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Neue Zeitung · 1906-10-19 · Heft 7 (19.10.1906) · p. Seite 7

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Journal
Neue Zeitung
Volume
1906
Issue
Heft 7 (19.10.1906)
Date
1906-10-19
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 7 Neue Zeitung Seite 7 Als die Balbattim sahen, daß auch derRow entgegengehe, vergaßen sie ihre Feindschaft gegen die Chassidim und freuten sich im Herzen: Ein Rebbe kommt in die Stadt, Chassidim wollen hier Sabbat feiern, die Stadt wird zu Wohlstand kommen. Auch sie nahmen die Sabbatröcke und schloßen sich dem Zuge an. Und wie die Menge immer größer wurde, ließen die Handwerker die Arbeit im Stich, die Krämer ihre Läden und alle zogen dem Rebben entgegen. Auch Christen mischten sich darunter. Von Reb Jezechiels Hof kam Nathan heraus, mit einer Britschka und einem Wagen. Die Pferde waren in ein neues, mit Messing verziertes Geschirr gespannt. Reb Jezechiel saß mit Söhnen und Enkeln in dem einen Gefährte, Reb Josef, der zweite Kompagnon mit Söhnen, Schwiegersöhnen und Enkeln im andern. Als sie aber sahen, daß der ganze Haufen zu Fuß ging, stiegen auch sie vom Wagen herab und gingen mit. Die Felder zu beiden Seiten, als wüßten sie, daß sie einem einzigen Gotte zugehören, verwischten ihre Grenzen. Über die Wiesen strich ein Windhauch und die Gräser wogten, ein Meer grliner Wellen. Woge über Woge. Dazwischen zogen sich verstohlen schmale ausgetretene Feldwege. Mitten auf der Flur, verloren auf der Haide, standen hohe verwaiste Bäume, vereinsamt im niedrigen Gehölz, wie eitle Narren hochnäsig über ihre Umgebung schauend. Einsam wiegten sie sich und beteten allein. Zwischen den Feldern dehnte sich stumm die Landstraße, von hohen Alleen urnsäumt. Die Zweige, die erst vor kurzem ihre grünen Knospen auskeimen ließen, verflochten sich zu dichten Laubkronen. Die Menge zog des Weges daher. Unterwegs begegnete man den Lehrern mit den Chederschülern, die Lag Beomer zu Ehren querfeldein spazierten. Die jungen Helden, Pfeil und Bogen in der Hand, mischten sich unter den Heerbann, der dem Rebben entgegenzog. Die Chassidim schaarten sich zusammen, einer legte dem andern die Hand auf die Schulter, sie hielten sich bei den Händen und bildete» eine Gemeinde in der Gemeinde. Sie machten keinen Unterschied, wer-zu'einem Rebbeirpilgerte oder zum anderen. Wem es einfiel, faßte den andern beim Gürtel, packte ihn bei der Hand und einer fand sich zum andern. Kinder liefen dazu, drängten sich vor die Füße, erwischten den Vater beim Gürtel, beim Kaftan und ließen sich schleppen. Und irnmer mehr und mehr schwoll die Menge, von allen Seiten kamen Juden, schlossen sich an und ballten sich-zusammen und begannen mit erhobener Stimme den Psalm zu singen: „In der Größe des Gefolges Ruht die Macht des Königs." Die Stimmen flössen zusammen, so wie sich die Seelen vereinigten, eine Stimme quoll aus tausend Herzen und hob sich über die Felder und Wälder und weit draußen wo verklang es: „In der Größe des Gefolges Ruht die Macht des Königs!" Hoch oben ergoß sich ein Stück hellblinkenden Himmels in ein zweites. Von allen Enden der Welt segelten behäbig chassidische Wölklein, eines schwebte über dem andern. Dann barst die dunkle Wolkenwelt und durch die Spalten flutete Licht und übergoldete eine grüne Wiese tief unten aus der Erde. Hell hob sich die sonnenbeleuchtete Wiese von den dunkelgrünen, wolkenbeschatteten Feldern. Und so wie unten auf Erden, so flößen plötzlich hoch oben die Himmel zusammen, die hellen Wolken verschwommen ineinander, sie wurden Eines und zogen mit dem Haufen, den Rebben wlllkommen zu heißen. Über die Haide hauchte ein Lüstlein und wiegte die Gräser und die Gräser neigten sich hinter der Gemeinde und die einsamen Bäume schüttelten die Zweige, beteten leise, grüßten von weitem und in der Runde erscholl mächtig der „In der Größe des Gefolges Ruht die Macht des Königs." Der Row und einige wenige Balbattim schlugen einen Seitenweg ein, sie sahen, wie auf der Straße ein Jude sich dem andern verbrüderte, wie sie Eines wurden mit Himmel und Erde, während sie, die Balbattim, die Chewrabrüder ausgespielt hatten, ausgestoßen waren und sie bekamen Respekt vor der großen Einheit, und einer nach dem andern stahl sich fort und ging zu den Chassidim über. Bald erhob sich auf dem Wege eine große Wolke und schien von der Erde zum Himmel meporzusteigen. Vorwärts wälzte sich die Staubwolke, kam immer näher, als wollte sie künden: „Der Rebbe fährt, der Rebbe kommt!" Groß und klein drängten vorwärts, stürzten sich in die Staubwolle, zerrissen sie, zerbliesen sie und ein großer Wagen tauchte hervor. Im Wagen lehnte der Rebbe im weißen Atlasgewande, umwogt von schwarzen Samthüten und Pajes. Ein alter, großer Mann, die Hände über der Brust gefaltet, die Augen verglast" zum Himmel erhoben, und die hohe aristokratische Stirn zog sich von Zeit zu Zeit in strenge Falten. „Scholaum aleichem!" -) Da streckten sich alle Hände entgegen, dürre, lange, blasse, fette, dicke, rothaarige und edelglatte, ein Meer von Händen, und jede Hand schien in der Flut zu ertrinken, eine hinauf, eine hinunter, und der Rebbe drückte jedem einzelnen die Zum Schlüsse rückte der Row heran, gab ihm die Hand: „Scholaum . aleichem". „Aleichem scholaum, wer ist er?"i) * 3) fragte der Rebbe. „Der Row der Stadt." „Der Row der Stadt, gut." „Ich habe Euch das Quittel gebracht", sagte der Row, und reichte es hin. Der Rebbe griff danach, mit seiner bleichen „Dreimal will ich dafür für euch den ganzen Talmud durchstudieren, — es ist meine Mizwoh," stammelte der Row. Mißbilligendes Gemurmel durchlief die Schaar. „Zu welchem Rebben hältst Du es?" lächelte der Rebbe und steckte die Schrift in die Brusttasche. „Zu keinem!" „Zu keinem? Tann darfft du an meinem Tische essen," lächelte der Rebbe. Der Row stand ohne? Antwort da/ Die Chassidim drängten sich dazu, schoben den Row beiseite, und die Menge drückte sich vor, die Hände über dem Kopf, um dem Rebben zu nahen. „Juden, wir wollen Minche beten", sprach der Rebbe, und stieg vom Wagen ab. Hart am Weg lag ein kleines, dichtes Wäldchen. Die Bäume standen wie zu einem Gürtel, verflochten. Der Rebbe voraus, die Menge hinter ihm, verschwand zwischen den Bäumen. Der Abend brach an. Die Sonne blickte durch die Bäume in den Wald hinein, und übergoldete das Grün des Geästes. Der Wald wurde still. Als wäre ein großes Geheimnis hier verstummt, vor langen langen Zeiten. Die Himmel in blauen Fernen neigten sich demütig hinab. Tief im Wald hatte irgendwer einen Baum hingefällt und der Baum sang sein Sterbelied zwischen den Stämmen. Und draußen rings um den Wald hielt die Welt den Atem an und wartete. Auch der Wald wartete. Noch war sein Grün nicht aufgekeimt und hatte erst sein Sprossen begonnen. Die Erde hatte ihre Brust entblößt und das Laub begann den Tau zu schlürfen. Allüberall begann sich das Leben zu rühren, alles harrte der Erlösung des Segens. Die Menge hatte sich im Walde verstreut. Kinder hinter Zweigen, hinter Sträuchen, alle beugten sich tiefernst. Des Rebben Stimme klang durch den Wald und mit der Hand gab er den Worten feierlich Nachdruck. Und bei jedem Baume zitterte eine Seele und jede Seele, die hinter dem Baume stand, betete für ihren Baum und beim Segen sah man das Laub lebendig werden. Und die Bäume wiegten, sich als wollten sie etwas sagen, als wollten sie beten, aber die Bäume blieben stumm. Und die Seele, die sich hinter dem Baume barg, ward ein Fürbitter und der Baum neigte sich mit und stimmte bei. 3) „Friede mit Euch!" Grußformel. 3) „Mit Euch Friede" Antivortgruß. Alles ringsum betete, lobte und dankte Gott, der Himmel näherte sich der Erde, die Erde dem Himmel. Eine Gemeinde Juden, eine Gemeinde Bäume, die Bäume beugten sich mit ihnen, schlugen büßend Zweig an Zweig. Die Gräser wallten hin und wieder, die Vögel schrien von Zweig zu Zweig. Tief im Wald, zwischen dem Gehölze, scholl das Echo, ferne pochte ein Specht, alle Laute tönten zu einem einzigen, vollen Akkord. Ein Gebet, ein Herz, eine Seele. Im Dunkel des Waldes lag der Mglanz Gottes hingebreitet und betete mit. Die Welt und ihr Gott, Gott und seine Welt beteten?) Bald ward alles stumm. Die Bäume richteten sich auf, das Gras stand starr. Tief im Wald wurde der Vogel still und der Widerhall erstarb. Die Welt schien aufzuhorchen. Im tiefsten Walde stand Gott und lauschte der altgekannten Weise von einstens, und des Rebben Stimme weinte durch den Wald: „Deka beschaukor godaul lecheirussejnu.“ Alles schwieg, ein düsterer trauriger Nebel, stieg auf in dem dichtesten Walde, wo Gottes Abglanz ruhte, und von dort schwirrte ein leises Summen über Wald und Feld, und der Widerhall trug es weit und verriet ein tiefverborgenes Geheimnis. Gottes Gruß war es an sein Volk Israel. Der Rebbe hatte sein Gebet beendet. Die Trauernden hinter den Bäumen sagten Kadisch und vielleicht sprachen auch verwaiste Bäumlein den Kadisch für ihre gefällten Eltern, oder waren die Kinder ihre Fürsprecher? Der Rebbe stieg wieder auf den Wagen. Man spannte ihm die Pferde aus. Juden, ganze Haufen, ganze Schaaren legten sich ins Gespann. Kopf drängte sich an Kaps, über den Rädern, an den Rädern, das weiße Gewand versank zwischen Köpfen und Händen, blähte sich wieder empor und vor ihm und hinter ihm wogten Köpfe, wallten Köpfe und eine Stimme, ein Lied. „In der Größe des Gefolges Ruht die Macht des Königs." Hinter dem Zuge kroch ein dunkler, trauriger Nebel" über Wald und Flur und sättigte und tränkte jedes Mäulchen, das sich durstig ihm entgegenstreckte. Das war der Segen des Rebben. Und je näher sich die Menschenwoge zur Stadt wälzte, destomehr Leute kamen hinzu. Weiber, Kinder, Greise kamen entgegen, verschwanden im Gedränge und eine Stimme orgelte ein Lied. „In der Größe des Gefolges Ruht die Macht des Königs." So hielt der Rebbe seinen Einzug. Eine freundliche, verborgene Tauwolke, die aus den Wässern emporstieg, lagerte sich mütterlich mild über die Stadt, als wollte sie sie schützen, zärtlich einhüllen. Und das Städtchen schlief sanft ein. Fern in einem Gäßchen weinte ein Kind. Von Reb Jecheskiels beiden großen Fenstern, die ins Schulgäßchen hinauslugten, strahlten zwei Flammenaugen durch den Nebel, und ein still verträumter heimlicher Sang schwamm durchs Städtchen. Dort war der Rebbe eingekehrt. Gegenüber lagen die Fenster des Beth Hamidrasch in wochentägiger Nüchternheit. Nur sechs schmale Flämmchen flammten durch den Nebel und ein kaltes alltägiges „dehn raehum“ zitterte aus einer heiseren Schneiderbrust. Weit — weit im Gäßchen, verhüllt in Nacht und Nebel, klang eine jugendfrische Stimme: „Nimm die Blumen, gib mir Knöpfe. Nimm die Blumen, gib mir Knöpfe." i) Die Auffassung von der Personifikation des Waldes der Bäume und Gräser, die Belebung der Natur, der Abglanz Gottes als sichtbares Phänomen entspricht der chaffidisch-inystischen Weltanschauung. ATENTE Ingenieur- und Patentanwalt J. Knopfeimacher Telephon 22132. Wien, II., Praterstrasse 37.

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