebräisch und dieses hätte sich zu einer modernen Sprache entwickelt. Sogar die Bücher der Geschäftsleute werden hebräilch geführt. Die Schule für Kunstgewerbe und Hausindustrie „Bezalel" sei trotz ihres kurzen Bestandes ein Segen für Palästina. Nach Herrn G r a j e w s k i s Rede wurde der Abend unter Absingnng des „Aud lau owdoh" geschloffen. Donnerstag den 25. Oktober fand eine öffentliche Vereinsversammlung der „O e st e r r e i ch i s ch-J s r a e- -l i t i s ch e n 11 n i o n" statt. Aus dem Berichte des Sekretärs Fleischer sind die interessanten Mitteilungen über einzelne Rechtsschntzangelcgenheiten hervorzuheben. Das Hauptinteresse des Abends konzentrierte sich auf das Referat des Herrn Dr. Alexander M i n tz über die „gegenwärtige politische Situation des Judentums". Der Redner holte weit aus, indem fer die Lage der Juden in allen Staaten Revue postieren ließ. Dann kam er auf die österreichischen Verhältniffe zu sprechen und bemühte sich objektiv zu sein. Mit Schärfe sprach er sich nur gegen die jüdisch-„konfestionelle" Schule und gegen den „Jargon" als das „Ghetto" aus. Auch hob er das deutsche Knlturelemeut hervor. Im ganzen empfahl er eine Jnteressenpolitik und ein Bündnis zwischen Assimilantcn und Zionisten, welchen der Abscheu gegen das „Ghetto" gemein -sei. Diese Aussührnngen stießen auf großen Widerspnich, dem nun die meisten folgenden Redner Ausdruck verliehen. Dr. S ch a l i t ineinte, daß der Referent feiner Abficht, die Gegensätze zu versöhnen, mit seiner Rede wenig gedient habe und vertrat mit großer Wärme und Geschick den national-jüdischen Standpunkt. Ebenso Dr. Weise ng r ü n, der mit gewohnter Verve und Schärfe gegen Dr. Mintz sprach. Dr Adolf Stand ans Lemberg — der übrigens ebenso wie Dr. Straucher vom Vor- -sitzenden speziell begrüßt ivnrdc — bestätigte seinen heimatlichen Ruf als Redner ersten Ranges. Es waren Hiebe gegen das bisherige System, welche saßen. Und er 'wußte der in der Rede des Herrn Dr. Mintz und einer nächstfolgenden des Vorsitzenden Dr. Schreibe r zutage getretenen Minderivertniig des ostjüdische,i Elenientes -ordentlich zu begegnen. Er kam auch auf eine Unterredung, die er vor ber.Brody-Zloczowcr»Wahl..,mit,Sekre-;. tär Fleischer hatte, zurück und aus einer verschiedenen Darstellung durch die beiden Beteiligten ergab sich viel Kampfstoff sür die Versammlung. Endlich kam es -zu halbwegs versöhnlichen Erklärungen und Dr. Birnbaum konnte zu Worte kommen. Er wendete sich hauptsächlich gegen die Darstellungen die Dr Mintz in Sachen der „konfestionellen Schule" und des „Jargon" gegeben, und sprach gegen den Vorschlag des Dr. Schreiber, eine Vertretung der jüdischen Religionsgesellschast im .Herrenhause anznstreben und in dieser Vertretung eine politische Kraft zu sehen. Dr. Mintz hatte das Schlußwort. Die Versammlung war aber schon so erregt daß einige unfreundliche Zwischenrufe genügten, einen Sturm zu erzeugen. Es kam zu unerquicklichen Szenen und die 'Versammlung mußte geschlossen werden. So ging man allseits unbefriedigt nach Hause. — .— Die Stärkung des Magens ohne Medizin. Der moderne Mensch verdaut infolge der stärkeren Nervenreizungcn viel schlechter als unsere Vorfahren. Darum empfiehlt es sich, schwerverdaulichc Fette zu meiden und in der Küche nur das reine Ceres-Speisefett zu vcrivenden. Ceres-Speisefett ist kein Surrogat, sondern das reine und unverfälschte Fett der Kokosnuß und nach den Untersuchungen des Herrn Professors Schattenfroh der Universität Wien äußerst leicht verdaulich und wohlschmeckend. Verdaunngsbeschwerden sind bei Genuß von Ceres-Speisefett gänzlich ausgeschlossen. Mn geschiedenes Ehepaar. Aus dem Jüdischen des Schalom A s ch ins Deutsche übersetzt. Jls che heißt das Städtchen. Klein ist es; die Häuser drücken sich aneinander, als ob sie ein Geheimnis verbergen wollten. Und ganz weit und ausgedehnt breitet sich der Himmel darüber aus und blickt von der Höhe auf die Menschen herab, welche zwischen den Häuschen herumwandeln. Der Himmel, sagen viele, ist überall gleich. Aber ihr werdet cs selbst zugeben, den Jlscher Himmel hat Gott eigens für das Städtchen bestimmt — dein Städtchen gehört er. Ganz genau ist es ihm vorgeschrieben, daß er sich von dort, hinter dem christlichen Friedhofe bis weit hinter dem Berge, welcher jenseits des Städtchens ist, hinzieht. Vorgeschrieben ist ihm, daß seine Mitte sich genau vor der „Schul" befinde. Wollte man den Himmel messen, so würde inan sich überzeugen, daß das Fähnchen von der Schul genau in der Mitte des Himmels steht. Ja, absichtlich ist es so, damit der Himmel alles Zudecken, alles schützen kann« sogar den christlichen Friedhof. Waren sie, doch Jlscher Christen und ein Jlscher Christ, das müßt ihr wissen, ist ein frommer Mann, hält mehr von Schäbbos wie von Sonntag — kann sich, ja nicht anders helfen, da gerade Samstag alle Läden gesperrt und Sonntag offen find. Sogar der Jlscher Stadtwächter ist mehr Jude als Christ: er richtet sich viel mehr nach dem jüdischen Kalender, als nach dem seinigen.sogar seine Montur zeigt den rein jüdisch-Jlscher Glanz, auch seine Mütze und seine Wzeichen; ja, was noch mehr ist, au der Spitze der Kirche kann," man etwas Jüdisches bemerken: Das Rädchen und das Kreuz, welches an der Spitze ist, zeugen' von der Geschicklichkeit Nochum-Meiers . . . . Es wird euch also nicht wundern, wenn der Himmel auch ihren Friedhof bedeckt. Der ganze Jlscher Himmel ruht doch auf dem bißchen Toralernen, welches vom . kleinen Bejß-hamidrosch empordringt; und wenn die Bauern nicht arbeiten würden, könnten ja die Juden nicht sitzen und die heilige Tora lernen. Jlsche, das müßt ihr wissen, hat eine Eigenschaft, die keiner Konkurrenz unterliegt. Hier gibt es von allem nur je eines: einen Row^), einen Dajon'), einen Rabbi, hingegen zwei Schächter — nur ist einer von ihnen ein Chason^) — einen Bal-haboth^) und einen Chossid, einen reichen Mann und einen Bettler, sogar einen Verrückten und Narren. Von allen Sorten von Krüppeln besitzt es auch nur je einen. Auch einen „Deutsch" gab es hier einmal, aber nur einen, ein Feldscher war es; er starb aber und seit damals sehnt sich Jlsche nach einem „Deutsch" .... Doch diesen Mangel füllt Chaskel Michal's aus, der jeden Feiertag zu seinen Eltern kommt. Chaskel Michals war einmal ein Bejß- Hanridrosch-Bochur. Er heiratete just ein Mädchen aus Jlsche und bekam auch ein Kind von ihr. Plötzlich kommt ihm ein närrischer Gedanke und er fährt nach Warschau. Nach Hause kehrte er „deutsch" gekleidet zurück. Der Schwiegervater beginnt zu lärmen, die Frau weint und man schleppt den Abtrünnigen zum Row. Das Wasser in Jlsche hat einen Namen, man kann deshalb die Scheidung hier aussprechen?) ' Die Frau weint Und läßt sich scheiden: Das Kind ist bei ihr geblieben, er ist zurück nach Warschau. Und jeden Feiertag kommt er nach Hause zu seinen Eltern. Im Städtchen wird zwar gemunkelt, daß sich das Pärchen noch zugetan ist, aber das ist nicht wahr. Die Frau kann seinen Namen nicht nennen hören, sie will nur deshalb nicht neuerdings heiraten, weil sie das Kind ein wenig älter lassen werden will. An einem Sabbat nachmitrag war es. Jlsche hatte seine Tore geöffnet und sein bißchen Vermögen auf die Straße hinausgeführt. Jede Frau, die nur etwas besaß, jedes Mädchen, das nur irgend ein Putzding versteckt hatte, ging in Putz spazieren. Auch im Putzen und Spazieren hat Jlsche seinen besonderen Chic. Der Gang jeder Frau und jedes Mädchens ist würdevoll, eigenartig/ gleichsam als sagte er: Siehst du, ich habe mich geschmückt und gehe spazieren, um Jlsche mit meiner Schönheit zu erhellen. Vor einem Hause steht Chaskel Michal's, tin hoher junger Mann mit einem schwarzen Hute auf dem Kopf. Das Hutband ist mit dein Band der Brille, welche keck auf seiner Nase sitzt, verflochten und an einem Knopfe des Ueberziehers befestigt. Er steht und blickt mit einem Lächeln auf die Spazierenden. Kinder umgeben ihn, schauen ihn vom Kopfe bis zu den Füßen an, die älteren Leute stehen entfernt. Einer, Kopf und Bart voll Federn, und mit einem Schnurrbarte, der noch die Spur vom eingetrockneten roten Wischnak") trägt, steht da und deutet mit dem Finger auf ihn. Mädchen und Frauen werfen Blicke hinüber und eilen verschämt vorbei. Manche möchten auch zeigen, daß sie keine Kleinstädter sind und schauen ihm gerade ins Gesicht. Und er schaut, lächelt, zeigt die Miene eines großstädtischen Schauspielers, der einen kleinstädtischen Leierkastenmanu sieht. Und plötzlich ist, wie vom Himmel herabgefallen, ein kleines fünfjähriges Mädchen auf ihn ') Rabbiner. -) Unterrabbiner. 3) Chasoii, Vorbeter. *) Bal-haboth-Bürger. '") Rituelle Voraussetzung der Scheidung. *) Wechselwer. zugetreten, in einem roten Kleidchen mit weißer Schürze. Es streichelt seine Hand und ruft schmeichelnd: Väterchen, Väterchen! Chaskel Michals umarmt das Kind, hebt es auf, drückt es an sein Herz und küßt es mit — Siehst du, Väterchen, — sagt das Kind — Mutter hat gekauft — und es zeigt auf das neue rote Kleidchen, in welchem es gekleidet ist, und auf das weiße Schürzchen und auf die schwarzen Schuhe. Und er streichelt das Kind: — „Mein Töchterchen, mein Kind, mein Leben .. .." „Mutter hat gewaschen, gekämmt und zu Vater geschickt," — sagt das Mädchen, die Aeuglein zum Vater erhebend und zwischen den schmalen, roten, zusammengezogeneu Lipplein zeigen sich zwei Reihen weißer Zähne. Die Haare haben leicht über dem dünnen Hälschen gezittert. Er schweigt und streichelt das Kind. Hinter einem Tore, das gerade gegenüber ist, steht eine junge Frau und blickt durch eine Spalte hindurch. Sie sieht wie Chaskel das Kind streichelt, so weich, so väterlich und wie das Gesicht des Kindes, von Freude erhellt, zum Vater aufblickt. Die Mutter empfindet Freude. Bald aber entwindet sich das Kind den Armen des Vaters, es will zu Boden. Ein Seufzer ertönt im Stillen. — „Väterchen, komm!" zerrt das Kind den Vater beim Arm. Chaskel Michals nimmt das kleine Kind bei der Hand und geht mit ihm spazieren. Die Sonne hat sich allmählich hinter die Berge gesenkt und ist dort zwischen den blauen Inseln verschwunden. Eine leichte Wolke hat auf dem Himmel geschwebt und dort über den Bergen sind weißliche Wolken vergoldet worden; vergoldet auch die Spitze der Ruine, die auf dem dem Berge steht. Chaskel geht langsam mit dem Kinde, Schritt für Schritt und streichelt das lockige Köpfchen. Hinter dem Tore steht die junge Frau, sie schaut ihnen nach und lächelt; der Vater mft dem Kinde gehen vor dem Tore vorüber. ' Die junge Frau ist schnell hinter der Einfriedung, neben dem Tore, verschwunden und sieht nur noch verstohlen dahin. Sie sind vorbei gegangen! — Die junge Frau zeigt sich wieder, ihr gerötetes Gesicht, das unter der Perrücke') hervorschaut, lächelt glückselig. — „Siehst du, Väterchen, da wohnt Mutter! Komm!" — sagt das Kind, den Vater beim Aermel zerrend. Er ist still geworden und das Kind fest bei der Hand haltend, ist er weiter gegangen. Das Kind hat sich plötzlich umgewendet und hat die Mutter vor dem Tore erblickt. Es zerrt den Vater beim Aermel: „Väterchen, Väterchen — die Mutter, die Mutter!" — und es zeigt mit dem Finger auf die Mutter.... Fast ohne zu wollen hat Chaskel sich umgewandt und seine frühere Frau erblickt. Einen Augenblick sind sie stehen geblieben und haben sich in die Augen geschaut. Bald haben sich aber beide an etwas erinnert. Sie ist schnell hinter dem Tore verschwunden, und er ist, das Kind krampfhaft bei der Hand haltend, mit schnellen Schritten weiter gegangen. — „Väterchen, Väterchen, — die Mutter, die Mutter dort —" Korrespondenz der Administration. Wir bitten die Monatsabonnenten, das Abonnement mittelst beiliegenden Erlagscheines rechtzeitig zu erneuern. Bei dieser Gelegenheit machen wir aufmerksam, daß das MonatSabonncment 60 Heller (nicht öo Heller), das Llnartalsabonncment K. 1.60 (nicht K. i.50) beträgt. Wir bitten jene Empfänger von Probenummcrn, die unser Blatt abonnieren wollen, dies ungesäumt zn tnn, da ihnen sonst die weitere« Nummern nicht mehr zugeheu. Z Bei den ortodoxen Juden darf eine verheiratete Fran nicht die „eigenen Haare" ttagen. . Wegen Raummangels mußten diesmal ein Teil der Bereinsanzeigem, Lyrisches und die Rubrik „Humor und Satyrc" wegbleiben.