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Nationalzeitung · 1907-01-15 · Heft 5 (15.1.1907) · page 1

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Journal
Nationalzeitung
Volume
1907
Issue
Heft 5 (15.1.1907)
Date
1907-01-15
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Mtmcheitng Organ für die gesamten Interessen des jüdischen Volkes. 1 «rdalrtton: ix/i, Wasssass- 81. - Telephon 91 v. 147»». Gstrechstunden t An Wochentagen von 10 bis IS Uhr Hm. Postadresse: „Rattonalzeit,,»«". Wien IX/1, Beschwerde» wegen verspäteter oder gar nicht erfolgter Zu« stellung erbitten wtr uns dringend. — Manuskripte werde,, nicht znriichgeftrllt. Postsparkasienlonto 47037. Da» Abonnement kann täglich beginnen. B Grschsirrl jeden Dienstag nnd Freitag. Clgtalnn (iiirSejiiläl. - KmnWkr rniü »rausz. Inserat« übernehmen die Mrmeii: I. Donneberg, M. Dukes Nachfolger, Haasenstein & Vogler. Rudolf Mosse, M. Pvzsonyi, A. Schale! in Men, ferner alle Aniioncenexpetillvürii in. Auslände. Einzelnummer in Wien 15 Heller. 1 Administration: I Telephon 9 Abonnent«,it-prct-r ffflt Wien u. Oesterreich- Halbjährlich . „ «- Blerieljährlich . . .” ».- Für d. gesamte Ausland« ^Banzjährlich . . . K 15.1» 1/1, Wafagaste 81. < h. 147»». Preis der Anzot««», Die &mal gefpalt. Nonpareille« »eile oder derer Rar« IS k. „««»gesendetdie 3sVoltige Nvnparetllezeile 50 h. «ei mehrmaligen Aufträgen entsprechender Rabatt. Berschleißstellen unseres Blattes, in welchen auch Abonnements entgegengenommen werden: Hermann Goldschmidt, Wien, I., Wollzeile 11; Robert Weiß, Wien, I., Jakoberg. 7. Uv. 5. Mierr> Dienstag den 15. Jänner 1907 (29. Tedelh 5667). IX. Jahrgang. Lme Erwiderung an Carmen Sylna. i Die jüdischen Blätter veröffentlichten einen Axtikel Carmen Sylvas über die Inden, dey die vielschreibende, gekrönte Dichterin in der .„Mode von heute" veröffentlicht hat. Daß eine so unaufrichtige Emanation eines von Gewissensbissen gefolterten und immer den Weg d§r Wahrheit verfehlenden Dichterherzens auf dem Königsthron, flicht unerwidert bleiben durfte, war ja von vornherein klar. Die erste und auch treffendste Entgegnung gibt G. E n g e l s m a n n, der bekannte Wiener Kritiker, in der „Sonn- und Montagszeitung" vom 14. d. M. und können wir diese vorzügliche Entgegnung unseren Lesern nicht vorenthalten. Die Königin von Rumänien und die Inden. Die Königin von Rumänien, die sich als Dichterin und Denkerin das Recht erworben hätte, gehört zu werden, auch wenn nicht eine Krone ihr Haupt schmücken würde, hat soeben ein merklvürdiges Kapitel ihrer Memoiren veröffentlicht. Sie behandelt darin nicht nur ihr persönliches Verhältnis zu religiösen Fragen im allgemeinen und speziell zum Judentum, sondern auch die Lage der Juden in Rumänien. Die Königin hat sich in diesen Aufzeichnungen zwei Aufgaben gestellt: sie bietet eine Apotheose des Judentums und versucht eine — Verteidigung, oder zumindest eine Vertuschung der rumänischen Greuel. Zuerst kommt die dlpotheose! Niemals hatte vielleicht auch ein von den Vorzügen seiner Glaubensgenossen schwärmerisch entzückter Jude hellere, leuchtendere Farben ans seiner Palette, unl das Judentum zu verherrlichen, es auf einer Höhe der bewunderungswürdigen Vollendung zu zeigen. Die Königin geht in ihren Erinnerungen von Jakob B e r n a y s, dem berühmten Sprachforscher, aus, der durch den Zauber seiner Persönlichkeit, die Größe seiner Anschauungen, die Tiefe seiner Gelehrsamkeit in dem Elternhause der Königin eine ganz außerordentliche Verehrung genoß. Aber die Königin schätzt das Judentum nicht wegen des einen Bernays, sondern sie versucht die Erscheinung des Judentums kritisch zu würdigen: „Die Juden sind das einzige Volk, das keinen Verfall erlebte... Uiib das alles verdanken sie einem einzigen Manne, dem größten Herrscher, den die Welt gesehen, dem Könige der Könige, dem weisesten Arzte, dem größten Psychologen und Physiologen, den es je gegeben: Moses. W e r k ö n n t e a u f d e m T h r o n e l e b e n, o h u e v o r Moses in Anbetung n i e o e r z uk n i e n." Mit Worten des höchsten Enthusiasmus feiert dann die Königin die Bibel und knüpft daran die Frage: „Wir sind ja aus dem Judentum hervorgegangen, warum wenden wir uns ab und verleugnen unsere Herkunft?" Die Königin findet nur Rühmliches an beit Juden: „Sie wären nie in die Verrücktheit der Kreuzziige verfallen... Sie haben keine Dogmen gemacht, die von den anderen bestritten werden. .." Und einmal ruft die Königin gar aus, die Welt wäre von allen verheerenden Seuchen bewahrt geblieben, „wenn die Welt die mosaischen Gesetze angenommen hätte". Die Lehren Moses als die Erlösung von allen Nebeln! Das ist eine Huldigung, die jeden echten Antisemiten mit Raserei erfüllen muß. Wie erklärt aber*die Königin, die durch diese Bekenntnisse wohl mehr als Vorurteilslosigkeit in religiösen Dingen bekundet hat, die Seuche des Antisemitismus, die sie nur zu leicht und zu bequem in ihren: eigenen Lande zu studieren Gelegenheit hatte? Hier beginnt das Amt der Königin als Verteidigerin ihrer treuen Rumänen. Sie läßt die Judenverfolgung überhaupt nur als Rassenfrage gelten und vergißt dabei, daß in früheren Zeiten, ausschließlich im Namen der Religion, die furchtbarsten Metzeleien nicht nur an Juden, sondern auch an Protestanten rerübt wurden. Was aber ihr Land betrifft, so meint die Königin: „In Rumänien ist es noch einfacher. Das Land ist schwach bevölkert, die Handwerke sind absolut in den Händen der Fremden und da kamen die Hungerjahre, deren Folgen sich erst jetzt fühlbar machen. Es wird nicht mehr gekauft, noch gebaut, noch bestellt und sind nicht nur Juden, sondern auch Protestanten und Katholiken scharenweise ausgewandert, einfach weil sie keinen Lebensunterhalt mehr fanden. Siehaben keinerlei Verfolgung erfahren, denn das Land leidet unter ihrem Abgang." Niemals hat Carmen Sylva ein Märchen gedichtet, welches der Wirklichkeit so entrückt war, wie diese Darstellung. Weiß die Königin von Rumänien wirklich nichts davon, daß die Behandlung der Jilden in Rumänien heute wie vor Jahrzehnten nichts als eine schamlose Verhöhnung von Recht und Menschlichkeit bedeutet? Hat die Königin wirklich nichts davon gehört, daß das furchtbare Schauspiel, tvelches der Auszug von Scharen rechtloser, mißhandelter, hungernder Inden aus Rumänien in jüngster Zeit bot und noch bietet, nur die Folge der dort herrschenden barbarischen „Rechtszustünde" und die Reprise einer gräßlichen Tragödie ist, . welche das zivilisierte Europa schon wiederholt mit Entsetzen und Empörung erfüllte? Ist es der Königin völlig verborgen geblieben, daß der Berliner Kongreß bereits diesen Schändlichkeiten dadurch ein Ende machen wollte, daß er deren Beseitigung als eine Bedingung für die Erklärung der Unabhängigkeit Rumäniens aussprach? Diese historische Tatsache kann doch nicht dadurch verdunkelt worden sein, daß die Machthaber in Rmnäliien sich später der Erfüllung dieser Bedingung in der perfidesten Weise entzogen haben . . . Ahnt die Königin von Rumänien wirtlich nicht, daß nur die von der rumänischen Regierung geübte dreiste Verleugnung der übernommenen Verpflichtungen es ihr ermöglichte, bezüglich der Jude» in Rumänien das grausame Wort von den „Fremden" niederzuschreiben? Hat Ihre Majestät niemals den Verzweiflungsschrei von Hunderttausenden dieser „Fremden" gehört, die trotz alledem und alledem mit Liebe an der auch mit dem Blute ihrer tapferen Glaubensgenossen gedüngten Erde hängen, welche die Gräber ihrer Eltern birgt und auf welcher die Wiegeihrer K i n d e r st a n d. Die Königin von Rumänien ist eine Dichterin, die für jede Seelenregung Verständnis Hat, aber auch wenn sie es nicht wäre, müßte sie es begreifen, wenrl aus den Scharen dieser „Fremden" einmal der von Schmerz und Demütigung erpreßte Ruf an ihr Ohr dränge: „M a j e st st 1, wir sind weniger -Fremde« in diesem Lande als Sie und alle Angehörigen Ihres erhabenen aus Deutschland importierten Hause s." Die Königin von Rumänien gestaltet sich eine — sagen wir, um die einer so hohen Dame gegenüber doppelt gebotene Galanterie nicht zu verletzen — allzu kühne poetische Lizenz, rvenn sie den Versuch macht, die sporadisch vorgekommene Auswanderung von Protestanten und Katholiken mit der durch „gesetzliche" Peinigungen und Hunger erpreßten Expatriierung tausender und abertausender Juden gleichzustellen. Aber ganz und gar nichts mit Poesie hat es zu schaffen, wenn die Königin ihrem Staunen darüber Ausdruck verleiht, daß die Welt gleichgiltig zusah, als die rumänischen Bauern hungerten, aber in Bewegung gerät, „da es nun die Gewerbetreibenden betrifft". „Gewerbetreibeilde", das ist im Munde der Königin der euphemistische Ausdruck für die „Fremden", das heißt für die Juden. Man raubte den Inden nicht nur das Brot, verruchte Politiker dieses „Kulturstaates" wollten sie auch dem geistigen Hungertode preisgeben. Man erschwerte ihnen den Besuch der öffentlichen Schulen, hinderte sie aber auch in der Errichtung von Schulen auf eigene Kosten. Die.^königin weiß, daß die Bauern hungeren, sie ignoriert aber, daß die armen Juden nebst dem ilvch Verfolgungen erlitten, die an Bestialität nichts dadurch verloren, daß sie sich in Rumänien sogar mit dem Schein der Gesetzlichkeit drapieren durften. * * * Klingt dieser Vorwurf zu stark? Ist er vielleicht nur aus den Berichten der „liberalen" Blätter geholt? Wir wollen noch einen anderen Gewährsmann zitieren: „Ich sage, die Nation wird in Gefahr sein, wenn Sie nicht so arbeiten wollen wie die Juden. Hierin liegt die Lösung der Judenfrage ... Die Erfahrung des Vergangenen belehrt sie in nichts. Sie haben die Juden in der IMF Die nächste Nummer erscheint Freitag, den (8. Jänner.

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