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Neue Zeitung · 1906-09-28 · Heft 4 (28.9.1906) · page 1

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Journal
Neue Zeitung
Volume
1906
Issue
Heft 4 (28.9.1906)
Date
1906-09-28
Page
– (sequence 1)
Language
German
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NEUE ZEITUNG Sedahtiai: and ÄdmMtration: , Wien, Xiii/J, Stccktisvengasse 17. Sprechstunden des Chefredakteurs und iu Administrationssachen: Montag und Freitag, 11—12 Uhr vormittags, ll/-,, Czermugasse 14. Telephon Nr. 21803. Postsparkassen-Konto Nr. 87.377. . Druckerei-Telephon Nr. 4897. Unabhängige Wische iUocMcM. Eigentum einer Sozietät. Erscheint jeden Freitag. Herausgeber und Chefredakteur: Dr. Oatdnn VirnbNUM. LbvMAentsprriler In Oesterreich-Ungarn: Ganzjähr. ll 6.—, haibjähr. K 3.—, vierteljähr. K 1.60, monatlich 60 h. Im Ausland: Ganzjähr. L 9.—, Halbjahr. L 4.00! Das Slüonnement kann mit jeder Stummer beginnen. Einzelnummer in Wien 16 d, außerhalb Wiens im Jnlande 20 d. Inaertionsprelse: Für Sic dreimal fltipoltciie 'J(oustitci(lcifi(c ober Occ Raum M I>, bei Wicdcrholiinjicil Nr. > IVien, Freitag den 28. September \Cj06. Jahrgang. Der Feiertage wegen erscheint Nr.; Mittwoch, den 3. Oktober. Inhalt: Wir haben gesündigt. — Juden und Rnthenen. — Der Äpcll an dir Welt. — Russische Ghettolileratur. — W o ch e n s ch n n. — Aus dein Parlamente. — Lernet deutsch und tschechisch! — Der Niedergang der Alldeutschen. . — Die ungarische Gefahr.— Ein Magqaren- Tric. — Zur Wahl Zloczow-Brody. — Schlachz i z e n in e t h o d e. — Boykott der Russen ln der Schweiz. - Die Einwanderung in Palästina. — Hebräisches Gymnastum. — A u s d e r j il* . bischen Oessen tlichkeit. - Aus d e r z i o n i st i s ch e n Be w e g u n g; Berel u i g u n g d e s - „B u n d e s" mi t der ruß ländischen Sozialdemokratie il.; A. — Literatur tut dKun st: ■ .. Bücherbcsprechnngen. — Selbstschutz. —. Bon . dreien, die am Jom Kippur aßen. Wie haken gesündigt. Ein Wort an die 160.000 Wiener Juden. -Neulich fand in der Wiener Leopoldstadt eine interessante Festlichkeit statt: Ein Bankett aus Anlaß der Konstituierung der christlich-sozialen Bezirksvertretung. Natürlich ging es dabei sehr hoch her. Man ließ mehrfach den Dr. Lueger leben, den einer der Getreuen „den Beschützer, Vergrößerer - und Verschönerer Wiens" nannte. Vor allem aber freute man sich der gelungenen Eroberung der Judeninsel. Ein Magistratsrat toastierte. aufdie „neu anbrechende christliche Herrschaft in der Leopoldstadt." Ein anderer Redner erklärte es als die heiligste Pflicht und Aufgabe der Bezirksvertretung des zweiten Bezirkes, "alle Körperschaften in - die Hand zu bekommen, welche autonom verwaltet werden, damit l endlich die berechtigten Wünsche der christlichen Bevölkerung des Bezirkes erfüllt werden könnten, Und schließlich versprach der - Bezirksvorsteherstellvertreter „die Interessen der christlichen Bevölkerung stets zu wahren". . . Das ist doch empörend, rufen wir unwillkürlich aus. Die tun ja, als ob wir gar nicht auf der Welt, als ob nicht speziell in der Leopoldstadt die gute Hälfte der Bevölkerung Juden wären. Empörend, empörend! . . \. Aber haben, wir nicht das Recht verloren, entrüstet zu sein? Haben wir die Macht dieser Leute nicht selber dadurch begründen geholfen, daß wir nichts dazu taten, um unsere Kräfte zu sammeln imd dann sprechen zu lassen? Haben wir den Lueger und sein unappetitliches Gefolge nicht geradezu gefördert, indem wir ihren bankerotten Gegner kommanditierten und so unsere Machtmittel verpulverten, statt sie vernünftig und" aus sichet^'^Zinseii alizülegen? Was wollen wir also? Es geschieht uns ja nur, was wir uns verdienten. Und besser, als Entrüstung steht uns Einkehr. Schlagen wir uns nach altem, in diesen Kalenderwochen so aktuellem Brauche in der Brust und bekennen wir: Wir haben gesündigt! Lasten wir die letzten zwei Jahrzehnte an uns vorüberziehen r Wie es stufenweise mit unserer Ehre, mit unserem Einfluß, mit der Wohlfahrt unserer kleinen Leute bergab ging. Und wie wir in einer unbegreiflichen Unfruchtbarkeit doch immer wieder nur die alte Weisheit ausbrüteten, uns hinter die nicht mehr existierenden Deutschfreisinnigen zu verstecken. Wie wir damit nur soviel erreichten, daß wir diesen tosen Schatten noch toter und uns selber unsterblich lächerlich machten! Noch bei der letzten Gemeiudewahl — eben jener, deren 'Ausfall den Anlaß zu der erwähnten Siegesfeierlichkeit der Antisemiten geboten hat — keine Spur von Einsicht! Ein zur Hälfte jüdischer Bezirk war in die Hände unserer Feinde gefallen. Oh, über diese Nachlässigkeit, über diese Pflichtvergessenheit der jüdischen Wähler schrieen die jüdischen Macher des liberalen Wahlkomitecs. Und ein Ehrentag der Wiener Juden war es ja sicherlich nicht. Aber warum sah inan auf den Gesichtern dieser entrüsteten Comiteeterer nicht eine Ahnung des wahren Sachverhaltes aufdämmern? Warum stellte sich keiner von ihnen die naheliegende Frage: Ja, haben wir denn dafiir gesorgt, daß sich in der jüdischen Bevölkerung ein jüdisches Ehrgefühl, ein jüdisches Kampfftreben, eine jüdische Ambition herausbilde? Haben wir nicht jahrzehntelang das Gegenteil von alledem in den Wiener Juden gezüchtet? Und jetzt gehen wir hin und klagen avA^ Oh«, wie Unrecht haben wir! Wie schwer haben , wir gesündigt!. . . Niemand sprach so, niemand dachte so — am Tage des Falles der Leopoldstadt niemand! Es ist ein Fall zum verzweifeln! Und doch soll und darf nicht - verzweifelt werden. Diese Gemeinde von 160.000 Juden darf nicht verloren gegeben, sie darf nicht ohne Hilfsversuche der ödesten Untätigkeit, dem schleichenden Verfall, der ewigen Schmach überantwortet werden. 160.000! Berechnen wir doch, was das heißt. Die Bevölkerung einer Großstadt, eines kleinen Landes! 160.000, rationell organisiert, die Kräfte jedes Einzelnen an der richtigen Stelle, in der richtigen Gruppe angewendet, alle in dem einen Ziele einig: sich jene Stellung in der Stadt zu erobern und' zu befestigen, die ihnen . gebührt. Huffische Ghettoliteratur. Die Judenfrage, die heute immer aktueller wird, rief bereits in . allen Literaturen Europas einen eigenartigen Widerhall : hervor, den wir mit Recht „Ghettoliteratur"' benennen, weil sie sich mit dem geistigen und ökonomischen Judenghetto befaßt 'und die. Tiefen der'Judennot zu ergründen trachtet: -..: Nach . Herzl's „N e u e m Ghettv", nach Grünaus „Exil", nach Heyermanns „Ghetto" kamen die russischen Ghettobilder; von Juschkiewitsch, Pruschanski und Tschirikow. Und:- was' für himmelhoher Unterschied läßt, sich, beobachten. Während die deutschen und holländischen Dichter die ' eigentliche Judenlage ' so mehr vom Hörensagen kennen, prallen wir bei. den ' russichen Schriftstellernvor einer außerordentlichen Kenntnis, der Judennot, einer bis in.die. kleinsten Einzelheiten feinen Psychologie und einer durchaus richtigen, und gerechten Auffassung. der politischen Strömungen, welche in den Reihen des jüdischen Proletariats — oder besser gesagt — des proletarischen Judentums Wurzel gefaßt haben, zurück. Die Ursache dieser interessanten literarischen Erscheinung ist leicht begreiflich. Die russischen Schriftsteller leben eben selbst im Zentrum des Zarenreiches, in dem sie Augenallen Gebieten beobachten, was eben naturgetreue, fein nuancierte-Schilderungen der Judennot verursacht, die die Werke der genannten Schriftsteller auch kennzeichnen. Einer der ältesten Ghettoschilderer ist der Sohn eines Schmiedes aus Pruschany, N. Pruschanski, . der noch im Jahre 1868 seine schriftstellerische Laufbahn betreten hat und sich seitdem ausschließlich mit dem Judenleben im russischen Reiche' befaßt. In einer Reihe von Romanen schildert er die Zustände und Mißverhältnisse unter den russischen Juden, den „Ausgestoßenen", „Helden des Lebens" die von allen Ständen der russischen Gesellschaft aufs härteste bedrückt werden und allerlei Verfolgungen politischer,- wirtschaftlicher und kultureller Art ausgesetzt sind. Ihr „Leben außerhalb des Gesetzes" enthält soviel erschütternde Tragik, daß es in jedem Menschen Sympathie und Mitleid weckt, der. nur einen Funken Menschenstolz und Menschenwürde besitzt. Solche Vorfälle, wie die Judenexzeste in Kischinew und Hornel, solche Zustände, wie man sie-in den Judenhäusern und Ansiedlungsrayons die; Lumpereien. sowohl der höheren antrifst, Stände wie-der nistischen Masse, die sie 'sich „ ... ,-den Juden gegenüber zu Schulden kommen lasten, zeugen der grauenhaften Vorgänge ä la Kischinew wie endlich die bestialische Indifferenz und Gleichsind. Sie bewohnen oft selbst den Ansiedlungs- “ ‘ ~ ' *' rayon der Juden und können ihre erbarmungslose Zusammenpferchung und die damit Verbungültigkeit der russischen Regierung — sind sehr geeignet einen Protest aller ausländischen Regie- . .„ . „ ....... .... - rungen hervorzurufen und sollten einem jeden dene fortschreitende Verelendung derselben aus! rechtsgläubigen und ehrlich denkenden Menschen zum tatkräftigen Einschreiten auffordern. Diese Mißwirtschaft der russischen Regierung unter Nikolaus I. bildet auch den Inhalt des letzten Romans von Pruschanski, der in „E i ne m 93 la tt aus d er Chronik unserer Stad t"h neuerdings die Gelegenheit erfaßt, das Augenmerk der Leser auf das jüdische Drama in Rußland zu lenken. Und obwohl den Gestalten dieses Romans eine tiefere Psychologie abgeht, die wir bei den anderen Schriftstellern aufzuweisen haben, obwohl die Handlung nicht rasch fortschreitet, sondern sich mehr im Rahmen einer Schilderung bewegt, ist er, seiner Personencharakteristik wie auch seiner gelungenen Schilderung der russischen Gesellschaft wegen, der Ghettoliteratur Rußlands würdig einzureihen. Für eine Seite des jüdischen Lebens hat Pruschanski kein Verständnis, nämlich für die politische Entwickelung des russischen Judentums, die eben als eine direkte oder indirekte Folge der politischen Wirtschaftslage anzusehen stt. Dieses Verständnis finden wir aber bei Juschkiewitsch und Tschirikow und in dieser Beziehung überragen sie als Ghettoschilderer den Besprochenen. „G h e t t o" 2) nennt Juschkiewitsch eine sowohl kleine und niedliche, wie erschütternde Erzählung aus dem Leben eines jüdischen Schneiders, der im Kampfe umS Dasein Heldentaten leistet und auch H e l d e n - 0 Verlag S. Arnbach, Berlin 1903. -) Wiener Verlag 1903.

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