Neue Zeitung
- Journal
- Neue Zeitung
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 4 (28.9.1906)
- Date
- 1906-09-28
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Nr. 4 ihnen werden muß, als Juden werden muß . Solche.. 160.000 können auf die Dauer nicht niedergehalten werden. Wenigstens in einem Rechtsstaate nicht! Solche 160,000, nicht etwa die 160.000 zer- - fahrenen, richtungslosen,. gleichgiltigen Einzelmenschen, die wir heute sind. Anders müssen wir werden! Besinnen müssen , wir uns! Auf uns selbst müssen wir uns stellen! Wir müssen eine andere Sprache führen lernen! Trennen wir uns doch einmal von den lächerlichen liberalen Phrasen, — Phrasen deshalb, weil keine liberale, geschweige demokratische, oder sozialpolitische Wirklichkeit hinter ihnen steckt! Phrasen, well wir die ungeeignetsten Mittel wählen, um Leben aus ihnen zu machen. Warum verschließen wir die Augen davor, daß wir alle großen Ideen, alle unsere Interessen auf dem Muttcrbodcn unseres Stammes pflegen inüssen, wemr sie gedecheu sollen? Hören wir auf, von Wsonderung zu faseln, wo einfach Selbständigkeit notwendig ist, und von Haß, während uns nur Liebe zu den Unsrigen und Treue zu unserem Volke zu treiben braucht. Hören wir überhaupt mit den vielen Wenn und Aber auf, — wir 160.000. Es ruht ein Kulturschatz in uns, wir brauchen chn nur zu heben, um ein Mttelpunkt modernen jüdischen Lebens zu werden. Es ist eine Quelle materieller Macht in uns, wir brauchen nur zu schöpfen, um uns und unser Mitrecht auf dieseStadt geltend zu.machen. Fort mit den alten fremden Fahnen! Wer uns als Bundesgenossen haben will, muß uns als Juden inst unseren jüdischen Fahnen nehmen. Wer uns bekämpfen will, soll uns als Juden gegen sich haben. Die nächsten Kämpfe müssen uns oder wenigstens unsere ersten Mutigen, in eigenen Reihen finden. Fangen wir an, uns vorzubereiten! Damit wir endlich mit anderer Betonung sagen können: Wir haben gesündigt. Juden «nd Rnthenen. Unter den beliebten Wörtern der Jetztzeit ist das Wort Realpolitik eines der obenanstehenden. Jeder, der sich irgendwie mit öffentlichen Dingen beschäftigt, setzt heutzutageeinen besonderen Stolz darein, Realpolitik zu treiben, bezw. sie von den Leuten seines Politischen Vertrauens zu verlangen. In dieser Ambiüon liegt sicherlich ein gesunder Kern, eine gesunde Abneigung gegen alle ewigen und unfehlbaren Methoden. Mein sehr oft ist man sich über die wahre Bedeutung der Realpolitik nicht im Klaren. Manche sehen überhaupt völlige Grundsatzlosigkeit in ihr. Kein bestimmter Inhalt und keine festgelegte Methode! Andere wollen wohl den sicheren, den idealen Inhalt nicht opfern, geben aber die Methode ganz dem Ungefähr des Tages preis. Heute macht man's so, morgen so, wie's gerade kommt. Die Ersten haben wenigstens die Konsequenz für sich, keineswegs aber Recht. Jede Politik, die nicht von irgend einer Anschauung getragen schmerzen leidet, bis er infolge überanstrengender Arbeit erblindet und arbellsunfähig von seinen Gläubigern zugrunde gerichtet wird. Mt der tiefften und innigsten Wärme wird das Leben dieses armen Mannes, des Besitzers einiger Kinder und einer vom Schicksal gequälten Frau geschildert, die ihrem Manne mit fortwährenden Vorwürfen und Flüchen das Leben gar zu sauer macht, bis das Unglück und der seine Kräfte zersetzende Kampf ihm den Gnadenstoß geben. Nach diesem prätensionslosem Bilde folgt eine längere Novelle, „Die Parias", die sich vom „Ghetto" dadurch unterscheidet, daß die Gestalten Psychologischer behandelt sind, daß die Charaktere vertieft und die politischen Strömungen, die die jüdische Proletariermaffe revoltieren, berücksichtigt werden. Es sind der Sozialismus und der Zionismus. Auch diesmal sind die Hauptgestalten Arbeiter, aber keine Handwerker, sondern Fabriksarbeiter, die in den geräuschvollen Eisenhütten und gestankvollen Zigarrenfabriken dem Moloch Kapitalismus ihre Gesundheit opfern. Die Maschine schleift die Haut von den Händen, es stockt der Atem — umsonst. Fort! Fort! — heißt es und dagegen gibts keinen Widerstand. Prostitution und tiefes Elend, Krankheit und Tod begleiten das Leben der Parias, die idealistische Anstrengungen einzelner Jndivduen nicht zu retten vermögen. Was weiter? — Dies ist die Lebensftage, welche der peffimistische Nachmann stellt und die ein schwer zu lösendes Problem bleibt. Neue Zeitung wird, ist nichtsnutzig. Eine einzelne politische Handlung kann ja unter Umständen auch dann gelingen, wenn sie ohne alle Ueberzeugung vollzogen wird. Eine" Reihe solcher Handlungen, die Lebenspolitik eines Mannes, i die Politik einer Gruppe aber muß bankerott werden, wenn keine Idee dahinter steckt. Aus dem 'einfachen Grunde, weil alle geschichtliche Entwicklung Ideen in sich aufbaut und Politik machen, diese Ideen suchen heißt, Ideen aber nur mit Ideen gesucht werden können. Doch auch bezüglich der Methode darf man nicht von vornherein auf prinzipielle Stellungnahme verzichten und die Hinweise auf große Staatsmänner, die es getan haben sollen, beruhen stets 'auf mangelhafter Beobachtung. Wahr ist, daß in methodischen Dingen Wechsel und . Erneuerungen verhältnismäßig häufiger eintreten, im Ganzen aber wird auch hier ein Programm nicht zu entbehren sein. Denn innerhalb einer jeden Sache gibt es, wenn sie festgehalten wird, keine zu große Auswahl von passenden und.verwandten Wegen. Die Methoden sind von den Inhalten nicht unabhängig. " Möchten sich doch dies vor Augen halten, die den Juden .eine sozusagen wilde Realpolitik empfehlen, — eine Freiheit von selbst auferlegtett Schranken, die aber nur eine Freiheit von der Wohltat des leitenden Gedankens ist. Und gerade für die Juden paßt diese unpolitische Politik, die man als die Realpolitik an sich, als die feinste und auserlesenste aller Taktik ausgeben möchte, am allerwenigsten. Gerade weil sie die geborenen Programmatiker, gerade weil sie es bis zum Dogmatismus sind, besteht die Gefahr, daß sie sich in der rcalpolitschen Freiheit verlaufen und irgendwo festsetzen, wo sie sich am allerwenigsten festsetzen sollen. Nicht die Realpolitik im mißverstandenen Sinne, nicht ein äußerliches Hinüber in ein scheinbares anderes. Extrem kann die Juden vom Dogmatismus heilen. Das Herumpendeln ist nur eine seelische Flucht vor dieser Krankheit und dadurch ein Symptom ihres Bestehens. In Wirklichkeit kann die Gesundheit nur auf dem ordentlichen politischen Wege durch eine allmählige Uebung und Selbstzucht erlangt werden. Damit ist nichtygesagt, daß die Juden das Außergewöhnliche ihrer Situation verkennen, die Vorsichten, welche ihre absolute Minoritätsstellung erheischt, außer Acht lassen sollen. Gewiß dürfen sie nicht irgend eine Politik treiben oder treiben helfen, die darauf ausgeht, den sozialen oder nationalen Gegner vom Erdboden wegzurasieren. Gewiß dürfen sie sich nicht irgend einem Verbündeten mit Haut und Haaren verschreiben, um sich von ihm bloß ausnützen oder gar verspeisen zu lassen. Doch noch weniger dürfen sie sich der Einbildung hingeben, eine gegnerlose Politik machen zu können und der Einsicht verschließen, daß sie politische Freunde brauchen. Auch hat gerade derjenige, der von allen Seiten so ziemlich gleichmäßig nicht gelitten wird, am meisten Grund, sich nach dem normalen Verhältnisse, nach einem be- Dieselbe Frage spuckt auch im Ghettodrama Tschirikows „Die Juden"x), das infolgedessen ohne eigentliche Lösung des dramatischen Knotens bleibt. Auch hier werden wir in ein russisches Städtchen versetzt, wo sich in dem Hause eines armen Handwerkers ähnliche Szenen wie in den „Parias" abspielen. Wenig Handlung, mehr Schilderung, Dispute und eine schwüle, eigenartige Sümmung hervorrufende Gespräche bilden den eigentlichen Inhalt des Dramas. Die unglückliche Lage der Juden wird in den krassesten Farben gemalt. Zionismus und Sozialismus, verkörpert in den handelnden Personen, erscheinen als Ideale, die sich das Recht anmaßen, die Judenfrage lösen zu können, — da kamen dumpfe Hch-Heprufe aus Kischinew, ein Blutbad wird veranstaltet, es hilft weder Sozialismus noch Zionismus, und — finita la tragedia. Der Dichter läßt die Frage ungelöst, sie bleibt ein Dilemma — denn der Verfasser will objektiv sein und außer dem Drama als analysierender Beobachter stehen. Wir hätten gedacht, daß Tschirikow für seine „Juden" die dramatische Form der novellistischen eben deshalb und nur zu dem Zwecke vorgezogen hat, um die Tragik des jüdischen Ghetto, die psychsischen Evolutionen und Revolutionen: seiner Bewohner mit desto größerer Prägnanz und dramatischer Schärfe schildern zu können. Aber das geschah nicht. Die . -) Verlag Dr. Marchlowski, München 1904. . ■■ sonderen Gegner und einem'besonderen Freunde zu sehnen: Das allein-ist schon ein gewaltiger Förkschritt für ihn. Dies'sollten vor .allem jene Juden beherzigen^, die durch ihre Zahl, und die Eigenart ihrer Entwicklung in erster Linie befähigt und berufen sind, eine jüdische Politik' zu machen, die Juden -des Ostens, in -Oesterreich also Galizien^', und zöler Bukowina:' ‘; ** '• Die Verhältnisse liegen übrigens in den beiden Ländern nicht gleich. Die geschichtlichen Voraussetzungen sind verschieden. In der Bukowina hat niemals eine Schlachta gewütet. Die Rumänen sind keine Polen. Ihr politisches Uebergewicht über die Ruthenen ist dahin.. An Zahl sind ja beide Völker kaum wesentlich verschieden. Dann gibt es Deutsche im Lande, nicht viel zwar, aber durch die kulturelle und geschichtliche Entwicklung den anderen an Macht kaum nachstehend. Endlich die Juden, viel stärker an Zahl, als die Deutschen, durch die-günstige Dreiteilung der anderen Bevölkerung und durch die eigene Betriebsamkeit zum vierten fast gleichgestellten Machtfaktor im Alande entwickelt. Es handelt sich, also um einen Fleck Erde, wo sich die nationalen Gegensätze so ziemlich , die Wage halten, wo der nationale Kampf milder, man möchte fast sägen, gemütlicher geführt wird als anderswo. In diesem Ausnahmsländchen hat kein'Volk so recht einen bestimmten Gegner, und weil sie sich» im Süllen alle sind, ist die Gegnerschaft abgestumpft. Da soll man natürlich auch vom Juden keine besonders betonte Gegnerschaft gegen eines der anderen Volkselemente verlangen. Warum denn auch? Keines hat ihm mehr zu Leid getan als die übrigen, alle waren so ziemlich umgänglich. Allein, wenn auch die Bukowiner darauf halten, daß ihr stillen Gegensätze nie in grobe Fehden ausarten, wenn sie auch untereinander eine Art guter Kameradschaft zu halten wissen; um eine freundschaftliche Anlehnung speziell an einen der Kameraden sind sie doch immer besorgt. Die Rumänen suchen sich besonders mit den Deutschen zu verhalten, diese mit den Rumänen, die Ruthenen mit den Inden. Und die Juden? Die Juden sollen im Einverständnis mit den Ruthenen sein. Gewiß,' es gibt dank den Bemühungen des Abgeordneten Dr. Straucher so was wie Anfänge eines solchen Einverständnisses; aber "eben nur Anfänge, gegen die sich immer wieder aus jüdischen Kreisen Stimmen erheben. Wozu? Man dürfe es mit niemandem verderben. Man dürfe die günsüge Posiüon des von allen Seiten Umworbenen nicht aufgeben. Und warum gerade-mit den Ruthenen anknüpfen, die die Juden nicht mehr — manche sagen sogar weniger — leiden als die Anderen? Warum nicht mit den Rumänen, die das fortgeschrittenere Kulturvolk sind? Warum nicht mit den Deutschen, mit welchen wir kulturell inniger Zusammenhängen? Handlung ist schwach, rückt wenig vor, die Vorgänge im .Leben der Hauptpersonen sind wenig tragisch, alltäglich und rufen keine oder wenigstens eine sehr schwache psychologische Reaktion hervor. Tendenzdramen — und als solches müssen „die Juden", ihrem Inhalte mach im vollsten Sinne ihres Wortes "gelten, —.. besitzen gewöhnlich viele Fehler, formeller and dramatischer Art und diese Regel eignet sich anch im Großen und Ganzen für Tschirokows Schöpfung. Ihre Haupteigenschaft ist einerseits eine, feine Charakterauffassung der N e b e n p e r.s o n eu des Milieus - der. Helden, andererseits, die dramatische Atmosphäre, die das ganze Stück vom Anfang bis zum Ende. durchttänkt und „Verzweiflung und.Not ohne Ende" heißt; — ander Universität und zuhause, in der Stadt und im Dorfe, beim reichsten und ärmsten Juden, überall stellt sie sich'ein, heftet sich an seine Fersen und verläßt ihn, so wie treuer Diener seinen Herrn bis zum letztem Atemzuge nicht. M. Bienenstock.